64 – Die erfrorene Seele

 

Wie Roy angekündigt hatte, kehrten sie als Sieger nach Rockwood Castle zurück, und doch erstarb den erwartungsvoll bereitstehenden Elfen der Jubel auf den Lippen, denn was da gegen halb zwei im Burghof apparierte, hatte alle Ähnlichkeit mit einer geschlagenen Armee.

Selbst die Black Snakes, denen es vor allem auf die Befreiung ihrer Kameraden ankam, wurden ihres Erfolges nicht froh, als sie die Befreiten erstmals nach der Hektik der Aktion näher in Augenschein nehmen konnten: Kaum älter als sie selbst – und doch Greise, die, geistesabwesend an ihrer Schokolade lutschend, über den Burghof tappten, ohne allzu viel zu begreifen. Sie würden in Freiheit sterben, aber dieser Tod, das sah man, war nicht mehr fern.

Obwohl die Potters und Weasleys einander endlich in den Arm nehmen und Harry seinen Söhnen und Nichten zuflüstern konnte, wie stolz er auf sie war, waren auch sie bedrückt: Von allen Befreiern hatte ausgerechnet Roy, ohne den Harrys Befreiung nicht möglich gewesen wäre, mit dem Tod Arabellas den höchsten Preis bezahlt. Für Harry und Albus war es Zeit, zu ihm zu gehen.

Roy stand reglos auf dem Hof, umgeben von den Unbestechlichen – auch Scorpius und Bernie waren hinzugetreten –, und stierte mit leerem Blick zu Boden.

„Roy?“, fragte Harry zaghaft.

Roy blickte auf, schien aber durch ihn hindurchzusehen.

„Danke für Alles!“, sagte Harry leise und nahm ihn die Arme. „Roy, es tut mir so leid…“

„Es ist nicht deine Schuld, Harry“, erwiderte Roy, ohne allerdings Harrys Umarmung zu erwidern. Er klang merkwürdig sachlich, als er fortfuhr: „Erstens war es unsere Entscheidung, dich zu befreien, du selbst hättest es uns am liebsten verboten. Zweitens hast nicht du die Situation herbeigeführt, die deine Befreiung erforderlich machte. Dich trifft keine Schuld. Schuld ist jemand ganz anderes.“

Nun kam Draco hinzu, sprach Roy sein Beileid aus und bat dann als Hausherr:

„Wollen wir nicht hineingehen? Im Rittersaal ist angerichtet.“

Die Hauselfen hatten ein Festmahl gedeckt und umsichtigerweise auch eine ganze Reihe von Schokoladengerichten, die sonst zum Dessert gehörten, als Hauptgang für die Befreiten angeboten, damit sie sich schneller von den Dementoren erholen konnten. Es war sehr still im Saal.

Harry“, unterbrach Roy, der nichts aß, das Schweigen. „Woran ist die Entführung der Ministerin gescheitert?“

Die Anderen sahen ihn überrascht an. Konnte ihm das jetzt wirklich wichtig sein?

Vielleicht, dachte Harry, möchte er sich ja einfach ablenken. Er räusperte sich und erzählte, was am 10. Januar geschehen war. Roy unterbrach ihn mit einigen Zwischenfragen, die sich vor allem auf Andersons neu eingeführte Sicherheitsmaßnahmen, die Schutzweste für Hermine und die verschärften Disappariersperren, bezogen. Ton und Formulierungen seiner Fragen waren von einer nachgerade unheimlichen Nüchternheit.

Als Harry seinen Bericht beendet hatte und alle Anwesenden schon glaubten, nun könnte vielleicht eine gedämpfte, aber doch relativ lockere Unterhaltung in Gang kommen, schob Roy die nächste Frage nach:

„Du hast heute versucht, die Ministerin als Geisel zu nehmen?“

„Ja, sie hatte mich in der Zelle aufgesucht.“

„Was wollte sie von dir?“

„Ich wollte eigentlich erst morgen darüber sprechen, weil ich dachte, wir gehen bald schlafen, aber gut, wenn du es durchaus jetzt schon wissen willst: Sie – oder vielmehr der Schwarze Magier, der sie kontrolliert – hat sich mir zu erkennen gegeben.“

„Was?“, rief Rose stellvertretend für alle Anderen, die sofort hellwach waren. „Wer ist es?“

Harry seufzte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass auch Rose zuhörte.

„Es… es ist Voldemort.“

Die Bestürzung, die seine Worte allseits, nicht zuletzt auch bei den alten Todessern hervorriefen, hätte größer nicht sein können, nur Roy verzog keine Miene. Harry berichtete nun ausführlich von seinem Gespräch und zog dann seine Schlussfolgerungen:

„Da wir jetzt wissen, dass Voldemorts Horkrux in Gestalt eines Goldnuggets in ihre Schädeldecke implantiert wurde, wissen wir auch, wie wir sie davon befreien können: Wir entfernen den Nugget und zerstören ihn mit dem Basiliskenzahn. Wir werden uns aber beeilen müssen“, schloss er. „Sie hat mir gerade noch helfen können, aber ihre Seele ist schon sehr schwach…“

„Die Ministerin wird bald sterben“, stellte Roy trocken fest.

„Ja, aber noch können wir sie retten, wir…“

Harry“, unterbrach ihn Roy. „Ich glaube, du hast mich nicht verstanden. Sie wird bald sterben, weil ich sie töten werde.“

Er sagte es so sachlich und selbstverständlich, dass seine Zuhörer einen Moment brauchten, um zu begreifen, dass Roy soeben einen Mord angekündigt hatte. Die Weasleys und die Potters starrten ihn fassungslos an. In Roses Augen schossen Tränen, aber sie brachte kein Wort heraus. Feinfühliger als Harry spürte sie, dass an Roy jedes Wort abprallen würde.

„Roy“, beschwor ihn Harry. „Ich weiß, dass du aufgewühlt bist…“

„Wasser kann aufgewühlt sein, Harry, ein Eisberg nicht. Nüchtern betrachtet, haben Ares und Walden von Anfang an recht gehabt: Wir hätten uns auf diese ganzen komplizierten Rettungspläne nicht einlassen dürfen. Hast du nicht selber einmal gesagt, dass Alles, was schiefgehen kann, auch tatsächlich schiefgeht, und dass Pläne deshalb so unkompliziert wie möglich sein müssen? Sie zu töten, wäre unkompliziert gewesen und hätte Voldemort mit Sicherheit ausgeschaltet.“

„Aber Hermine auch!“, rief Albus verzweifelt dazwischen.

„Aber Arabella nicht.“

Albus erschauerte, als sein Freund ihm nun gerade in die Augen sah. Sein Blick hatte nichts mit dem kalten Hass zu tun, den er an Hermine erlebt hatte, aber er war seltsam erloschen. Roys Verstand arbeitete präzise wie immer, aber seine Seele war erfroren.

„Aber du hast es doch gehört, es war Voldemort, Hermine ist unschuldig!“ Albus kämpfte darum, Roys Herz zu erreichen, aber die Antwort kam prompt und unerbittlich:

„Nein, Albus. Arabella war unschuldig, Hermine ist es nicht.“

„Aber sie stand doch unter einem Fluch!“, warf Harry nun ein.

„Unter dem einzigen Fluch“, entgegnete Roy kalt, „dessen Opfer nicht unschuldig sind, Rodolphus hat es ausgesprochen, und Voldemort hat es dir bestätigt, Harry.“

Rodolphus nickte traurig.

„Apropos Rodolphus“, fuhr Roy unbeirrt fort. „Wo war euer Verständnis, wo eure Gerechtigkeit, wo euer Mitgefühl für Fluch-Opfer, als ihr die Todesser verfolgt habt? Die meisten von ihnen standen unter demselben Fluch wie deine Hermine. Nun sieh dir an, was ihr mit ihnen gemacht habt!“

Er deutete mit dem Kopf in Richtung der befreiten ehemaligen Todesser, die unbeteiligt und mit leerem Blick ihre Suppe schlürften, denn Zähne hatten die meisten nicht mehr.

„Die Todesser haben gemordet!“, wandte Harry ein.

„Ach, und Hermine nicht?“ Roy schnaubte verächtlich. „Arabella war die erste Leiche auf ihrem Weg, aber ich schwöre, dass sie AUCH IHRE LETZTE SEIN WIRD!“

Alle zuckten zusammen, als er unversehens so laut brüllte, dass die ringsum aufgestellten Rüstungen vibrierten und ein seltsames Singen zurückwarfen.

„Aber wir haben die Todesser nicht umgebracht“, insistierte Harry nach einem Moment des Schweigens.

„Brauchtet ihr ja auch nicht“, konterte Roy wieder in seinem kalten, nüchternen Ton. „Ihr hattet Askaban. Ich habe kein Askaban.“

„Aber Roy!“ Harry ließ nicht locker. „Hermines Notverordnungen mitsamt der Todesstrafe gelten weiter, das heißt, sie werden dich töten!“

„Na und?“

Harry stockte einen Moment lang der Atem, dennoch bohrte er weiter:

„Wem nützt es denn, wenn Hermine stirbt und du auch? Arabella wird dadurch doch nicht wieder lebendig! Willst du denn nur für deine Rache leben?“

„Ich will überhaupt nicht leben, Harry“, erwiderte Roy eisig. „Ich will zu Arabella. Aber wenn ich schon lebe, dann für meine Rache!“

„Roy, du bist gerade einmal sechzehn Jahre alt, du hast dein ganzes Leben noch vor dir! Vertrau bitte mir als dem Älteren, der auch eine schwere Jugend hatte. Glaub mir, ich weiß, wie du dich jetzt fühlst, und ich verstehe deine Verzweiflung wahrscheinlich besser als irgendjemand sonst in diesem Raum, aber ich sage dir, du wirst diesen Schicksalsschlag überleben und darüber hinwegkommen!“

Roy sah ihn kalt an und fragte dann: „Wenn Ginny in der Schlacht um Hogwarts gefallen wäre – und das wäre immer noch ein besserer Tod gewesen als… Wärst du darüber hinweggekommen? Hättest du es überleben wollen?“

Harry schluckte. Er zögerte, bevor er antwortete:

Sie hätte gewollt, dass ich es überlebe.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage, Harry“, stellte Roy trocken fest. „Und genau damit ist es indirekt doch eine, und zwar die einzig mögliche.“

„Roy“, bat Albus nun mit zitternder Stimme, „bitte, bitte schone Hermines Leben, um meinetwillen und um unserer Freundschaft willen!“

Roy sah ihn lange schweigend an, und zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr glaubte Albus, wieder eine Regung in seinem Blick zu erkennen. Eine tiefe Trauer.

„Wenn es irgendetwas gäbe, was mich von meinem Entschluss abbringen könnte“, sagte er schließlich langsam, als müsste er jedes einzelne Wort abwägen, „dann wäre es in der Tat genau diese Bitte aus deinem Mund.“

Er atmete tief durch, bevor er leise fortfuhr: „Und bevor unsere Wege sich trennen, möchte ich, dass du weißt, dass deine Freundschaft mir kostbar gewesen ist und gutgetan hat. – Aber das, worum du mich bittest, habe ich schon einmal getan. Arabella hat mir damals auf den Kopf zugesagt, dass ich Ares‘ Attentatsplan deinetwegen und um dieser Freundschaft willen abgelehnt habe. Weil ich ihn abgelehnt habe, ist Hermine noch am Leben, und Arabella ist tot. Hätte ich es nicht getan, wäre es umgekehrt. – Es tut mir leid, Al.“

Er klingelte nach dem Chefelfen.

„Blubber“, sagte er. „In meinem Zimmer hängt eine große lederne Umhängetasche. Bringen Sie mir die bitte?“

„Sehr wohl, Sir.“ Der Elf verneigte sich, und wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür des Rittersaals, und die Tasche kam herbeigeschwebt, während Roy seinen Feuerblitz magisch verkleinerte.

„Danke, Blubber. Da wir uns nicht mehr sehen werden, übermitteln Sie Ihren Leuten bitte meinen Dank für die großartige Arbeit, die sie geleistet haben.“

Der Elf verneigte sich wieder. „Vielen Dank, Sir.“

„Was soll das heißen“, fragte Albus angstvoll, „‚da wir uns nicht mehr sehen werden‘?“

„In dieser Tasche“, erwiderte Roy, „befindet sich alles, was ich brauche – ich hatte sie vorab gepackt, für den Fall, dass die Auroren uns überfallen.“

„Du kannst doch jetzt nicht einfach gehen!“

„Ich muss. Hermine wird kaum zu mir kommen.“

Er wandte sich zu Draco, um sich vom Hausherrn zu verabschieden, als Walden Macnair blitzschnell seinen Zauberstab zückte:

Expelliarmus!

Roy fuhr herum und sah Roses Zauberstab durch den Saal fliegen. Sie funkelte Roy an, während sie den Anderen zurief:

„Tut doch etwas! Ihr müsst ihn aufhalten!“

Nun zog auch Roy seinen Zauberstab. „Gutes Mädchen. Aber bevor mich noch einer aufhalten will, gehe ich lieber auf Nummer sicher.“

Von Roys stummem Aufrufezauber angezogen, flogen ihm Roses, Albus‘, James‘ und Victoires Zauberstäbe und Basiliskenzähne entgegen, die er mit einem Wink seines Stabes in der Luft schweben ließ. Er nahm sich einen der Giftzähne – seinen eigenen hatte er im Körper des Dementors stecken lassen –, und steckte ihn in die Scheide. Dann verabschiedete er sich von Draco als Gastgeber, schüttelte Walden und Rodolphus die Hand und winkte den Black Snakes kurz zu. Er umarmte Scorpius und Bernie, denen die Tränen in den Augen standen.

„Geh nicht!“, flüsterte Bernie.

„Ich muss!“, antwortete Roy.

Julian, Orpheus und Ares erhoben sich.

„Wir kommen mit dir!“, verkündete Ares.

„Was seid ihr denn für Freunde?“, rief Victoire aufgebracht dazwischen. „Wenn ihr seine Freunde wärt, würdet ihr ihn aufhalten, statt ihm bei diesem Wahnsinn noch zu helfen!“

Julian fixierte sie finsterer, als man ihm je zugetraut hätte:

„Als seine Freunde werden wir ihm nicht zumuten, in einer Welt zu leben, in der Hermine leben darf, aber Arabella nicht. Im Übrigen hat nicht nur er sie verloren, sondern wir alle. Seit wir in Hogwarts sind, sind wir mit ihr befreundet. Sie war eine von uns und sogar die Seele der Gruppe. Wir dulden nicht, dass ihr Tod ungesühnt bleibt!“

„Trotzdem werdet ihr mich nicht begleiten“, widersprach ihm Roy. „Es reicht, wenn einer geköpft wird.“

Er legte seinen Zauberspiegel auf den Tisch. „Den brauche ich nicht mehr.“

Dann gab er Julian zwei kleine Flaschen Vielsafttrank. Den Rest behielt er.

„Ihr werdet etwas Anderes tun: Ihr sorgt dafür, dass Hermines Nachfolger ihre Politik nicht fortsetzen kann, und dreht den Tagespropheten um. Belegt Northwood mit dem Imperiusfluch. Orpheus, traust du dir zu, ihm die Feder zu führen?“

„Worauf du dich verlassen kannst“, gab Orpheus zurück. Die beiden umarmten sich.

„Mach’s gut, Roy.“

„Worauf du dich verlassen kannst.“ Beide grinsten schwach und traurig.

Ares sagte zum Abschied:

„Falls du uns doch noch brauchst, kannst du immer auf uns zählen.“

„Weiß ich doch. Aber konzentriert euch auf eure Aufgabe!“

Julian verabschiedete ihn mit „Ich werde dich vermissen“, und obwohl Roy fast gefühlstaub geworden war, berührte es ihn. Julian war sein ältester und engster Freund.

„Ich dich auch. Leb lang, mein Freund, und such dir irgendwann eine Frau, die du nicht nach zwei Monaten abservierst.“

„Versprochen.“

Nun wandte Roy sich den Gryffindors – einschließlich Harry – zu, die wie erstarrt auf ihren Stühlen saßen.

„Es tut mir leid, dass wir so auseinandergehen müssen.“ Keiner antwortete.

Nun Albus.

„Al…“

Albus fiel ihm um den Hals, als wollte er ihn festhalten.

„Geh nicht!“ Albus konnte nicht länger verhindern, dass er weinte, Slytherin hin oder her. „Tu mir das nicht an! Ich will nicht Hermine und dich gleichzeitig verlieren!“, schluchzte er.

Roy drückte ihn noch einen Moment an sich, dann versuchte er sich mit sanfter Gewalt aus der Umarmung zu lösen.

„Lass mich bitte los, Albus.“

„Nein!“

„Lass mich los, Albus!“, befahl er nun energisch und zwang die Arme des Jüngeren, die immer noch seinen Hals umklammert hielten, auseinander – der Alterungstrank hatte schon vor Stunden aufgehört zu wirken.

„Es hat keinen Sinn, Al. Der Roy, den du gekannt hast, ist bereits tot. Er ist mit Arabella gestorben.“ Er trat einen Schritt zurück, drehte sich…

„Roy!“, schrie Albus.

Doch Roy war disappariert.

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