63 – Angriff auf Askaban

 

Als Roy mit Albus im Schnabel Askaban anflog, merkte er sofort, dass die Lage völlig anders war, als sein Plan voraussetzte: Einige Auroren eilten von ihrer Unterkunft zur Burg und umgekehrt, im Innenhof standen die Dementoren, die von einem Patronus davon abgehalten wurden, sich den Auroren zu nähern, von denen etwa ein halbes Dutzend vor der Tür zum Zellentrakt Position bezogen hatten. Auf dem Turm, auf dem Macnairs Kommando landen sollte, hielt ein Auror Wache. Roy landete zunächst auf dem vertrauten Mauervorsprung im Innenhof.

„Was ist denn los da drin?“, hörte er die Auroren einem Kollegen zurufen, der gerade aus dem Zellentrakt kam.

„Potter hat die Ministerin als Geisel genommen, du sollst sofort kommen, Saunders, mit Blendgranaten!“

Roy hätte am liebsten geflucht. Sie mussten alle Pläne über den Haufen werfen und eingreifen, bevor womöglich noch mehr Auroren hinzugezogen wurden oder Hermine vielleicht entkam. Zunächst musste er Albus aus dem Schnabel lassen!

Er flog auf den Turm und ließ sich auf einer Zinne hinter dem Auror nieder, der interessiert in den Hof schaute, um nichts zu verpassen. Die Auroren hier sind wirklich Pfeifen, dachte Roy belustigt, nahm unbemerkt seine menschliche Gestalt wieder an, richtete seinen Zauberstab auf den Hinterkopf des Aurors und setzte ihn mit einem stummen Petrificus-Zauber außer Gefecht. Erst als der Auror auf dem Boden lag, schoss er einen Schockzauber hinterher, der von unten nicht zu sehen sein würde.

Dann nahm er die Fliege behutsam aus seinem Mund und setzte sie auf den kalten Steinboden des Burgplateaus. Albus verwandelte sich sofort wieder in einen Menschen.

„Igitt, ist das nass, was sollte das denn?“, empörte er sich mit einer Stimme, die dank des Alterungstranks deutlich tiefer war als gewöhnlich, doch Roy legte den Finger auf den Mund.

„Hör zu, Al“, flüsterte er. „Im Zellentrakt wimmelt es von Auroren, nicht Dementoren. Dein Vater hat Hermine als Geisel genommen. Wir müssen unsere Pläne ändern. Fang an, die Schlangen zu erzeugen, so viele, wie hier auf das Turmplateau passen!“

In diesem Moment vibrierte sein Zauberspiegel.

„Ja?“

„Bereit!“, hörte er Macnairs Stimme.

„Achtung, Walden, Planänderung!“ Er setzte Macnair kurz über die Lage ins Bild. „Wir erzeugen hier auf dem Turm die Schlangen. Dann setzen wir den Innenhof in Finsternis und schalten so viele Auroren aus wie möglich. Ihr kommt im Calorate-Modus herunter. Beide Gruppen landen im Innenhof und schocken dabei, wenn nötig, die restlichen Auroren, dann feuern wir Finsternispulver in die Zellentrakte und schicken die Schlangen hinterher. Ihr kommt aber erst, wenn ich ‚Sturzflug‘ sage. Ohne Countdown. Klar?“

„Klar“, erwiderte Macnair, „gib mir nur eine Minute Zeit, den Anderen Bescheid zu sagen!“

„Geht in Ordnung. Ende. – Albus?“

„Ich bin jetzt bei zweiunddreißig.“ Albus arbeitete präzise und konzentriert. Nach drei weiteren Verdoppelungen sagte er: „Zweihundertsechsundfünfzig, mehr Schlangen passen hier nicht drauf, sonst erdrücken sie sich oder uns.“

„Macht nichts, muss erst einmal so gehen. Du hast mitgehört, was ich zu Walden gesagt habe?“

„Ja.“

„Gut. Sag den Schlangen, sie dürfen gleich ins Warme, und dort sollen sie sich an jeden ankuscheln, der einen Zauberstab trägt, sie dürfen keinen auslassen und sollen ansonsten unsere Befehle abwarten.“

Albus übersetzte es für die Schlangen in Parsel. Kaum war er fertig, hörten sie Lärm aus dem Innenhof. Anderson kam aus dem Zellentrakt gehastet, die bewusstlose Hermine auf dem Arm.

„Personenschutzgruppe zu mir! Portschlüssel sofort fertigmachen!“, kommandierte er. Vier Auroren scharten sich um ihn und machten blitzschnell den Portschlüssel scharf, der wie ein umgedrehter metallener Hocker aussah. Anderson fuhr fort: „Sofort ins St. Mungo! Wahrscheinlich nur Schockzauber, aber man kann nie wissen! Ab!“

Roy zog sofort die Pulverpistole, aber es war zu spät: Genau in dem Moment, in dem er schoss und den Innenhof in undurchdringliches Schwarz hüllte, verschwanden die vier Auroren mitsamt Hermine und dem Portschlüssel.

Calorate!“, flüsterte Roy. „Jetzt, Al!“

Roy und Al schossen einen Schockzauber nach dem anderen in den Hof. Jetzt zahlten ihre Übungen sich aus: Nach kaum zehn Sekunden lagen die völlig überrumpelten Auroren bewusstlos auf der Erde.

„Unsere Patroni, Al!“

„Expecto Patronum!“, – „Expecto Patronum!“

Sie schickten die Patroni hinunter, um die Dementoren in Schach zu halten, die bereits Anstalten trafen einzugreifen, nachdem der Patronus, der sie bis dahin bewacht hatte, sich aufgelöst hatte.

Walden?“, fragte Roy seinen Zauberspiegel.

„Bereit!“

„Sturzflug!“

Roy und Albus setzten sich auf den Besen des Aurors, den Roy zu Beginn geschockt hatte, und flogen in den Hof hinunter. Roy holte per Schwebezauber die Schlangen vom Turm, da trafen die beiden Kommandos unter Waldens und Rodolphus‘ Führung schon ein.

Walden“, rief Roy, „der Turm ist jetzt wieder frei, schick deine Gruppe hinauf, ganz Askaban in Finsternis legen, ansonsten Auftrag wie geplant! Rodolphus, halt!“, rief er, da Lestrange drauf und dran war, mit seiner Gruppe zum Zellentrakt zu stürmen. „Albus muss euch erst den Schlangen vorstellen, damit sie euch nichts tun.“

Albus zischte etwas auf Parsel und rief dann: „Fertig!“

Lestrange feuerte einen so heftigen Sprengzauber gegen die Tür zum Zellentrakt, dass kaum etwas von ihr übrig blieb, dann schoss er die erste Ladung Finsternispulver hinterher. Roy wartete gar nicht erst ab, bis die Schlangen loskrochen, er wärmte sie noch einmal magisch auf und beförderte sie dann per Schwebezauber in den Zellentrakt. Rodolphus, James und Victoire erzeugten ihre Patroni als Schilde, folgten dann gemeinsam mit Roy und Albus den Schlangen und feuerten so lange Finsternispulver, bis niemand im ganzen Zellentrakt mehr etwas sehen konnte – außer eben ihnen selbst und den Schlangen. Die Wirkung ließ nicht lang auf sich warten:

„Schlangen!“, kreischten einige Auroren in heller Panik. „Überall Schlangen!“

Auroren waren auf kritische Situationen trainiert, aber buchstäblich nichts zu sehen, dafür aber Schlangen auf sich herumkriechen zu fühlen, und das völlig unvorbereitet – das überforderte auch sie. Sie rannten wild durcheinander, prallten gegeneinander und gegen Wände, stolperten über Schlangen, schrien durcheinander. Jeder hatte nur einen Gedanken: Raus hier! Aber keiner fand den Weg.

Sonorus“, verstärkte Roy seine Stimme. „Achtung, Achtung! Hier spricht Roy MacAllister! Die Schlangen sind Gift- und Würgeschlangen, und sie hören auf unser Kommando, wir haben einen Parselmund bei uns! Alle Auroren im Zellentrakt legen sofort ihre Zauberstäbe nieder. Wer es nicht tut, wird von den Schlangen oder von uns getötet. Wir können Sie sehen, Sie uns nicht. Sie haben zehn Sekunden Zeit!“

„MacAllister, hier spricht Saunders, ich bin der Einsatzleiter! Befehl an Alle: sofort die Zauberstäbe niederlegen!“

Man hörte das dünne Klappern von auf den Boden fallenden Stäben.

„Gut“, rief MacAllister, „die Schlangen bleiben bei Ihnen, aber sie werden bis auf Weiteres niemandem etwas tun, der keinen Zauberstab trägt! Saunders, haben Sie die Schlüssel zu den Zellen?“

„Nein, die Dementoren haben sie.“

„Gut. Wir werden Sie und Ihre Auroren erst einmal außer Gefecht setzen.“

Roy, Victoire, Albus und Rodolphus drangen in den Zellentrakt des ersten Untergeschosses ein, schockten einen Auror nach dem anderen und sammelten deren Zauberstäbe ein, während James die Treppe zu den wahrscheinlich leeren beiden anderen Untergeschossen bewachte und Macnair von seinem Turm aus den Innenhof im Blick behielt. Nur fünfzehn Auroren befanden sich im Gebäude, sie waren wohl als Hermines Begleitkommando gekommen.

Dann kehrten die Befreier zur zerschossenen Tür zurück.

„Wir brauchen zwei Dementoren mit Zellenschlüsseln!“, rief Roy den Dementoren zu.

Zwei Dementoren, unter dem Calorate-Zauber als pechschwarze Flecken erkennbar, setzten sich in Bewegung. Roys Bären-Patronus machte ihnen Platz, um sie durchzulassen und begleitete sie, während sein Platz bei der Bewachung der Dementoren von Victoires Löwin übernommen wurde.

Rodolphus‘ und Roys Patronus trieben die Dementoren in den Zellentrakt, während Roy, James, Albus und Rodolphus ihnen folgten. Es war vereinbart, dass Roy, James und Albus die Freilassung Harrys und der Unbestechlichen, Rodolphus die der Todesser überwachen sollte.

Als erstes fanden sie Harry, der immer noch unter Schockzauber in seiner Zelle lag. Seine Söhne ließen es sich nicht nehmen, ihn selbst zu wecken. Da die Auroren bewusstlos waren, konnten sie es sich nun leisten, den Calorate-Zauber auszuführen, damit Harry etwas sehen konnte. Harry stand sofort auf, er wusste, dass es schnell gehen musste, für große Umarmungen würde später Zeit sein. Gemeinsam folgten sie Roy, seinem Patronus und dem Dementor.

Der Nächste war Julian, dem Roy erst einmal ein großes Stück Schokolade in den Mund schob, als Erstversorgung gegen die Wirkung des Dementorenterrors.

„Besser?“, flüsterte er ihm zu.

„Viel besser! Endlich!“

Orpheus war bleich, aber wohlauf.

Auch Ares ging es einigermaßen gut.

Der Dementor machte nun Anstalten umzukehren. „Das war’s“, röchelte er mit der typischen Dementorenstimme, die nach Tod und Verwesung klang.

„Das war’s NICHT!“, brüllte Roy ihn an. „Arabella fehlt! Arabella MacAllister!“

„Arabella?“, krächzte der Dementor. „Haben wir nicht mehr.“

„WO IST SIE?“

Geistesabwesend schob Roy seinen Patronus zur Seite. Der Dementor schwieg.

„RÜCK MIT DER SPRACHE RAUS!“

Der Dementor ließ ein höhnisches Röcheln hören. „Nun gut, wie du willst. Arabella, ja, das junge Mädchen, das mit den Anderen hier eingeliefert wurde? Tja, die war ja ziemlich glücklich, meine Güte, so etwas haben wir schon lange nicht mehr gehabt. Was für ein Festmahl, wir haben den letzten Tropfen Glück aus ihr herausgezutzelt. Danach war sie leer, verzweifelt, innerlich erfroren.“

„WO IST SIE?“ Roy bemerkte nicht, dass sein Patronus sich auflöste.

„Wo sie ist, willst du wissen?“ Der Dementor lachte ein lautes, klirrendes, grausames Lachen. „Du kommst zu spät, Schlammblut! Ihre Asche kannst du im Meer suchen! Sie hat sich IN IHRER ZELLE ERHÄNGT!“

Roys Seele erstarrte zu Eis, als schlagartig alles Glück auf einmal aus ihr fuhr, der Dementor sich an einem letzten obszönen Besäufnis berauschte und der ganze Zellentrakt unter seinem schaurigen Hohngelächter erdröhnte, das erst erstarb, als Roy ihm – unter einem Schrei, der mehr dem eines Tieres als eines Menschen glich – den Giftzahn des Basilisken in den modrigen Leib rammte.

Dann war es totenstill. Sekundenlang wagte niemand ein Wort zu sagen. Roy starrte ins Leere.

„Roy?“ Albus zupfte ihn vorsichtig am Umhang, aber er reagierte nicht.

„Roy!“, rief Victoire energisch. „Wir müssen weg hier! Wenn du willst, übernehme ich die Führung!“

Nun drehte Roy sich zu ihr um. Seine Stimme klang fest, aber leer und mechanisch, als er antwortete:

„Ich habe euch hierhergeführt, ich führe euch auch heraus. Ab zum Ausgang!“

Als sie im Innenhof ankamen, konnten sie Draco, Walden und seine Todesser noch mit ihren befreiten Kameraden – teils zu dritt auf einem Besen, die Feuerblitze machten es möglich – verschwinden sehen. Rodolphus wartete mit den übrigen Besen. Julian setzte sich hinter ihn, Ares hinter Victoire, Harry hinter James, Orpheus hinter Albus, und sie flogen los und ließen das in tiefste Schwärze gehüllte Askaban zurück. Nur Roy flog allein. Auf seinem Besen hätte Arabella sitzen sollen.

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