62 – Der Schwarze Magier

 

Als Greengrass gegen drei Uhr nachmittags in Rockwood Castle apparierte, brauchte er nicht zu sagen, was passiert war. Alle lasen es an seiner Miene ab.

„Wie kann das sein?“, fragte James entsetzt. „Sie haben doch gesagt…“

„Der Gamot stand unter dem Imperiusfluch“, unterbrach der Anwalt ihn mit Grabesstimme. „Die Hinrichtung soll bereits morgen früh um sechs Uhr in Askaban stattfinden.“

Roy warf einen kurzen Blick auf Albus. Er stand bleich, aber gefasst neben Rose, die nach seiner Hand griff. Was für ein großartiger kleiner Kerl, dachte er. So einen Sohn…

Er führte den Gedanken nicht zu Ende. Jetzt galt es, jetzt kam es auf ihn an!

„Alle mal herhören! Das ist die Situation, auf die wir uns seit Wochen vorbereitet haben. Wir haben alles durchdacht und hundertfach geübt. Jeder weiß, was er zu tun hat, jede Eventualität ist einkalkuliert. Wir haben einen Plan, der funktioniert. In weniger als zwölf Stunden werden wir mit Harry, Julian, Ares, Orpheus, Arabella und den anderen Gefangenen hier in Rockwood Castle apparieren!“

Man konnte sehen, wie in die Gesichter auch der Potters und Weasleys die Farbe zurückkehrte. Roy hatte es gesagt, sie würden siegen!

„Wir brauchen nicht mehr zu üben. Der weitere Ablauf für heute: Vier Stunden ausruhen. Wer kann, sollte noch ein wenig schlafen. Um sieben Uhr Abendessen, um acht eine letzte Besprechung, Prüfung der Ausrüstung. Um halb zwölf werden die Jüngeren ihre Alterungstränke einnehmen – und zwar ohne zu flirten oder vor dem Spiegel zu posieren“, fügte er unter dem Grinsen der Erstklässler hinzu. „Punkt Mitternacht disapparieren wir. Noch Fragen?“

Niemand hatte Fragen. Alles würde ablaufen wie geplant.

 

***

 

Harry hatte sich als Henkersmahlzeit eine Siruptorte gewünscht, die von den Elfen des Ministeriums auch prompt geschickt wurde. Sie war so groß, dass er die ganze Nacht davon hätte essen können, wenn er gewollt hätte – und am liebsten hätte er es getan, so lecker war sie, fast so gut wie die von Ginny.

Harry rechnete aber fest auf Roy. Wenn dessen Befreiungsaktion anlief, durfte er nicht vollgefressen sein. Er beließ es bei einem einzigen Stück Torte und legte sich auf seine Pritsche.

Wann sie wohl kommen würden? Wahrscheinlich zwischen Mitternacht und sechs Uhr, aber er musste jederzeit mit ihnen rechnen. Er würde nicht schlafen. Er versenkte sich in jenen tranceähnlichen, paradoxen Zustand völliger geistiger Klarheit und Wachheit bei gleichzeitiger Abwesenheit aus der Welt – ein Zustand, durch den er während der ganzen Zeit seiner Haft die Dementoren frustriert hatte, die doch so gerne das Glück aus ihm herausgesaugt hätten.

Heute allerdings stand kein Dementor vor seiner Zelle. Den Schritten nach zu schließen, die er hören konnte, wurde er von einem Menschen, wahrscheinlich einem Auror, bewacht. Hoffentlich verließen die Befreier sich nicht nur auf ihre Patroni!

Einige Stunden mochten vergangen sein, als er die magischen Schlüssel klirren hörte. Die Uhr, die man ihm für diese Nacht zur Verfügung gestellt hatte, zeigte elf Uhr. Harry stand auf. In der Tür stand Cesar Anderson.

„Guten Abend, Cesar“, begrüßte Harry ihn in einem lockeren Tonfall, als wären sie noch immer Kollegen und stünden im Büro. Falls Anderson darüber erstaunt war, ließ er es sich nicht anmerken.

„Guten Abend, Harry. Schön, dass Sie trotz der Umstände wohlauf sind. Leider muss ich Ihnen jetzt Fesseln anlegen. Setzen Sie sich bitte. Sie haben Besuch.“

Harry tat, wie ihm geheißen, und Anderson fesselte ihn mit einem stillen „Incarcerus“ an den Stuhl. Dann verließ er die Zelle, um der Besucherin Platz zu machen. Es war Hermine.

„Danke Cesar“, sagte sie freundlich. „Schließen Sie bitte die Tür hinter mir. Ich rufe Sie dann.“

Als die Tür ins Schloss fiel, zog Hermine ihren Zauberstab und richtete ihn auf die Tür. „Imperturbatio“, murmelte sie.

Harry wunderte sich. Wollte sie ihm noch in letzter Minute etwas anvertrauen, das nicht einmal Anderson hören durfte?

„Tja, Potter“, sagte sie gedehnt, als sie sich zu ihm umdrehte. „So sieht man sich wieder!“

„Nach acht Stunden, was für eine Ewigkeit“, spottete Harry. „Du hast doch nicht etwa Sehnsucht nach mir gehabt?“

„In gewisser Hinsicht schon. Du bist ein hervorragender Auror, Potter. Du hast immerhin herausgefunden, dass ich nicht Hermine bin, und du hast sogar meinen Fluch identifiziert, weißt aber immer noch nicht, wer ich wirklich bin. Ich finde, du hast ein Recht, es zu erfahren. Und ich freue mich darauf, es dir zu sagen!“

Während sie sprach, veränderte die Iris ihrer Augen ihre Farbe, die Pupillen ihre Form. Harry musste zwei Mal hinsehen, um es zu glauben: Aus Hermines hübschem Gesicht starrten zwei rote, geschlitzte Schlangenaugen ihn an.

Riddle?“, fragte er entgeistert.

„Für dich immer noch Lord Voldemort. – Was guckst du so perplex, du wusstest doch, dass dieser Fluch von mir war, und deine Narbe hat auch gebrannt, obwohl ich versucht habe, sie so wenig wie möglich zu reizen. Hast du es wirklich nicht geahnt?“

„Geahnt schon, aber nicht für möglich gehalten. Das kann doch nicht sein, du bist seit fast zwanzig Jahren tot!“

„Offenbar nicht“, grinste Voldemort mit Hermines Mund, „und ehrlich gesagt wundere ich mich über deine Naivität, du bester Auror, den das Ministerium je hatte. Du hast sieben Horkruxe zerstört. Du hieltest mich für tot, weil du glaubtest, ich hätte nur sieben hergestellt. Warum? Weil ich Slughorn irgendwann in den vierziger Jahren auf diese Möglichkeit angesprochen hatte!“

„Und weil die Sieben eine magische Zahl ist.“

Voldemort schnaubte verächtlich. „Jede Zahl hat ihre eigene Magie, nicht nur die Sieben. Du wusstest doch, dass ich in all den Jahren weiter experimentiert hatte. Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich in die Geheimnisse der Magie, auch der Zahlenmagie, tiefer eingedrungen bin, als du dir jemals vorstellen könntest? Dass ich deshalb meine Pläne geändert haben könnte?“ Die Schlangenaugen sahen einen Moment lang kalt auf Harry herab, bevor Voldemort – verwirrenderweise immer noch mit Hermines Stimme – weitersprach: „Neun Leben hat die Katze! Weißt du, warum?“

Harry schüttelte den Kopf.

„Dabei haben die alten Ägypter es schon herausgefunden, Jeder hätte es wissen können: Weil neun die höchste Anzahl von Bruchstücken ist, die es von derselben Seele gleichzeitig geben kann.“

„Dann hast du in Wirklichkeit neun Horkruxe hergestellt, ich meine: acht Horkruxe zusätzlich zu dem Seelenbruchstück, das in deinem eigenen Körper lebte?“ Harry vergaß fast, dass er an einen Stuhl gefesselt auf seine Exekution wartete, so faszinierend fand er das, was Voldemort ihm auftischte.

„Ich versuchte es. Nachdem ich ein kleines, ganz unauffälliges Goldnugget zu meinem achten Horkrux gemacht hatte, versuchte ich den neunten zu erzeugen. Es misslang. Heute, da ich auf Hermines Gedächtnis zugreifen kann, weiß ich auch, warum: weil du der neunte Horkrux warst, in dem ein Teil meiner Seele lebte. Die Zahl war voll.“

„Und was wurde aus dem achten?“, wollte Harry wissen.

„Dieser achte Horkrux, Potter, ist der Grund, warum ich heute vor dir stehe.“

„Du hast ihn Hermine untergejubelt?“

„Nicht untergejubelt. Mit Gewalt eingepflanzt.“

„Das muss sie doch gemerkt haben!“, wandte Harry ein.

„Ja und nein. Unter der Folter im Malfoy Manor merkte sie wohl, dass ihr Gewalt angetan wurde, aber sie bemerkte bei all den Schmerzen nicht den besonderen Schmerz, als Bellatrix den achten Horkrux in ihrer Schädeldecke versenkte…“

„Aber Bellatrix wollte sie umbringen“, fiel Harry ihm ins Wort.

„Wollte sie nicht! Ich hatte es ihr verboten, sie wollte ihr nur Angst einjagen.“

„Warum hast du das getan?“

Voldemort blickte einen Moment über Harry hinweg, als müsse er nachdenken.

„Als sich die Dinge im Frühjahr 1998 zuspitzten, war ich entschlossen, den Kampf gegen dich nicht noch einmal ohne Rückversicherung zu führen. Ich überdachte nochmals alle meine Vorsichtsmaßnahmen und erkannte sie als unzureichend. Alle meine Horkruxe außer mir selbst und der Schlange Nagini – und dir, aber das wusste ich damals nicht – waren an tote Gegenstände gebunden und bedurften der Nähe eines Menschen, um zum Leben zu erwachen, so wie es bei dem Tagebuch ja auch geklappt hatte. Aber das war ein Zufall gewesen, und ich konnte mein Leben nicht von Zufällen abhängig machen. Ravenclaws Diadem hätte noch ewig im Raum der Wünsche, der Ring noch ewig im Haus der Gaunts, Hufflepuffs Becher noch ewig in Bellatrix‘ Verlies bleiben können, ohne dass irgendjemand ihnen, also mir, zum Leben verholfen hätte. Ich beschloss, das Goldnugget, den achten Horkrux, von vornherein einem lebenden Menschen einzupflanzen.“

„Und da bist du ausgerechnet auf Hermine verfallen? Warum? Es wäre doch viel logischer gewesen, ihn einem der Todesser zu implantieren – Bellatrix oder Rodolphus oder Draco Malfoy. Die hätten sich noch geehrt gefühlt. Aber Hermine? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“

„Und ob das einen Sinn ergibt!“ Voldemort lachte kalt. „Wenn es keinen Sinn gehabt hätte, säßest nicht hier und würdest auf deine Hinrichtung warten. – Es war, wie gesagt, eine Rückversicherung für den Fall meiner Niederlage, die dann auch die Niederlage der Todesser sein würde, und zwar die zweite und diesmal endgültige Niederlage! Überleg doch selber: Wer würde heute noch einem alten Todesser oder auch einem ‚Neo-Todesser‘ Macht anvertrauen? Die Todesser taugen gerade noch als Schreckgespenst, das man herumspuken lassen kann, um Dummköpfe und ängstliche Seelen zu versklaven. Du und dein Anwalt, ihr habt uns ja erklärt, wie ich das mache.“ Er lachte voller Hohn. „Genützt hat es dir nichts. – Nein, nein, es musste jemand von euch sein!“

„Hätte es also ebensogut Ron sein können, oder Neville, oder ich selbst?“

„Nein“, widersprach Voldemort entschieden. „Es musste Hermine sein.“

„Warum?“

„Weil damals schon klar war, dass sie es zur Zaubereiministerin bringen würde! Sie hatte alles, was man dazu braucht: brennenden Ehrgeiz, politisches Interesse, enorme Intelligenz, Redetalent, Perfektionismus, Fleiß, Charme, gutes Aussehen. Ich hatte sie jahrelang beobachtet…“

„Wie das denn?“

„Hast du schon vergessen, dass ich damals durch deine Augen sehen konnte, Potter?“ Er schüttelte Hermines Kopf wie über eine kindische Torheit und fuhr fort:

„Vor allem aber hatte sie alle Eigenschaften, die ich für meine Zwecke brauchte. Erinnerst du dich noch an das Buch des Halbblutprinzen?“

„Natürlich“, erwiderte Harry, „unser Zaubertrankbuch der sechsten Klasse, in das Snape als Schüler seine Anmerkungen gekritzelt hatte. Es war mit diesen Anmerkungen das beste Zaubertrankbuch, das ich je in der Hand gehabt habe, ohne sie ziemlich wertlos.“

„Du wusstest das, Potter, richtetest dich danach und hattest Erfolg. Sie sah deine Erfolge, sie hätte wissen müssen, dass dein Buch besser war, und doch hielt sie sich an das schlechte offizielle Buch, weil es eben offiziell war, weil es vom Ministerium abgesegnet war, weil es, wie sie glaubte, deshalb den letzten Stand der magischen Wissenschaft verkörpern musste, während die Erkenntnisse eines Genies wie Snape nichts taugen konnten, weil das Ministerium und die Magische Akademie keine Ahnung davon hatten. Oder einfach, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wenn in einem ihrer Bücher mit wissenschaftlicher Autorität behauptet würde, dass der Regen von unten nach oben fällt, würde sie im größten Wolkenbruch mit nach unten gerichtetem Regenschirm herumlaufen, dabei aber Jedem und sich selbst versichern, keineswegs nass geworden zu sein: eine besondere Art von Dummheit, die nur bei intelligenten Menschen auftritt. Sie glauben eher, was in Büchern steht, als was sie mit ihren eigenen Augen sehen können. Nimm ihren Elfentick: Kein Elf hat je darum gebeten, von ihr befreit zu werden, ganz im Gegenteil, sie haben alles getan, Hermine davon zu überzeugen, dass sie das nicht wollen…“

„Aber die Elfen waren wirklich einem versklavenden Zauber unterworfen, und sie hat ihn aufgehoben!“

„Und?“, fragte Voldemort. „Was hat sich dadurch geändert?“

Harry schwieg.

„Siehst du? In einem ihrer schlauen Bücher stand, dass alle vernunftbegabten Wesen gleich sind, und weil ihre Bücher sich niemals irren können, konnte nicht stimmen, was die Elfen selbst ihr sagten, sie konnten und durften nicht anders ticken als wir Menschen. Und weil in diesen schlauen Büchern des Weiteren steht, dass alle Menschen gleich sind – und nicht sein kann, was nicht sein darf –  darf sie nicht anerkennen, dass Muggel nicht zaubern können. Also müssen alle Muggel Zugang zur magischen Welt bekommen. Wenn sie dann immer noch nicht zaubern können, wird sie zuerst den Zauberern das Zaubern verbieten, denn wenn niemand mehr zaubert, sind wieder alle Menschen gleich. Nach ein paar Generationen, wenn einige zehntausend Magier sich mit zig Millionen Muggeln vermischt haben, ist das magische Blut im Verhältnis eins zu zweitausend verdünnt. Dann kann wirklich keiner mehr zaubern – und die Wenigen, die es dann noch können, werden im Irrenhaus mit Psychopillen ruhiggestellt. So wird die Prämisse, dass alle Menschen gleich sind, ‚bewiesen‘.“

„Aber du selbst hast das alles doch getan. Du hast die Elfen befreit, du hast die Öffnung zur nichtmagischen Welt eingeleitet, denn du hast Hermine kontrolliert!“

„Potter, du enttäuschst mich!“ Er klang wirklich ein wenig enttäuscht. „Du hast Rodolphus‘ Buch doch gelesen…“

Harry sah überrascht auf.

„Ja, Potter, ich habe es inzwischen auch gelesen, und es war nicht schwer, den Autor zu identifizieren. Ab morgen steht Lestrange wieder auf der Fahndungsliste. Also, du weißt doch, wie dieser Fluch funktioniert: Ich lasse den Betreffenden machen, was er im Innersten will, und schalte nur sein Gewissen aus. Deswegen musste es ja genau Hermine sein, denn sie wollte diese Politik. Sie hat – oder vielmehr hatte, denn viel ist von ihr nicht mehr übrig – diese besondere Art Idealismus, die darauf hinausläuft, allen Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben – also die Sorte Idealismus, die danach schreit, von Zynikern wie mir missbraucht zu werden! Ich habe nur selten direkt eingegriffen, eigentlich nur, wenn sie Fehler zu machen drohte, aber du kannst ganz sicher sein, Potter: Sowohl die vielgefeierte Elfenbefreiung als auch die Liste der verbotenen Worte als auch die ‚Öffnung zur nichtmagischen Welt‘ waren ganz und gar Hermines eigene Ideen, ich musste ihr höchstens ein paar Skrupel austreiben.“

„Und die Gründung der Geheimpolizei? Der Tabuzauber, der über das ganze Land gelegt wurde? Die Rückkehr der Dementoren?“

„Waren auch noch ihre Ideen. Ich verschaffte ihr nur das gute Gewissen.“

„Und mit wem habe ich an Weihnachten geredet? Mit dir oder mit ihr?“

„Im Wesentlichen mit mir. Das war ungefähr die Zeit, wo sie merkte, dass sie Dinge tat, die ihr völlig widerstrebten. Als ich dich Ende September feuerte – ja, das war ich, aber da redete sie sich noch ein, es sei ihre eigene Idee gewesen. Um Weihnachten herum merkte sie aber, dass sie nicht mehr Herrin ihrer selbst war. Daher ihr Hilferuf, den du in der Wasseruhr aufgezeichnet hast. Da war es aber schon zu spät für sie. Ihr blieb nur noch, ihre verbliebene Kontrolle über die niederen Körperfunktionen dazu zu nutzen, mich mit Wehwehchen zu traktieren – Schwächeanfälle, Magengeschwüre, solches Zeug. Sie hat zäh gekämpft, die Kleine, das muss man ihr lassen!“

Voldemort ließ sich zu einem anerkennenden Nicken herab.

„Aber dabei“, fuhr er fort, „hat sie ihre letzten Kräfte verfeuert. Jetzt ist sie am Ende. Sie tut keinen Mucks mehr.“

Harry war, als umklammerte eine eiskalte Faust sein Herz. Um sich selbst hatte er keine Angst, zumal er immer noch mit seiner Befreiung rechnen konnte. Aber Hermine darf nicht sterben, dachte er verzweifelt, ich muss es verhindern, ich muss!

„Ich verstehe immer noch nicht“, sagte er nach einem langen Moment des Schweigens, „warum du das getan hast? Du sagst von Hermines Politik, dass es ihretwegen in ein paar Generationen praktisch niemanden mehr geben wird, der zaubern kann. Dann gibt es überhaupt keine magische Welt mehr, nur noch die Muggelwelt. Das ist doch das genaue Gegenteil von dem, was du immer wolltest!“

„Meine Güte, Potter, hast du immer noch nicht begriffen, was sogar ein Trottel wie Quirrell auf Anhieb verstanden hat? Er selbst hat dir gesagt, was er von mir gelernt hat: Es gibt nur Macht und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben! Die Todesser waren zu schwach! Warum hätte ich ihnen eine dritte Chance geben sollen, nachdem sie zwei vertan hatten? Die Zauberer insgesamt waren zu schwach. Sie waren berufen, unter meiner Führung den Planeten zu beherrschen, aber durchsetzt und geschwächt von sentimentalen Einfaltspinseln, wie sie waren, waren sie eben zu schwach dazu! Einer wie ich braucht die magische Welt nicht. Ich verliere nichts, wenn sie zugrunde geht. Ich habe es nicht nötig, meine Herrschaft auf eine Kaste von Schwächlingen zu stützen. Sie wollten mir nicht dienen, dann sollen sie verschwinden, und je eher, desto besser, denn dann stehen sie mir wenigstens nicht im Wege! Das Schlammblut Hermine Granger war wie geschaffen dazu, mir diesen Weg freizuräumen.“

„Du glaubst immer noch, du seist zur Herrschaft berufen?“

„Zu umfassender Herrschaft über den Planeten. Zu absoluter, zu ewiger Herrschaft“, bestätigte Voldemort und klang dabei so feierlich, wie ein Voldemort nur klingen kann.

„Wenn es aber keine Todesser mehr gibt und nicht einmal mehr Zauberer – auf wen willst du deine Herrschaft dann stützen?“, fragte Harry zweifelnd.

„Auf mich allein. Es stimmt ja nicht ganz, dass es dann keine Zauberer mehr gibt. Einen wird es auf jeden Fall noch geben. Den größten: mich.“

Riddle, das ist doch lächerlich! Du willst die Muggelwelt ganz allein beherrschen? Hast du eine Ahnung, wie komplex die ist? Wie viele Menschen du kontrollieren müsstest, um die Welt zu beherrschen? In der Muggelwelt ist die Macht auf hunderttausende, ja Millionen von Personen verteilt: Politiker, Unternehmer, Medienleute, Wissenschaftler, Konzernbosse, Verbandsfunktionäre, Kirchenfürsten, hohe Beamte, Militärs, Geheimdienstleute…“

„Du langweilst mich, Potter! Das ist genau die Sorte Ammenmärchen, die Hermine aus ihren Büchern saugt.“ Er lachte verächtlich. „Du hättest dich öfter mit deinem Freund MacAllister unterhalten sollen. Ich habe das Gedächtnis seiner Muggelkundelehrerin gelesen: Er hat verdammt viel begriffen und hat das Zeug, den Rest auch noch zu begreifen – es wird ihm nur nichts mehr nützen. Mit dem ehernen Gesetz der Oligarchie ist er jedenfalls ganz nahe dran. Du sprichst von Millionen kleinen Machthabern weltweit, Potter. Kann man so sehen, wenn man will. Aber neunzig Prozent dieser Macht von Millionen konzentriert sich in den Händen von vielleicht zehntausend Leuten, ebenfalls weltweit betrachtet.“

„Immer noch verdammt viel“, warf Harry ein.

„Und neunzig Prozent von deren Macht“, fuhr Voldemort unbeirrt fort, „in den Händen von ein paar hundert, die sich untereinander alle kennen. Und neunzig Prozent der Macht dieser paar hundert in den Händen von ein paar Dutzend. Und innerhalb dieser paar Dutzend gibt es wieder eine Kerngruppe, die neunzig Prozent der Macht auf sich vereinigt, und ich glaube nicht, dass man mehr als zwei Hände braucht, um die Mitglieder dieser Gruppe an den Fingern aufzuzählen…“

„Und du weißt, wer diese Leute sind?“

„Zum Teil ja, zum Teil werde ich es noch herausfinden. Hermines Freund Jonathan Wildfellow gehört als britischer Premier zum Kreis der genannten paar hundert – also nicht zu den innersten Zirkeln, hat aber Zugang zu ihnen und führt Hermine, also mich, dort ein. Nun, und da ich Legilimentik beherrsche, wird es mir nicht schwerfallen, die wirklichen Letztentscheidungsträger zu identifizieren.“

„Und diesen Kern von Entscheidungsträgern willst du dann beherrschen – zum Beispiel mit dem Imperiusfluch?“

Voldemort schüttelte Hermines Kopf und rümpfte die Nase. „Imperius, wie primitiv! Nein, mit dem anderen: Geben wir doch dem Entdecker die Ehre – mit dem Sulphangel-Fluch! Ich werde sie so unterwerfen, wie ich Hermine unterworfen habe. Da du acht meiner neun Seelenbruchstücke vernichtet hast, Potter…“

„Sieben“, unterbrach Harry ihn. „Das achte hast du selbst bei dem Versuch zerstört, mich zu töten…“

„Richtig, sieben plus eins. Da also nur noch ein Exemplar meiner Seele vorhanden ist, habe ich wieder acht Horkruxe frei. Die pflanze ich dann den wenigen wirklich Mächtigen ein. Sie werden wie verschiedene Menschen aussehen, aber Alle werden sie bloße Exemplare von mir sein. Wenn es mit einem von ihnen zu Ende geht, entnehme ich ihm den Horkrux und pflanze ihn seinem Nachfolger ein. Ich selbst werde vom einzelnen Körper unabhängig und damit unsterblich sein.“ Er lachte kalt. „Ich muss nur ein paar Morde begehen, um meinen Horkrux-Vorrat wieder aufzufüllen, und den Anfang mache ich mit dir. Du wirst zwar nicht wieder die Ehre haben, selbst mein Horkrux zu sein, Potter, wohl aber die, mir zu einem zu verhelfen! Dann kommen deine Unbestechlichen an die Reihe, danach – nun, das wird sich finden. Wenn ich Percy nicht mehr brauche – vielleicht Albus, James, Lily?“

Er sah Harry erbleichen und weidete sich daran.

„Du glaubst doch nicht, dass ich von dir irgendetwas übriglasse, Potter, schon gar nicht deine Kinder. Ob sie gleich dran glauben müssen oder erst später, ist eine rein taktische Frage. Albus müsste ich sowieso ausschalten, er ist schon jetzt zu gefährlich.“

Harry hätte nie für möglich gehalten, zu welchem Maß an Hass er selbst fähig war, sogar Voldemort gegenüber, den er immer auch ein wenig bemitleidet hatte, aber diesmal wurde sein Geist vom Hass wie von weißglühender Lava nur so überschwemmt.

Voldemort genoss Harrys Ohnmacht. Er grinste grausam, als er seinen Zauberstab zückte.

„Hast du schon meinen neuen Zauberstab gesehen, Potter?“, fragte er im Ton eines Mannes, der sein nagelneues Auto vorführt.

„Habe ich! Im Ministerium!“, raunzte Harry zurück.

„Habe ich mir selbst zu Weihnachten geschenkt. Eibe und Phönixfeder, die bewährte Kombination. Dem von Hermine traute ich nicht mehr, er hatte Lunte gerochen und wurde zunehmend bockiger. Ich werde nicht mehr so dumm sein, dich mit einem illoyalen Zauberstab zu traktieren. Erst recht werde ich nicht so dumm sein, es bei dir noch einmal mit dem Todesfluch zu versuchen, die Risken und Nebenwirkungen sind mir zu kritisch. Ich lasse dich nach der guten alten Muggelmethode töten – Kopf ab und fertig! Kannst dir ja überlegen, ob du als Geist zurückbleiben und ins Klo der maulenden Myrte einziehen oder an der Jagd der Kopflosen teilnehmen willst“, höhnte er. „Trotzdem werde ich dich irgendwie vermissen: Wenn du tot bist, Potter, kann ich dich nicht mehr leiden lassen. Ich finde, wir sollten die letzten Stunden unserer intimen Beziehung richtig auskosten. Crucio!

Ein unbeschreiblicher Schmerz, als würde er bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen, durchzuckte Harrys ganzen Körper.

Hermine, tu etwas!“, brüllte er noch verzweifelt, bevor er nur noch unartikuliertes, schrilles Geschrei hervorbringen konnte. Wie aus weiter Ferne hörte er Voldemorts Hohn:

„Deine Schlammblut-Freundin wird nie wieder etwas tun, Potter!“

Harry schrie weiter und weiter. Plötzlich spürte er den Schmerz nachlassen, obwohl Voldemort den Zauberstab nach wie vor auf ihn gerichtet hielt. Der Schmerz schwoll wieder an, ließ nach, wurde wieder stärker. Als der Schmerz wieder nachließ, schoss ihm durch den Kopf: Hermine kämpft! Der Zauberstab ist Diener zweier Herren! Er spürte, dass seine Fesseln lockerer wurden, schrie aber aus Leibeskräften weiter, um Voldemort nicht misstrauisch zu machen. Mit einem Mal wurde der Schmerz so schwach, dass Harry sich wieder rühren konnte. Seine Fesseln fielen ab! Mit einem Satz stürzte er sich auf den überraschten Voldemort, der, in Hermines zartem Körper steckend, dem Angriff nichts entgegensetzen konnte und rücklings gegen die Tür krachte. Harry griff nach dem Zauberstab.

Imperturbatio ex!“, konnte Voldemort noch keuchen und schrie: „Hilfe, Cesar, Hilfe!“

Dann entriss Harry ihm den Zauberstab, richtete ihn auf Hermines Gesicht:

Stupor!

Harry riss den zusammengesackten HermineVoldemort vor seinen Körper und hielt ihm den Zauberstab an den Kopf, als die Tür aufsprang, aber niemand zu sehen war.

„Weg von der Tür, Cesar! Ich töte sie, ich habe nichts zu verlieren!“

„Ganz ruhig, Harry, ich bleibe weg von der Tür!“

Harry und Anderson konnten einander nicht sehen, weil der eine immer noch in der Zelle stand, der andere auf dem Gang.

Harry warf die Tür mit dem Zauberstab wieder ins Schloss.

„Expecto Patronum“, flüsterte er. Sein silberner Hirsch erschien und bezog Posten vor der Tür. Harry atmete auf. Fürs erste war er vor Überraschungen sicher.

„Machen Sie keine Dummheiten, Harry!“, rief Anderson mit magisch verstärkter Stimme.

„Wieso?“, spottete Harry grimmig. „Werde ich sonst zwei Mal geköpft?“

Man hörte die Auroren lachen. „Ihren Humor haben Sie jedenfalls nicht verloren“, antwortete Anderson. „Das ist schon einmal gut, wir können über alles reden. Was fordern Sie?“

„Freien Abzug, und zwar für mich, Julian Lestrange, Ares Macnair, Orpheus Malagan und Arabella Wolfe. Mit der Ministerin als Geisel. Ihr wird nichts geschehen, wenn wir nicht verfolgt werden.“

„Moment, Harry, ich muss mich erst mit den Kollegen beraten.“

„In der Zwischenzeit bringen Sie die anderen Gefangenen hierher. Und zwar einzeln. Ich werde sie überprüfen.“

Es blieb einen Moment still, dann hörte er Anderson rufen:

Harry, ich erfahre gerade, dass nicht alle Gefangenen hier sind!“

„Auf Zeit zu spielen ist bei mir zwecklos, Anderson! Ich kenne die Prozedur, ich habe dieselbe Ausbildung durchlaufen – und zwar bei Ihnen!“

„Wenn ich es Ihnen doch sage! Ich werde aber veranlassen, dass der erste Gefangene sofort gebracht wird. Sind Sie mit Macnair einverstanden?“

„Ja.“

„Sagen Sie mir noch eins, Harry: Ist die Ministerin verletzt?“

„Nein, nur geschockt, aber in guter körperlicher Verfassung.“

„Kann ich mich davon überzeugen?“

„Sie können den Mund halten, Cesar! Das Nächste, was ich hören will, ist die Mitteilung meines Patronus, dass Macnair vor meiner Zellentür steht!“

„Geben Sie uns bitte genau fünf Minuten!“

Beide schwiegen. Harry sah auf die Uhr, die über einen Sekundenzeiger verfügte. Es war genau viertel nach zwölf. Fünf Minuten waren lang, aber angesichts der ausgedehnten Gänge des Gefängnisses nicht unrealistisch, zumal Harry nicht wusste, in welchem Stockwerk Ares saß. Er überlegte, wie er sich vergewissern sollte, dass der Ares, der kommen sollte, wirklich Ares war, nicht etwa ein Auror, der Vielsaft eingenommen hatte. Eine Kontrollfrage nach etwas, was nur Ares wissen konnte, hätte den Auroren verraten, dass sie schon im vergangenen Jahr in Verbindung gestanden hatten. Harry entschied sich, einfach den Realcorpus-Zauber anzuwenden. Der Zeiger schien zu kriechen, während von draußen nichts zu hören war. Eine Minute verging, zwei, drei, vier…

Endlich hörte Harry seinen Patronus sagen: „Er kommt.“ Und gleich darauf: „Er steht vor deiner Tür.“

Harry rief: „Hände hinter den Kopf, Ares! Wenn ich die Tür öffne und du hast die Hände nicht hinter dem Kopf, schocke ich dich sofort.“

„Geht klar, Harry“, antwortete Ares‘ Stimme.

Harry öffnete die Tür mit einem Wink des Zauberstabs. Davor stand jemand, der aussah wie Ares. Er hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Seine Augen waren seltsamerweise geschlossen.

Harry zielte mit dem Zauberstab auf sein Gesicht: „Realcorpus!

Zu seinem Unglück kannte Harry die von Anderson beschafften Blendgranaten nicht. Vor der Brust des Aurors, der Ares gemimt hatte, flammte urplötzlich ein gleißendes Blitzlicht auf. In den Sekunden, in denen Harry benommen dastand und Hermine ihm entglitt, hörte er den Auror rufen:

Stupor!

Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

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