6 – Hoher Besuch

 

Die Britischen Inseln gelten nicht unbedingt als Traumziel sonnenhungriger Urlauber, und auch an diesem Sonntag im Frühherbst lag das ganze Land unter einer dichten Wolkendecke, aus der immer wieder Regenschauer niederprasselten – und zwar immer dann, so schien es jedenfalls den meisten Briten, wenn man selber gerade das Haus verließ, während sie endeten, sobald man endlich wieder ein schützendes Dach über dem Kopf hatte.

Die Meteorologen des Muggelfernsehens staunten daher nicht schlecht über ein Phänomen weit im Norden des Landes, wo eine fast kreisrunde Enklave von rund fünf Meilen Radius rund um die Ruine von Schloss Hogwarts sich den ganzen Tag über strahlenden Sonnenscheins erfreute. Die wenigen Zauberer und Hexen, die zufällig den Muggel-Wetterbericht sahen, waren weniger verblüfft, denn sie wussten, dass die vermeintliche Ruine nur Muggeln als solche erschien, und zwar aufgrund eines Verwirrungszaubers, und dem Tagespropheten hatte mancher entnommen, dass die Zaubereiministerin sich dort an diesem Tag zu einer wichtigen Rede angesagt hatte.

Wenn bedeutende Termine anstanden und Scharen von Pressefotografen zu erwarten waren, überließ Hermine nichts dem Zufall, und ihre Ministerialzauberer hatten in der Tat ganze Arbeit geleistet. Wetterzauber sind selbst für hochqualifizierte Spezialisten eine knifflige und aufwendige Angelegenheit, aber als die Ministerin gegen neun Uhr morgens in Begleitung einiger Auroren ihres Sicherheitsdienstes vor dem Portal von Hogwarts apparierte und von Professor McGonagall herzlich begrüßt wurde, herrschten angenehme Temperaturen und eine leichte Brise unter wolkenlosem Himmel.

Hermine trug ein perfekt sitzendes scharlachrotes Kostüm, mit dem sie in jeder Muggel-Chefetage Eindruck gemacht hätte, dazu einen anthrazitfarbenen Hexenumhang – eine ausgefallene, aber todschicke Kombination, und ihr alter Schulschal in den Gryffindor-Farben Scharlachrot und Gold, den sie aus ihrem Kleiderschrank gekramt hatte, verlieh ihrer eleganten Erscheinung einen gewissen schrägen Akzent. Sie sah umwerfend aus, war bester Laune und freute sich darauf, nach langen Jahren ihre alte Schule, einige ihrer früheren Lehrer und ihrer ehemaligen Mitschüler wiederzusehen, die inzwischen ihrerseits hier unterrichteten. Es war ihr wichtig gewesen, zu ihrer großen programmatischen Rede an den Ort zurückzukehren, an dem für sie alles begonnen hatte: Heute, so empfand sie es, würde ein Kreis sich schließen.

McGonagalls Angebot, die Schutzzauber um Hogwarts vorübergehend aufzuheben, damit sie direkt im Schloss apparieren konnte, hatte sie abgelehnt. Sie wollte den Weg vom Geländeportal zum Schloss, den sie früher so oft gegangen war, zu Fuß zurücklegen, um, in Erinnerungen schwelgend, jeden Augenblick ihres Aufenthalts auszukosten. Für sie war jeder Schritt, den sie hier tat, und dies erstmals als Zaubereiministerin, Teil eines Triumphzugs, den sie sich nicht verkürzen lassen wollte.

Entlang des letzten Wegstücks zum Schlossportal hatten sich die Schüler – fünf Reihen tief und nach Häusern getrennt – zum Empfang aufgestellt: zuerst die Ravenclaws, dann die Hufflepuffs, dann die Gryffindors, zuletzt die Slytherins. Da das Gelände links des Weges sachte anstieg, hatten auch die in den hinteren Reihen Stehenden gute Sicht.

Albus, der vor Stolz auf seine Tante schier platzte, hatte sich bei den Slytherins selbstredend in die erste Reihe gestellt. Da der Weg eine leichte Rechtskurve machte, konnte er die kleine Prozession gut verfolgen: vorne Hermine mit McGonagall, dann die Sicherheitszauberer, die wie immer mit geschultem Blick die Umgebung nach etwaigen Gefahren absuchten und den Pressetross auf Abstand hielten, der gewissermaßen die Nachhut bildete. Es waren sehr viele Pressevertreter angereist, allein der Tagesprophet war mit vier Journalisten vertreten: dem Chefredakteur Elliott Northwood persönlich, seinem Starkolumnisten Heribert Prantice, einem Reporter und einem Fotografen. Die beiden Letzteren waren bei weitem weniger elegant gekleidet als Northwood und Prantice und sollten wohl die eigentliche Arbeit verrichten.

Hermine wurde zuerst von den Ravenclaws, dann von den Hufflepuffs mit strahlenden Gesichtern, winkenden Händen, herzlichem Applaus und fröhlichen Zurufen begrüßt: Willkommen daheim, willkommen in Hogwarts, hallo Frau Ministerin. Einige Hände streckten sich ihr entgegen, die sie lachend ergriff.

Aber die Begrüßung durch die Ravenclaws und Hufflepuffs, so warm und ungezwungen freundlich sie war, war nichts im Vergleich zu dem donnernden Jubel, mit dem die Gryffindors „ihre“ Ministerin in Empfang nahmen, als sie endlich zu ihnen kam. Hermine hatte gerade noch Zeit, ohne Rücksicht auf das Protokoll ihre Tochter und ihren Neffen James zu umarmen und zu küssen, da lösten sich die Reihen der Schüler schon auf: Jeder wollte zu ihr, Jeder ihre Hand schütteln, Jeder ein Lächeln von ihr erhaschen. Sie war ohnehin beliebt, aber ihr Gryffindor-Schal, mit dem sie sich als eine der ihren bekannte, ließ die Begeisterung der Gryffindors überschäumen. Es fehlte nicht viel, und sie hätten sie auf die Schultern gehoben, um sie ins Schloss zu tragen. Minutenlang hatten Hermines Sicherheitsauroren alle Hände voll zu tun, um ihre Chefin vor dem Erdrücktwerden zu bewahren.

McGonagall ließ die Gryffindors lächelnd gewähren, sie gönnte ihrer einstigen Musterschülerin den Triumph. Als der Tumult nach einer gefühlten Ewigkeit endlich ein wenig abebbte, tippte sie sich mit dem Zauberstab an die Kehle, um ihre Stimme zu verstärken und die Schüler zur Ordnung zu rufen. Einer nach dem anderen kehrte an seinen Platz zurück, und Hermine konnte ihren Weg fortsetzen. Sie erreichte den Slytherin-Block.

Selbst ein Außenstehender konnte die beiden unsichtbaren Linien nicht übersehen, deren eine die Slytherins von den anderen Häusern trennte, während die andere sich mitten durch Slytherin selbst zog und es in zwei Lager spaltete. Hier gab es weder Zurufe noch ausgestreckte Hände; während aber die Schüler in den beiden vorderen Reihen der Ministerin zumindest freundlich, wenn auch teils etwas verlegen, zulächelten, höflich applaudierten und sich überhaupt redlich bemühten, den Kontrast wenigstens zu ihrem Empfang durch die Ravenclaws und Hufflepuffs nicht allzu schroff ausfallen zu lassen, waren die drei Reihen hinter ihnen eine Wand aus Eis. Hier standen Roys und Julians Freunde und Anhänger, viele mit verschränkten Armen und alle, Mädchen wie Jungs, mit steinernen Mienen. Hermines Züge verfinsterten sich. Vom „neuen“ Slytherin hatte man ihr Anderes berichtet, aber sie bewahrte Haltung und zog ihrerseits eine frostige Miene, als sie an ihnen vorbeischritt.

Der einzige Slytherin, der sich wirklich freute, sie zu sehen, war Albus. Er hüpfte auf und ab und schwenkte beide Arme wild winkend über dem Kopf, als befürchtete er, sie könne ihn übersehen. Es war ihm völlig egal, was die anderen Slytherins davon hielten, hier kam seine Hermine, und er strahlte ihr glücklich entgegen. Hermine sah ihn, lächelte, zwinkerte ihm mit einem Auge zu – und schritt vorüber.

Albus hielt abrupt in seinem Begrüßungstanz inne. Was war das denn? Er sah ihr fassungslos nach. Was hatte er erwartet? Dass sie ihn knuddeln würde?

Ja, eigentlich hatte er genau das erwartet, sie hatte schließlich auch seinen Bruder umarmt, ohne sich um die Etikette zu scheren. Was war der Unterschied?

Der Unterschied ist, dass ich ein Slytherin bin.

Albus sah, wie McGonagall die Ministerin zu den Lehrern führte, die sich vor dem Schlossportal versammelt hatten, und ihr diejenigen vorstellte, die sie noch nicht persönlich kannte. Hermine schüttelte ihnen der Reihe nach die Hand, bis sie zu Neville Longbottom kam. Den sie spontan umarmte.

In diesem Moment wünschte sich Albus, ganz weit weg und vor allem allein zu sein. Neben ihm in der ersten Reihe stand Scorpius, der zu den Applaudierenden gehört hatte, denn sein Vater hatte ihm mit seiner letzten Eule eingeschärft, sich der Ministerin gegenüber gut zu benehmen, außerdem war er gern mit Albus zusammen. Als Scorpius ihn kurz ansah, nur um den Blick dann sofort taktvoll wieder abzuwenden, wusste Albus, dass er sich zusammennehmen musste. Er atmete ein paarmal tief durch und versuchte, so gut es ging, eine Art Pokerface aufzusetzen.

Nun war Hermine bei den Schulsprechern und Vertrauensschülern angelangt, die von McGonagall mit Namen, aber ohne Nennung der Häuser vorgestellt wurden. Victoire hieß sie nach französischer Art mit Küsschen links und Küsschen rechts willkommen, die übrigen gaben ihr die Hand, einige der Jungen verbeugten sich, Patricia versuchte sich sogar an einem Knicks. Als Letzter kam Roy an die Reihe. Während er der Ministerin die Hand reichte, sah er ihr mit einer Art wachsamer Neugier ins Gesicht, die man leicht als Sympathie missdeuten konnte, aber nicht musste. Hermines Brauen zogen sich fast unmerklich zusammen, sie blickte auch ihn forschend an, dann lösten sich ihre Hände voneinander, und Hermine schritt mit McGonagall zum Portal.

Die Schüler hatten ihre Reihen inzwischen aufgelöst. Sie warteten, bis die Ministerin und ihre Entourage im Schloss verschwunden waren, und gingen dann langsam hinterher. Sie wussten, dass im Schloss ein kleiner Empfang zu Ehren der Ministerin gegeben wurde und bis zu ihrer Rede noch etwas Zeit blieb.

 

Knapp zwanzig Minuten später war die Große Halle bereits gut gefüllt. Die Lehrer saßen an ihrem üblichen Quertisch am Kopf des Saals, die Haustische aber waren weggeräumt und durch Stuhlreihen ersetzt worden. Die ersten beiden waren für hohe Ministerialbeamte, hochrangige Mitglieder des Zaubergamots und Diplomaten ausländischer Zaubererstaaten reserviert, Teile der zweiten Reihe außerdem für Schulsprecher und Vertrauensschüler. Die Presse hatte eigene Tische links und rechts entlang der Wände. Ab Reihe 3 sollten die Schüler sitzen. Ihnen war es freigestellt worden, ob sie der Rede beiwohnen wollten oder nicht. Von den Hufflepuffs und Ravenclaws waren überwiegend ältere Schüler im Saal, aber die Gryffindors waren vollzählig anwesend; für sie war es Ehrensache, der großen Rede ihres Stars zu lauschen, und sie waren vorsorglich so früh wie möglich gekommen, um ihrer Ministerin ein wohlwollendes Publikum in den vorderen Reihen zu sichern.

Die Slytherins, wenngleich etwas weiter hinten sitzend, waren ebenfalls stark vertreten. Auch sie hatten ihren Star, und Roy hatte angekündigt, der Ministerin einen Kampf zu liefern. Während bei den Gryffindors gelöste Fröhlichkeit herrschte, war die Vorfreude der Slytherins anderer Art: Sie glich dem erwartungsvollen Prickeln vor einem pokalentscheidenden Quidditch-Match. Bei seinen Lehrern war Roy ein gefürchteter Debattierer, aber ob er es mit einer leibhaftigen Ministerin von legendärer Intelligenz aufnehmen konnte?

Als Roy als einer letzten Slytherins die Halle betrat, standen einige seiner Hauskameraden noch einmal auf, um ihm aufmunternd auf die Schulter zu klopfen. Albus hatte zusammen mit Scorpius in der Mitte einer der hinteren Reihen Platz genommen und konnte daher nicht verstehen, was sie ihm zuraunten, aber ihre Gesten sagten unzweideutig: „Gib’s ihr!“

Scorpius stupste ihn von der Seite an: „Welche Laus ist dir eigentlich vorhin über die Leber gelaufen? Du hast ausgesehen wie nach einem verregneten Strandurlaub.“

„Hast du nicht gesehen, wie sie mich begrüßt hat?“, knurrte Albus.

„Klar hab ich. Sie hat dich angelächelt und dir zugezwinkert.“

„Meinen Bruder hat sie aber umarmt.“

„Wie, und deswegen ziehst du so eine Flunsch?“

„Ist doch Grund genug, oder? Nur weil ich ein Slytherin bin, schneiden mich alle meine Verwandten hier. Und jetzt auch noch sie!“

„Uiuiui, bist du aber empfindlich! Was hätte sie denn tun sollen? Die Gryffindors haben sie wie Freunde empfangen, da konnte sie aus sich herausgehen, ohne dass es komisch aussah. Aber bei uns? Mann, da musste sie doch ihr Ministergesicht aufsetzen! Aber zugezwinkert hat sie dir trotzdem! Damit hat sie gesagt ‚Wir verstehen uns doch‘. Und ganz ehrlich: Das kann man auch verstehen, und du solltest es auf jeden Fall verstehen. Also dafür, dass sie deine beste Freundin ist, wie du sagst, bist du ganz schön unfair zu ihr!“

Albus war rot geworden. Jetzt, wo Scorpius es sagte, leuchtete es ihm vollkommen ein. Wie konnte er nur so eine Mimose sein!

„Du hast recht, es war kindisch. Richtig blöd. Danke für die Predigt.“

„Gern geschehen“, grinste Scorpius.

Roy nahm als letzter Vertrauensschüler in der zweiten Reihe neben Patricia Platz. Da auch die Lehrer, mit Ausnahme McGonagalls, und die Honoratioren bereits saßen, wartete alles nur noch auf die Rednerin.

Das Blitzlichtgewitter, das jäh an der Saaltür einsetzte, kündigte sie an, bevor sie an der Seite McGonagalls die Halle betrat. Die Zuhörer erhoben sich, auch die Slytherins, von denen die meisten aber nicht klatschten, während alle anderen applaudierten und von vorn wieder der Jubel der Gryffindors zu hören war.

Hermine, fröhlich und aufgekratzt mit McGonagall plaudernd, schritt nach vorn. Solche Auftritte liebte sie, denn sie war eine hervorragende Rednerin und wusste es, und hier in Hogwarts würde sie ein Heimspiel haben. Auch wenn die meisten ihrer Reden auf Entwürfen ihrer Beamten beruhten, pflegte sie sie doch selbst zu überarbeiten, bis sie ihrem unverwechselbaren Stil entsprachen.

Sie setzte sich auf den für sie reservierten Platz in der ersten Reihe neben Dagobert Higrave, um McGonagall die Gelegenheit zu ein paar einleitenden Begrüßungsworten zu geben. Die Schulleiterin machte es kurz, hieß die Anwesenden willkommen, wobei sie insbesondere den Diplomaten und Honoratioren ein paar freundliche Worte widmete, überließ dann der Ministerin mit einer einladenden Geste das Rednerpult und nahm ihren Platz am Lehrertisch ein.

Diesmal brandete kein Applaus auf. In der gespannten Stille war nur das Klacken von Hermines Pfennigabsätzen zu vernehmen, als sie nach vorn trat, um das Pult in Besitz zu nehmen. Einen Moment lang ließ sie den Blick über das Publikum schweifen.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, verehrte Frau Professor McGonagall, liebe Lehrer und vor allem: liebe Schüler!

Es bedeutet mir sehr viel, heute bei Ihnen sein und hier in Hogwarts sprechen zu können, der Schule, die mir, wie Ihnen allen, Heimat ist. Fast zwanzig Jahre bin ich nicht mehr hier gewesen, aber als Sie mir heute Morgen diesen überwältigenden Empfang bereiteten, war mir, als wäre ich nie fortgewesen. Für mich bedeutet der heutige Tag eine Heimkehr.“

Warmer Beifall antwortete ihr, und in manchen Augen glitzerten sogar Tränen, denn jeder spürte, dass diese Worte aufrichtig von Herzen kamen. Selbst Roys prüfend-distanzierte Miene wich einem gewissen Erstaunen, sogar ihn hatte sie mit ihren schlichten Worten berührt. Dann fiel ihm ein, wen er eigentlich vor sich hatte. Verdammt, die versteht es aber wirklich, ihr Publikum einzuwickeln!

Hermine ließ den Beifall geduldig verklingen und fuhr fort:

„Besonders freue ich mich, Hogwarts wieder in seiner früheren Pracht vorzufinden. Als ich das letzte Mal hier war, war das Schloss übersät von den Wunden und Narben der Schlacht, die die Zauberergemeinschaft gegen ihre Todfeinde führen musste.“

Roy brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass bei etlichen Slytherins Fäuste sich ballten und Stirnadern anschwollen. Besagte Todfeinde waren ihre Eltern und Großeltern – oder waren es gewesen, denn viele von ihnen waren in der Schlacht gefallen.

Und nun müssen ihre Enkel sich anhören, sie hätten eigentlich gar nicht zur Zauberergemeinschaft gehört, schoss es ihm durch den Kopf. Eben hat Hermie noch das große „Wir“ beschworen und alle gepackt, jetzt macht sie klar, wen sie gar nicht packen WILL, wer NICHT zum großen WIR gehört. Hoffentlich können Julian und die Anderen unsere Leute ruhig halten.

„Dabei waren die materiellen Schäden noch das geringste Übel. Zerstörte Gebäude kann man wiederaufbauen. Niemand aber kann uns unsere Toten wiedergeben. Um ihr Opfer zu ehren und ihrem Andenken gerecht zu werden, …“

…darfst du sie nicht für deine schmutzigen politischen Manöver missbrauchen, du verlogene Bestie…

…dürfen wir nicht zulassen, dass sie umsonst gestorben sind. Ich freue mich, an diesem geschichtsträchtigen Ort, dem Schauplatz ihres Martyriums, ankündigen zu dürfen, dass das Ministerium den 2. Mai, den Jahrestag der Schlacht um Hogwarts, als Siegestag zum nationalen Feiertag erklären wird. Er wird erstmals im kommenden Jahr zum zwanzigsten Jahrestag der Schlacht in einer feierlichen Zeremonie begangen, und zwar hier in Hogwarts in Anwesenheit aller Schüler und Lehrer dieser wunderbaren Schule.“

Und wer nicht teilnimmt, kommt nach Askaban.

Aus den Reihen der Slytherins drang vereinzeltes Stöhnen.

In diesem Moment schwebte ein Pergamentkügelchen von hinten links an Roys Kopf vorbei, machte eine kleine Rechtskurve, blieb einen Moment vor seinen Augen in der Luft stehen und plumpste dann auf seinen Schoß. Es konnte nur von Julian sein. Roy knitterte den Zettel auseinander und las: STOPF IHR DAS MAUL!!! Er drehte den Zettel um, fuhr mit seinem Zauberstab über die Rückseite, auf der die Sätze YEP, ABER ERST IN DER DISKUSSION! HALTET BIS DAHIN STILL! erschienen, knüllte den Wisch wieder zur Kugel und schickte ihn zurück.

„Die Erinnerung an die Vergangenheit ist aber nur die eine Seite der Medaille, deren andere die Gestaltung der Zukunft ist. Wir alle müssen uns fragen, welche unserer ehrwürdigen Traditionen Fehlentwicklungen Vorschub geleistet haben, die einen Voldemort erst möglich machten. Der Tradition um der Tradition willen muss eine Absage erteilt werden. Was wir brauchen, ist ein Gleichgewicht zwischen Altem und Neuem, zwischen Dauer und Wandel, zwischen Tradition und Innovation. Viele unserer alten Bräuche sind bewahrenswert, aber andere, veraltet und überholt, werden wir aufgeben müssen. Gestalten wir also gemeinsam eine neue Ära der Offenheit, der Effizienz und der Verantwortlichkeit. Bewahren wir, was bewahrenswert ist, vervollkommnen wir, was vervollkommnet werden muss, aber schrecken wir auch nicht vor Säuberungen zurück, wo wir Verhaltensweisen finden, die verboten gehören.“

Säuberungen! Roy schrak zusammen.

McGonagall hatte ihre Falkenmiene aufgesetzt und blickte zur Decke. Sie schien über irgendetwas nachzugrübeln.

„Jahrhundertelang hat sich die magische Welt gegen die Welt der nichtmagisch befähigten Menschen feindselig abgegrenzt. Jahrhundertelang galt es als ausgemacht, dass von nichtmagisch befähigten Menschen nur Dummes, Schlechtes und Schädliches kommen könne. Gewiss gab es einst gute Gründe, die beiden Welten zu trennen, um die Konflikte zu entschärfen, die das ganze Mittelalter beherrscht hatten. Gewiss wird niemand diese Trennung leichtfertig aufheben, aber…“

Jetzt wird’s spannend.

… war nicht genau dieses unablässige Schmoren im eigenen Saft, die selbstgefällige Freude an der eigenen Vortrefflichkeit, die bornierte Geringschätzung der Fähigkeiten und Errungenschaften der nichtmagisch befähigten Menschen…“

Wieso sagt sie nicht „Muggel„?

…der Boden, auf dem die Saat der Todesser aufgehen konnte? Und sind diese Einstellungen, die niemals Tugenden waren, nicht mindestens unzeitgemäß? Verbauen wir uns durch sie nicht die Möglichkeit, von den nichtmagisch befähigten Menschen zu lernen? Und spricht irgendein vernünftiger Grund dagegen, sie ihrerseits an unseren Errungenschaften teilhaben zu lassen?“

Einer? Tausende!

Nehmen wir nur einmal an, der Hogwarts-Express wäre ein moderner Hochgeschwindigkeitszug: Die Fahrzeit von London aus würde sich um zwei Drittel verkürzen. Nehmen wir an, wir könnten per E-Mail kommunizieren: Nachrichten könnten in Echtzeit übermittelt werden, …“

…und das Zaubereiministerium könnte sie mitlesen…

…statt stunden- und tagelang mit Eulen unterwegs zu sein, die nicht immer ankommen. Aber umgekehrt haben auch Hexen und Zauberer den nichtmagisch befähigten Menschen viel zu bieten, denken wir nur…“

…an das herrliche Schauspiel brennender Hexen auf Scheiterhaufen…

…an den landwirtschaftlichen Bereich: Jedes Jahr erleidet die Landwirtschaft der nichtmagisch befähigten Menschen Milliardenverluste aufgrund von Wetterunbilden, derer ihre Wissenschaftler nicht Herr werden. Wie viel einfacher hätten sie es mit einem Wetterzauber!“

Und erst die Geheimdienste der Muggelstaaten und ihre Folterwissenschaftler. Wieviel einfacher hätten sie es mit dem Cruciatusfluch!

Die Ministerin hielt inne, um einen Schluck Wasser zu trinken, und zählte eine ganze Reihe weiterer Gebiete auf, auf denen Magier und Muggel ihre Fähigkeiten vereinen könnten, um dann fortzufahren:

„Wie gesagt: Niemand hat die Absicht, eine Mauer einzureißen, die durchaus auch ihren Sinn und Zweck hat. Niemand hat die Absicht, die Geheimhaltung der magischen gegenüber der nichtmagischen Welt aufzuheben. Dies stets vorausgesetzt, gilt aber auch: Wo Kooperation zum beiderseitigen Vorteil möglich ist, sollte man sich nicht durch Ängstlichkeit hemmen lassen. Wer so viel zu bieten hat wie wir, kann selbstbewusst eine neue Ära der – begrenzten – Kooperation und wechselseitigen Bereicherung angehen und hat keinen Grund, sich vor ihr zu fürchten. Ich habe mit Jonathan Wildfellow, dem Premierminister der Nichtmagier, in den vergangenen Monaten viel über dieses Thema diskutiert und freue mich, in ihm einen aufgeschlossenen Gesprächspartner gefunden zu haben. Das erste konkrete Ergebnis dieses Austauschs besteht darin, …“

…seinen Sohn Bernie als Versuchskaninchen zu missbrauchen…

…dass eine ausgewählte, streng zur Geheimhaltung verpflichtete Elite nichtmagisch befähigter Wissenschaftler mit Zauberern unseres Ministeriums an der Entwicklung eines Imperiusdetektors arbeitet, der technische und magische Errungenschaften und Erkenntnisse in sich vereint. Wie wir alle wissen, hat der Imperiusfluch die magische Strafverfolgung in den letzten Jahrzehnten immer wieder behindert. Allzu leicht konnten Verbrecher sich darauf berufen, ihre Taten unter dem Einfluss des Imperiusfluchs begangen zu haben und daher nicht für sie verantwortlich zu sein. Ich freue mich bekanntgeben zu können, dass der Prototyp des Detektors kurz vor der Fertigstellung steht.“

Roy starrte sie entgeistert an. Ein Großteil des Publikums jedoch nahm diese Ankündigung mit warmem Beifall auf.

„Sollte dieses Pilotprojekt erfolgreich sein, und ich zweifle nicht daran, so werden weitere Projekte folgen, selbstverständlich unter höchster Geheimhaltung gegenüber den nichtmagisch befähigten Menschen. Eines muss freilich festgehalten werden: Auch eine begrenzte Zusammenarbeit, auch die Kooperation mit zahlenmäßig kleinen Eliten setzt auf unserer Seite ein tiefgreifendes Umdenken voraus, sie erfordert Offenheit, Toleranz und Respekt. Vor diesem Hintergrund ist auch der letztjährige Erlass zur Bekämpfung diskriminierender Verhaltensweisen in öffentlichen Einrichtungen zu verstehen. Ich habe mir die Entscheidung, diese Verordnung auch auf Hogwarts auszudehnen, nicht leichtgemacht, denn die Autonomie von Hogwarts ist ein hohes Gut, das nicht grundsätzlich angetastet werden soll. Sie steht aber im Einklang mit unseren Traditionen. Das Zaubereiministerium hat der Erziehung junger Hexen und Zauberer stets überragende Bedeutung beigemessen. Es hätte geradezu seine Pflichten vernachlässigt, wenn es in dieser strategisch entscheidenden Frage nicht energische, richtungsweisende Maßnahmen ergriffen hätte.“

Roys und McGonagalls Blicke trafen sich. Die Professorin wirkte nachdenklich.

„Ich bekenne mich auch dazu, gerade in diesem Punkt, der Bekämpfung von Hassrede und diskriminierender Sprache, wichtige Anregungen von der Gesetzgebung nichtmagischer Staaten empfangen zu haben. Von Gesetzen, die in der nichtmagischen Welt zu einem bedeutenden moralischen Aufschwung geführt haben.“

An dieser Stelle konnte Roy sich ein Glucksen nicht verkneifen. Er kehrte jeden Sommer in die Muggelwelt zurück und wusste daher ungefähr, was die Ministerin sich unter einem „bedeutenden moralischen Aufschwung“ vorstellte. Die Ministerin ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

„Selbstverständlich sind wir uns im Ministerium darüber im Klaren, dass Fortschritte stets auch auf Widerstände stoßen“, sagte sie, und ihre Stimme wurde eisig. „Dass es Menschen gibt, die geistig unbeweglich und in alten Vorurteilen befangen sind, auch solche, die wegen ihres blanken Hasses auf alle Nichtmagier versuchen werden, das Rad der Geschichte umzukehren und in eine glücklicherweise und unter blutigen Opfern überwundene Vergangenheit zurückzukehren. Sie alle sollen wissen: Euer Hass ist unser Ansporn, und wer immer mit dem Gedanken spielt, das Erbe der Todesser anzutreten, wird die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Ich danke Ihnen.“

Während ein Großteil des Publikums ihr stehende Ovationen darbrachte, die Gryffindors in frenetischen Jubel ausbrachen, die meisten Slytherins aber wie erstarrt auf ihren Stühlen verharrten, warf Roy Professor McGonagall einen fragenden Blick zu. Na, was habe ich gesagt? McGonagall kniff die Lippen zusammen.

Die Ministerin ließ den Beifall tosen, der immer wieder in ein rhythmisches Klatschen überging, um dann zum Klang donnernder Brandung zurückzukehren. Immer, wenn er abzuebben drohte, halfen die Gryffindors ihm mit einem neuen Jubelorkan und „Hermine, Hermine„-Sprechchören nach. Die Ministerin lächelte voll Genugtuung. Die hymnischen Pressekommentare, die sie sich von diesem Auftritt versprochen hatte, waren ihr jetzt sicher, begleitet von Fotos, die sie als eine Art weiblichen Messias darstellten, als Lichtgestalt inmitten wogender Begeisterung. Dass viele Slytherins keine Hand rührten und wie versteinert dasaßen, fiel überhaupt nicht auf. Sie saßen zu weit hinten.

Roy war ebenfalls sitzen geblieben und ertrug Hermines nicht enden wollenden Triumph mit stoischer Miene. Da er von lauter Stehenden umgeben war, merkte das keiner. Immerhin hatte er auf diese Weise Zeit, sich seinen Schlachtplan zurechtzulegen und seinen Zorn zu zügeln.

Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis McGonagall sich erhob, die Menge mit beschwichtigenden Handbewegungen zur Ruhe mahnte, den Zauberstab an ihre Kehle führte und ihre Stimme verstärkte:

„Vielen Dank, Frau Ministerin, das war eine sehr… aufschlussreiche Rede, von der man zweifellos noch lange sprechen wird.“ Wieder erhob sich Jubel, wieder mahnte McGonagall zur Ruhe. „Sie haben dankenswerterweise angekündigt, mit den Schülern zu diskutieren, und ich bin sicher, dass es“ – sie sah zu Roy, der grinste – „hohen Diskussionsbedarf gibt. Frau Ministerin, liebe Schüler, die Diskussion ist eröffnet.“

Hermine dankte ihr mit einem freundlichen Nicken und erteilte der ersten Schülerin das Wort. Es war Patricia. Roy lehnte sich zufrieden zurück. Aus dem Unterricht kannte er Patricias Neigung, sich durch Übereifer wichtig zu machen, und er bezweifelte nicht, dass sie die Gelegenheit nutzen würde, gegenüber der Ministerin und ihrem eigenen Großvater ausgiebig zu glänzen. Je länger das Gespräch war, auf das die Ministerin sich mit ihr einließ, desto besser, denn desto schwerer würde es ihr fallen, die Debatte mit ihm selbst abzuwürgen, auch wenn sie sich in eine für sie unerfreuliche Richtung entwickeln sollte.

Patricia übertraf seine kühnsten Erwartungen. Sie schleimte sich derart ein, dass sogar die Gryffindors sich für sie fremdschämten, und schaffte es in der Tat, das Gespräch mit der Ministerin fast zehn Minuten lang in Gang zu halten. Als allmählich Unruhe aufkam, las Roy in Hermines Gesicht, dass sie nun genervt genug war, dem Erstbesten das Wort zu erteilen, der sich erhob, und das tat er.

Hermine nickte ihm zu, beendete noch ihre letzte Antwort an Patricia und erteilte ihm dann mit einer Geste das Wort.

Unversehens herrschte angespannte Stille im Saal.

„Frau Ministerin“, hob Roy an, „Sie haben in Ihrer bemerkenswerten Rede kein einziges Mal den Ausdruck ‚Muggel‘ gebraucht, sondern durchweg von ‚nichtmagisch befähigten Menschen‘ gesprochen. Warum?“

„Nun, ich glaube nicht, dass es noch zeitgemäß ist, nichtmagisch befähigte Menschen mit einem Wort zu titulieren, das sie lächerlich macht, herabsetzt und diskriminiert.“

„Müssen wir also davon ausgehen, dass das Wort ‚Muggel‘ in absehbarer Zeit auf der Liste der verbotenen Ausdrücke stehen wird?“

„Davon können Sie in der Tat ausgehen, und ich kann nur an alle Anwesenden appellieren, das Wort jetzt schon aus ihrem Vokabular zu streichen.“

Erstauntes Gemurmel im Saal. So hatten die meisten sich den verheißenen moralischen Aufschwung wohl nicht vorgestellt.

„Und das Fach ‚Muggelkunde‘ heißt dann ‚Nichtmagischbefähigtemenschenkunde‘?“

Gelächter kam auf. Sogar die Ministerin schmunzelte. „Ich bin zuversichtlich, dass wir eine kürzere Bezeichnung finden werden.“

„Ich frage mich, Frau Ministerin“, bohrte Roy weiter, „wie die Muggel sich diskriminiert oder herabgesetzt fühlen sollen, da sie doch zu unserer Welt keinen Zutritt haben und nicht einmal von ihrer Existenz etwas ahnen, und Sie selbst haben mehrfach betont, dass es dabei auch bleiben soll.“

„Ich habe aber auch gesagt“, replizierte die Ministerin kühl, „dass einige wenige diesen Zutritt sehr wohl bekommen sollen.“

„Ja, Sie sprachen von kleinen Eliten, die ihrerseits nur Kontakt zu kleinen Eliten des Zaubereiministeriums bekommen sollen. Sie aber wollen der gesamten Zaubererwelt, und eben nicht nur kleinen Eliten, ihre Sprache von Amts wegen vorschreiben. Sie versprechen, die Grenzen zwischen magischer und Muggelwelt grundsätzlich aufrechtzuerhalten, treffen aber Entscheidungen, die keinen Sinn ergeben, wenn dies tatsächlich geschieht.“

„Es handelt sich eben nicht nur darum, die Gefühle nichtmagisch befähigter Menschen nicht zu verletzen, sondern darum, eine grundsätzliche moralische Wende in der Zaubererwelt selbst herbeizuführen: weg von der tradierten Arroganz, hin zu Offenheit, Wertschätzung und Toleranz. Es handelt sich um ein moralisches Gebot, nicht einfach eine praktische Frage.“

„Ich verstehe: Wir sollen mit den Muggeln zwar auch weiterhin nichts zu tun haben, aber wertschätzen sollen wir sie trotzdem, weil es zwar keinen praktischen Nutzen hat, aber ein Gebot der Moral ist, und wenn wir diese Moral nicht von selbst haben, hilft das Ministerium uns mit Strafmaßnahmen auf die Sprünge.“

Wieder erhob sich Gemurmel im Saal. Einige ältere Honoratioren in der ersten Reihe drehten sich durchaus wohlwollend nach dem jungen Mann um, der eine so kesse Lippe führte. Vielleicht ein wenig überkritisch, nun ja, aber unsereiner war ja auch mal jung…

Hermine wäre jetzt gern aus der Diskussion ausgestiegen, spürte aber, dass dies auf die Zuhörer einen schlechten Eindruck gemacht hätte. Roy ergriff wieder das Wort:

„Allerdings haben Sie, Frau Ministerin, vor allem doch den praktischen Nutzen einer solchen Zusammenarbeit hervorgehoben und in diesem Zusammenhang die Möglichkeit erwähnt, den bisherigen Hogwarts-Express durch einen modernen Hochgeschwindigkeitszug zu ersetzen. Darf ich fragen, Frau Ministerin, wie Sie allein die Elektrifizierung und Begradigung der Strecke bewältigen und die hochkomplexen elektronischen Systeme eines solchen modernen Zuges beherrschen wollen, ohne auf die Hilfe einiger tausend hochqualifizierter Muggel-Ingenieure zurückzugreifen, die dann natürlich eingeweiht werden müssten?“

Mit dieser Frage hatte Roy sie zwar kalt erwischt, aber eine Hermine Granger-Weasley ließ sich so leicht nicht aus dem Sattel heben. Sie nutzte die Zeit, bis das anhebende Gemurmel verklungen war, um sich ihre Antwort zurechtzulegen:

„Wir brauchen den Zug nicht selbst zu betreiben. Wir warten, bis die Nichtmagier ihr Streckennetz entsprechend modernisiert haben, dann können wir für die Schüler ein paarmal jährlich einen Zug chartern, genau wie jede nichtmagische Organisation es auch kann, ohne irgendjemanden einzuweihen. Vom nächstgelegenen größeren Bahnhof aus kann man das letzte Teilstück dann mit magischen Transportmitteln zurücklegen.“

Der Punkt ging an Hermine. Roy setzte nach:

„Sie haben die bevorstehende Fertigstellung eines technischen Imperiusdetektors angekündigt. Darf ich fragen, ob dieser Detektor die Wirkung des Imperiusfluchs auch nachträglich nachweisen kann?“

Die Ministerin runzelte die Stirn. „Nein, natürlich nicht!“

„Worin liegt dann der praktische Vorteil eines solchen Geräts im Vergleich zu den Imperius-Aufspürzaubern, die von unseren Auroren schon seit Jahrhunderten mit großem Erfolg eingesetzt werden?“

„Solche Aufspürzauber sind aufwendig und vieler Hinsicht nicht unproblematisch und können nur von speziell ausgebildeten Auroren benutzt werden. Der Detektor ermöglicht das Aufspüren auf wesentlich breiterer Front.“

„Mit Verlaub, Frau Ministerin, wir haben keine breite Front, dafür aber allemal genügend Auroren für unsere überschaubare magische Welt. Bedarf an einem solchen Gerät hätte allenfalls die Muggeljustiz, dies aber nur unter der Voraussetzung, dass die Muggel über die Existenz der magischen Welt und ihrer Möglichkeiten einschließlich des Imperiusfluchs informiert werden. Einer Voraussetzung, die Sie explizit ausgeschlossen haben.“

In der Großen Halle machte sich noch größere Unruhe breit. Die selbstschreibenden Federn der Journalisten flogen nur so übers Pergament. Hermine spürte, dass es enger für sie wurde, war aber fest entschlossen, sich nicht – und schon gar nicht von einem Sechzehnjährigen – zur Preisgabe von Plänen zwingen zu lassen, zu deren Offenlegung die Zeit noch nicht reif war.

„Junger Mann“, erwiderte sie herablassend, „Sie überschätzen sich, wenn Sie glauben, den Ausstattungsbedarf der Magischen Strafverfolgung abschätzen zu können. Dazu fehlt Ihnen einfach der Überblick.“ Keine sehr starke Antwort, zur Gesichtswahrung aber allemal ausreichend.

„Gut“, lenkte Roy scheinbar ein, um sogleich die nächste Attacke aus einer anderen Richtung einzuleiten: „Ich möchte etwas grundsätzlicher fragen: Sie haben den potenziellen Nutzen und die denkbare wechselseitige Ergänzung der Fähigkeiten magischer und nichtmagischer Menschen hervorgehoben. Was veranlasst Sie eigentlich zu diesem Optimismus, wo doch die historischen Erfahrungen, ich nenne nur die mittelalterlichen Verfolgungen von Hexen und Zauberern, zeigen, dass Magier und Muggel dazu tendieren, miteinander in Konflikt zu geraten, wenn sie in derselben Gesellschaft zusammenleben, und dass dies bei einem Kräfteverhältnis von 2000 zu 1 gegen uns möglicherweise noch katastrophaler enden würde als im Mittelalter?“

„Erstens leben wir nicht mehr im Mittelalter“, sagte Hermine, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, „und zweitens hatten die damaligen Verfolgungen etwas damit zu tun, dass sehr viele Hexen und Zauberer ihre Fähigkeiten für Schadenzauber gegen nichtmagisch befähigte Menschen missbrauchten. Heute dagegen hat das Zaubereiministerium die Mittel, Schadenzauber, Schwarze Magie und ähnliche Praktiken zu unterbinden, und zwar flächendeckend.“

„Haben Sie denn vor, diese Mittel einzusetzen?“, fragte er und versuchte, so harmlos wie möglich zu klingen. Wenn sie jetzt „Ja“ sagt, schoss es ihm durch den Kopf und sein Herz pochte rasend, kann sie nichts mehr dementieren, dann ist die Katze aus dem Sack.

Die Ministerin setzte zu einem Nicken an, öffnete den Mund – da geschah etwas Merkwürdiges. Urplötzlich schienen ihre Augen dunkler zu werden, und ihre Miene wechselte zu einem Ausdruck, der Roy erschauern und unwillkürlich einen Schritt zurückweichen ließ. Das war nicht mehr Zorn, es war kalter Hass, der in pulsierenden Wellen von ihr auszugehen schien und den Roy körperlich zu spüren glaubte. In Roy dagegen regte sich die Wut wieder, die er so mühsam zurückgedrängt hatte. Beherrsch dich! Hau drauf, aber beherrsch dich!

Das Phänomen verschwand so schnell wieder, wie es gekommen war. Hermine gewann die Kontrolle über ihre Miene zurück und machte sie wieder hochmütig, jedoch nicht ohne den eigentümlichen Zug von Hass zu behalten.

„Wir werden es nicht nötig haben, diese Mittel einzusetzen!“, antwortete sie und klang dabei fast zickig.

Sie ließ den Blick schnell über die Gryffindors schweifen. Stand denn keiner auf und gab ihr Gelegenheit, ihm das Wort zu erteilen, um den Kerl elegant zum Schweigen zu bringen? Die Gryffindors aber verfolgten das Duell wie alle anderen Anwesenden mit angehaltenem Atem. Außerdem himmelten sie Hermine viel zu sehr an, um auf die Idee zu kommen, ihr Star brauche womöglich Unterstützung.

Roy setzte erneut zum Angriff an, wieder aus einer anderen Richtung:

„Sie haben den 2. Mai zum Feiertag erklärt und alle Hogwarts-Schüler verpflichtet, die Toten der Verteidiger zu ehren.“ Die Slytherins spitzten die Ohren. „Ihnen ist zweifellos bekannt, dass etliche Schüler Angehörige haben, die auf der Gegenseite gekämpft haben und von denen ebenfalls viele gefallen sind?“

„Dann haben sie jetzt die Gelegenheit, sich von dem Gedankengut ihrer Todesserfamilien rückhaltlos und feierlich zu distanzieren.“

„Damit haben Sie, Frau Ministerin, mit dankenswerter Offenheit ausgesprochen, dass Sie eine eventuelle Nicht-Teilnahme als Stellungnahme zu Gunsten der Ziele der Todesser werten.“

„Und wenn?“, fragte Hermine schnippisch und achselzuckend. „Sie haben doch die Wahl oder nicht?“

„Sie haben die Wahl“, bestätigte Roy und sprach nun lauter: „Aber nur die Wahl zwischen zwei Bekenntnissen, von denen sie weder das eine noch das andere ablegen wollen. Wer nicht als Staatsfeind verdächtigt werden will, muss seinen Großeltern aufs Grab spucken. Sie haben nicht das Recht, sie vor eine solche Wahl zu stellen!“

Die Slytherins sprangen auf. Ihr aufgestauter Zorn entlud sich schlagartig in frenetischem Jubel. Endlich sagte es einer!

Hermine wartete ungerührt ab, bis sie sich wieder beruhigt und gesetzt hatten und sagte dann:

„Sie überschätzen sich schon wieder, junger Mann. Ich weiß wohl besser als Sie, welche Rechte das Ministerium hat.“

„Ja?“, fragte Roy, machte eine Kunstpause und fuhr betont freundlich fort: „Frau Ministerin, könnte es sein, dass Sie Macht mit Recht verwechseln?“

Einige Mitglieder des Zaubergamots und hohe Ministerialbeamte taten sich sichtlich schwer, ein süffisantes Grinsen zu unterdrücken. Von den Slytherins erhielt Roy wieder rauschenden Beifall. Er fuhr fort:

„Sie haben gesagt, Magier und Muggel hätten viel voneinander zu lernen. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass sie ausgerechnet das Gute und nicht etwa das Schlechte voneinander lernen?“

„Nun“, versetzte die Ministerin kühl, „es zwingt uns doch niemand, das Schlechte von ihnen zu lernen, oder?“

„Doch, es gibt jemanden, der uns dazu zwingt: Sie!“

Empörtes Gemurmel, Zurufe von den Gryffindors, Jubel von den Slytherins. Die Honoratioren runzelten indigniert die Stirn: Jetzt geht er aber doch zu weit.

„Ach ja?“ Ihre Stimme wurde hämisch. „Was habe ich denn so Schlechtes gelernt, junger Mann?“

„Sie haben zum Beispiel von den übelsten Diktaturen der Muggelwelt gelernt, Termine anzusetzen, zu denen jeder Bürger ein politisches Bekenntnis ablegen muss, bei den Muggeln zum Beispiel, indem er an einem solchen Tag – je nach Staat dem 1. Mai, dem 20. April und so weiter – eine Fahne aus dem Fenster hängen musste. Und wer es nicht tat, wurde als Staatsfeind betrachtet. Also ziemlich genau das, was Sie mit dem 2. Mai vorhaben.“

Roy sprach jetzt lauter, um die Buhrufe der Gryffindors zu übertönen.

„Und was die Gesetze gegen sogenannte Hassrede angeht: Die Muggelstaaten, auf deren Vorbild Sie sich ausdrücklich berufen, haben diese Gesetze nicht aus moralischen Gründen eingeführt, sondern weil sie durch Masseneinwanderung aus anderen Muggelvölkern unkontrollierbare Konflikte künstlich geschaffen haben, die es vorher nicht gab, und nun als Lösung die Schleichfahrt in die Diktatur anbieten. Deshalb die immer schärferen Meinungsgesetze, die Sie uns aber als ‚moralischen Aufschwung‘ verkaufen!“

Roy hatte immer schneller und immer lauter geredet, sein hitziges Temperament verlangte sein Recht.

Unter Buhrufen sprangen die Gryffindors auf. Die Ministerin ignorierte sie, sie fixierte Roy. Eisiger Hass klirrte in ihrer Stimme:

„Welchem Haus gehören Sie an?“

Natürlich wusste sie es genau. Aus welchem Haus sollte einer schon kommen, der so redete?

Roy grinste: „Raten Sie mal!“

Das war frech. „Lümmel!“, murmelten einige Honoratioren.

„Ich stelle mit Bedauern fest“, sagte die Ministerin kalt, „dass Slytherin seine Lektion immer noch nicht gelernt hat. Sie wollen immer noch Ihre vermeintliche“, – sie rümpfte die Nase, als spreche sie von einem übelriechenden Haufen Abfall –, „Reinblütigkeit bewahren…“

„Ich bin Schlammblut!“

Totenstille.

Er hatte „Schlammblut“ gesagt. Er hatte wirklich und wahrhaftig „Schlammblut“ gesagt, und das vor der Ministerin! Einer Ministerin, von der bekannt war, dass sie diesen Ausdruck hasste wie keinen anderen und seine Verwendung verboten hatte.

Selbst Hermine war sprachlos. Sie blickte zum Lehrertisch mit einer Miene, als wolle sie sich vergewissern, dass sie richtig gehört habe. Ihr Blick traf McGonagall und wurde vernichtend: So etwas zieht ihr hier heran!

Dann fixierte sie wieder Roy: „Und Sie als Muggelstämmiger…“ Sie stockte, bebend vor Zorn. Sie hatte sogar vergessen, „Nichtmagischbefähigtemenschenstämmiger“ zu sagen. „Sie als Muggelstämmiger fallen mir und Ihresgleichen in den Rücken? Sie, Sie –“

„Aber Frau Ministerin“, erwiderte Roy mit grimmiger Miene, aber zuckersüß im Ton. Er genoss ihre Fassungslosigkeit. „Sie werden mich doch nicht etwa einen Blutsverräter nennen wollen?“

Genau so hätte sie ihn am liebsten genannt, das sah man ihr an. Aber „Blutsverräter“ war ein typischer Todesserausdruck, der auf ihrer Verbotsliste stand.

Wieder ging eine eiskalte Welle von ihr aus. „Ich will nur eines sagen, junger Mann, und darüber sollten Sie nachdenken: Wenn die Zaubererwelt nach den Prinzipien regiert würde, die Sie offenbar befürworten, dann wären Sie! Nicht! Hier!“

Die Gryffindors jubelten ihr zu. Roy hatte einen Moment lang Zeit, sich seine Antwort zu überlegen. Natürlich hätte er sagen können, und es wäre die Wahrheit gewesen, dass er keineswegs alle muggelstämmigen Zauberer aus der magischen Welt ausschließen wollte. Aber es widerte ihn an, die unverschämte Unterstellung der Ministerin einer Antwort zu würdigen. Hau drauf! Hau endlich drauf! Er konnte nicht anders, er musste sie beleidigen!

„Das mag wohl sein“, knurrte er. „Aber dafür wären Sie auch nicht hier, schon gar nicht als Zaubereiministerin, und ich glaube, das wär’s mir wert!“

Jetzt brachen alle Dämme. Der Saal tobte. Ethelbert konnte sich gerade noch einem seiner Gryffindors entgegenwerfen, der Anstalten machte, Roy von hinten anzuspringen. Sie stießen mit den Köpfen zusammen, und Ethelbert stürzte zu Boden.

„Danke“, schrie Roy in den Lärm hinein.

„Ehrensache“, antwortete Ethelbert, als Roy ihm aufhalf.

„Oje“, fragte Roy, „bist du verletzt?“ Ethelbert blutete am Kopf.

„Schon gut, ich bin ja nicht aus Zucker!“, rief Ethelbert zurück und drückte sich ein Taschentuch auf die Wunde. Auch der andere Junge hatte sich bei dem Zusammenstoß eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Der Tumult wurde immer noch lauter. Hermines Sicherheitsauroren zogen ihre Zauberstäbe und bildeten einen engen schützenden Ring um die Ministerin. Weiter hinten sprangen Gryffindors über die Stuhlreihen hinweg auf die immer noch verzückt jubelnden Slytherins zu, um sich auf sie zu stürzen. Erste Zauberstäbe wurden gezückt, da schoss aus McGonagalls Stab ein gleißender bläulichweißer Blitz, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall. Schlagartig herrschte Ruhe.

„Ich sagte ja, es besteht Diskussionsbedarf“, stellte sie trocken fest. „Es besteht aber keinerlei Bedarf an einer Kneipenschlägerei. Bei allem Verständnis für die Leidenschaften, die sich an diesen wichtigen Themen entzünden: Wer mit Fäusten statt mit Argumenten kämpft, hat an dieser Schule nichts zu suchen!“

Sie machte eine Pause, während die Schüler betreten dreinsahen.

„Zur Abkühlung begeben sich alle anwesenden Schüler jetzt nach Häusern getrennt und unter Führung ihrer Vertrauensschüler für zwei Stunden in ihre Gemeinschaftsräume: zuerst Slytherin, dann Ravenclaw, dann Hufflepuff und zuletzt Gryffindor.“

Roy und Patricia wandten sich gerade nach rechts, um zu ihren Slytherins zu gehen und sie hinauszuführen, da rief McGonagall ihnen nach:

„MacAllister!“

„Ja bitte, Frau Professor?“

„Sie haben sich der Ministerin gegenüber frech und respektlos betragen, was umso schwerer wiegt, als Sie Vertrauensschüler Ihres Hauses sind. Fünfzig Punkte Abzug für Slytherin!“ Roy nickte und machte sich wieder auf den Weg.

„Das war jetzt nötig, was?“, zischte Patricia ihm zu, als sie an den Stuhlreihen entlang zu den Slytherins gingen.

„Gelohnt hat es sich“, erwiderte Roy gleichmütig. Er sah Albus auf sie beide zu nach vorn eilen. „Nanu, wo willst du denn hin? Gleich ist Abmarsch.“

„Ich weiß“, sagte Albus, „aber ich würde mich gern noch von meiner Tante verabschieden, ich sehe sie so schnell nicht wieder. Meinst du, das geht?“

„Wenn’s nicht allzu lang dauert, meinetwegen, aber…“ Er drehte sich um. Die Gryffindors waren dabei, ihre Sitzreihen zu verlassen. „Wenn du zu ihr willst, musst du mitten zwischen den Gryffindors durch, und bei der aufgeheizten Stimmung… hm.“

Da wandte Patricia sich an Albus: „Wenn du willst, begleite ich dich, dann kann ich mich auch gleich von meinem Opa verabschieden. Mich werden sie bestimmt durchlassen.“

Während Roy bewusst langsam die Slytherins einsammelte, die ihm zugrinsten, die Daumen hochreckten und ihn in die Rippen knufften, ging Albus mit Patricia nach vorn. Die Gryffindors sahen sie beide mürrisch an, ließen sie aber anstandslos passieren.

Als er sich seiner Tante näherte, die auf Dagobert Higrave einredete, hörte er sie sagen: „Ich will alles wissen, was über den Kerl in den Akten steht! Alles andere erfrage ich mir heute noch selbst, aber von Ihnen erwarte ich ein vollständiges Dossier, und zwar noch morgen früh! Und ich will wissen, was es sonst noch an Todessern in Slytherin gibt! Diese Pest müssen wir ausrotten!“ Albus erstarrte.

Kein Zweifel, es war Hermine, aber zugleich war sie es auf eine unheimliche Weise nicht. Nicht, was sie sagte, ließ ihn wie festgefroren innehalten, sondern wie sie es sagte, wie sie dabei aussah und welche undefinierbare, schreckenerregende Aura sie umgab. Das war nicht einfach eine energische Chefin: Hass stand in ihren Zügen, und Kälte ging von ihr aus, eine Kälte, die er nie an ihr wahrgenommen hatte. Mit zitternden Knien stand er da und starrte sie an. Patricia, die gleichzeitig mit ihm ruckartig stehengeblieben war, flüsterte ihm zu:

„Du, ich glaube, wir gehen besser – wir… wir stören hier, glaube ich.“

Albus nickte, drehte sich um und ging eilends zurück. Am liebsten wäre er vor Angst schreiend davongerannt, aber er riss sich zusammen. Glücklicherweise hatte auch Patricia es sehr eilig, dem gruseligen Dunstkreis der Ministerin zu entkommen. Ganz gegen ihre Gewohnheit drängte sie sich unsanft durch die Pulks der Gryffindors, während Albus ihr dicht auf den Fersen blieb.

„Na, das war aber ein kurzer Abschied von deiner Freundin“, empfing ihn Roy, der die Szene offenbar nicht mitbekommen hatte. Albus konnte gerade noch ein Schluchzen hinunterwürgen. Meine Freundin. Meine beste Freundin.

Roy sah etwas verdutzt drein, als Albus ihm nicht antwortete, sondern sich mit gesenktem Kopf zwischen den Slytherins einreihte, die immer noch triumphierend glucksten und kicherten.

„Gut, wir sind vollzählig. Ab zum Gemeinschaftsraum!“

 

***

 

Als sie im Gemeinschaftsraum ankamen, wich die mühsam gewahrte Disziplin der Slytherins einer aufgekratzten Siegerstimmung. Bei Licht betrachtet konnte zwar von einem Sieg nicht die Rede sein, bestenfalls von einem Unentschieden, aber allein die Tatsache, dass einer der ihren der Ministerin einmal so richtig die Meinung gesagt und sie obendrein ins Schwitzen gebracht hatte, war für die Slytherins so gut wie ein Sieg. Sie prosteten Roy zu, klopften ihm auf die Schulter, als wollten sie ihm blaue Flecken verpassen, manche hüpften kindisch umher, alle redeten lautstark durcheinander. Patricia und ihre Freunde hielten sich ein wenig abseits, aber selbst sie konnten sich ein gewisses Grinsen der Genugtuung nicht verkneifen.

Der einzige, dem nicht zum Lachen und schon gar nicht zum Feiern zumute war, war Albus. Er wollte allein sein, niemanden sehen, niemanden hören. Er schlich wie ein geprügelter Hund in den Schlafsaal, zog alle Vorhänge seines Himmelbetts zu, warf sich auf den Bauch, vergrub seinen Kopf in den Armen und weinte hemmungslos.

Er brauchte eine ganze Weile, um sich wieder zu beruhigen. Er setzte sich auf, schlang die Arme um seine angezogenen Knie, stützte sein Kinn darauf und starrte ins Halbdunkel seines Himmelbetts. Er verstand, dass die anderen feierten, aber er, für den soeben eine Welt eingestürzt war, fühlte sich davon ausgeschlossen und furchtbar einsam.

Er hörte, dass jemand die Tür zum Schlafsaal öffnete. Der Lärm von draußen wurde kurz lauter, dann wurde die Tür wieder geschlossen.

Albus?“ Es war Roy.

„Ja?“, sagte Albus leise.

„Kann man mit dir reden?“

„Ja, natürlich.“ Er schlug den Vorhang zurück.

Roy sah in zwei verweinte Augen und wusste nicht, was er sagen sollte. Er setzte sich auf die Bettkante. Eine Weile saßen sie schweigend da. Dann sagte Roy leise:

„Ich konnte sie nicht mit Samthandschuhen anfassen.“

„Ich weiß. Ich hatte es auch nicht erwartet.“

„Aber es hat dich trotzdem mitgenommen.“

„Nein, Hermine sagt selber immer, als Politiker muss man mit Kritik leben. Und du warst echt cool.“

„Ja, aber…“ Roy stutzte. „Warum bist du dann so niedergeschlagen?“

Albus seufzte tief. Wie sollte er ihm erklären, was er gerade gesehen hatte?

„Als ich mich von ihr verabschieden wollte, habe ich sie gesehen und gehört, und… Es war so furchtbar. Als wenn sie gar nicht sie selbst wäre.“

Roy horchte auf. „Wie meinst du das?“

„Ich weiß auch nicht. Als wenn da plötzlich ein anderer Mensch wäre, der nur wie sie aussieht. Ganz anders als noch heute Morgen. Ich habe etwas gesehen, das ich noch nie an ihr gesehen habe, und ich habe es gespürt, so merkwürdig, so…“ Er sprach nicht weiter.

„Eine Welle von kaltem, teuflischem Hass, nicht wahr?“

Albus nickte. Dann sah er auf: „Woher weißt du das, du warst doch gar nicht dabei?“

Roy lächelte traurig. „Ich habe es während der Debatte auch erlebt, nicht von Anfang an, ganz plötzlich war diese grausame Kälte da.“

„Ja, aber so ist sie nicht, das ist sie nicht! Das ist nicht sie!“, rief Albus verzweifelt. „Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist!“

Roy fixierte nachdenklich einen imaginären Punkt an der Wand. „In sie gefahren…“

„Ob sie vielleicht krank ist? Oder vielleicht unter einem Zauber steht, einem Fluch vielleicht?“, fragte Albus. „Gibt es so etwas?“

Roy war gerührt. Um nichts auf der Welt würde er etwas Schlechtes über sie denken, der kleine Prachtkerl!

„Ja, so etwas gibt es durchaus. Aber wenn du es genauer wissen willst, frag lieber deinen Vater. Der kennt sich von Berufs wegen mit so etwas aus.“

Roy erhob sich. „Wie ist es, kommst du wieder mit runter?“

„Lass mich bitte noch ein bisschen allein.“

„Na klar.“ An der Tür hielt Roy noch einmal inne.

Eine Krankheit? Ein Fluch?

Er verließ den Schlafsaal.

 

***

 

Da McGonagall die Schüler hinausgeschickt hatte, die Presse freundlich hinauskomplimentiert worden war und Hermine die ausländischen Diplomaten mit größter Liebenswürdigkeit verabschiedet hatte, war die Große Halle fast leer, nur der Lehrertisch war bevölkert. Man hatte ihn etwas vergrößert, damit die Ministerin ihr Mittagessen gemeinsam mit Ehrengästen und Lehrern einnehmen konnte. Sie hatte sich beruhigt, der unheimliche Ausdruck war aus ihrer Miene verschwunden und einer gewissen, wenngleich durch gute Erziehung gezügelten, Übellaunigkeit gewichen.

Die Anwesenden ergingen sich in Smalltalk; niemand wollte riskieren, gegenüber der missvergnügten Ministerin etwas Falsches zu äußern. Sie waren bereits beim Dessert, einer phantastischen Himbeercreme, als Hermine mit einem Mal McGonagall scharf fixierte. Es platzte regelrecht aus ihr heraus, und zwar ziemlich laut:

„Wie kann es sein, dass ein solcher Kerl Vertrauensschüler ist?“ Schlagartig verstummten alle Gespräche. „Wie kann es sein, dass er hier in Hogwarts überhaupt geduldet wird?“

McGonagall zog überrascht die Augenbrauen hoch. Sie überlegte einen Moment und erwiderte dann kühl:

„Er ist einer unserer besten Schüler, genießt Vertrauen und hohe Autorität bei seinen Mitschülern, einschließlich der Gryffindors übrigens, und zeichnet sich durch höchste Loyalität gegenüber den Prinzipien der magischen Welt im Allgemeinen und Hogwarts im Besonderen aus. Dies zu Ihrer Frage, warum er Vertrauensschüler ist.“ Einige Lehrer, die ihr von seiner Ernennung abgeraten hatten, warfen ihr leicht indignierte Blicke zu. „Was Ihre zweite Frage betrifft – Verzeihung, aber Sie wollten mir doch sicherlich nicht nahelegen, ihn der Schule zu verweisen?“

Ihre Blicke bohrten sich ineinander.

„Ich frage mich“, antwortete die Ministerin schließlich, „was einer eigentlich alles anstellen muss, um von dieser Schule verwiesen zu werden.“

„Für seinen impertinenten Ton ist er bestraft worden“, erwiderte McGonagall, deren Augen sich bedrohlich zu verengen begannen. „Aber es wird niemand dieser Schule verwiesen, nur weil er anderer Meinung ist als das Ministerium. Das gilt für Mister MacAllister heute ebenso, wie es seinerzeit für Sie galt.“

„Das kann man wohl kaum vergleichen. Wozu haben wir die Todesser eigentlich besiegt, wenn wir jetzt dulden, dass ihr Gedankengut immer noch oder schon wieder in Hogwarts verbreitet wird?“

„Erstens verbreitet MacAllister kein Todesser-Gedankengut…“

„Ach nein?“, warf die Ministerin schnippisch ein. „Dass man unsere Toten nicht ehren und den Todessern nicht aufs Grab spucken darf…“

„…hat er nicht gesagt!“, unterbrach McGonagall sie nun ihrerseits. „Er hat gesagt, dass man ihre Familienangehörigen nicht dazu zwingen darf, und das ist etwas vollkommen anderes und ein völlig legitimer Standpunkt. Zweitens ist es hier in Hogwarts gute Tradition, falsche Ansichten mit richtigen Argumenten zu widerlegen, nicht mit disziplinarischen Maßnahmen.“

„Ich fürchte, das ist genau die Art von Tradition, die uns einen Voldemort erst eingebrockt hat. Das ist die Art Naivität, die von diesen Leuten gnadenlos ausgenutzt wird!“

„Naiv?“ McGonagalls Gesicht bekam wieder etwas Falkenartiges. „Sie nennen mich naiv? Naiv wäre ich vielleicht, wenn mir entginge, dass Sie den Kampf gegen abweichende Meinungen in Ihrer Rede sehr deutlich mit der Durchsetzung Ihrer Politik in Verbindung gebracht haben, jetzt aber so tun, als ginge es darum, eine Rückkehr der Todesser zu verhindern.“

„Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen!“, rief die Ministerin erregt. „Ohne eine gewisse Öffnung gegenüber der nichtmagischen Welt werden wir in die alten schlechten Muster zurückfallen. Und ja, dann kehren sie zurück!“

„Das heißt also im Klartext: Wer gegen Sie und Ihre Politik ist, ist automatisch ein Todesser?“

„Ich würde es etwas differenzierter ausdrücken, aber im Grunde haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.“

„Ich verstehe“, sagte McGonagall, die ihren Zorn mühsam zügelte. „Der Erziehungsauftrag von Hogwarts soll also in Zukunft darin bestehen, die Schüler zur Unterstützung der Politik des Ministeriums zu erziehen, weil sonst ja automatisch die Todesser zurückkehren. Und Schüler, die sich dem verweigern, müssen wegen ihres schlechten Einflusses auf ihre Mitschüler der Schule verwiesen werden. Richtig?“

„Wenn Sie es durchaus so zugespitzt formulieren möchten – Ja.“

McGonagall atmete tief durch.

„Ich will Ihnen mal was sagen: Hier in Hogwarts werden die Schüler zur Disziplin erzogen, aber zu Kriechern und Jasagern erziehen wir sie nicht. Und solange ich hier Schulleiterin bin, bleibt das auch so!“

„Nun“, erwiderte die Ministerin ungerührt, „es steht Ihnen natürlich frei, Ihren Posten zur Verfügung zu stellen…“ – „Das könnte Ihnen so passen!“, schnaubte McGonagall dazwischen – „Ich würde es zutiefst bedauern“, flocht Hermine eine Höflichkeitsfloskel ein, „aber Sie werden schon einsehen müssen, dass das Ministerium in Fragen von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Zaubererwelt keine Konzessionen machen kann.“

„Das ist das Vorgehen einer Diktatur.“

„Nein“, erwiderte die Ministerin mit stoischer Ruhe, „das sind die notwendigen Maßnahmen zur Verhinderung einer Diktatur.“

McGonagall schwieg. Dann sagte sie leise: „Mister MacAllister hat mir vor einigen Tagen vorhergesagt, dass Sie genau das sagen würden, was Sie heute tatsächlich gesagt, und genau das tun würden, was Sie heute angekündigt haben. Und ich habe es als Hirngespinst abgetan! Weil ich Vertrauen zu Ihnen hatte!“

Sie klang bitter, als sie ihre alte Lieblingsschülerin fragte:

„Was ist nur aus Ihnen geworden?“

Hermine legte ihre Serviette beiseite, stand auf und sagte kalt:

„Ich glaube nicht, dass ich mir das anhören muss. Bevor ich nach London disappariere, möchte ich noch einmal in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Neville,“ wandte sie sich an Longbottom, „ich kenne das aktuelle Passwort nicht. Bringst du mich hin?“

„Ja, natürlich gerne“, sagte Neville und erhob sich ebenfalls.

Hermine verabschiedete sich von allen Anwesenden, auch McGonagall, mit Handschlag, und verließ dann mit Neville, ihre Sicherheitszauberer im Schlepptau, die Große Halle.

 

„Wurde wirklich Zeit, dass ich hier nach dem Rechten sehe“, schimpfte Hermine sofort los, nachdem die Sicherheitszauberer das Portal hinter ihnen geschlossen hatten. „In allen Berichten steht, mit Slytherin sei alles in Ordnung, das Haus sei auf dem besten Weg, es sei geläutert und so weiter. Dann komme ich hierher, und was finde ich vor? Einen Augiasstall voller Todesser!“

Neville wollte etwas sagen, aber Hermine redete weiter:

„Ich dachte, unsere Leute in Slytherin hätten alles im Griff. Von wegen! Ich habe jetzt gesehen, wer Slytherin wirklich im Griff hat! McGonagall wird alt. Alt, naiv, borniert und sentimental. Da muss einer nur ein guter Schüler sein, und schon hat er Narrenfreiheit. War Voldemort etwa kein guter Schüler? Ha! Hauptsache, die Leistung stimmt! Muss wohl eine Berufskrankheit von Lehrern sein!“

Sie hielt inne. „Entschuldige bitte, Neville, das war jetzt ungerecht. Betrachte den letzten Satz bitte als nicht gesagt!“

„Kein Problem“, murmelte Neville, zögerte und fragte dann: „Warum möchtest du eigentlich zu den Gryffindors?“

„Erstens will ich mich um meine Fans kümmern und ihnen eine Freude machen. Zweitens einmal vor meiner Abreise noch mit Leuten sprechen, die mich nicht unablässig kritisieren. Drittens Erkundigungen einziehen. Und bis wir dort sind, kannst auch du mir vielleicht auch ein paar Auskünfte geben.“

Neville, der während ihres Monologs neben ihr hergetrottet war, sah sie ein wenig unsicher von der Seite an: „Was, äh, möchtest du denn wissen?“

„Zum Beispiel alles, was du über diesen MacAllister weißt.“

„Nun ja, er ist muggelstämmig, äh, ich meine, er stammt von Nichtmagiern ab. Kommt aus ziemlich, ähm, schwierigen Verhältnissen. Seine Mutter arbeitete früher als Kellnerin in einem Nachtclub, soviel ich weiß, soll aber schon seit Jahren arbeitslos sein. Der Vater ist unbekannt…“

„Unbekannt?“ Hermine runzelte die Stirn. „Woher will er dann wissen, dass sein Vater nicht ein Zauberer ist?“

„Er weiß es nicht. Aber wenn er behaupten würde, er sei einer, würden seine Mitschüler Fragen nach der Familie stellen, aus der er stammt. Unsere Welt ist schließlich ziemlich klein. Wenn er aber sagt, sein Vater sei Muggel, fragt niemand nach. So kommt er nicht in die Verlegenheit, zuzugeben, dass er es nicht weiß.“

„Ich verstehe“, murmelte Hermine.

„Hör mal, Hermine, du behältst das doch für dich, oder? Außer der Schulleitung und einigen Lehrern weiß es niemand, und es geht auch keinen was an.“

„Selbstverständlich!“, sagte Hermine mit Nachdruck. „Ich habe nicht vor, in anderer Leute schmutziger Wäsche zu wühlen. Mit geht es nur um den Hintergrund. Ist er der einzige, der die Slytherins aufhetzt, oder ist es eine Gruppe?“

„Er ist nicht der einzige“, meinte Neville, „er hat einen kleinen Kreis von Freunden um sich geschart. Dem Vernehmen nach nennen sie sich ‚die Unbestechlichen‘.“

„Ach, und alle anderen sind dann wohl korrupt?“ Hermine schnaubte. „Was für eine Arroganz!“

„Sie halten jedenfalls zusammen wie Pech und Schwefel, und als Gruppe üben sie einen enormen Einfluss aus. Viele Slytherins bewundern sie und hören auf sie.“

„Ja, natürlich, ganz wie bei dem jungen Tom Riddle.“ Hermine zog eine Miene grimmiger Genugtuung, als hätte sie es schon immer gesagt. „Wer sind diese Leute?“

„Nun ja, man kann sie nicht über einen Kamm scheren, sie sind ganz unterschiedlich…“

„Ich habe nicht gefragt, wie sie sind, sondern wer sie sind. Ich will die Namen!“

Neville schluckte. Hermine, die sein Zögern bemerkte, blieb ruckartig stehen und packte ihn am Arm: „Du stehst doch auf meiner Seite, oder?“

„Natürlich stehe ich auf deiner Seite!“, rief Neville gekränkt. Sie waren seit ihrem ersten Schuljahr in Hogwarts befreundet. Wie konnte sie ihn nur so etwas fragen!

„Also“, hob Neville an, während sie langsam die erste Treppe emporstiegen, „da ist zunächst sein engster Freund Julian Lestrange…“

Lestrange?“

Bellatrix‚ Enkel.“

Hermine dachte scharf nach. „Die Lestranges hatten Kinder? Auf dem Stammbaum der Blacks am Grimmauldplatz war keines erwähnt.“

„Ich glaube, Bellatrix war schon im Untergrund, als sie ihren Sohn zur Welt brachte“, meinte Neville. „Vielleicht hat die alte Mrs. Black nichts mehr von ihm erfahren. Vielleicht wollte sie den Namen ihres Großneffen aber auch nicht eintragen, nachdem seine Verwandten ihn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Frankreich entführt hatten und sie damit rechnen musste, den Namen irgendwann wieder löschen zu müssen, so wie den von Sirius. Jedenfalls hatte Bellatrix einen Sohn, und dessen Sohn wiederum ist Julian.“

„Und du Ärmster musst auch den unterrichten?“

„Ja“, antwortete Neville, „und ich lege Wert darauf, ihn fair zu behandeln. Er kann nichts für seine Großeltern.“

Er stand auf Hermines Seite, und doch vertraute er ihr weniger an, als er Albus erzählt hatte.

„Dann gibt es noch Ares Macnair. Er wurde im Exil geboren, nachdem sein Vater außer Landes geflüchtet war. Ach ja, das wollte ich dich schon immer fragen: Wie kommt es eigentlich, dass der alte Macnair nicht sofort verhaftet wurde, als er mit seiner im Exil gegründeten Familie nach England zurückkehrte?“

„Wir hatten damals einen Deal mit dem Zaubereiministerium seines Exillandes ausgehandelt“, erinnerte sich Hermine. „Indem wir Macnair Straffreiheit zusicherten, erreichten wir, dass einige Zauberer aus diesem Land, die in England Zuflucht gesucht hatten, ihrerseits unbehelligt in ihre Heimat zurückkehren konnten. – Also ein Lestrange und ein Macnair“, seufzte sie, „immer wieder dieselben Namen. Wer gehört noch zu der Gruppe?“

„Das war’s jetzt mit den bekannten Todessernamen. Ein Mädchen ist dabei, Arabella Wolfe. Ihre Mutter führt eine kleine Buchhandlung, der Vater hat die Familie früh verlassen. Eine gute Schülerin, aber eine eher stille Natur, wirkt manchmal fast ein bisschen traurig. Trotzdem sehr beliebt bei ihren Mitschülerinnen, sie hat so etwas Mütterliches. Eigentlich war sie diejenige, die Vertrauensschülerin für Slytherin werden sollte. Glücklicherweise ließ McGonagall sich davon überzeugen, dass neben MacAllister nicht auch noch die Vertrauensschülerin aus dieser Clique stammen sollte. Deshalb wurde Patricia Higrave ernannt. – Dann gehört zur Gruppe Orpheus Malagan, ein Künstler und Poet, ganz wie sein Vater. Du hast sicher von William Malagan gehört?“

Hermine lächelte. „Ich habe Rose und Hugo alle seine Bücher vorgelesen, als sie klein waren.“ Ihr Lächeln erstarb. „Und so einer hat so einen Sohn?“, fragte sie ungläubig.

„Er ist verträumt und ein Querkopf, und letzteres verbindet ihn wohl mit MacAllister. MacAllister pflegt enge, aber nicht sehr viele Freundschaften. Er ist, wenn auch auf seine ruppige Art, hilfsbereit zu allen Mitschülern, aber die Ehre, sich seine Freunde nennen zu dürfen, gewährt er nur wenigen. Seine Freunde sind eigentlich nur diejenigen, die ich eben genannt habe, und sonst nur, tja…“

Hermine wurde neugierig. „Lass hören, mit wem ist er noch befreundet?“

„Mit Albus Potter.“

Hermines Kinnlade fiel herunter.

Albus?“, flüsterte sie entgeistert.

„Du weißt doch, dass er in Slytherin ist.“

„Selbstverständlich weiß ich das, es war das erste, was Rose mir geschrieben hat. Ich hatte mich sogar darüber gefreut. Ich glaubte, er würde sich an unsere Leute halten und in einigen Jahren, wenn er älter ist, seinen Teil dazu beitragen, dass Slytherin endgültig und aus wirklicher Überzeugung auf unsere Linie einschwenkt. Und nun ist er mit diesem MacAllister befreundet. Harrys Sohn! Ich fasse es nicht! Wissen Ginny und Harry das eigentlich?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Neville achselzuckend. „Von mir nicht.“

Sie dachte nach. „Aber wie kann es sein, dass ein Sechzehnjähriger mit einem Elfjährigen befreundet ist? Befreundet! Das setzt doch eine gleiche Ebene voraus, die gar nicht gegeben sein kann.“

„Ich will damit auch nur sagen, dass MacAllister sich offensichtlich um ihn bemüht, und dass das für ihn sehr ungewöhnlich ist. Albus wiederum scheint ihn zu bewundern, wie ein elfjähriger Junge einen älteren eben bewundert, den er cool findet. Ob man es wirklich eine Freundschaft im vollen Sinne des Wortes nennen kann, lasse ich dahingestellt.“

„Das wäre natürlich ein Fang für sie“, murmelte sie. „Der Sohn des Bezwingers von Voldemort wechselt die Seiten. Was ist mit den anderen aus der Gruppe? Ist er mit denen womöglich auch befreundet?“ Hermines Tonfall glich immer mehr dem einer ermittelnden Staatsanwältin.

„Er versteht sich ganz gut mit Lestrange, soweit ich das beurteilen kann, aber sonst: nein.“

Hermine schüttelte den Kopf. „Mein eigener Neffe…“

„Hat er eine Wahl?“, verteidigte Neville ihn. „Er ist nun einmal in Slytherin und muss sich dort seine Freunde suchen, nachdem die Gryffindors überhaupt nicht mehr mit ihm reden, es sei denn, um ihn zu beleidigen. Sie treiben ihn seinen fragwürdigen neuen Freunden doch geradewegs in die Arme!“

Hermine blieb stehen. „Alle? Alle Gryffindors?“, fragte sie ungläubig.

„Ja, Hermine, alle Gryffindors, auch James.“ Er zögerte. „Und Rose.“

Hermines Lippen wurden schmal. „Ich glaube, es war eine sehr gute Idee, die Gryffindors zu besuchen. Ich werde wohl mit einigen Leuten ein ernstes Wort reden müssen. – Du hast das Passwort im Kopf?“, fragte sie mit einem gewissen zweifelnden Unterton. Nevilles Vergesslichkeit, was Passwörter anging, war berüchtigt.

„Ich habe mir wieder angewöhnt, es mir aufzuschreiben“, sagte er stolz. „Der Zettel ist in meinem, äh…“ Er lief rot an.

Zu spät. Schon waren sie vor dem Portrait der fetten Dame angekommen, die den Eingang zum Gemeinschaftsraum bewachte.

„Passw…“, hob sie an, dann rief sie aus ihrem Bild heraus: „Miss Granger! Oh Verzeihung, Frau Ministerin! Sie beehren uns? Dass ich das noch erleben darf!“ Sie rückte hektisch ihre Frisur zurecht.

Hermine lächelte ihr zu. „Schön, Sie wiederzusehen! Würden Sie mich bitte hereinlassen?“

„Für Sie verzichte ich heute erstmals in den vielen Jahrhunderten meiner Laufbahn aufs Passwort. Treten Sie ein!“, rief sie, und das Portrait schwang zur Seite. Neville atmete auf.

„Ich weiß die Ehre sehr zu schätzen“, erwiderte Hermine wohlerzogen, umarmte Neville zum Abschied und kletterte durch das Loch in den Gemeinschaftsraum.

Ein Gedanke zu „6 – Hoher Besuch

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