40 – Sind wir noch Freunde?

 

Scorpius kehrte von der Toilette des Hogwarts-Expresses zurück, der sie an diesem ersten Januarsonntag zurückbrachte, setzte sich wieder auf seinen Fensterplatz, lehnte sich nach vorn und forderte Albus, der ihm gegenübersaß, dadurch auf, das gleiche zu tun. Offenbar wollte er nicht, dass Bernie, Jennifer, Lance und Malcolm mithörten.

Rose Weasley steht draußen auf dem Gang“, sagte er leise.

Albus runzelte die Stirn. „Was macht die denn hier? In diesem Waggon sind nur Slytherins…“

Scorpius sah ihn mitleidig an, als sei Albus etwas schwer von Begriff.

„Sagen wir so, sie wirkte ziemlich enttäuscht, als sie mich aus unserem Abteil kommen sah. Sie hatte wohl auf einen Anderen gehofft.“

„Wenn sie etwas von mir will, muss sie schon herkommen“, brummte Albus schroff.

„Und riskieren, dass du ihr vor versammelter Mannschaft eine Abfuhr erteilst? Ich glaube, das würde sie nicht verkraften.“ Und da Albus nicht antwortete, fügte Scorpius hinzu: „Sie sieht ziemlich unglücklich aus.“ Albus schwieg immer noch. „Und sie ist immerhin bis in den Slytherin-Waggon gekommen.“

„Was willst du mir jetzt eigentlich sagen?“, fragte Albus leicht gereizt.

„Dass du ein viel zu edler Ritter bist, um die Dame deines Herzens schmachten zu lassen, wenn sie unglücklich ist und dich braucht.“

„Dame meines Herzens – wie kommst du denn auf diesen Blödsinn?“, wehrte Albus ab, konnte aber nicht verhindern, dass er dabei rosa anlief.

„Ach, nur so ein unbestimmtes Gefühl“, meinte Scorpius, lehnte sich zurück und grinste ihn süffisant an.

Albus, der sich durchschaut fühlte, erwiderte den Blick unwirsch. Wenn die Malfoys ihre Kinder dazu erzogen, sich ihre Mitmenschen ganz genau anzusehen, so war diese Erziehung bei Scorpius wirklich von durchschlagendem Erfolg gekrönt!

Schließlich zog Albus seinen Zauberstab, malte ein imaginäres Rechteck auf die Zugscheibe und tippte dagegen: „Speculo.“ Das Rechteck verwandelte sich in einen Spiegel. Unter den verwunderten Blicken aller Mitreisenden außer Scorpius tat Albus sein Bestes, das widerspenstige Potter-Haar halbwegs zu bändigen, und trat dann ohne ein weiteres Wort auf den Gang hinaus. Er würde so tun, als müsse er rein zufällig zur Toilette.

Rose wandte ihm den Kopf zu, und für einen kurzen Augenblick wollte ein Lächeln aufflackern – dann zuckte sie zurück und tat wieder so, als sei sie ganz in den Anblick der trostlosen Landschaft vertieft, die im trüben Winterwetter vor dem Fenster vorbeiflog.

Fest entschlossen, keine Notiz von ihr zu nehmen, sofern sie es ihrerseits nicht tat, marschierte er erhobenen Hauptes an ihr vorbei. Zwei Schritte später hörte er sie endlich fragen:

„Al?“

Er drehte sich zu ihr um.

Wenn Scorpius fand, sie sehe unglücklich aus, so hatte er noch deutlich untertrieben. Sie sah zum Erbarmen aus. Bleich, zitternd und zerbrechlich sah sie ihn aus geröteten Augen an.

„Al“, fragte sie leise, „sind wir noch Freunde?“

Albus zögerte, aber nur ganz kurz.

„Natürlich, Rose, natürlich sind wir noch Freunde!“

Rose atmete deutlich auf. Sie sahen sich schweigend an.

„Tut mir leid, wie das alles gelaufen ist“, sagte sie schließlich.

„Mir auch“, antwortete er.

Er hätte es unpassend gefunden, ihr jetzt vorzurechnen, dass es ihre Schuld gewesen sei, es war ja auch völlig egal.

„Ich habe sonst niemanden, mit dem ich reden kann.“

„Mit mir kannst du immer reden“, sagte er sanft. „Ist denn… ist etwas passiert?“

Sie schluckte.

„Ich glaube…“ Sie stockte. „Ich glaube, meine Eltern lassen sich scheiden!“

„Was?“, rief Albus entsetzt.

„Seit Weihnachten haben sie nur noch gestritten.“ Tränen liefen jetzt über ihre Wangen. „Mein Vater sagt, sie würde die ganze Familie gegen sich aufbringen, und er könne ihretwegen nicht mehr mit seinem besten Freund reden. Er nennt sie stur und fanatisch, einmal hat er sogar gesagt, sie sei schlimmer als die Todesser…“

Sie schluchzte.

„… und Mama nennt ihn einen Verräter und sogar einen… Schlappschwanz, und sie hat geschrien, auf so einen wie ihn könne sie verzichten und mit so etwas wolle sie nicht mehr verheiratet sein…“

Sie schluchzte so heftig auf, dass Albus nicht mehr anders konnte: Er umarmte sie, drückte sie fest an sich und strich ihr zärtlich durchs Haar. Die spöttischen Blicke der Zweitklässler aus dem Abteil, vor dem sie standen, waren ihm egal.

„So schnell lassen die sich nicht scheiden“, sagte er tröstend. „Deine Eltern waren schon ineinander verliebt, als sie noch nicht viel älter waren als wir heute, ich weiß es von meinem Papa.“

„Das weiß ich auch“, erwiderte sie, „aber du hast sie nicht gehört, das war nicht irgendein Krach, wie es ihn immer wieder einmal gibt, das war richtiger Hass. Vor allem meine Mutter hättest du sehen sollen, ich habe sie gar nicht mehr wiedererkannt, als ob sie gar nicht sie selbst wäre, so kalt, so… Du kannst es dir nicht vorstellen!“

„Doch“, sagte Albus, der sie immer noch in den Armen hielt. „Doch, ich habe es auch schon an ihr erlebt. Ich hätte aber nicht gedacht, dass sie zu Hause auch so ist.“

„Was soll ich denn jetzt machen?“, stöhnte sie verzweifelt. „Ich habe jede Nacht Alpträume, dass ich in Hogwarts eine Eule kriege, dass meine Eltern nicht mehr meine Eltern sind…“

„Es wird alles gut werden, Rose, ich versprech’s dir.“

Sie lockerte die Umarmung ein wenig und sah ihn traurig an. „Wie willst du das versprechen? Du kannst doch noch weniger tun als ich.“

Albus hätte etwas darum gegeben, ihr jetzt sagen zu dürfen, dass der Fluch, unter dem ihre Mutter stand, bald gebrochen sein würde, aber das kam selbstverständlich nicht in Frage, er hatte ohnehin schon fast zu viel gesagt.

„Nein, natürlich kann ich nichts tun, aber…“ Er wusste nicht, was er sagen sollte. „Es wird alles gut werden. Denk nicht nach und glaub mir einfach.“

Sie schmiegte, ja klammerte sich fast an ihn.

„Es ist so gut, dass du da bist.“

„Ich glaube, das Vertrauensschülerabteil ist jetzt leer. Lass uns dort hingehen, diese Zweitklässler hier gehen mir langsam auf die Nerven.“

Den Rest der Fahrt verbrachte Albus damit, ihr Mut zuzusprechen, sie abzulenken und hier und da sogar zum Lachen zu bringen. Als sie in Hogsmeade ankamen, war sie beinahe fröhlich.

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