37 – Trauriger Heiligabend

 

Roy verließ die U-Bahn-Station und sah sich um. Jedes Mal, wenn er hier war, erschien ihm die Gegend noch ein wenig trostloser und heruntergekommener. Praktisch jede Hauswand war mit Schmierereien übersät, aus irgendwelchen Boxen dröhnte vulgärer Gangsta-Rap, an den Straßenecken vertickten afrikanische Dealer seelenruhig ihren Stoff – in diesen Teil Londons traute die Polizei sich schon seit Jahren nur noch in Mannschaftsstärke, wenn überhaupt.

Roy ballte die Faust um seinen Zauberstab, dachte an Hermine und schnauzte sie im Geist an:

Das ist also die Welt, von der wir lernen sollen, Schlammblut? Das sind die Errungenschaften, mit denen du uns beglücken willst? Du und dein Freund Jonathan Wildfellow?

Roy war froh, dass Bernie ihn am Bahnhof nicht bemerkt und seinem Vater vorgestellt hatte, wie es eigentlich seine Absicht gewesen war. Für Roy war der Premierminister ein fast ebenso so Rotes Tuch wie die Zaubereiministerin.

Passen gut zusammen, diese zwei Geschwister im Ungeist, dachte Roy. Beide machen das ihnen anvertraute Land kaputt, beide missbrauchen das Vertrauen gutwilliger einfacher Leute, beide tun es, weil sie lieber irgendwelchen Ideologien trauen als ihren eigenen Augen, beide werden trotzdem oder gerade deshalb nie selber die Suppe auslöffeln müssen, die sie Anderen einbrocken. Was macht es eigentlich für einen Unterschied, ob Hermie verhext ist oder nicht? Wildfellow ist es nicht, und sie verstehen sich trotzdem bestens! Und wir versuchen noch, sie zu retten, statt sie zu töten! Ares hat recht, das ist doch alles tuntig, was wir hier vorhaben, nichts Halbes, nichts Ganzes! Rodolphus hat recht, der Fluch, unter dem sie steht, ist der einzige, dessen Opfer nicht unschuldig sind! Warum schonen wir sie eigentlich?

Roy blieb stehen und atmete durch. Er kannte es schon: Immer, wenn er durch diese Straßen ging, fiel er in ein Loch aus schwarzen Gedanken. Kein Wunder, dass diese Gegend schon mehr als einen Terroristen hervorgebracht hatte.

Ares hat unrecht, zwang er sich zu denken, Harry hat recht. Er ist unser bester Mann, er wird es schaffen. Er muss es schaffen.

Roy stand nun vor dem Haus, in dem auch er gelebt hatte, bis er nach Hogwarts durfte. Ein Altbau, heruntergekommen wie praktisch jedes Haus hier, mit zwanzig Parteien. Er sah auf die Klingelschilder. Vor einem Jahr hatten fünf britische Nachnamen hier gestanden, im Sommer noch drei, jetzt war nur noch einer übrig: sein eigener. Roy schloss auf und stieg ohne Eile in den fünften Stock hoch.

Als er die Wohnungstür aufschloss, drang ihm schon der Gestank entgegen, den er so hasste: verwesende Lebensmittelreste, gemischt mit den Ausdünstungen einer seit Monaten nicht mehr geputzten Toilette. Die Wohnung war eine Müllhalde, und der Müll bestand hauptsächlich aus leeren Flaschen. Aus dem Fernseher im Wohnzimmer drang klebriger Weihnachtspop, offenbar lief gerade eine Musikshow. Er betrat das Wohnzimmer. Seine Mutter lag schnarchend auf dem Sofa. Sie hatte wieder getrunken. Natürlich hatte sie getrunken.

Roy fegte einen Haufen Schmutzwäsche vom Sessel, der einzigen Sitzgelegenheit im Raum, warf sich darauf, griff nach der Fernbedienung und wechselte den Kanal. Es war ihm egal, was lief, solange es nur nicht White Christmas oder ähnlicher Kitsch war.

Roy legte keinen Wert auf weiße Weihnachten. Er hatte nicht erwartet, abgeholt zu werden, er hatte auch kein Geschenk erwartet, von einem Weihnachtsbaum ganz zu schweigen – er wusste, dass seine Mutter noch ihren letzten Penny in Fusel investierte. Aber verdammt noch mal, sie hätte wenigstens ansprechbar sein können!

Er versuchte minutenlang, sie zu wecken, vergeblich. Der Geruch, der von ihr ausging, verriet, dass sie sich seit Wochen nicht gewaschen hatte. Sie war nicht einfach vor dem Fernseher eingeschlafen, sie musste buchstäblich bis zur Besinnungslosigkeit gesoffen haben. Was geht mich diese Schnapsleiche eigentlich an? dachte er. Soll sie doch in ihrem Dreck… In solchen Momenten hasste er sie und ekelte sich vor ihr – und zugleich hasste er sich selbst dafür, so zu denken – sie war trotzdem seine Mutter.

Sie hatte schon an der Flasche gehangen, als sie noch Arbeit hatte, aber selbst nachdem sie ihren letzten Job verloren hatte, hatte sie sich wenigstens an Weihnachten zusammengenommen, solange er zu Hause gewohnt hatte. Es waren auch damals keine idyllischen Postkartenweihnachten gewesen – dass Albus mit einer Weihnachtserinnerung einen Patronus erzeugen konnte, war für Roy ein Märchen aus einer anderen Welt –, aber sie hatte wenigstens etwas Vernünftiges gekocht, und sie hatten sich unterhalten können.

Seit er in Hogwarts war, ging es mit ihr steil bergab. Roy weigerte sich, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Es half nichts, er hatte es trotzdem, und er hasste sie dafür, dass sie ihm diese Schuldgefühle auch noch aufbürdete.

Er hatte durchaus versucht, ihr zu helfen: Vor drei Jahren – da war er gerade einmal dreizehn – hatte er sich während der Sommerferien die Hacken wundgelaufen und ihr einen Platz in einer Entziehungsklinik verschafft, ein kirchlicher Fonds hätte die Kosten übernommen, Pater Patrick hatte dafür gesorgt. Nach dem ersten Vorstellungstermin hatte die Klinik abgelehnt.

„Versteh bitte“, sagte der Arzt, der Mitleid mit ihm hatte, „einem Alkoholiker können wir nur helfen, wenn er es selbst wirklich will. Deine Mutter aber will im Grunde nicht, die Behandlung wäre vergeblich. Unsere Kapazitäten sind knapp. Für Jeden, den wir aufnehmen, müssen wir einen Anderen abweisen, und ich kann es einfach nicht verantworten, jemanden aufzunehmen, dem wir garantiert nicht helfen können, um einen Anderen abzulehnen, dem wir vielleicht helfen könnten. Es tut mir wirklich leid.“

Danach hatte Roy die Hogwarts-Bibliothek regelrecht ausgewrungen, um einen Zauber, vielleicht einen Zaubertrank gegen Alkoholsucht zu finden – vergeblich. Er hatte sich sogar dazu durchgerungen, Whiteman zu fragen und dessen verächtliches Naserümpfen zu ertragen. „MacAllister“, hatte Whiteman ihn kühl beschieden, „gegen Alkoholismus ist selbst in unserer Welt kein Kraut gewachsen.“

Roy stand auf. Im vergangenen Jahr war die Rückreise auf Heiligabend gefallen, und er hatte nach seiner Ankunft den Rest von Heiligabend und den gesamten Weihnachtsfeiertag damit verbracht, die Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Diesmal würde er es leichter haben, weil Harry die Ministeriumsspur gelöscht hatte und er deshalb gefahrlos zaubern konnte. Nach ungefähr einer Stunde – in Haushaltszaubern war er nicht geübt – war er fertig.

Es war jetzt nach elf – zu spät, um noch den alten Pater Patrick zu besuchen, der sich in ein Kloster in der Nähe von London zurückgezogen hatte, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Er würde ihn morgen besuchen. Er brauchte ihn. Gespräche mit dem alten Priester waren in den über zehn Jahren, die er ihn kannte, immer so etwas wie kühler Balsam auf seinen Wunden gewesen, sein Rat war immer weise. Wann immer er verwirrt war, wurden die Dinge klarer, wenn er sie mit dem Pater besprach.

Danach, so beschloss er, würde er Weihnachten bei seiner Mutter absitzen und den Rest der Ferien in den Muggelbibliotheken verbringen. Roy legte sich auf das Bett, das er vom Müll gereinigt hatte, und das seit Sommer nicht mehr frisch bezogen worden war. Er hatte die Bettwäsche saubergezaubert. So werden meine Kinder nicht aufwachsen, meine nicht!, dachte er noch. Dann fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

Am nächsten Morgen stand er früh auf, warf einen Blick auf seine Mutter, die immer noch oder schon wieder ihren Rausch ausschlief, und disapparierte in die Nähe des kleinen Klosters, das lange Zeit als Hotel fungiert hatte und erst seit Kurzem wieder seinem ursprünglichen Zweck diente.

Der Türklopfer ließ die mächtige Eichentür dröhnen. Roy wartete einen Moment, dann öffnete ein älterer Benediktinermönch die Tür.

„Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“

„Gelobt sei Jesus Christus“, antwortete Roy.

Der Mönch lächelte. „In Ewigkeit, Amen.“

„Mein Name ist Roy MacAllister, ich würde gerne mit Pater Patrick sprechen, Patrick Knight.“

Der Mönch sah ihn einen Moment lang an. „Ich bin Pater Matthew. Folgen Sie mir bitte.“

Er führte ihn in ein kleines Büro. Für Roy war es ein merkwürdiges Déjà vu, das ihn an seinen Besuch auf dem Friedhof der Todesser erinnerte, als er mit Julian auch in ein Büro geführt worden war. Pater Matthew bat ihn, Platz zu nehmen.

„Es tut mir sehr leid, Mister MacAllister“, sagte er ernst, „Pater Patrick ist vor etwa einem Monat von uns gegangen.“

Roy saß wie betäubt in seinem Stuhl. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er gehört hatte. Pater Patrick, sein Pater Patrick… Er spürte die Tränen einschießen, kämpfte dagegen an. Bezwing dich, herrschte er sich in Gedanken selbst an, bezwing dich, du bist ein Slytherin!

„Hat er gelitten?“, fragte er nach minutenlangem Schweigen.

„Nein“, sagte der Priester, „er war nur altersschwach. Er ist friedlich im Schlaf gestorben.“

„Gott sei Dank.“

„Er ahnte wohl, dass er nicht mehr lange auf dieser Welt weilen würde. Er hat mir schon im September einen Brief für Sie gegeben.“

Er öffnete eine Schublade, und wieder fühlte Roy sich an den Friedhofswärter MacBride erinnert. Julian hatte damals erfahren, dass sein Großvater noch lebte. Er selbst musste den Abschiedsbrief eines Toten entgegennehmen.

„Und dann noch das hier“, sagte der Pater und holte einen Rosenkranz hervor. Es war ein schlichter Rosenkranz, dessen Holz sich in den Jahrzehnten fast schwarz verfärbt hatte. Roy erkannte ihn. Es war Patricks Rosenkranz gewesen.

Der Priester legte den Brief und den Rosenkranz behutsam vor Roy auf den Tisch. Roy nahm sie nicht gleich.

„Würden… würden Sie mich bitte einen Moment alleinlassen?“, fragte er zaghaft.

„Selbstverständlich. Falls Sie später mit jemandem sprechen möchten, und ich glaube, das sollten Sie tun, so finden Sie mich drüben in der Kapelle.“ Roy nickte. Er kannte die Kapelle.

Roy wartete einen Moment, bis die Schritte des Priesters draußen verklungen waren, dann griff er nach dem altmodisch versiegelten Brief und erbrach das Siegel.

 

Mein Sohn,

las Roy, und musste bei aller Trauer lächeln. Alle Priester titulierten ihre Schützlinge gerne als „Mein Sohn“, aber wenn Pater Patrick ihn so nannte, hatte das Wort eine andere Tiefe und Fülle gehabt.

Wenn Du diese Zeilen liest, wirst du wissen, dass unser Herr Deinen alten Pater heimgeholt hat. Ich gehe leichten Herzens, und doch schmerzt es mich, Dich verlassen zu müssen und Dich auf Deinem schwierigen Weg nicht länger begleiten zu dürfen.

Ich habe in meinem langen Leben viele beglückende Begegnungen gehabt und durfte viele wertvolle Menschen kennenlernen, die mir teuer waren. Und doch möchte ich im Rückblick sagen, dass es niemanden gab, der mir mehr Glück und Freude bereitet hat als Du…

Die Schrift verschwamm vor Roys Augen. Er legte den Brief auf den Tisch und sah zum Fenster hinaus in den klaren Himmel des sonnigen Wintermorgens. Roy atmete ein paarmal tief durch und las weiter:

Ich danke Gott dafür, dass es mir vergönnt war, das verwirrte und unglückliche Kind, dass Du einst warst, zu einem jungen Mann heranreifen zu sehen, dem es gelungen ist, gegen alle Widrigkeiten und gegen jede weltliche Wahrscheinlichkeit die Gaben zur Entfaltung zu bringen, mit denen der Herr ihn gesegnet hat. Ich danke Ihm, dass es mir vergönnt war, Dir auf diesem Weg beizustehen und Dir ein wenig die Richtung zu weisen…

Ein wenig? Roy musste wieder lächeln. Pater, ohne Sie hätte ich ohne Kompass und Karte in einem Labyrinth gestanden!

Ich meine nicht in erster Linie Deine Klugheit und Deinen Wissensdurst, mit dem Du Dir die Welt erschlossen hast, in der Du Dich verloren fühltest wie in einem feindlichen Exil. Ich meine vor allem Deine frühe Entschlossenheit, dem Guten, dass in Dir angelegt ist und das Deinem wahren Wesen entspricht, Raum zu geben und Dein Herz gegen das Böse zu verschließen.

Pater, wie hätte ich unter Ihrer Leitung etwas Anderes wollen können?

Du weißt, dass ich Dich nicht ohne Sorge nach Hogwarts gehen sah, aber mir scheint, dass diese Welt, die Dir zur Heimat geworden ist, allem Anschein zum Trotz weniger heidnisch ist als die, die sich immer noch christlich nennt, in der aber zahllose leere Kirchen vom Gegenteil zeugen.

Und doch mache ich mir Sorgen um Dich. Ich weiß, welche Willensanstrengung es Dich immer noch kostet, Deine Seele im Gleichgewicht zu halten. Die natürliche seelische Stabilität eines Menschen, der aus der Geborgenheit einer glücklichen Familie stammt, hast Du einfach nicht, kannst Du nicht haben und wirst Du womöglich nie haben. Du wirst immer – mehr als Andere – auf Menschen angewiesen sein, die Dir Halt geben. Sei Dir dessen bewusst! Du bist auf Deine Art sehr stark, ja geradezu bewundernswert stark, aber lass bei Menschen, die Dich lieben, nicht das Missverständnis aufkommen, Du bräuchtest sie gar nicht – bei Deinem Hang, Dich durch Verschlossenheit zu schützen, ist dies eine große Gefahr.

Die Familie, die Dir Halt gibt, wirst Du selbst gründen müssen. Ich möchte Dich in diesem Zusammenhang vor einem modernen Missverständnis warnen, das für das Zerbrechen so vieler Ehen und Familien verantwortlich ist: Viele glauben, es liege an ihnen, sich für die Richtige zu entscheiden – und glauben folgerichtig, eine korrekturbedürftige Fehlentscheidung getroffen zu haben, wenn ihre Ehe nicht so traumhaft verläuft, wie sie sich das vielleicht vorgestellt haben, und von neuem nach der Richtigen suchen zu müssen. Unter diesen Voraussetzungen findet man die Richtige nie. Es gibt nämlich nichts zu entscheiden, nur etwas zu erkennen, nämlich wen Gott für einen bestimmt hat. Verlass Dich drauf, Gott schickt Jedem die Richtige über den Weg, aber wehe dem, der sie nicht erkennt, weil er glaubt, es müsse ja noch eine Bessere geben!

Keine Sorge, Pater, ich habe sie gefunden. Schade, dass ich Ihnen Arabella nicht mehr persönlich vorstellen kann, ich wäre gerne von Ihnen getraut worden. Und eigenartig, dass Sie just in dem Monat gestorben sind, in dem ich die Richtige erkannt habe, als wäre es ein Stabwechsel…

Was mich aber zuversichtlich stimmt, Dich nicht zu früh zu verlassen, ist Deine seltene Gabe, Dich von der Sünde fernzuhalten.

(Abgesehen vom Zorn, mein Lieber, der Zorn ist die einzige Todsünde, für die Du wirklich anfällig bist! Natürlich kann jeder Mensch auch einmal zornig sein, aber ich beschwöre Dich nochmals, stets darauf zu achten, dass Du den Zorn hast und nicht der Zorn Dich!)

Deine Armut hat Dich nie zur Habgier verleitet, Dein Unglück nicht zur Missgunst gegenüber dem Glück Anderer, Dein enormer Ehrgeiz nicht zu faulen Kompromissen auf Kosten der Wahrheit und des Guten. Ich habe es Dir schon oft gesagt, aber da dies die letzten Worte sind, die ich an Dich richten kann, möchte ich es wiederholen: Wer der Sünde widerstehen will, muss unbestechlich sein, und gerade diese innere Unbestechlichkeit ist Deine größte natürliche Charaktergabe!

Nein, Pater, das ist keine natürliche Gabe. Die Unbestechlichkeit habe ich, wie alles, was ich gelernt habe, von Ihnen gelernt. In einer Kirche, deren Bischöfe das Jüngste Gericht weniger fürchten als die nächste Meinungsumfrage, haben Sie das Zweite Vatikanische Konzil und seine Folgekatastrophen unbeirrbar ignoriert und am wahren katholischen Glauben festgehalten. Selbst Päpsten haben Sie widerstanden! Die Rolle des Störenfrieds haben Sie weder gesucht noch geliebt, aber gelassen in Kauf genommen. Sogar die Alte Messe haben Sie zelebriert, und Ihre Kirche war voll, bis man Ihnen Ihre Gemeinde weggenommen hat…

Ich glaube, diese Unbestechlichkeit hast Du von Deiner Mutter geerbt.

Roys Kinnlade fiel herunter. Was?

Sie war ein verwahrlostes, unglückliches junges Ding, als sie mit Dir schwanger wurde. Alle lagen ihr in den Ohren, Dich abzutreiben, niemand, den sie kannte, hätte ihr einen Vorwurf gemacht. Man warf ihr im Gegenteil vor, dass sie es nicht tat. Jede Scheinrechtfertigung, jede Ausrede stand parat, sie hätte sie nur zu ergreifen brauchen. Für sie galt exemplarisch das Wort: „Die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden.“ (Mt 7, 13) Deine Mutter hat diesen Weg für Dich gefunden, weil sie nach dem Guten strebte – und bedenke: Sie hatte nicht, wie Du, einen Priester, der ihr den Weg wies! – und darin unbestechlich war. Wäre sie es nicht gewesen, gäbe es Dich nicht!

Ich weiß, dass Du auf Deine Mutter zornig bist, und wer wollte es Dir verargen? Bedenke aber bitte, dass Jeder nur geben kann, was er hat. Deine Mutter hat selbst nur wenig empfangen und konnte Dir deshalb nicht viel geben, aber was sie Dir geben konnte, hat sie Dir gegeben. Es steht Dir zu, Dich zu beklagen – aber den Stab über sie zu brechen, das steht Dir nicht zu!

Ich habe Pater Matthew gebeten, Dir nach meinem Tod den Rosenkranz zu geben, der mich seit meiner Kindheit begleitet hat. Er wird Dich daran erinnern, dass ich stets bei Dir bin.

Dein alter Pater und Freund

Patrick

 

Roy nahm den Rosenkranz in die Hand, den Pater Patrick Zehntausende von Malen gebetet hatte. Wenn überhaupt ein Teil seiner Seele auf Erden zurückgeblieben war, dann wohnte sie in diesem Kranz, den Roy nun behutsam in die linke Brusttasche seiner Jacke gleiten ließ. Er war nicht allein, sein Pater war bei ihm.

Roy stand auf, verließ das Büro und ging auf den kleinen Klosterfriedhof. Er hätte sich das Grab zeigen lassen können, aber er wollte allein sein, und es war auch nicht schwer zu finden. Aus der Innentasche seiner Jacke zog er einen winzigen Blumenstrauß, duplizierte ihn mit seinem Zauberstab, vergrößerte ihn und legte ihn dem Pater aufs Grab. Fast eine Stunde lang blieb er davor stehen.

Dann ging er in die Klosterkapelle, kniete vor der Mutter Gottes, nahm eine Kerze und entzündete sie für Patrick. Dann eine zweite für seine Mutter.

Nacheinander zündete er für jeden Menschen, der ihm etwas bedeutete, eine Kerze an. Eine für Arabella. Eine für Julian. Eine für Albus. Eine für Ares. Eine für Orpheus.

Er sah die sieben Kerzen brennen, zögerte einen Augenblick, griff, ohne so recht zu wissen, warum er es tat, zu einer achten Kerze, und entzündete auch diese.

Eine für Harry.

Acht Kerzen. Er war nicht allein.

Er stand auf und wollte schon gehen, als er hinter sich ein diskretes Räuspern hörte. Es war Pater Matthew.

„Darf ich Sie etwas fragen, Roy?“

„Nur zu.“

„Was ist das für ein Blumenstrauß, den Sie auf Patricks Grab gelegt haben?“, fragte Matthew. „Solche Blumen habe ich noch nie gesehen.“

„Natürlich nicht“, sagte Roy schmunzelnd. „Es ist ein magischer Strauß.“

„Magisch?“, fragte der Priester erschrocken.

„Weiße Magie, Pater. Nichts, wovor man sich fürchten müsste.“

„Ja“, sagte der Priester und sah ihn nachdenklich an, „Patrick hat mir erzählt, dass Sie ein Zauberer sind. Ich konnte es kaum glauben.“

„Dann hat er Ihnen sicher auch gesagt, dass ich niemals Schwarze Magie treiben würde?“

Pater Matthew lächelte. „In der Tat.“

„Eine Frage, Pater: Kann ich eine Nichtkatholikin heiraten?“

„Nun, wir müssten natürlich Dispens einholen, aber grundsätzlich geht das schon. Sie ist Anglikanerin?“

„Nein, sie ist eine Hexe.“

Der Pater musste nun doch schlucken, bevor er antwortete: „Die aber ebenso wenig Schwarze Magie treibt wie Sie, hoffe ich?“

„Selbstverständlich. Manche der Hochzeitsgäste könnten allerdings“, Roy grinste, „ein wenig, ähm, exzentrisch wirken.“

Der Priester musste nun auch schmunzeln. „Das stört uns nicht, die meisten unserer Mitmenschen finden auch uns hier ziemlich exzentrisch. – Hätte Patrick Sie getraut?“

„Ja“, sagte Roy knapp. Er wusste, dass er es getan hätte.

„Dann wird es an mir nicht scheitern.“

Nach einem Moment des Schweigens fragte der Pater: „Kann ich noch etwas für Sie tun?“

„Nehmen Sie mir die Beichte ab.“

 

Als er nach Hause kam, hörte er seine Mutter mit schwacher Stimme rufen: „Roy?“

Er trat ins Wohnzimmer. Sie hatte sich aufgesetzt und blinzelte mit glasigen Augen umher.

„Hast du hier aufgeräumt?“, fragte sie mit schwerer Zunge.

„Ja, Mama.“ Er hatte sie schon seit Jahren nicht mehr „Mama“ genannt. „Frohe Weihnachten auch.“

„Frohe Weihnachten, mein Junge.“

Sie schwiegen. Dann sagte er: „Es ist zwar erst Heiligabend, aber du sollst dein Geschenk jetzt schon haben.“

Er zauberte eine mit Wasser gefüllte Vase herbei, zog den zweiten winzigen Blumenstrauß aus der Innentasche, vergrößerte ihn und stellte ihn in die Vase auf den Tisch.

„Roy, was machst du da?“

„Ich zaubere. Bisher durfte ich es nicht außerhalb von Hogwarts. Dieser Strauß ist übrigens ein ewiger Blumenstrauß. Die Blumen sterben nicht ab, sondern verwandeln sich in andere Blumen. Du wirst also ab jetzt immer Blumen auf dem Tisch haben.“

„Ich habe gar kein Geschenk für dich“, murmelte sie schuldbewusst.

„Du kannst mir eins machen.“

„Ja?“

„Trink einfach nur so viel, dass wir noch miteinander reden können. – Ich lege dir jetzt frische Klamotten ins Bad und lasse dir Badewasser ein.“

„Ach Roy, lass mich…“

„Du stinkst!“, schnauzte er sie heftiger an, als er beabsichtigt hatte. „Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass du nicht stinkst“, fuhr er etwas leiser fort.

„Gut, gut…“ sagte sie schüchtern. Dann setzte sie eine Flasche Hochprozentiges an die Lippen. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie einiges davon verschüttete.

Als Roy die zitternde Hand sah und in ihr früh gealtertes, aufgedunsenes, zerstörtes Gesicht blickte, durchfuhr es ihn wie ein Schlag: Sie wird Ostern nicht mehr erleben, wusste er plötzlich. Dies sind die letzten Tage, die du mit ihr zusammensein kannst!

Er würde die Ferien nicht in der Bibliothek verbringen.

3 Gedanken zu „37 – Trauriger Heiligabend

  1. Das Kapitel ist sehr hart. Sehr tief. JKR hätte das nicht gekonnt. Ich bin beeindruckt wie das Thema Kirche und Religion so selbstverständlich eingearbeitet ist. Vielleicht Ihr persönlichstes Kapitel?

    • Eines der persönlichsten bestimmt, wenn auch auf eine komplizierte, schwer zu erklärende Weise. Meine eigene Mutter hat nicht gesoffen, und einen Priester als Vaterersatz hatte ich auch nicht. Insofern ist es überhaupt nicht autobiographisch, Roys Jugend ist in vieler Hinsicht sogar das Gegenteil meiner eigenen, trotzdem ist es eines der Kapitel, bei denen ich am meisten das Gefühl hatte: Das geht dich etwas an. Wie gesagt, schwer zu erklären.

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