35 – Bernies Geburtstag

 

Obwohl es erst halb acht Uhr morgens und damit für einen Samstag noch früh war, herrschte bei den Erstklässlern an der Frühstückstafel der Slytherins schon Bombenstimmung. Es war Bernies Geburtstag, und schon um sieben hatten sie ihn, wie üblich, wenn einer von ihnen Geburtstag hatte, mit einem Ständchen geweckt und ihm seine Geschenke überreicht.

Sie hatten zusammengelegt, um ihm ein großes Zaubertrankset mit Dutzenden magischer Zutaten und nützlicher Utensilien zu kaufen. Da die Erstklässler ihre Zutaten nämlich noch nicht selbst verzaubern mussten, es daher nur auf die korrekte Zubereitung ankam und Bernie unglaublich akribisch und konzentriert arbeiten konnte, war er in Zaubertränken fast so gut wie in Muggelkunde. Es war sogar sein Lieblingsfach, und er hatte angefangen, selbstständig Zaubertränke zu brauen, sie waren sein neues Hobby. Kein Wunder, dass seine Augen leuchteten, als er die Liste der magischen Substanzen durchging, von denen einige nicht einmal in Hogwarts vorrätig waren.

Den Vogel schoss allerdings Scorpius ab, der Bernie ein winziges Fläschchen überreichte, das mit einer türkisfarbenen Flüssigkeit gefüllt war.

„Was ist das?“, fragte Bernie.

„Zauberkraftverstärker“, antwortete Scorpius in beiläufigem Ton, während von den Anderen ein bewunderndes Raunen zu hören war. „Wird von Squibs benutzt. Es ist ein Zaubertrank, mit dem schwache magische Energie so verstärkt wird, dass der Betreffende zaubern kann.“

„Super!“ Bernie sprang auf und begann, Scorpius vor Begeisterung zu schütteln. „Dann kann ich es endlich auch! Warum habt ihr mir nicht früher gesagt, dass es so etwas gibt?“

Die Anderen tauschten vielsagende Blicke.

„Tja, es gibt leider einen Wermutstropfen“, sagte Scorpius. „Zauberkraftverstärker wird aus Zutaten hergestellt, die zum Teil dreihundert Jahre lang unter fachmännischer Aufsicht reifen müssen, und ist deshalb wirklich sauteuer. Die Squibs, die ihn benutzen, sind allesamt schwerreich, und selbst die können es sich nur ab und zu leisten…“

„Um Himmels willen, Scorpius, du glaubst doch nicht, dass ich das annehme?“, rief Bernie und wollte ihm das Fläschchen zurückgeben.

„Von mir kannst du es ruhig annehmen“, sagte Scorpius, „ich musste es nicht bezahlen, weil die Zaubertrankbrauerei, aus der es stammt, meiner Familie gehört. Ich musste meinen Vater trotzdem ganz schön beknien, bis er wenigstens diese kleine Menge herausrückte. Damit kannst du ungefähr ein bis zwei Stunden lang zaubern, je nachdem, wie intensiv der Zauber ist. Für ein paar kleinere Zauber und eine Viertelstunde reichen allerdings wenige Tropfen, und du solltest es auf jeden Fall ausprobieren, den Rest aber für den Notfall aufheben, also zum Beispiel für wichtige Prüfungen oder… nun ja, falls du in Gefahr gerätst und unbedingt zaubern musst. Wir wissen ja nicht, ob hier vielleicht immer noch jemand rumgeistert, der es auf Muggelstämmige abgesehen hat.“

Bernie schluckte. Angriffe auf Muggelstämmige hatte es zwar in den letzten Wochen nicht mehr gegeben, aber so richtig sicher fühlte er sich nur in Begleitung von Albus, der jedoch auch nicht immer Zeit hatte.

„Die Flasche ist unzerbrechlich“, fuhr Scorpius fort, „trag sie immer bei dir, nur für den Fall…“

„Du bist echt ein feiner Kerl, Scorpius“, sagte Bernie gerührt.

Als sie schließlich beim Frühstück saßen – die Hauselfen hatten eine riesige Geburtstagstorte hochgeschickt –, nahm Bernie ein paar Tropfen und fing unter dem ausgelassenen Gelächter seiner Freunde immer übermütiger an zu zaubern. Er ließ Albus ein wenig schweben, verwandelte Jennifers Kürbissaft – natürlich genau in dem Moment, wo sie ihren Becher zum Mund führte – in Spinatsaft und warf Scorpius zur allseitigen Gaudi mit einem Verscheuchezauber ein Stück Torte ins Gesicht, um es dann mit Reparo wiederherzustellen und mit Tergeo Scorpius‘ Gesicht zu reinigen. Die Wirkung des Zauberkraftverstärkers ließ nach einer Weile merklich nach und hörte schließlich auf, aber der Stimmung tat dies keinen Abbruch.

Kurz nach acht tauchte Roy auf, der seltsamerweise einen Besen bei sich trug.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Bernie, hier, das ist für dich“, sagte er und drückte dem verdutzten Bernard den Besen in die Hand.

„Danke, aber was soll ich damit?“, fragte Bernie mit großen Augen.

„Fliegen, was denn sonst?“

„Ja, aber ich kann doch gar nicht Besenfliegen, dazu muss man doch zaubern können, oder nicht?“, fragte Bernie zweifelnd.

„Normalerweise ja“, grinste Roy etwas selbstgefällig, „aber nicht mit dem hier. Wenn du genau hinsiehst, wirst du bemerken, dass er ein wenig anders aussieht als herkömmliche Besen.“

Bernie, umdrängt von seinen Mitschülern, sah sich den Besen jetzt genauer an. In der Tat war am oberen Drittel des Schafts ein etwa zehn Zoll langes Stahlrohr über den Besenstiel gezogen worden, das an beiden Enden von starken Druckfedern gehalten wurde. Ganz oben, fast am Ende des Schafts, befand sich außerdem ein stählerner Ring.

„Normalerweise“, dozierte Roy, „müssen beim Besenfliegen zwei Komponenten zusammenkommen: die Magie, die im Besen selbst steckt, und durch die er überhaupt fliegen kann, und die Magie des Zauberers, die das Potential des Besens aktiviert und ihn steuert. Ich habe mir Gedanken gemacht: Da der Besen ja im Prinzip bereits von sich aus fliegen kann und nur die Steuerbefehle magisch sind, müsste es möglich sein, ihn so umzubauen, dass er auch auf mechanische statt magische Befehle reagiert. Wenn du das Rohr nach vorn schiebst, beschleunigst du, ziehst du es zurück, bremst du ab. Durch den Druck auf die Federn, die mit den magischen Meridianen des Besens verbunden sind, wird der magische Energiefluss so gelenkt, dass… ach, ist ja auch egal!“, unterbrach er sich, als er die ratlosen Mienen der Zuhörer sah. „Dreh mal den Ring da oben bis zum Anschlag nach rechts!“

Bernie tat es, und mit einem Mal schwebte der Besen, leicht vibrierend, in Höhe seiner Hüften.

„Lenken musst du, wie alle Anderen auch, indem du den Schaft in die entsprechende Richtung drückst. So, dann steig mal auf.“

Bernie setzte sich so auf den Besen, wie er es in den Flugstunden Dutzende Male gesehen hatte. Wahrhaftig, der Besen trug ihn!

„Soll ich jetzt wirklich Gas geben?“, fragte er mit unsicherem Blick auf Roy.

„Ja, aber ganz vorsichtig, nicht, dass du uns gleich gegen eine Wand knallst!“

Zögernd und sachte drückte Bernie das Rohr nach vorne, und der Besen setzte sich langsam in Bewegung. Da der Schaft bereits nach oben zeigte, stieg Bernie ein paar Meter, drückte dann den Besen in die Waagerechte und flog immer noch langsam eine weite Kurve über die Köpfe der verdutzten anderen Hogwarts-Schüler hinweg – die Halle war inzwischen gut gefüllt.

Bernie jauchzte lauthals, wurde mutiger, beschleunigte beherzt, flog enge Kurven, raste im Zickzack durch die Halle, zog den Besen steil nach oben, bis er fast die magische Decke erreichte, traute sich dann sogar einen Sturzflug, zog knapp über dem Boden den Besen wieder in die Horizontale und raste im Tiefflug über einen der Haustische, wobei er Speisen, Getränke und Geschirr zur Seite fegte und die dort Sitzenden über und über bespritzt und bekleckert wurden. Dass es sich um den Tisch der Hufflepuffs handelte, war selbstverständlich reiner Zufall…

„Wildfellow, hören Sie sofort mit diesem Unfug auf und kommen Sie herunter!“, hörte man nun die Stimme McGonagalls, die die Kindereien am Slytherin-Tisch bis dahin eher belustigt verfolgt hatte, durch den Saal donnern. Bernie bremste abrupt, senkte den Schaft und landete weich neben dem Slytherin-Tisch. Sein Gesicht glühte vor Glück und Begeisterung.

McGonagall schwang energisch ihren Zauberstab, und der Tisch der Hufflepuffs wurde ebenso wie ihre bekleckerte Kleidung und ihre Gesichter wieder in den vorherigen Zustand zurückversetzt.

„Mit Rücksicht darauf, dass Sie heute Geburtstag haben, verzichte ich darauf, Ihnen Punkte abzuziehen, aber wenn Sie fliegen wollen, Mister Wildfellow, gehen Sie bitte nach draußen.“

„Wir holen jetzt Alle unsere Besen“, schlug Albus, an Bernie gewandt, vor, „und dann lernst du erst einmal Quidditch!“

Vorbei an Roy, dem sichtbar das Herz im Leibe lachte, drängten die Erstklässler sich zum Ausgang der Halle. Arabella hakte sich bei ihm unter.

„Sagtest du nicht, du würdest nichts unterstützen, was es Hermine erlaubt zu behaupten, ihr Experiment mit Bernie sei erfolgreich gewesen?“, fragte sie lächelnd und schmiegte sich an ihn.

„Sagtest du nicht“, fragte er zurück, „dass auch Gefühle Argumente sein können? Weißt du, ich konnte vom Klassenzimmer aus beobachten, wie Bernie bei den Flugstunden der Erstklässler immer unten bleiben und den Anderen zuschauen musste. Ich konnte es einfach nicht mehr mitansehen!“

Arabella schlang ihre Arme um seinen Hals. „Für diese Art Inkonsequenz liebe ich dich fast noch mehr als für alles andere!“ Beide sahen den aufgekratzt kichernden Jüngeren nach, die eben aus der Halle verschwanden.

„Ich glaube, an einem Tag wie heute könnte sogar Bernie einen Patronus erzeugen“, sagte sie und strahlte ihn an. „Weißt du eigentlich, dass du ein Talent hast, Menschen glücklich zu machen?“

„Ach was“, wehrte Roy geschmeichelt ab. „Ich habe nur ein bisschen Talent für Magie.“

„Das ist Magie, du Dummkopf“, erwiderte sie und küsste ihn.

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