22 – James Potters schwärzeste Stunde

 

Accio Zauberstab!“

James fuhr herum und sah seinen Zauberstab, der ihm eben aus der Hand gerissen worden war, auf MacAllister zusegeln, der ihn mit einer lässigen Geste seiner linken Hand einfing, während er mit der rechten seinen eigenen Zauberstab fest auf James gerichtet hielt. James‚ Knie wurden weich, aber er riss sich zusammen.

Es war die Nacht von Dienstag auf Mittwoch, kurz nach halb eins.

„Hallo Potter“, begrüßte ihn MacAllister, als wären sie sich eben auf dem Schulhof begegnet.

„Hallo MacAllister“, knurrte James, fest entschlossen, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen.

„‚Tod den Schlammblütern‘“, las MacAllister vor, was James eben an die Wand gezaubert hatte, „und dazu noch ein hübsches Todessermal. Da wird Tante Hermine aber entzückt sein!“, höhnte er.

„Das lass mein Problem sein.“

„Natürlich“, gluckste MacAllister, „und ich werde noch ganz andere Dinge dein Problem sein lassen, von denen deine Tante noch das geringste ist.“ Kopfschüttelnd betrachtete er noch einmal James‚ Scheißhausparole. „Die dritte Nacht hintereinander, während die ganze Schule nach dem Täter sucht! Nicht mal unsichtbar hast du dich gemacht! Mann, Potter, du hast vielleicht Nerven! Für deine Kaltschnäuzigkeit würde ich dich glatt bewundern, wenn sie einer besseren Sache dienen würde.“

„Für meine Sache brauche ich mich nicht zu schämen!“, rief James trotzig.

„Nein?“ Roy wog den Kopf. „Also, ich würde mich einer Sache schon schämen, die so wenig Wahrheit auf ihrer Seite hat, dass sie mit Lügen operieren muss. Aber das werden wir heute Nacht nicht ausdiskutieren. Jetzt gehen wir erst einmal zu deinem Hauslehrer.“

James musste vorausgehen, während Roy ihm mit gezogenem Zauberstab folgte. Es dauerte eine ganze Weile und bedurfte heftigen Klopfens, bevor Neville Longbottom schlaftrunken an der Tür seiner kleinen Dienstwohnung erschien.

„Was gibt es denn…“ begann er, dann sah er Roys Zauberstab, der auf den zu Boden blickenden James gerichtet war.

„Guten Morgen, Herr Professor, ich habe Potter eben dabei erwischt, wie er die Parole ‚Tod den Schlammblütern‘ und ein Todessermal an die Wand gezaubert hat.“

Neville starrte James an. „Du warst das?“, flüsterte er entgeistert. James starrte weiter zu Boden.

„Prüfen Sie es nach.“ Roy reichte Neville James‚ Zauberstab.

„Moment“, sagte Longbottom, verschwand in seiner Wohnung und kehrte nach zwei Minuten zurück. Er hatte sich hastig einen Umhang über den Pyjama gezogen, seine Füße steckten in Pantoffeln. Mit der Spitze seines eigenen Zauberstabes berührte er den von James. Dann stutzte er. „Äh… Prius inkatandem!“

Nichts geschah. Neville errötete.

„Primus impotentam!“ An James‚ Zauberstab rührte sich nichts.

„Prima incarnatio!“, rief Neville mit wachsender Verzweiflung. Roy presste fest die Lippen zusammen, um nicht loszuprusten, und sogar James, der richtig in der Tinte saß, hatte Mühe, ernst zu bleiben.

„Primela imbiscum!“

Roy, der allmählich fürchten musste, der Professor werde James‘ Zauberstab eher in einen Ziegenbock verwandeln als ihm seinen letzten Zauber zu entlocken, räusperte sich.

„Verzeihung, Herr Professor“, meinte er höflich. „Könnte es sein, dass Sie Prior Incantato meinen?“

Neville warf ihm einen dankbaren Blick zu. „Prior Incantato!“ Einem Rauchwölkchen gleich stieg ein verkleinertes Abbild von James‚ Machwerk aus der Spitze des Stabes. Longbottom starrte es an. „James, wie kannst du nur…“ Nun besann er sich darauf, dass er als Professor handeln musste, nicht als Freund der Familie Potter. „Das wird Konsequenzen haben! Zunächst müssen wir Professor McGonagall informieren.“

Nachdem sie die Schulleiterin aus dem Bett geholt hatten – wie gut, dass McGonagalls Blicke James nicht töten konnten! –, beschlossen die Lehrer, die beiden Gryffindor-Vertrauensschüler Ethelbert und Victoire hinzuzuziehen. Sie gingen zum Portrait der fetten Dame. „Passwort“ sagte die Dame unter herzhaftem Gähnen.

Neville wurde rot. „Äh, Potter, sagen Sie das Passwort.“

„Und wenn nicht?“, fragte James, der offenbar irgendwie noch Sand ins Getriebe streuen wollte.

„Mach keine Zicken, Potter“, sagte Roy, „wenn einer die Vertrauensschüler jetzt braucht, dann bist du es, die Lehrer brauchen sie nicht.“

James seufzte. „Suppengrün.“ Das Portrait schwang auf, die beiden Lehrer kletterten hinein, um die Vertrauensschüler zu wecken.

Nachdem sie zu sechst in McGonagalls Büro angekommen waren, zog die Schulleiterin dem Haus Gryffindor zunächst einhundertfünfzig Punkte ab und hielt dann dem auf seinem Stuhl zusammengesunkenen James eine zwanzigminütige Donnerpredigt, an deren Ende sie zusammenfasste:

„Sie haben Hogwarts in Verruf gebracht! Sie haben mich in Verruf gebracht! Sie haben das Ansehen Gryffindors aufs Schwerste geschädigt! Sie haben den guten Namen Ihrer Familie besudelt! Vielleicht könnte ich Ihnen das alles noch nachsehen. Was ich Ihnen aber nicht verzeihen kann und werde, ist die Tatsache, dass sie versucht haben, Ihre Schandtaten Unschuldigen in die Schuhe zu schieben!“

„Professor McGonagall“, versuchte Victoire die aufgebrachte Schulleiterin zaghaft zu beschwichtigen, „bitte verweisen Sie ihn nicht der Schule. Er war sich der Tragweite bestimmt…“

„…nicht bewusst?“, fauchte McGonagall. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Miss Weasley? Spätestens als der Tagesprophet heute Morgen Slytherin mit haltlosen Beschuldigungen überhäufte, war ihm die Tragweite klar! Und genau darauf hatten Sie es doch angelegt, nicht wahr, Potter? – Sie haben noch genau eine Chance, dem Schulverweis zu entgehen. Sagen Sie mir, wer sie angestiftet hat oder wer noch davon wusste.“

In den Augenwinkeln konnte Roy sehen, wie Victoire erbleichte.

„Ich war es allein. Niemand sonst wusste davon, und es hat mich auch niemand angestiftet.“ Man sah, dass er log.

Donnerwetter, dachte Roy, was immer der Mistkerl sonst sein mag, einer, der andere verpfeift, um seinen eigenen Hals zu retten, ist er jedenfalls nicht.

McGonagall musterte James prüfend. „Nun gut“, sagte sie schließlich. „Wenn das Ihr letztes Wort ist, dann ist dies Ihre letzte Stunde in Hogwarts.“

„Sie können mich nicht rauswerfen, Frau Professor“, griff James nun nach dem letzten Strohhalm. „Das Ministerium würde…“

„Halt doch die Klappe, du Idiot!“, zischte Victoire ihm zu, doch es war zu spät.

„Sie wagen es, mir mit dem Ministerium zu drohen, Potter?“

McGonagall sprang mit einer Behendigkeit auf, die man ihr in ihrem Alter kaum zugetraut hätte, und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Wenn das Fass nicht schon längst übergelaufen wäre, hätten Sie es jetzt geschafft!“

„Frau Professor, bitte…“ flehte Victoire.

„Nein!“, fauchte McGonagall zurück.

Victoire wandte sich an Ethelbert. „Willst du denn nicht auch etwas sagen?“

„Was denn?“, fragte Ethelbert achselzuckend. „Mir fallen keine Argumente ein.“

„Professor Longbottom?“

Neville schüttelte traurig den Kopf. „Ich wüsste nicht, was hier noch zu machen wäre. Ich habe mich immer für James eingesetzt, es war ja weiß Gott nicht seine erste Schandtat, aber das hier geht einfach zu weit. Ich bin auch menschlich zu tief enttäuscht.“ In Nevilles Augen glitzerten Tränen.

McGonagall zog einen Bogen Pergament hervor und schrieb. Niemand wagte ein Wort zu sagen. Dann rollte sie das Blatt zusammen und reichte es James, der es wie in Trance entgegennahm.

„Das ist der Brief an Ihre Eltern mit der offiziellen Mitteilung, dass Sie der Schule verwiesen sind.“

Dann öffnete sie eine Büchse Flohpulver und warf eine Handvoll davon in die Flammen ihres Kamins, die sich smaragdgrün färbten.

„Das war’s, Potter. Sie werden augenblicklich zu Ihren Eltern zurückkehren. Ihre Sachen werden Ihnen nachgeschickt. Gute Reise.“

Als James kreidebleich und mit zitternden Knien zum Kamin ging, sagte eine Stimme hinter ihm:

„Halt!“

Es war Roy.

Alle fünf drehten sich verblüfft zu ihm hin.

„Professor McGonagall“, sagte Roy, „Potters Aktionen zielten darauf ab, Slytherin zu schaden. Wenn ich Sie im Namen Slytherins bitten würde, Potter nicht hinauszuwerfen, würden Sie dieser Bitte dann entsprechen?“

McGonagall lehnte sich zurück und sah ihn erstaunt an. „Warum sollten Sie das tun, MacAllister?“

„Das wäre mein Friedensangebot an Gryffindor“, sagte Roy zu Victoire und Ethelbert, die ihn anstarrten wie einen Weihnachtsmann zu Ostern, „und zwar mein letztes.“

„Was heißt das?“, wollte Victoire wissen.

„Habe ich euer Wort, dass die Gryffindors ihre andauernden Provokationen und sonstigen Feindseligkeiten gegen Slytherin einstellen, wenn Potter in Hogwarts bleiben kann?“

„Natürlich“, antwortete Ethelbert sofort.

Victoire brauchte einen Moment länger, doch dann sagte auch sie: „Du hast mein Wort.“

„In diesem Fall“, wandte Roy sich nun wieder der Schulleiterin zu, „bitte ich Sie im Interesse des Schulfriedens, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.“

McGonagall sah einen nach dem anderen an. Sie ließ die Gryffindors eine volle Minute lang zappeln, dann streckte sie die Hand Richtung James aus. „Den Brief, Potter!“ James reichte ihr mit zitternder Hand den Brief, den McGonagall mit Reductio verschwinden ließ.

Neville“, sagte sie, „ich erwarte von Ihnen, dass Potter empfindlich bestraft wird. Ich benachrichtige seine Eltern von dem, was er getan hat. Sie alle können jetzt gehen. Gute Nacht!“

 

 

Am folgenden Morgen wurden die Slytherins wieder einmal mit der Aufforderung geweckt, sofort in den Gemeinschaftsraum zu kommen. Roy wartete, bis alle sich eingefunden hatten, dann rief er:

„Heute Nacht ist der Schmierer ertappt und überführt worden. Es ist ein Gryffindor!“

Erleichterter Jubel ließ die Wände des Gemeinschaftsraums erbeben. „Wer war’s?“, wollten mehrere wissen.

James Potter!“

„Hätten wir uns ja denken können!“, – „Endlich fliegt der Scheißkerl!“

„Nein“, antwortete Roy, „er fliegt nicht!“

Schlagartig brach der Jubel ab. Roy blickte in lange Gesichter. Nur Albus sah erleichtert drein.

„Was, immer noch nicht?“, – „Typisch, McGonagall ist ja auch eine Gryffindor, die können sich alles erlauben!“

McGonagall hatte den Rauswurf schon unterschrieben“, erwiderte Roy. „Ich selbst habe sie gebeten, ihn zurückzunehmen.“

Die Slytherins starrten ihren Vertrauensschüler mit offenen Mündern an. „Du???

„Im Gegenzug haben Ethelbert und Victoire mir ihr Wort gegeben, dass die Gryffindors uns ab jetzt in Ruhe lassen, und das war mir wichtiger. Denkt an das, was der Sprechende Hut gesagt hat: Der Feind sitzt nicht in diesen Mauern! Ihr werdet die Gryffindors ebenfalls in Ruhe lassen!“

Was Roy sagte, war vernünftig wie ein Knäckebrot, aber eben nicht lecker wie eine Torte. Ein wenig murrend gingen die Slytherins zurück in die Schlafsäle und Waschräume, um sich fertigzumachen.

 

Der Weg zum Frühstück war für die Gryffindors an diesem Morgen ein Spießrutenlauf. Das lag weniger an den Slytherins, die auf Roy hörten und die Gryffindors nach Kräften ignorierten, als vielmehr an den Ravenclaws und Hufflepuffs. Vor allem diejenigen, die auf einen Täter aus den Reihen der Slytherins getippt und nun ihre Wetten verloren hatten, ließen ihrem Zorn auf Gryffindor freien Lauf.

Am schlimmsten war es für James, der nicht nur die Pöbeleien von Schülern der beiden Häuser, sondern auch die eisige Feindseligkeit seiner eigenen Hauskameraden über sich ergehen lassen musste, denen er hundertfünfzig Minuspunkte und eine Riesenblamage eingebrockt hatte. Bis gestern war er ziemlich beliebt gewesen – zumindest bei denjenigen Mitschülern, denen er noch keine üblen Streiche gespielt hatte. Nun saß er so einsam und verloren am Tisch der Gryffindors wie Bernie drei Wochen zuvor an dem der Hufflepuffs. Niemand wollte mit ihm reden.

„Er hat bekommen, was er verdient hat“, sagte Roy, während er sich neben Albus setzte, der seinen Bruder traurig beobachtete, „und sogar weniger als das. Morgen auch.“

„Er tut mir trotzdem leid“, meinte Albus. „Ich kann nicht anders. Außerdem sind die Gryffindors richtige Heuchler. In Wirklichkeit werfen sie ihm doch gar nicht vor, dass er es gemacht hat, sondern nur, dass er sich hat erwischen lassen.“

Roy nickte. „Das glaube ich auch. Nun lass dich nicht davon runterziehen. Sie werden wieder mit ihm reden, dafür sorgt schon Victoire.“

„Victoire?“ Albus war ein wenig überrascht. „Nur weil sie seine Cousine ist?“

„Nicht nur deshalb. Ich glaube, dass sie Bescheid wusste. Sie kann ihn nicht zu lange schmoren lassen.“

Als hätte sie es gehört, stand Victoire in genau diesem Moment auf und setzte sich zu James, um ein Gespräch zu beginnen. Albus war einerseits erleichtert, andererseits fand er: SO schnell hätte es nun auch wieder nicht gehen müssen!

„Wenigstens ist Slytherin jetzt wieder…“ – Albus suchte nach dem passenden Wort – „…rehabilitiert.“

„Was Hogwarts betrifft ja, aber in den Augen der Öffentlichkeit wird eine Menge Dreck an uns kleben bleiben.“

„Wieso?“, fragte Albus ungläubig. „Der Tagesprophet muss doch darüber berichten, nachdem er das Thema so hoch gehängt hat.“

„Nein“, sagte Roy, „muss er nicht und wird er nicht. Lass uns nicht weiter darüber nachdenken, sonst bereue ich es noch, deinem Bruder den Allerwertesten gerettet zu haben.“

„Ach ja, danke auch.“

„Dank zurück für Karte und Umhang. Ich habe beides unter dein Kopfkissen gelegt.“

„Woher wusstest du eigentlich, dass McGonagall ihn nicht hinauswerfen würde?“, wollte Albus wissen.

Roy grinste. „Ich hatte es vorher mit ihr so abgesprochen.“

„Wie?“, fragte Albus. „McGonagall und du, ihr habt eine Show inszeniert?“

„Mein Freund, ich hatte dir gesagt: Vertrau mir! Da konnte ich deinen Bruder wohl nicht gut aus dem Fenster schubsen, ohne dafür zu sorgen, dass unten ein Sprungtuch auf ihn wartet.“ Roys Grinsen wurde breiter. „Aber er musste ganz schön bibbern.“

„Meinst du, dass wir hier in Hogwarts jetzt Ruhe haben?“

„Ja.“

Roys Zuversicht war begründet, aber voreilig. Die paar Wochen Ruhe, die den Slytherins nun tatsächlich vergönnt waren, sollten die Ruhe vor dem Sturm sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.