19 – Eine Freundschaft zerbricht

 

„Sagen Sie, Harry“, sagte Julian schließlich und druckste ein wenig, „ähm… wissen die Auroren eigentlich, wo das Grab meines Großvaters ist, Rodolphus Lestrange?“ Es war ihm sichtlich unangenehm, diese Frage zu stellen, da er nicht wusste, wie die Potters darauf reagieren würden, aber sie brannte ihm die ganze Zeit auf den Nägeln.

Harry sah ihn mitfühlend an. „Ich selbst war damals noch kein Auror und weiß es daher nicht. Wenn Sie möchten, kann ich mich aber erkundigen. Ist es wichtig für Sie?“

„Ja“, sagte Julian, „es wäre mir sehr wichtig.“

„Darf ich… darf ich fragen, warum?“, fragte Harry sanft.

Julians Blick hielt sich an der Teetasse fest, die vor ihm auf dem Tisch stand.

„Mein Vater hat mir nie etwas von ihnen erzählt, also nichts Persönliches, immer nur, dass sie Todesser waren und so weiter. Als ob sie nur Todesser und sonst nichts gewesen wären, irgendwie keine Menschen, verstehen Sie? Mein Vater ist selber ein Entwurzelter und hat mich gleich mit entwurzelt. Ich suche nach einer Verbindung zu ihnen.“

Ginny fand diesen Wunsch offenbar etwas befremdlich: „Wollen Sie die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen? Was immer Sie über Ihre Großeltern herausfinden – etwas Gutes wird es nicht sein.“

Ohne es zu wollen, hatte sie Julians empfindlichsten Nerv angepikst. Er funkelte sie an: „Lassen Sie das bitte mein Problem sein! Ich weiß nicht viel über meine Großeltern, aber eines weiß ich: Opportunisten, die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängten, waren sie nicht! Sie sind für Ihre Überzeugungen gestorben!“

Ginny wollte wütend antworten, aber Harry bat sie mit einer Geste zu schweigen. „Ginny, sei froh, dass du aus einer glücklichen Familie kommst und dieses Gefühl der Entwurzelung nicht kennst. Ich glaube, ich kann Julian gut verstehen.“

Er wandte sich wieder Julian zu. „Trotzdem würde ich eines gerne wissen: Haben Sie das, was Sie eben gesagt haben, auch einmal zu Professor Longbottom gesagt?“

„O ja, hat er“, antwortete Roy an Julians Stelle, „es war eine höchst turbulente Unterrichtsstunde, das einzige Mal in fünf Jahren Hogwarts, dass Longbottom richtig laut geworden ist.“

„Können Sie sich denken, warum?“, fragte Harry nun Julian.

„Keine Ahnung“, erwiderte dieser achselzuckend. „Vermutlich ist er einfach ein williger Diener des Ministeriums.“

„Was soll das denn mit dem Ministerium zu tun haben?“, warf Albus nun ein.

„Ganz einfach“, erklärte Julian, „je länger das alles zurückliegt und je toter die Todesser sind, desto mehr erhöht das Ministerium die Schlagzahl seiner Anti-Todesser-Propaganda. In der Sache ist es vollkommen sinnlos, es geschieht als flankierende Maßnahme dessen, was deine Tante die ‚Öffnung zur nichtmagischen Welt‘ nennt. Die magische Gemeinschaft soll darauf dressiert werden, erstens die Todesser für das absolut Böse, zweitens jeden, der die geringsten Vorbehalte gegen Muggel hat, für einen Todesser zu halten. Ich nehme an, bei Longbottom hat die Dressur besonders gut funktioniert.“

„Julian“, rief Albus erregt, „du hast ja überhaupt keine Ahnung, was die Todesser mit seiner Familie gemacht haben. Sie haben…“

„Entschuldige, Albus“, schnitt sein Vater ihm das Wort ab, „ich unterbreche dich nur ungern, aber ich möchte nicht, dass du mehr sagst, als Neville recht wäre.“ Er wandte sich wieder Julian zu. „Davon können Sie natürlich keine Ahnung haben, weil Neville nie darüber spricht und auch nicht möchte, dass seine Freunde es tun. Also nur so viel: Neville Longbottom musste ohne Eltern aufwachsen. Sie waren Auroren und sind eines Tages Rodolphus und Bellatrix Lestrange in die Hände gefallen. Was sie mit ihnen gemacht haben, war so grausam, dass ich es selbst dann nicht aussprechen würde, wenn ich Nevilles Erlaubnis hätte. Ihm sind genauso die Wurzeln ausgerissen worden wie Ihnen und mir, und es waren nun einmal Ihre Großeltern, die es getan haben. Deshalb ist er laut geworden, nicht aus politischen Gründen.“

Julian war blass geworden. „Das wusste ich nicht“, flüsterte er.

„Sie konnten es auch nicht wissen. Ich wäre Ihnen aber dankbar, wenn Sie ihm gegenüber in Zukunft etwas feinfühliger argumentieren würden.“

Julian nickte.

Harry war taktvoll genug, das Thema zu wechseln und fragte Roy: „Wie hat sich eigentlich das Verhältnis zwischen euch und den anderen Häusern entwickelt? Haben die Gryffindors ihre Provokationen fortgesetzt?“ Meine Güte, wie fremd sich das anhört: ‚die Gryffindors‘ – als ob ich nicht auch einer wäre!

„Die Atmosphäre ist weiterhin vergiftet, bei den nichtigsten Anlässen kommt es zu Streitereien“, antwortete Roy, „aber sie legen es nicht mehr so darauf an wie noch am Anfang. Ein harter Kern versucht es immer noch, aber gewissermaßen mit angezogener Bremse. Sie haben drei psychologische Nachteile: Erstens ziehen die Ravenclaws und Hufflepuffs nicht mit, denen ist das Ganze eher unangenehm, zweitens bleiben wir nach wie vor, wann immer möglich, in Gruppen zusammen, sodass wir immer den psychologischen Vorteil der größeren Zahl auf unserer Seite haben, und drittens“, er grinste, „ist es eine Sache, uns theoretisch zu Gewalttätigkeiten herausfordern zu wollen, und eine völlig andere, die eigene Nase dafür hinzuhalten.“

„Und wenn Albus oder du dabei wart, machten sie sowieso von Anfang an einen Bogen um uns“, fügte Julian hinzu, der sich von seinem Schock etwas erholt hatte. „Vor Roy haben sie einen Heidenrespekt, den sie einfach nicht loswerden“, erläuterte er auf Ginnys fragenden Blick hin, „und Al ist für sie ohnehin tabu.“

„Na, dann scheinen die Dinge ja doch wieder ins Lot zu kommen“, meinte Ginny erleichtert.

„Ich bin mir nicht sicher“, unkte Roy, „da sie mit offener Feindseligkeit nicht ans Ziel kommen, fürchte ich eher, dass sie über kurz oder lang richtig perfide Teufeleien aushecken werden. Irgendetwas, wogegen wir uns dann nicht wehren können.“

„Sie sind sich bewusst, Roy, dass Sie unter anderem von meinem Sohn und meiner Nichte sprechen?“, fragte Ginny spitz.

Roy seufzte. Er hätte jetzt gerne etwas Nettes gesagt, aber ihm fiel nichts ein. Julian kam ihm zu Hilfe.

„Bis zum Beweis des Gegenteils möchten wir gerne glauben, dass diese beiden sich anständig verhalten werden“, obwohl wir keinen Grund dazu haben, dachte er, aber er sagte es nicht. „Aber sie sind ja nicht die einzigen Gryffindors“, schwächte er Roys Bemerkung ab, und erntete von Ginny prompt ein dankbares Lächeln.

Ihr Gespräch wurde durch zwei laute Geräusche unterbrochen, die verrieten, dass vor der Haustür zwei Personen appariert waren. Albus lief ans Fenster:
„Onkel Ron und Tante Hermine!“, rief er freudestrahlend und rannte zur Haustür.

„O je“, sagten Roy und Julian wie aus einem Mund. „Ist es Ihnen lieber, wenn wir sofort durch den Kamin verschwinden?“, fragte Roy.

„Unterstehen Sie sich!“, zischte Ginny. „Sie sind unsere Gäste! Aus unserem Haus muss sich niemand heimlich davonstehlen!“

Unterdessen war Albus seiner Tante jubelnd um den Hals gefallen.

Albus!“, lachte sie, „du wirfst mich ja um!“

Albus drückte sie so fest und lange an sich, als fürchte er, sie könne sich sonst in Luft auflösen.

„Was machst du eigentlich hier, du müsstest doch in Hogwarts sein?“, fragte sie, als Albus seine Umarmung endlich löste und nur noch ihre Hände festhielt.

„Professor McGonagall hat mir freigegeben“, antwortete er und strahlte sie an. Diese Hermine war seine Hermine, und dieses Gesicht, das ihn jetzt seinerseits anstrahlte, war ihr wahres Gesicht, alles andere war ein Irrtum!

„Hallo Onkel Ron!“, wandte er sich nun seinem Onkel zu, der ihn lächelnd kurz an sich drückte. Gemeinsam gingen sie zur Haustür, an der schon Ginny und Harry warteten, die beide umarmten.

„Ich hoffe, es macht euch nichts aus, dass wir Gäste haben?“, fragte Ginny, während sie ins Haus gingen.

„Warum sollte es?“, fragte Hermine belustigt. „Solange es eure Gäste nicht stört…“

Albus wurde mit einem Mal mulmig. Er sah zu Hermine hoch, um noch einen Blick und ein Lächeln von ihr zu erhaschen. Als ahnte er, dass es für lange Zeit das letzte Mal sein würde.

Als Hermine das Wohnzimmer betrat, in dem Roy und Julian sich schon höflich erhoben hatten, gefror ihre Miene. Sie starrte zuerst Roy und dann Harry an.

„Das… das glaube ich jetzt nicht…“ hauchte sie.

Albus schluckte und hob ängstlich den Blick zu ihr.

„Was gibt es da nicht zu glauben?“, fragte Harry, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wenn ich vorstellen darf, Mister MacAllister kennst du ja schon, und dieser junge Mann ist Julian Lestrange.“

Julian trat auf sie zu, ließ seine Augen leuchten und schenkte Hermine ein Lächeln, für das die meisten Hogwarts-Mädchen bedenkenlos zehn Jahre ihres Lebens geopfert hätten.

„Ich freue mich sehr, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen“, sagte er in einem Ton, der wirklich so klang, als ginge für ihn soeben ein Lebenstraum in Erfüllung. Er streckte ihr die Hand hin, die von Hermine aber geflissentlich ignoriert wurde. Sie sah wieder zu Harry, zornfunkelnd.

„Der Leiter meiner Aurorenabteilung plauscht mit zwei Slytherin-Todessern beim Tee?“

„Verzeihen Sie bitte“, meldete sich nun Roy, der um Albus‘ willen seinen Zorn herunterschluckte, „aber ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor. Sollten wir nicht die Gelegenheit nutzen, miteinander zu reden?“

Hermine blitzte ihn an. „Wir haben bereits miteinander geredet, falls Sie sich erinnern!“

„Ja, aber das war eine Art Kampf. Hier sind wir bei einem gemeinsamen Freund…“

„Ach, Freunde seid ihr auch schon?“, zickte sie wieder Harry an.

„Ich sprach von Albus!“, rief Roy, dessen Blut schon wieder köchelte, aufgebracht dazwischen.

Hermine schleuderte auf den sichtbar zitternden Albus einen Blick hinunter, als würde sie ihm gleich einen grauenvollen Fluch anhexen.

Nein, Hermine, bitte nicht, nicht schon wieder diesen Blick! dachte er, während es urplötzlich kalt im Raum zu werden schien.

Hermine, bitte“, schaltete Harry sich wieder ein, während er seine Narbe rieb. „Beruhig dich doch erst einmal und setz dich hin, du warst doch damit einverstanden, dass ich mir privat ein Bild mache…“

„Ich war damit einverstanden“, sagte sie, und eisige Feindseligkeit klirrte in ihrer Stimme, „dass du inoffizielle Ermittlungen anstellst, aber nicht damit, dass du dich mit dem Feind verbrüderst!“

Harry erstarrte. „Mit dem Feind…“ flüsterte er. „Hermine, was ist denn in dich gefahren? Du kannst doch nicht ernsthaft in zwei Schülern den Feind sehen!“

„Genau das ist dein Problem, Harry, dass du Feinde nicht als solche erkennst. Aber das wird ab jetzt nicht mehr das Problem des Ministeriums sein. Du bist mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Susan Bones wird deine Aufgaben mit übernehmen. Du hast morgen früh Zeit bis zehn Uhr, deinen Schreibtisch zu räumen. Und dann will ich dich im Ministerium nicht mehr sehen!“

Hermine…“, versuchte Ron sie zu beschwichtigen, der die ganze Szene mit wachsendem Entsetzen verfolgt hatte.

„Misch dich nicht ein!“, fuhr sie ihm über den Mund. „Das sind Ministeriumsangelegenheiten! Und was dich angeht“, – sie fixierte wieder Albus –, „such dir deine Freunde gefälligst sorgfältiger aus! Wer mit denen befreundet ist“ – sie warf Roy und Julian einen verächtlichen Blick zu – „ist es mit mir nicht!“

Sie machte auf dem Absatz kehrt und rauschte hinaus. „Kommst du, Ron?“, hörte man sie von der Haustür rufen.

Ron raunte Harry zu: „Ich rede nochmal mit ihr.“

„Lass es lieber“, antwortete Harry tonlos. „Die ist imstande und lässt sich scheiden.“

Ron sah verunsichert zu seiner Schwester, die konsterniert auf ihren Sessel gesunken war.

Ron!“, kreischte es erneut von der Tür. Er schlich hinaus.

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