17 – Tresodor Sulphangel

 

„Es war gar nicht so wenig, was ich gefunden habe“, sagte Roy und schüttelte einen kleinen Lederbeutel aus, aus dem ein rundes Dutzend winziger Büchlein, jedes kaum größer als ein Hustenbonbon, auf den Tisch purzelten. „Allerdings weiß ich noch nicht, was sie taugen. Wir müssen sie zuerst noch auswerten.“

Die anderen Unbestechlichen, die gerade das Abendessen schnell hinter sich gebracht und sich im Geheimraum der Unbestechlichen versammelt hatten, starrten entgeistert zuerst auf die Bücher, die aussahen, als gehörten sie zur Einrichtung eines Puppenhauses, dann auf Roy.

„Sind die überhaupt lesbar?“, fragte Orpheus.

Roy sah etwas mitleidig in die Runde.

„Dachtet ihr vielleicht, ich lese sie alle in der Bibliothek oder schleppe ein halbes Regal mit mir herum? Ich habe sie zuerst mit Geminio dupliziert, ohne sie aus dem Regal zu nehmen. Dadurch habe ich Pinces Schutzzauber umgangen.“

Die hochbetagte Madam Pince war immer noch Bibliothekarin von Hogwarts und dafür bekannt, ihre Bücher zu verteidigen wie eine Löwenmama ihre Jungen, vor allem die aus der Verbotenen Abteilung.

„Dann habe ich die Duplikate mit Reducio verkleinert und mitgenommen. Die Originalbände stehen unberührt im Regal.“

Er zog seinen Zauberstab und berührte jedes einzelne der Bücher, wobei er jeweils „Engorgio“ flüsterte. Zwölf Bücher lagen nun auf dem Tisch im Raum der Wünsche, darunter ein paar mehr oder weniger stattliche Bände, dazu einige, die eher unscheinbar bis unansehnlich waren. Manche waren sichtlich alt und oft gelesen worden, obwohl sie in der Verbotenen Abteilung standen, andere schienen unberührt.

Sie sahen sich die Bücher an: „Imperius“ von Thomas Barning, ein mindestens hundert Jahre alter Wälzer, aber immer noch das Standardwerk zum Thema. „Kontrollzauber. Ein praktischer Ratgeber“ behandelte fast jede Art von Manipulationszaubern bis hin zu Liebestränken, „Einführung in die Schwarze Magie“, „Handbuch der Aurorenausbildung, Band IV, Seelenkontrollzauber und Schutzmaßnahmen“, „Okklumentik für Fortgeschrittene“, „Neuere Methoden der Kontrolle und Manipulation“, „Jenseits des Imperiusfluchs“, „Seelensteuerung“, „Die dunklen Künste in neuem Licht“, „Feindliche Übernahme“, „Seelenparasiten und wie man sich vor Ihnen schützt“ und schließlich „Das Geheimnis des Dunklen Lords: ein neuer Kontrollzauber“.

„Jeder nimmt sich zwei oder drei Bücher und liest erst einmal quer, ob er etwas Interessantes findet“, schlug Roy vor. „Dann tauscht er mit einem Anderen, damit jedes Buch von vier Augen geprüft wird. Wir suchen sowohl nach Zaubern, die ein Anderer auf Hermie gerichtet haben könnte, als auch nach solchen, mit denen wir selbst sie manipulieren können.“

Sie lasen zwei Stunden lang. Den meisten Büchern konnte man ziemlich genau das entnehmen, was Aurel Mercey einige Stunden zuvor Harry referiert hatte. Sie selbst konnten solche Zauber nicht anwenden, allein schon, weil sie Menschen aus Fleisch und Blut waren, und einen Gegenfluch gegen den eventuellen Zauber eines körperlosen Wesens, was immer das sein mochte, fanden sie in den Büchern auch nicht. Roy las wie die anderen quer und tauschte dann mit Ares.

„Das Geheimnis des Dunklen Lords: ein neuer Kontrollzauber“ war das letzte Buch, das er in die Hand nahm. Es schien das neueste Buch zu sein, anscheinend hatte es überhaupt noch niemand ausgeliehen, aber es wirkte auch am wenigsten vielversprechend: ein unscheinbares Taschenbuch, eher eine Broschüre, kaum sechzig Seiten stark und von schlechter Druckqualität. Ein Literaturverzeichnis gab es nicht, wie Roy enttäuscht feststellte, der solche Verzeichnisse gerade bei neuen Büchern gerne auswertete, um weiterzurecherchieren. Es gab nicht einmal Verlagsangaben, keinen Erscheinungsort, kein Erscheinungsjahr. Offenbar im Selbstverlag des Autors erschienen. „Von Tresodor Sulphangel“ stand auf dem Einband. Und auf der ersten Innenseite eine gedruckte Widmung: „Für meinen Enkel“.

„Da muss die gute Madam Pince ja verzweifelt nach Möglichkeiten gesucht haben, ihr Anschaffungsbudget auszugeben“, brummte Roy. „Sagt euch der Name Tresodor Sulphangel etwas?“, fragte er seine Freunde, die verdutzt aufsahen und die Köpfe schüttelten. „Mir auch nicht“, murmelte er und begann die Einleitung zu lesen:

Seit dem Tod des Dunklen Lords haben seine Bezwinger sich einem billigen und leichtfertigen Triumphgefühl hingegeben. Zwar vergeht kaum ein Tag, an dem nicht hochrangige Vertreter der magischen Welt versichern, man werde aus der Geschichte lernen, und es dürfe und werde nie wieder einen Voldemort geben. Würde man diesen Vorsatz ernstnehmen, nichts wäre selbstverständlicher, als die Methoden dieses Mannes zu studieren und sich insbesondere die Frage vorzulegen, wie er Tausende von Anhängern finden konnte, die bereit waren, für ihn zu sterben. Für die Zaubereiminister, die einander seitdem gefolgt sind, scheint das Problem sich darin zu erschöpfen, ‚Todesser-Gedankengut‘ zu bekämpfen. Fanatiker und Todesser wird, wer die falschen Bücher liest, so die platte Logik hinter diesem Ansatz.

In Wirklichkeit bediente der Dunkle Lord sich ausgefeilter magischer Methoden, um sich den Geist und die Seele jedes einzelnen seiner Gefolgsleute gefügig zu machen, und diese Methoden können im Prinzip von jedem Machthaber und jedem Verbrecher angewendet werden, und zwar ganz unabhängig von den ideologischen Denkfiguren und Vorwänden, auf die er sich öffentlich berufen mag. Sie sind umso gefährlicher, je weniger sie bekannt sind und je weniger man daher mit ihrer Anwendung rechnet.

Ich selbst war einer der Anhänger Voldemorts, gehörte zum Führungskreis der Todesser und lebe seit dem Tod des Dunklen Lords im Untergrund. Ich hoffe, der geneigte Leser hat unter diesen Umständen Verständnis dafür, dass ich meinen wirklichen Namen nicht nennen kann und ihn trotzdem um sein Vertrauen bitten muss. Ich war selbst den Manipulationstechniken des Dunklen Lords ausgesetzt und habe alle seine Befehle getreulich erfüllt. Seine Macht über meinen Geist und meinen Willen endete erst mit seinem Tod, aber sogar danach brauchte ich mehrere Jahre, um die Techniken zu durchschauen, mit deren Hilfe er mich beherrscht hatte, und noch länger, um die Schwächen zu begreifen, die er sich zunutze gemacht hatte, und die in der Seele jedes Menschen mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden sind.

Mit diesem Buch möchte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, diejenigen Menschen aufzuklären und zu wappnen, die den ideologischen Beruhigungspillen des Ministeriums ebenso misstrauen wie dem Ministerium selbst.

Tresodor Sulphangel, im Juli 2010

 

Gerade vom letzten Satz fühlte Roy sich angesprochen: Mit seiner speziellen Schnell-Lesetechnik las er das schmale Bändchen schnell durch.

„Ich hab’s!“, rief Orpheus, der gerade in „Kontrollzauber. Ein praktischer Ratgeber“ schmökerte, eine Weile später. Er grinste.

„Wir verabreichen Hermie einen Liebestrank, durch den sie sich in einen von uns verliebt und dann vor lauter Verliebtheit das tut, was er von ihr verlangt.“

Alle lachten.

„Eine hervorragende Idee“, gluckste Roy, der gerade mit Sulphangels Büchlein fertig war, „sofern einer von uns in Kauf nimmt, dass Hermie ihm in den Schlafsaal nachsteigt.“

„Ach, ich könnte mir Schlimmeres vorstellen“, flachste Julian. „Sie ist nicht ganz meine Altersklasse, sieht aber immer noch verdammt gut aus. Also, ich würde mich schon opfern.“

„Ich auch!“, riefen Orpheus und Ares gleichzeitig.

Arabella verdrehte ihre Augen zur Decke und ächzte: „Männer!“

Dann musste sie aber doch kichern.

„Die Idee hat natürlich ihren Reiz“, sinnierte Roy, „ich meine natürlich den Reiz der Originalität“, fügte er rasch hinzu, nachdem er Arabellas Blick aufgefangen hatte. „Bevor ihr aber anfangt, in Phantasien zu schwelgen, in denen Hermie eure Geliebte ist, weise ich vorsichtshalber darauf hin, dass es nicht funktionieren wird: Ein Liebeszauber ist daran erkennbar, dass der Betroffene leicht bekifft wirkt. In dem Moment, in dem Hermie eine Affäre ausgerechnet mit einem von uns anfängt, wird sie ins St. Mungo eingeliefert, und dort wird man ihr den Liebeszauber sehr schnell austreiben.“

„Schaaaade!“, riefen Orpheus, Julian und Ares wie aus einem Mund.

„Ich glaube aber, ich habe etwas gefunden“, tröstete sie Roy, der nun wieder ernst wurde. Er las ihnen zunächst Sulphangels Einleitung vor.

„Klingt auf jeden Fall spannend“, meinte Julian, „lies weiter“.

Roy las die wichtigsten Passagen vor:

 

Jeder Mensch verfügt von Natur aus über ein bestimmtes angeborenes Grundwissen über sich und die Welt und ist insbesondere in der Lage, Gut und Böse zu unterscheiden. Dieses Wissen ist in seiner Seele verankert. Den Teil der Seele, der Gut und Böse zu unterscheiden vermag, nennen wir das Gewissen. Ein seelisch gesunder Mensch ist einer, bei dem Geist und Seele harmonieren und der Geist, einschließlich des bewussten Willens, sich dem Gewissen unterordnet. Bei einem seelisch ideal gesunden Menschen gibt es keine Kluft zwischen Geist und Seele, zwischen dem, was er als das Gute erkannt hat, und dem, was er tut oder anstrebt.

Gewiss ist dies ein Idealzustand, der nur selten erreicht wird. Die meisten Menschen sind mehr oder weniger weit von ihm entfernt, und kaum jemand wird sich, wenn er ehrlich ist, ganz davon freisprechen können, außer dem Guten und Richtigen bisweilen auch das Böse oder Falsche zu tun. Fast jeder wird im Einzelfall Gründe finden, sich über die Stimme seiner Seele, seines Gewissens, seines eigentlichen Selbst hinwegzusetzen. Aber auch wirkliche Verbrecher, sofern sie nicht pathologisch veranlagt sind, wissen doch immerhin, dass ihr Handeln böse ist. Dass ihr Gewissen als solches intakt ist, erkennt man daran, dass sie es nötig haben, Rechtfertigungsgründe, und wären sie noch so fadenscheinig, für sich selbst zu suchen. Bereits die bloße Suche nach Gründen, sich über das eigene Gewissen hinwegzusetzen, ist freilich in sich problematisch. Sie bedeutet nicht weniger, als dass der Geist sich von der Seele zu emanzipieren versucht.

In gewisser Weise ist dem Menschen seine eigene Seele mit dem ihr innewohnenden Wissen um das Gute lästig. Sie hindert ihn, seiner Habgier, seinem Geltungsdrang, seiner Sucht nach Anerkennung und Macht, seiner Eitelkeit, seinem Neid, seinem Zorn und seinen animalischen Trieben nachzugeben. Er erfährt das Gewissen, und das heißt: seine eigene Seele, nicht als Teil seiner selbst, sondern als strenge Gouvernante, und dies genau in dem Maße, wie die genannten Laster seinen Geist und überhaupt sein aktives Dasein und Erleben beschäftigen. Das tätige, bewusste Ich ist stets in Gefahr, den Kontakt zu dem schlechthin gegebenen Ich seiner Seele zu verlieren, in dem es wurzelt. Je größer die Kluft zwischen den beiden Ichs wird, desto mehr wird der einzelne Mensch sich selbst zum Feind. Die Freiheit, die er sucht, ist die Freiheit von der eigenen Seele. In dem Streben nach unbedingter Autonomie, durch die er hofft, ganz er selbst zu werden, entfernt er sich von sich selbst, im Extremfall so sehr, dass er nie wieder zu sich zurückfindet.

Ein gesunder Mensch gleicht einer Festung, in die das Böse nicht eindringen kann, weil die Risse zwischen Geist und Seele zu schmal für es sind. Ein Schwarzer Magier, der die Seele eines solchen Menschen unterwerfen wollte, wäre darauf angewiesen, durch Täuschung seine Liebe zu erwerben, um gleichsam als Trojanisches Pferd einzudringen. Aber auch wenn ihm dies gelingt, wird er in dem Moment enttarnt, wo er die Maske fallen lässt, und die Seele des Betroffenen wird ihm ihren verzweifelten Widerstand entgegensetzen. Um dies zu vermeiden, muss er das Bewusstsein seines Opfers ausschalten. Dieses tut dann zwar, was er verlangt, aber nach Art einer Marionette, ohne es zu wollen und ohne sich später an das Getane erinnern zu können.

Diese Mühe kann der Schwarze Magier sich ersparen, wenn er in Menschen eindringt, bei denen die Kluft zwischen Geist und Seele für seine Zwecke breit genug ist. Er kann sich dann in dieser Kluft festsetzen. Aus der Sicht des bewussten Geistes kommen die Befehle, die der Schwarze Magier ihm erteilt, aus derselben Richtung, aus der sonst die des Gewissens kommen, das heißt, der Geist verwechselt die Seele des Schwarzmagiers mit seiner eigenen und seine Befehle mit denen seines Gewissens. Ihm ist nicht bewusst, dass er zunehmend einem fremden Willen unterworfen wird, und deswegen leistet er keinen Widerstand. Im Gegenteil erfährt er es als etwas Angenehmes: Hielt sein Gewissen seinen bösen Wünschen vorher störrisch sein ewiges „Du sollst nicht“ entgegen, so sagt das neue „Gewissen“: „Du darfst, was du willst, und du sollst es sogar.“ Das, was seine Seele von Natur aus als Böse erkennt, erscheint dem Geist, seinem bewussten Ich, in dem Maße als das eigentlich Gute, in dem der Kontakt zu seiner wirklichen Seele verlorengeht und durch die Bindung an die fremde, böse Seele des Schwarzen Magiers ersetzt wird.

Dieser Prozess vollzieht sich nicht von heute auf morgen. Die Bindung wird langsam aufgebaut, der eindringende Magier knüpft gleichsam immer neue Fäden, die ihn mit dem Geist seines Opfers verbinden, und kappt dafür nach und nach diejenigen, die den Geist und die wirkliche Seele des Betroffenen miteinander verknüpfen. Wenn die letzte Bindung zwischen den beiden Ichs des Opfers gekappt ist und die Seele des Magiers sich als die neue „Seele“ der betroffenen Person etabliert hat, beginnt für deren wirkliche Seele ein verzweifelter Todeskampf. Von der feindlichen Seele des Magiers wird sie immer mehr zurückgedrängt und in ein auswegloses, immer enger werdendes Verlies gesperrt, aus dem ihre Hilfeschreie niemanden erreichen. Ihr Widerstand wird immer matter, bis sie schließlich stirbt.

Für die Mitmenschen des Opfers ist der Gesamtvorgang kaum zu durchschauen:

Zum einen, weil er sich in kleinen Schritten vollzieht und der Betroffene daher noch lange Zeit Züge seines wirklichen Wesens behält, zumindest solange seine Seele noch nicht völlig vom Geist abgeschnitten ist und der Schwarze Magier sich zunächst damit begnügt, das Verhalten der betroffenen Person nur punktuell und im Einzelfall direkt zu steuern.

Zum anderen, weil diese Art des Kontrollzaubers im Gegensatz zum Imperiusfluch und zum „trojanischen“ Eindringen zu weitaus weniger drastischen, sichtbaren Verhaltensänderungen führt, denn der Trick besteht ja gerade darin, das Opfer zu genau dem Verhalten zu ermutigen, das es von sich aus gerne zeigen würde und nur so lange nicht an den Tag legt, wie sein Gewissen – sein eigenes Gewissen – es daran hindert.

Von außen ist lediglich eine wachsende Verhärtung und Rücksichtslosigkeit feststellbar, für die der zunehmend von Gewissensbindungen „befreite“ Geist aber stets gute, logische Gründe finden wird, und dies umso leichter, je mehr die Motive und Ziele, auf die er sich beruft, bei besagten Mitmenschen, mit denen er engen Kontakt hat, auf Zustimmung stoßen, und nur die Mittel als moralisch fragwürdig erscheinen.

Sein durch die „Befreiung“ vom Gewissen wachsendes Sendungs- und Selbstbewusstsein wird ihm oft sogar die Bewunderung seiner Umwelt für seine Dynamik und Entschlossenheit verschaffen, weil seine Mitmenschen die tödliche seelische Krankheit nicht durchschauen, der er diese Entschlossenheit verdankt. Er entwickelt eine Art von dunklem Charisma, das selbst solche Menschen in seinen Bann zieht, die selbst nicht verhext sind, aber ebenfalls gegen ihr eigenes Gewissen rebellieren und deshalb insgeheim froh sind, dass der kranke Charismatiker ihnen die Gründe und Rechtfertigungen für ein Verhalten gibt, vor dem sie von sich aus zurückschrecken würden.

Die Kernmannschaft des Dunklen Lords, die eigentlichen Todesser, bestand ausschließlich aus solchen Menschen, deren Geist dem Dunklen Lord bereits bis zur Hörigkeit unterworfen war, die aber gerade deshalb wiederum andere auch ohne Kontrollzauber in ihren Bann ziehen konnten. Bei einigen wenigen bestand noch eine dünne Verbindung zu ihrem eigentlichen Selbst, bei den meisten war die Seele bereits in ihrem Gefängnis isoliert, bei ganz wenigen, so glaube ich heute, war sie völlig abgestorben. Sie konnten den Tod ihres Meisters nicht überleben, weil mit ihm auch ihre falsche Ersatzseele starb, die sie am Leben erhalten hatte.

Ein Voldemort, dem es um Macht ging, nahm naturgemäß Seelen ins Visier, die ihrerseits Freude an der Ausübung von Macht hatten. Es wäre ganz sinnlos gewesen, sich auf Menschen zu konzentrieren, deren Schwäche zum Beispiel in ihrer Habgier oder Geilheit bestanden hätte. Selbstverständlich spannte er auch solche Menschen für seine Ziele ein, aber sie gehörten nicht zum Kern seiner Mannschaft. Die vielen Verbrecher, die während seiner Herrschaft für ihn arbeiteten, durften zwar das Zeichen der Todesser tragen, aber weder sie selbst noch Voldemort gaben sich je der Illusion hin, in dieser Beziehung etwas anderes als eine Geschäftsbeziehung zum wechselseitigen Vorteil zu sehen, die an dem Tag enden würde, wo eine der beiden Seiten der anderen nicht mehr bedurfte.

Da seine Strategie darauf beruhte, tatsächlich vorhandene Eigenschaften und Schwächen seiner Opfer für sich auszunutzen und sie in diesen Eigenschaften zu bestärken, brauchte er Opfer, deren Laster die Lust an der Ausübung von Macht war. Solche Opfer fand er unter Idealisten viel eher als unter Verbrechern. Es ist wichtig zu sehen, dass die Anfälligkeit für das Eindringen des Bösen nichts damit zu tun hat, ob die jeweiligen Ideale in sich gut oder böse sind. Ich glaube heute, dass es so etwas wie gute Ideale gar nicht gibt, zumindest nicht, sofern man unter einem Ideal eine bestimmte Vorstellung davon versteht, wie die Gesellschaft gestaltet sein sollte. Wer ein solches Ideal, wie auch immer es konkret aussehen mag, für etwas schlechthin Gutes hält, kann gar nicht anders, als in dessen Gegnern das vermeintlich schlechthin Böse zu bekämpfen, und seine Mitmenschen notfalls mit Gewalt zu zwingen, dem vermeintlich Guten nachzueifern.

Scheinbar altruistische Ziele, also solche, die nicht dem unmittelbaren, handgreiflichen Eigeninteresse des Idealisten zu dienen scheinen, sind sogar ein besonders geeigneter Vorwand, der es ihm erlaubt, sein Gewissen zu übergehen, übrigens sogar dann, wenn zufällig kein Schwarzmagier bereitsteht, um in ihn einzudringen. Sie ermöglichen ihm, sich über seine eigene Lust an der Macht, eventuell auch am Töten und an der Zerstörung, hinwegzutäuschen. Das vermeintlich gute Ziel heiligt dann jedes, auch das verbrecherischste Mittel, und der Idealist steht nur noch vor dem Problem, sein eigenes Gewissen zum Schweigen zu bringen. Genau diese Konstellation ist, wie wir gesehen haben, die ideale Voraussetzung für das Eindringen des Schwarzen Magiers.

Genaueres über die magische Technik, die Voldemort zum Eindringen benutzte, werde ich nicht preisgeben, um möglichen Nachahmern nicht noch zu helfen. Solche Nachahmer wird es geben, solange es potenzielle Opfer gibt, das heißt immer.

 

Roy klappte das Buch zu.

„Klingt wie auf Hermie gemünzt“, meinte Julian. „Ja, das könnte es sein.“ Er dachte nach. „Allzu viel wissen wir aber immer noch nicht. Vor allem nicht genug, um einen Gegenzauber zu entwickeln. Der Autor weiß mehr, als er sagt. Man müsste ihn ausfindig machen, um mehr herauszufinden.“

„Wenn er wirklich zum engeren Kreis der Todesser gehörte“, sagte Roy, „und er Potters Auroren fast zwanzig Jahre lang entwischt ist – wie wollen wir ihn dann finden? Wir kennen nicht einmal seinen richtigen Namen, er sagt ja selbst, dass es ein Pseudonym ist.“

„Darf ich mal?“, fragte Orpheus. Roy reichte ihm das Buch. „Tresodor Sulphangel, hm.“ Er überlegte. „Roy, du hast seinen Namen Sulp-Hangel ausgesprochen. Ich glaube, es muss Sulph-Angel heißen.“

„Sulph-Angel?“, fragte Roy verdutzt. „Sulphur Angel – Schwefel-Engel?“

„Ein sehr beziehungsreicher Name.“ Orpheus lächelte befriedigt, er liebte das Spiel mit Worten. „Schwefel, der teuflische Stoff, verbunden mit einem Engel. Der Teufel – der gefallene Engel. Passt ziemlich gut auf einen, der aus Idealismus zum Verbrecher wird. Oder umgekehrt: Der frühere Teufel reinigt seine Seele vom Bösen, um wieder engelsgleich zu werden.“

„Und Tresodor?“, wollte Roy wissen. „Theodor ist geläufig, aber Tresodor?“

„Vielleicht“, ergriff Julian nun das Wort, der fließend Französisch sprach, „ist es Französisch. Zum Beispiel eine Zusammenziehung von Trésor d’or, Goldschatz. Oder vielleicht Très odeur? Äh – sehr Geruch? Hm. Der stark riechende Schwefelengel? Der stark nach Schwefel riechende Engel?“

„Würde ebenfalls passen, auch wenn die Grammatik hinkt“, meinte Orpheus wieder. „Trotzdem merkwürdig: Er nennt sich ja nicht ‚Tresodeur‘, sondern ‚Tresodor‘. Vorname mehr oder weniger französisch, Nachname eine Art Englisch. Wozu dieser Mix aus zwei Sprachen…“

Er hatte immer leiser gesprochen und zum Schluss nur noch gemurmelt. „Die Buchstaben sind vorgegeben…“ sagte er mehr zu sich selbst als zu den anderen, die sich aber hüteten, seinen Gedankengang zu unterbrechen, denn Orpheus war ein Genie – „… ein Anagramm…“

Orpheus zückte seinen Stab und zauberte den Namen auf ein Blatt Pergament:

TRESODOR SULPHANGEL

„Drehen wir es mal um…“, murmelte er.

RODOSERT LEGNAHPLUS

„Das PH ist als F zu sprechen, darf also nicht umgedreht werden…“

RODOSERT LEGNAPHLUS

„Tauschen wir mal zwei Silben…“

RODOPHLUS LEGNASERT

„Rodophlus?“, flüsterte Orpheus und starrte das Pergament an. Dann hob er langsam den Kopf und sah entgeistert zu Julian. „Ich weiß jetzt, wer der Autor ist“, flüsterte er, „und er hat wirklich einen französischen Namen.“

Er schrieb ihn auf. Dann sagte er: „Der Enkel, dem das Buch gewidmet ist, bist du!“, und reichte Julian das Blatt:

RODOLPHUS LESTRANGE“

Julians Kinnlade klappte herunter. Er schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein“, sagte er schließlich. „Das Buch ist vor sieben Jahren erschienen, mein Großvater ist aber seit fast zwanzig Jahren tot!“

„Steht das fest?“, wollte Roy nun wissen. „Ich meine, warst du mal an seinem Grab?“

Julian lächelte gequält. „Glaubst du, mein Alter würde mir verraten, wo sein Grab ist? Er soll wie seine Frau in der Schlacht um Hogwarts gefallen sein. Heißt es.“

„Wenn nicht, müsste sein Name auf einer Fahndungsliste des Ministeriums stehen. Wie auch immer, wir sind doch nächsten Sonntag bei einem eingeladen, der es wissen muss. Du könntest Potter zum Beispiel fragen, ob er weiß, wo dein Großvater begraben ist.“ Roy hatte seinen Freunden schon am Morgen von der nächtlichen Begegnung mit Harry und der Einladung erzählt.

„Glaubst du, der sagt mir das?“, fragte Julian zweifelnd.

Roy nickte: „Wenn er es weiß – warum nicht? Du bist Rodolphus‚ Enkel, es ist dein gutes Recht, es zu erfahren. Wenn aber immer noch nach ihm gefahndet wird, hat Potter keinen Grund, dir das zu verschweigen.“

„Wir haben aber noch ein Problem“, überlegte Julian. „Du wolltest ihm das Buch doch sicher zeigen, oder?“

„Hatte ich vor, ja“, erwiderte Roy, „und?“

„Das Problem, mein Freund, besteht darin, dass Potter den Namen des Verfassers ebenso gut herausfinden könnte wie Orpheus. Bestimmt gibt es in der Aurorenabteilung Entschlüsselungsspezialisten. Sollte mein Großvater noch am Leben sein, würde Potter es auf diese Weise erfahren. Und dann würde er verstärkt nach ihm fahnden, das heißt, wir hätten ihn ans Messer geliefert. Das will ich auf keinen Fall!“

„Gut“, sagte Roy nach einer Pause. „Wir sagen es ihm nicht.“

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