1 – Slytherin

Unsere Geschichte beginnt dort, wo der Epilog zu „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“, dem siebten und letzten Band des Harry-Potter-Romanzyklus von J. K. Rowling endet.

Soeben haben also Ginny und Harry Potter ihre Söhne Albus und James, Hermine und Ron Weasley ihre Tochter Rose am Gleis Neundreiviertel zur Reise nach Hogwarts verabschiedet, wo für Albus und Rose das erste Schuljahr beginnen soll.

Wir schreiben den 1. September 2017.

Zischend schoss der Dampf in die Zylinder der alten, aber auf Hochglanz polierten scharlachroten Lokomotive und zwang das komplizierte stählerne Gestänge, das seine Kraft an die Räder weitergab, in Bewegung. Ein Waggon nach dem anderen wurde mit einem spürbaren Ruck angezogen. Einen Moment lang glitten die Räder der Lok noch rotierend über die Gleisoberfläche, dann fassten sie Griff. Zunächst kaum merklich, dann immer deutlicher Fahrt aufnehmend, zog die schnaufende Maschine auf dem nur Magiern zugänglichen Gleis Neundreiviertel den Zug aus dem Bahnhof King‘s Cross. Der Hogwarts-Express war unterwegs.

Als die Eltern außer Sichtweite waren, schloss Albus das Abteilfenster, an dem er, Rose und deren vier Freundinnen sich zum Abschiedswinken gedrängt hatten, und verließ dann mit einem unbestimmten Murmeln das Abteil. Einzeln, fand er, konnten Mädchen ganz nett sein, und Rose bestimmt, aber wenn sie im Rudel auftraten, fand er ihr Geschnatter schwer erträglich.

Albus spähte den Gang hinauf, an dessen Ende er nun stand: Ein Junge und ein Mädchen, beide wohl sechzehn Jahre alt, die den Waggon vom anderen Ende her betraten und an ihren silbernen Abzeichen als Vertrauensschüler erkennbar waren, fesselten seine Aufmerksamkeit. Vertrauensschüler waren in Hogwarts hoch angesehen. Zum Vertrauensschüler ernannt zu werden war eine Auszeichnung, die nur den klügsten, reifsten, verantwortungsbewusstesten, eben den vertrauenswürdigsten Schülern zuteil wurde und ihre Familien mit großem Stolz erfüllte. Oma Molly, die allmählich in ein Alter kam, in dem man nicht mehr unbedingt merkt, wenn man zum hundertsten Mal dasselbe erzählt, ließ keine Familienfeier vorübergehen, ohne wenigstens ein halbes Dutzend Mal zu erwähnen, dass vier ihrer Söhne Vertrauensschüler gewesen waren und eine Schwiegertochter und eine Enkelin obendrein. Die Position eines Vertrauensschülers war schon für so manchen der erste Schritt zu einer steilen Karriere nach der Schule geworden, einige waren sogar Zaubereiminister geworden, zuletzt Albus‚ Tante Hermine, Roses Mutter.

Jedes der vier Hogwarts-Häuser hatte zwei davon, normalerweise einen Jungen und ein Mädchen. Die beiden, die Albus gerade im Blick hatte, schienen jedoch unterschiedlichen Häusern anzugehören, jedenfalls nahmen sie kaum Notiz voneinander. Während das Mädchen freudestrahlend in ein Abteil nach dem anderen schaute, offenbar nicht, um nach dem Rechten zu sehen, sondern um das Wiedersehen mit seinen Freunden zu feiern, und beim dritten Abteil in der Tür stehenblieb, um eine ausführliche Unterhaltung zu beginnen, schien der andere seine Aufgabe etwas ernster zu nehmen: ein stämmiger, mittelgroßer, schwarzhaariger Junge mit dunkelbraunen Augen im ernsten, nicht unbedingt schönen, aber klugen und irgendwie fesselnden Gesicht. Er hatte etwas seltsam Unnahbares. Wo immer er auftauchte, ging ein unmerklicher Ruck durch seine Mitschüler, die plötzlich darauf zu achten schienen, sich wie würdige Zöglinge einer tausend Jahre alten Lehranstalt zu benehmen. Sie schienen durchaus keine Angst vor ihm zu haben, eher eine gewisse Art von scheuem Respekt, den sie sich selbst wohl nicht erklären konnten, der sich aber wie von selbst überall einstellte, wo er, gleichsam eingehüllt in eine unsichtbare Wolke aus Autorität, vorüberschritt.

Scheint nicht sehr viele Freunde zu haben, dachte Albus.

„Na, Slytherin?“, spottete eine vertraute Stimme hinter ihm, und Albus fuhr herum. Sein zwei Jahre älterer Bruder James hatte sich hinter ihm aufgebaut, offenbar wieder einmal darauf aus, den Jüngeren aufzuzwicken. Schon seit Monaten ärgerte er ihn mit seinen Sprüchen, der Sprechende Hut, der die neuen Schüler auf die verschiedenen Hogwarts-Häuser verteilte, werde ihn, Albus, bestimmt ins Haus Slytherin schicken. Dabei waren alle Potters und alle Weasleys im Haus Gryffindor gewesen, und es gab überhaupt keinen Grund zu glauben, ausgerechnet er, Albus, werde bei den Slytherins landen, mit denen die Gryffindors seit Jahrhunderten in Fehde lebten. Selbstredend glaubte auch James keine Sekunde daran, und Albus wusste, dass er es nicht glaubte. Trotzdem ärgerte er sich maßlos über James‚ dumme Witze – was diesen freilich nur noch mehr aufstachelte. Albus aber konnte nicht anders: Er ärgerte sich!

„Hör endlich auf damit!“, schnaubte er. „Ich – in Slytherin, ja? Du glaubst, der Sprechende Hut schickt mich zu diesen dummen, aufgeblasenen, arroganten Schnöseln, diesen“, – in seinem Zorn entging ihm, dass James kurz an ihm vorbeigeschaut hatte und ihn warnend ansah –, „diesen Schwarzmagiern, diesen – Todessern?“

„Der Sprechende Hut“, sagte eine ruhige Stimme hinter ihm, und wieder fuhr Albus herum und sah in das Gesicht des Vertrauensschülers, „verteilt die Hogwarts-Schüler seit tausend Jahren auf die Häuser und hat noch nie jemanden irgendwo hingeschickt, wo er nicht hingehörte. Du kannst ihm ruhig vertrauen. Wenn du nach Gryffindor gehörst, weiß der Hut das besser als du selbst.“ Er blickte von Albus zu James, der schluckte. „Dein kleiner Bruder, Potter?“

„J-ja“, antwortete James ungewöhnlich schüchtern, „mein Bruder Albus. Al, darf ich dir vorstellen: Roy MacAllister, Vertrauensschüler von, ähm… Slytherin.“

Albus spürte, wie ihm heiß wurde: „Oh“, stammelte er, „das äh, das war jetzt wohl nicht sehr höflich.“

Der ältere Junge musterte ihn einen Moment, als wartete er auf etwas, dann sagte er: „Du nennst es nicht sehr höflich, aber du entschuldigst dich nicht.“

„Ich, ähm…“ begann er, ohne so recht zu wissen, was er sagen sollte. MacAllister unterbrach ihn, und zum ersten Mal spielte so etwas wie ein Lächeln um seine Mundwinkel:

„Das ist sehr gut, bleib dabei! Für Aufrichtigkeit sollte sich niemand entschuldigen. Im Übrigen war es nicht unhöflich, denn es war nicht für meine Ohren bestimmt. Wenn du es mir ins Gesicht gesagt hättest, ja, das wäre nicht sehr nett gewesen. Aber selbst dann wäre es dein gutes Recht gewesen, es zu sagen.“ Er machte eine Pause. „Schade nur, dass du eine so schlechte Meinung von uns hast, noch bevor du überhaupt in Hogwarts angekommen bist und es selber beurteilen kannst. Wo hast du diese Ansichten eigentlich her?“

Unwillkürlich sah Albus zu James, dem dies offenbar peinlich war. „Das geht nicht gegen dich persönlich, MacAllister“, brachte er hastig, wenn auch etwas mühsam, hervor.

„Nein, natürlich nicht, wie immer“, sagte MacAllister mit geringschätzigem Unterton. „Ich habe aber grundsätzlich etwas gegen Lügen, auch wenn sie sich nicht gegen mich persönlich richten, und du erzählst deinem Bruder offenbar, in Slytherin wimmele es von Todessern.“

„Nun ja“, gab James nun etwas trotziger zurück, „bei euch sind doch wirklich viele aus Todesserfamilien. Viele Eltern und Großeltern von Slytherins haben damals Voldemort unterstützt, oder etwa nicht?“

„Und ihre Kinder und Enkel, die damals noch gar nicht geboren waren, sind deshalb auch Todesser?“ Roys Ton war jetzt schärfer geworden.

„Meine Güte, mach doch nicht so einen Wind. Es ist eben so, nun ja, bei uns in Gryffindor…“ Er suchte nach passenden Worten.

„…reden ALLE so, stimmt’s?“

„Ja, aber doch nicht über dich und deine Familie, ihr habt damit nie etwas zu tun gehabt.“

„Das ist aber nicht mein Verdienst, unsere Verwandtschaft suchen wir uns alle nicht aus. Aber soll ich dir was sagen, Potter? Wenn ich sie mir aussuchen könnte, wäre ich lieber mit drei Dutzend Todessern verwandt als mit Leuten, die“, – er rümpfte die Nase –, „nachplappern, was ALLE sagen! Gute Reise noch!“

Er ließ sie abrupt stehen und ging in Richtung der Tür zum nächsten Waggon, aus dem just in diesem Moment ein großgewachsener Junge trat, der etwa in Roys Alter sein musste, dunkelblond, mir einer langen schmalen Nase, ebenmäßigen Zügen und unglaublich blauen Augen. Er war genau der Typ, von dem Schulmädchen in schlaflosen Nächten träumten, und hätte jede magische Boygroup zieren können.

Roy wurde sofort von seinem Zorn abgelenkt: „Julian!“

„Roy!“

Beide umarmten einander kurz und etwas linkisch, um gleich zu Rippenknuffen und Schulterklopfen überzugehen.

„Ich suche dich schon die ganze Zeit“, strahlte Julian, „dachte schon, du wärst gar nicht im Zug!“

„Du weißt doch, als Vertrauensschüler wird man erstmal zum Babysitten vergattert. Was dachtest du denn, wo ich bin? In einer Zelle in Askaban?“

Beide lachten.

„Na ja, bei diesem Ministerium weiß man ja nie…“, flachste Julian. „Komm mit zu den anderen, wir haben dir einen Sitz im Abteil freigehalten.“

„Ich muss erst noch meinen Rundgang beenden. Begleite mich einfach“, erwiderte Roy, riss die Tür zum nächsten Waggon auf, und beide verschwanden dahinter.

Einen Freund hat er offenbar doch, bestimmt sein allerbester Kumpel, dachte Albus. Was er wohl gegen das Ministerium hat?

„Hast du nicht vorhin auf dem Bahnhof bei der Zaubereiministerin gestanden?“, fragte ihn plötzlich aufgekratzt ein blondgelockter Junge, offenbar ebenfalls Erstklässler.

„Ja“, sagte Albus, „sie ist meine Tante.“

„Mein Vater kennt sie auch sehr gut. Er ist nämlich der Premierminister. Der Muggel-Premierminister, wie ihr hier sagt. Und er ist ein guter Freund deiner Tante. Ach übrigens, ich heiße Bernard, aber du kannst Bernie sagen, Bernie Wildfellow.“

Albus Potter. Aber – ein Freund meiner Tante?“

„Ja, sie reden sehr oft miteinander.“

„Wirklich?“, staunte Albus. Soweit er wusste, nahm das Zaubereiministerium zur Muggel-Regierung nur in den allerdringendsten Notfällen Kontakt auf. Jedenfalls sagte sein Vater das, und der musste es wissen.

„Na klar. Ich brauchte ja eine Sondergenehmigung, um nach Hogwarts zu kommen, und die habe ich von deiner Tante. Ohne ihre Ministeriumszauberer wäre ich gar nicht durch die Absperrung auf Gleis Neundreiviertel gekommen. Ich sollte eigentlich nach Eton. Ich bin fast umgefallen, als mein Vater mir vorgestern sagte, dass ich auf eine Schule gehen werde, auf der man zaubern lernt. Zaubern!!! Ist das coooooooool!!! Wenn ich das meinen Freunden erzähle und ihnen was vorzaubere…“

„Denen wirst du überhaupt nichts erzählen und schon gar nichts vorzaubern!“, mischte sich nun ein bebrillter Junge mit weit abstehenden Ohren ein.

„Wieso nicht?“ Bernie wirkte verdutzt und enttäuscht.

„Weil die Muggelwelt unbedingt darüber im Unklaren gelassen werden muss, dass es so etwas wie Zauberei überhaupt gibt. Es könnte sonst bei den Muggeln zu einer Panik kommen oder gar zu einem Krieg zwischen Muggeln und Zauberern.“

Er setzte eine staatsmännische Miene auf wie Onkel Percy, wenn er zu einem seiner Vorträge ansetzte, und dozierte:

„Magische Fähigkeiten bedeuten eine große Verantwortung. Alles, was der Magier tut, muss er im Lichte dieser Verantwortung…“ Albus prustete los und viele andere – die Erstklässlertraube war inzwischen bedeutend gewachsen – mussten ebenfalls lachen.

„Wenn das deine Bewerbungsrede als Vertrauensschüler werden soll, bist du fünf Jahre zu früh dran“, spottete Albus. „Sag uns lieber, wie du heißt.“

„Horatio“, antwortete der Junge. „Horatio Horn.“

„Hor-Hor“, rief einer dazwischen, und wieder lachten alle. Und nun redeten alle miteinander, durcheinander und aneinander vorbei. Es war egal, jeder hatte irgendeinen, dem er seine Aufregung entgegensprudeln konnte. Die nagelneuen Zauberstäbe wurden herumgereicht und mit Kennermiene begutachtet, man zeigte einander die mitgebrachten Haustiere: Albus zum Beispiel hatte seine Eule Athena dabei, Horatio eine dreifarbige Katze, eine sogenannte Glückskatze, Bernie eine getigerte Katze namens „Pizza“.

„Pizza?“, fragte Albus verdutzt.

„Nun ja“, lachte Bernie, „als meine Mama mich fragte, wie sie heißen sollte, hatte ich mich verhört. Ich dachte, sie fragt mich, was ich mir zum Mittagessen wünsche.“

Bernie schien ein feiner Kerl zu sein, aber von der magischen Welt hatte er keine Ahnung. Er fragte allen Ernstes, ob in Hogwarts ein schnelles WLAN installiert sei, und verstand offenbar wirklich nicht, warum einige seiner neuen Freunde schallend lachten. (Nicht alle, denn die meisten wussten überhaupt nicht, was WLAN ist.) Jennifer, ein sommersprossiges Mädchen mit langem rotem Haar, das Albus an Rose erinnerte, klärte ihn auf:

„In Hogwarts gibt es nicht einmal Elektrizität, geschweige denn WLAN, Internet oder so etwas.“

„Ehrlich?“ Bernie konnte es kaum glauben.

„Ehrlich. Hast du ein Smartphone?“

„Klar“, rief Bernie und zog stolz sein nagelneues Gerät hervor.

„Das kannst du bis Weihnachten wegstecken“, sagte Jennifer grinsend. „Das nächste Muggeldorf, in dem du Empfang hättest, ist zu Fuß zwei Stunden entfernt. Aber du darfst Hogwarts ohnehin nicht verlassen.“

„Keine Elektrizität, kein Telefon, kein Fernsehen… Wie könnt ihr so leben?“

„Das, was wir machen, ist aufregender als alles, was du je im Fernsehen siehst, verlass dich drauf“, sagte Albus. „Und überhaupt: Wir können zaubern, was brauchen wir Elektrizität?“

„Ja, aber ich sollte doch meinen Eltern Bescheid sagen, wenn ich angekommen bin. Wie mache ich das denn ohne Telefon?“

„Schick ihnen eine Eule“, meinte Jennifer gleichmütig, und Bernard war sich erkennbar unsicher, ob sie ihn wohl auf den Arm nehmen wollte.

„Eine Eule?“

„Na klar“, meinte Albus, „was glaubst du denn, warum ich eine habe? Man kann auch die Schuleulen benutzen, aber die sind nicht so schnell.“

Bernie starrte ihn ungläubig an. Plötzlich prustete er los. „Ich stelle mir gerade vor, was morgen in der Zeitung steht, wenn bei meinem Vater in der Downing Street eine Eule ins Büro geflogen kommt.“

Einige, nämlich diejenigen, die wussten, was die Downing Street war, stimmten in sein Gelächter ein.

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen verflogen die Stunden nur so, und Albus lernte so viele neue Gesichter und Namen kennen, führte so viele chaotische Unterhaltungen, riss so viele Witze, dass er langsam müde davon wurde. Kein Wunder, in der Nacht hatte er vor Aufregung kein Auge zugetan, und ihm schwirrte der Kopf.

Vielleicht wäre es ja eine gute Idee, ins Abteil zurückzukehren und sich einen Moment hinzusetzen.

Er blickte noch einmal den Gang hinauf und sah einige Schritte entfernt einen dünnen blonden Jungen mit spitzem Kinn, unverkennbar einen Malfoy, dessen Namen Scorpius er schon irgendwo aufgeschnappt hatte, und der in einer zweiten Erstklässlertraube das große Wort führte. Bestimmt stellte er gerade seinen künftigen Hofstaat zusammen.

Gott sei Dank werde ich mit dem nicht viel zu tun haben, dachte Albus befriedigt, der kommt nach Slytherin, wohin sonst? Mit diesem tröstlichen Gedanken betrat er das Abteil, das die Mädchen inzwischen geräumt hatten, um sich ihrerseits im Zug umzusehen, ließ sich auf seinen Sitz fallen – und schlief sofort ein.

Er stand in der Großen Halle von Hogwarts inmitten zahlloser Schüler, die darauf warteten, dass der Sprechende Hut sie auf die Häuser verteilte. Vorne stand James, das Gesicht den wartenden Erstklässlern zugewandt. Was hatte er dort zu suchen? Aber niemand schien sich zu wundern. Plötzlich zog James einen alten Hut hervor, stülpte ihn sich über, und krähte gemeinsam mit dem Hut in den Saal: „Albus muss nach Slytherin, Albus muss nach Slytherin!“

Was von der Menge mit begeistertem Gejohle quittiert wurde. Albus wurde am Umhang gepackt und zum Slytherin-Tisch geschleift, an dem bereits Scorpius Malfoy Platz genommen hatte.

„Wenn du ein richtiger Todesser sein willst…“ näselte Malfoy – „Ich will aber kein Todesser sein!“, rief Albus dazwischen, ohne dass Malfoy davon Notiz genommen hätte – „musst du mit dem Tod essen!“

„Mit dem Tod?“, fragte Albus schaudernd.

„Mit mir“, sagte ein gutaussehender, etwas älterer schwarzhaariger Junge neben ihm. „Reichst du mir bitte die Sauciere mit dem Muggelblut?“

„Wer bist du?“

„Früher war ich Tom Riddle, heute Lord Voldemort.“

Plötzlich standen Teller mit rohem Fleisch auf dem Tisch.

„Iss!“, sagte Julian, der ihm nun anstelle Malfoys gegenübersaß. „Wer nicht isst, kommt nach Askaban, bei diesem Ministerium…“

„Das Ministerium hat alles unter Kontrolle.“ Das war jetzt nicht mehr Riddle, es war Tante Hermine, die in einem roten Business-Kostüm neben ihm saß. „Darauf können Sie Gift nehmen. Prost!“

Hermine, was machst du denn am Slytherin-Tisch?“

„Ich verspeise Schlammblüter“, sagte Riddle, der in Hermines rotem Kostüm irgendwie komisch aussah. „Einfach köstlich“, fügte er im Tonfall eines sehr vornehmen Feinschmeckers hinzu. „Wie heißt du eigentlich?“

Und Roy MacAllister, der am Slytherin-Tisch entlangschritt, als ob ihn nichts von alldem wunderte, raunte ihm zu: „Sei aufrichtig, man sollte sich nicht entschuldigen!“

„Äh, Potter, Albus Potter.“

Da fixierte Riddle ihn mit geschlitzten roten Schlangenaugen und krächzte heiser: „Ein Potter? Mit euch habe ich noch eine Rechnung offen!“

Albus rief zurück: „Du kannst mir gar nichts tun, du bist tot!“

„Meinst du?“, fragte Riddle. „Meinst du?“, wiederholte er. „Dummer Junge!“ Plötzlich stolzierten neun Glückskatzen im Gänsemarsch am Rand der Tischplatte entlang.

„Siehst du?“, krähte Voldemort triumphierend. „Nicht sieben, neun! Neun Leben hat die Katze! Aber du hast nur eins, und das endet jetzt!“ Er zog den Zauberstab und richtete ihn auf Albus, der weglaufen wollte, aber nicht konnte, schreien wollte, aber nicht konnte.

„Avada…“ begann Voldemort den Todesfluch. Er weidete sich an Albus‚ Panik, grinste ihn grausam an und setzte, wohl um seine Macht auszukosten, noch einmal an:

„Avada…“

„Aufwachen! – Aufwachen! – Aufwachen, Schlafmütze!“

Albus schreckte hoch. Draußen war es dunkel, und der Zug stand auf einem Bahnhof. Albus brauchte einen Moment, um sich aus seinem Alptraum in die Wirklichkeit zurückzutasten. Leises Gepolter auf dem Gang verriet ihm, dass die letzten Schüler gerade den Zug verließen. Als er hochsah, sah er ein Mädchen, das sechzehn Jahre alt sein mochte und ein Vertrauensschülerabzeichen trug. Sie war wunderschön, hatte blonde Locken, volle Lippen, strahlende weiße Zähne. Sie erinnerte ihn an seine Cousine Victoire. Ob sie auch Veela-Blut hatte?

„Wo sind wir?“, fragte er.

„In Hogsmeade“, antwortete das Mädchen, „aber wenn du noch lange sitzen bleibst, fährst du nach London zurück. Lass dein Gepäck hier, man wird es für euch alle nach Hogwarts bringen. Geh einfach hinaus zu den anderen Erstklässlern.“

Sie begleitete ihn zur Waggontür und schickte sich schon an, ihren Kontrollgang durch den Zug fortzusetzen, drehte sich dann aber noch einmal um, sah ihn an, neigte den Kopf neugierig ein wenig zu Seite und fragte: „Potter?“

Er wunderte sich nicht. Jeder in der magischen Welt kannte seinen Vater Harry Potter, und Albus sah ihm ziemlich ähnlich. Sogar die grünen Augen hatte er geerbt. Er nickte: „Albus Potter.“

„Ich heiße Patricia Higrave. Schön, dich kennenzulernen, auch wenn wir in Hogwarts wohl nur selten miteinander zu tun haben werden.“

„Wieso?“, fragte Albus und wollte sich am liebsten dafür auf die Zunge beißen, denn ihm schwante die Antwort, die auch prompt kam:

„Bei deiner Herkunft kommst du wahrscheinlich nach Gryffindor, aber ich bin eine Slytherin.“

Nicht schon wieder!

Hatte James ihm einen Fluch auf den Hals gehext? Seit er heute Morgen im Auto wieder mit diesem Slytherin-Quatsch angefangen hatte, verfolgte Slytherin ihn, und das sogar bis in seinen – inzwischen langsam verblassenden – Alptraum hinein. Zeit, endlich nach Hause zu kommen. Nach Gryffindor!

Er fröstelte, als er auf den Bahnsteig trat, denn es war empfindlich kalt für die Jahreszeit. Im schwachen Licht der Laternen, das mühsam gegen die Dampfschwaden aus der Lokomotive ankämpfte, sah er, dass die übrigen Erstklässler sich schon versammelt hatten und von einem Vertrauensschüler durchgezählt wurden. Nachdem Albus hinzugetreten und mitgezählt worden war, gab der Vertrauensschüler mit erhobenem Daumen das Zeichen, dass alle vollzählig waren, und der riesengroße Mann mit strubbeligem eisgrauem Bart und einer ebensolchen Mähne, dem das Zeichen galt, bedeutete den Schülern, ihm zu folgen.

Das musste Hagrid sein – wer sonst war schon über drei Meter groß? Albus fragte sich, ob er ihm gleich Guten Tag sagen und sich vorstellen sollte. Hagrid war mit seinen Eltern befreundet, aber zufällig war Albus ihm noch nie persönlich begegnet. Hagrid jedoch schien großen Wert darauf zu legen, den Erstklässlern gegenüber Würde und Autorität auszustrahlen, vielleicht wäre es ihm nicht recht, in ein privates Gespräch verwickelt zu werden.

Das muntere Geplapper war verstummt und einer andächtigen, ehrfürchtigen Stille gewichen. Kurz bevor sie die Bootsanlegestelle erreichten, sahen Sie, zum ersten Mal in ihrem Leben, aus der Ferne das magisch beleuchtete Schloss, das sich vom Gipfel eines Hügels aus majestätisch in den dunkelblauen Nachthimmel reckte:

Hogwarts!

Hogwarts war mehr als ein Schloss, mehr als eine Schule, es war die Seele der britischen Zaubererwelt. Praktisch jeder Zauberer, jede Hexe hatte diese Schule durchlaufen, hier schloss man Freundschaften, die ein Leben lang hielten, entfesselte Fehden, die sich über Generationen fortpflanzten, hier fand man mit ein bisschen Glück die Frau oder den Mann fürs Leben, und das Haus, in das der Sprechende Hut einen schickte, war eine zweite Familie. Man war nicht nur ein Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw oder Slytherin, man blieb es auch bis an sein Lebensende und konnte auch als Erwachsener stets auf die Hilfe älterer Ehemaliger rechnen, selbst wenn deren Schulzeit viel länger zurücklag als die eigene und man ihnen daher nie begegnet war. Die Kehrseite war freilich, dass auch die Rivalität zwischen den Häusern und ihren ehemaligen Schülern nie endete. Albus hatte von seinem Vater gehört, dass es im Ministerium ganze Abteilungen gab, die ausschließlich aus ehemaligen Angehörigen eines einzigen Hauses bestanden, und keine einzige, in der Gryffindors mit Slytherins zusammenarbeiteten.

Und doch verband sie alle ein starkes Band, das sogar die Feindschaft zwischen Gryffindors und Slytherins überspannte: Sie alle waren Zauberer, sie alle hatten die gleiche Erziehung genossen, sie alle waren Hogwarts-Schüler durch und durch. Die Welt der britischen Zauberer war klein: Mit Allen zusammen hätte man bei den Muggeln bestenfalls eine Kleinstadt bevölkern können. Es war manchmal lästig, in dieser kleinen Welt zu leben, in der Jeder Jeden kannte, und in der man sein Leben lang mit immer wieder denselben Leuten zu tun bekam, womöglich auch solchen, die man schon von der Schule her nicht leiden konnte. Und doch liebte man diese Welt, lebte man sie, atmete man sie. Diese Welt war klein, aber sie war – Heimat.

Da Albus wie in Trance in das ihm und drei weiteren Schülern zugewiesene Boot stieg, ohne den Blick auch nur einen Moment von dem herrlichen Schloss zu wenden, entging ihm Hagrids gerührtes, verständnisvolles Lächeln, und als die Boote über den See glitten, sprach keiner der Schüler ein lautes Wort.

„Jetzt sind wir wirklich Zauberer“, flüsterte Rose ihm zu, und erst jetzt bemerkte er, dass sie die ganze Zeit neben ihm im Boot gesessen hatte.

„Ja“, hauchte er zurück, weiterhin in den Anblick des stolzen Schlosses versunken, wie Alle hier, die, in Gestalt dieses Schlosses, ihrem Schicksal entgegenglitten.

Als die Boote in den unterirdischen Hafen eingelaufen und die Schüler von Bord gegangen waren, wandte Hagrid sich an Albus: „Na, wieder ansprechbar?“

„Ja, natürlich, entschuldige, Hagrid. Schön, dich endlich persönlich kennenzulernen.“ Albus reichte ihm die Hand, die in Hagrids riesiger Pranke völlig verschwand. Gut, dass er nicht wirklich zudrückte.

„Na sicher“, murmelte der Halbriese beruhigend, „ist ja auch ein aufregender Tag heute, einer, den man nie vergisst.“

Hagrid winkte den Schülern, ihm zu folgen. Sie stiegen einen langen Gang hinauf, der zur Wiese vor dem Schloss führte, und gingen mit Hagrid zu dem großen Eichentor der Schule. Hagrids Klopfen dröhnte dreimal, das Tor öffnete sich wie von selbst, die Schüler traten ein. Alles lief genauso ab, wie seine Eltern es ihm geschildert hatten. Albus merkte, dass er an einem jahrhundertealten Ritual teilnahm.

In der Mitte der riesigen Eingangshalle stand eine alte Hexe mit strengem Gesichtsausdruck und nicht minder streng geknotetem grauem Haar: Professor Minerva McGonagall, die Schulleiterin. Albus erinnerte sich an die tiefe Verehrung, mit der seine Eltern stets von ihr gesprochen hatten, obwohl sein Vater in seiner Hogwarts-Zeit mehr als einmal von ihr zusammengestaucht worden war. Nur eben niemals unverdient.

McGonagall lotste die Neuankömmlinge in einen Nebenraum und bereitete sie auf die Aufnahmezeremonie vor. Nichts von allem, was sie sagte, war Albus wirklich neu, aber die Schüler aus Muggelfamilien, die es zum ersten Mal hörten, Wildfellow etwa, hingen gebannt an ihren Lippen, als sie ihnen die bevorstehende Aufnahmezeremonie schilderte und sie darüber aufklärte, wer die vier Häuser waren und was es mit ihnen auf sich hatte.

„Jeder Schüler“, erläuterte sie dann, „kann durch vorbildliche Leistungen schulischer, moralischer oder sportlicher Natur Punkte für sein Haus erwerben. Fehlverhalten dagegen, insbesondere der Verstoß gegen Schulregeln, wird mit Punktabzug geahndet. Das Haus, das am Ende des Schuljahrs die meisten Punkte gesammelt hat, gewinnt den Hauspokal. Sie werden schnell merken“, fügte sie hinzu, und ein maliziöses Lächeln umspielte ihren Mundwinkel, „dass man sich im eigenen Haus äußerst unbeliebt macht, wenn man durch Dummheiten dessen Punktestand belastet. – In der Großen Halle dürfte jetzt alles zu Ihrer Aufnahme bereitstehen. Folgen Sie mir bitte.“

McGonagall führte sie zurück durch die Eingangshalle, deren Größe und Pracht Albus erst jetzt wahrnahm, in die Große Halle, die von tausenden und abertausenden schwebenden Kerzen erleuchtet war. Von der Decke, die durch Zauberhand stets wie der Himmel draußen aussah, nun also das Aussehen des Nachthimmels hatte, funkelten zahllose Sterne.

Die älteren Schüler saßen an den vier langen Festtafeln der Hogwarts-Häuser. Quer zu ihnen stand am anderen Ende des Saals die Tafel der Lehrer.

Während die Erstklässler nach vorn gingen, ruhten die vielen hundert forschenden Augenpaare ihrer künftigen Mitschüler auf ihnen. Albus, der neben Rose ging, suchte nach James, aber da er seine Eltern nie gefragt hatte, welcher der vier Tische der von Gryffindor war, und er außerdem viel zu aufgeregt war, irrten seine Augen eher ziellos durch die Reihen. Bevor er James oder sonst ein bekanntes Gesicht ausfindig machen konnte, waren sie schon vor dem Lehrertisch angekommen, wo sie sich mit dem Gesicht zu den Häusertischen aufstellten. Der Höhepunkt des tausendjährigen Aufnahmerituals stand bevor: Ein Stuhl wurde so aufgestellt, dass alle Anwesenden ihn gut sehen konnten, und McGonagall legte, wie es seit Menschengedenken Brauch war, den alten, zerschlissenen Zaubererspitzhut darauf.

Bevor aber die neuen Schüler auf die Häuser verteilt wurden, verlangte die Tradition, dass der Sprechende Hut sein Lied zum Besten gab. Meist war es ein launiges Begrüßungsgedicht, manchmal allerdings betätigte der Hut sich auch als Orakel, warnte und mahnte. Albus erinnerte sich, was sein Vater gesagt hatte: Der Sprechende Hut weiß über Alles Bescheid, was auch der Schulleiter weiß. Hör ihm gut zu! Wenn der Sprechende Hut Warnungen ausspricht, ist das ein schlechtes Omen.

Der zerschlissene Hut verbeugte sich unter dem Beifall der Schüler und Lehrer. Die Falte, die bei ihm den Mund ersetzte, öffnete sich. Einen Augenblick lang genoss er das erwartungsvolle Schweigen der Anwesenden, dann begann er zu sprechen:

„Alte Hüte stehen heut
in keinem guten Rufe,
doch fröne ich seit alter Zeit
dem edelen Berufe,

jeden Zaubrer, jede Hex‘
ins richt’ge Haus zu bringen,
damit vom Startpunkt ihres Wegs
ihr Leben mag gelingen.

Die unerschrocken mir erscheinen,
wert, Godrics Schwert zu führen,
werd ich in Gryffindor vereinen
und sie dort platzieren.

Rowena wollte kluges Hirn,
das niemals gönnt sich Pause,
drum sind die mit der Denkerstirn
in Ravenclaw zu Hause.

Helga sprach: Mein lieber Hut,
verschon mich mit Extremen!
Die normal und treu und gut,
wird Hufflepuff gern nehmen.

Salazar sprach: Slytherin
braucht nicht die Gerechten,
sondern die Besten mit dem Sinn,
für unsre Welt zu fechten!

Ich dien‘ dem Willen unsrer Gründer
der legendären Alten,
in ihrem Sinn und dem der Kinder
ihr Erbe zu verwalten.

Für alle, die sich wunderten,
warum ich so zerschlissen:
Es hat in den Jahrhunderten
das Herz mir oft zerrissen.“

Er stockte. Die Falte zitterte. Niemand wagte ein Wort zu sagen. Schließlich fand der Hut seine Fassung wieder und fuhr fort:

Slytherin und Gryffindor
entzweiten sich im Streite
und warfen sich das Schlimmste vor,
die Wunde schwärt bis heute.

Drei Gründer standen gegen einen,
der sich darauf getrennt.
Sie alle vier neu zu vereinen,
war mir nicht vergönnt.

Seit jener schlimmen, dunklen Stunde
such ich den Riss zu kitten,
zu heilen jene Eiterwunde,
an der wir so gelitten.

Mal ist sie einer Linie gleich,
mal einem tiefen Graben,
an dem die Besten unter euch
zu tausenden verstarben.

Hab viel gesehen und mir ist bang,
ihr wisst, ich bin schon alt.
Verschließt euch dem Sirenenklang,
wo immer er erschallt.

Ich sehe wohl, ihr wähnt den Feind
erneut in diesen Mauern.
Ihr Narren! Wenn ihr euch nicht eint,
werd auch um euch ich trauern.

So oft habt ihr, wenn ich euch warn,
mir doch das Herz gebrochen.
Auch heute macht‘ ich mich zum Narrn,
der in den Wind gesprochen.“

Als er geendet hatte, lag Stille über der Großen Halle. Es dauerte mehrere Sekunden, bis McGonagall aufstand und Beifall klatschte, in den die anderen Lehrer und die Schüler einfielen. Alle erhoben sich von ihren Plätzen und spendeten dem Hut, der sich wieder verbeugte, ohne dass der traurige Zug seiner Mundfalte sich aufgeheitert hätte, minutenlangen Applaus.

Man konnte glauben, er habe einen tiefen Eindruck erzielt, und doch – Albus hatte von seinem Platz aus einen guten Überblick: Während MacAllister nachdenklich zu seinem Gryffindor-Kollegen hinübersah und dieser diesen Blick erwiderte, musterten andere Gryffindors und Slytherins einander argwöhnisch bis feindselig. Noch während sie dem Sprechenden Hut gemeinsam applaudierten, hatten sie schon wieder vergessen, was er gesagt hatte.

Auch Albus wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Die alles entscheidende Auswahl, die nun auf dem Programm stand, verdrängte das böse Omen aus seinem Geist.

McGonagall entrollte ein Pergament mit der alphabetisch geordneten Liste der neuen Schüler und rief den ersten Namen auf: „Anderson, William.“ Der Angesprochene, ein schlanker blonder Junge mit schmalem, leicht sommersprossigem Gesicht, ging mit einer Miene, als sei es sein letzter Gang, zum Stuhl, nahm Platz und setzte sich den Hut auf. Einen Moment herrschte Stille, dann rief der Hut:

Gryffindor!“

Am Tisch der Gryffindors brandete Beifall auf, und Anderson wurde von den Gryffindor-Vertrauensschülern Victoire und Ethelbert mit freundlichem Lächeln und Handschlag in seiner neuen Hogwarts-Familie willkommen geheißen, bevor er sich zu den anderen Gryffindors an den Tisch setzte. Diejenigen, die in Reichweite saßen, klopften ihm auf die Schultern, dann kehrte wieder Stille ein.

„Avery, Malcolm.“

Slytherin!“

So ging es weiter. Inzwischen wusste Albus, wo er nach seinem Bruder suchen musste, und fand ihn auch. Natürlich hatte James, als ihre Blicke sich trafen, nichts Besseres zu tun, als die Zähne zu fletschen und die Zungenspitze zwischen ihnen hindurchzuschieben, als wolle er wie eine Schlange zischen. Die Schlange war das Wappentier von Slytherin.

Albus wandte den Blick genervt von ihm ab und suchte den seiner Cousine Victoire, die ihm und Rose aufmunternd zulächelte. Er versuchte zurückzulächeln, aber die Aufregung machte es ihm schwer.

Während ein Schüler nach dem anderen aufgerufen wurde, spürte er sich am ganzen Körper zittern. Am liebsten hätte er Roses Hand ergriffen, nur um sich an irgendetwas festzuhalten, aber das kam gar nicht in Frage, wie hätte das denn ausgesehen?

So blieb er bleich und schicksalsergeben stehen und ließ den Blick durch den Saal schweifen, während die Erstklässler nacheinander auf die Häuser verteilt wurden. Plötzlich zuckte er zusammen:

„Potter, Albus.“

Es war soweit.

Während er sein Herz pochen fühlen konnte, hielt die Spannung im Saal sich in Grenzen. Einige Slytherins lümmelten sich demonstrativ gelangweilt auf ihre Stühle, Roy MacAllister und Patricia Higrave, die soeben „Ogilvy, Lancelot“ für Slytherin in Empfang genommen hatten, nahmen Platz, während Victoire und Ethelbert bei den Gryffindors sich vorausschauend erhoben. Die Gryffindors strahlten Albus erwartungsvoll an, sogar James sah man jetzt die Vorfreude an. Albus warf einen kurzen Blick auf MacAllister. Wenn du nach Gryffindor gehörst, weiß der Hut das besser als du selbst, hatte er gesagt, und an diesem Gedanken hielt Albus sich fest, während er auf McGonagall zutrat, die ihn unmerklich, nur mit den Augen, anlächelte, als wolle sie sagen: Nur Mut, gleich hast du es überstanden!

Mit klopfendem Herzen und zitternden Fingern griff Albus nach dem Hut, der viel zu groß für einen Kinderkopf war und ihm, wie allen anderen auch, über das Gesicht rutschte. Im Dunkeln sitzend, hörte er den Hut murmeln:

„Ein klarer Fall, ein selten klarer Fall…“

Er atmete auf. Ein klarer Fall, das konnte ja nur heißen…

Slytherin!“, rief der Hut.

Albus erstarrte.

Als er den Hut abnahm, herrschte im Saal Totenstille, und für Albus begannen die längsten zehn Sekunden seines Lebens. Er blickte zu McGonagall auf, die verdutzt die Augenbrauen hochzog, wandte den Blick zu Rose, die ihn wie versteinert anstierte, zu Victoire, die nach ihrem Stuhl tastete, als fürchte sie, jeden Moment in Ohnmacht zu fallen, zu den anderen Gryffindors, denen das bleiche Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. Sein Blick wanderte über die verwunderten Mienen der Hufflepuffs und Ravenclaws zu seiner künftigen Hogwarts-Familie – den Slytherins.

Kreidebleich erhob er sich vom Stuhl, warf noch einen Blick auf den verfluchten Hut und schlich in Richtung des Slytherin-Tischs.

Er hatte sich oft nach James‚ Witzeleien abends vor dem Einschlafen vorgestellt, wie es wäre, nach Slytherin zu kommen. Sie würden ihn dort behandeln wie eine Kakerlake auf dem Suppenteller, ihn schneiden, ihn piesacken. Er würde der einsamste Mensch in Hogwarts sein, abgeschnitten von Gryffindor, dem Haus seiner Familie, aber ein Fremdkörper bei den Slytherins, für die er immer der Gryffindor bleiben würde, und er hatte sich schon im Voraus leidgetan – es tat so gut, sich manchmal ein wenig zu bemitleiden. Womöglich würden sie versuchen, ihn von ihren unmöglichen Ansichten über Muggel und Muggelstämmige zu überzeugen. Er würde ein Außenseiter sein, weil ihm nie, da war er sich sicher, das Wort „Schlammblut“ über die Lippen kommen würde. Sie würden ihn hassen und ihn immer und überall ihre Feindseligkeit spüren lassen.

Was jedoch in den Gesichtern der Slytherins stand, war keine Feindseligkeit und schon gar kein Hass, nur maßlose Verblüffung. Sie konnten nicht glauben, was sie eben gehört hatten.

Als Albus jedoch den halben Weg zum Slytherin-Tisch zurückgelegt hatte, löste sich Ihre Erstarrung, und plötzlich erbebte der Saal unter einem Jauchzer, der wie auf Kommando aus allen Slytherin-Kehlen gleichzeitig drang. Alle sprangen auf, klatschten und jubelten, und sogar ein kleiner Sprechchor „Wir haben Potter, wir haben Potter!“, war zu hören.

Roy MacAllister und Patricia Higrave waren mit den anderen aufgesprungen. Roy grinste ihm breit entgegen, schüttelte seine Hand, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte: „Keine Angst, du wirst sehen: Wir sind die nettesten Todesser aller Zeiten!“

Er lachte von Herzen und reichte Albus mit einem Klaps auf dessen Schulter an Patricia weiter, die ihn umarmte, fest an sich drückte, und ihm – was sie bei niemandem sonst getan hatte – sogar einen Kuss auf die Stirn drückte. Albus spürte sein Herz rasen, als sie ihn wieder losließ, und war ein wenig benommen. Aber schon stand er in einer Traube von Slytherins, die ihm die Hand reichten und seine Schulter klopften, dass es schon wehtat. Malfoy strahlte ihn an, schrie in den tosenden Lärm „Mein Vater hat immer gesagt, dass die Potters eigentlich nach Slytherin gehören. Jetzt hat es sich endlich erfüllt!“, und lud ihn ein, sich neben ihn zu setzen.

Der Stuhl, den Malfoy ihm anbot, stand mit dem Rücken zu den Gryffindors, und bevor er sich setzte, erhaschte Albus einen Blick auf deren Gesichter. Ihre Mienen hatten sich deutlich verfinstert, als sie ohnmächtig den Triumph der verhassten Slytherins erdulden mussten, und sie funkelten Albus an, als hätte er selbst, und nicht der Sprechende Hut, die Entscheidung getroffen. Er wandte sich von ihnen ab und setzte sich.

Warum sind die Slytherins nur alle so begeistert?, fragte er sich. Gewiss, es tat gut. Es tat gut, mit offenen Armen aufgenommen zu werden, vor allem jetzt, da er die bohrenden Blicke der Gryffindors im Nacken spürte. Er war jetzt ein Slytherin – das Bewusstsein überfiel ihn wie ein Schlag: Er war ein Slytherin. Die Ungewissheit war vorbei, die Entscheidung gefallen, er atmete jetzt freier, und angesichts der strahlenden Mienen rings um ihn herum gelang es ihm sogar, sich ganz zaghaft darüber zu freuen: Er war ein Slytherin. Der Überschwang, mit dem sie ihn begrüßt hatten, war ihm immer noch nicht ganz geheuer, aber er wollte nicht mehr darüber nachdenken, wollte sich den Augenblick nicht verderben lassen.

„Ruhe, bitte!“

McGonagall hatte ihre Stimme magisch verstärkt, um des Tumults am Slytherin-Tisch Herr zu werden. „Meine Damen und Herren, bei allem Verständnis für Ihre Freude muss ich Sie doch bitten, wieder Platz zu nehmen. Wir sind noch nicht fertig!“

Den letzten Satz hatte sie besonders energisch betont, und wie immer, wenn McGonagall energisch wurde – Albus wusste es von seinen Eltern – kehrte schlagartig Ruhe ein.

Die Zeremonie wurde wieder aufgenommen, die verbleibenden zehn Schüler waren noch auf die Häuser zu verteilen. „Weasley, Rose“ war die vorletzte. Albus bettelte im Stillen um einen Blick von ihr, aber vergebens. Rose schien fest entschlossen, lieber überall sonst hinzublicken als zum Slytherin-Tisch. Wer weiß, hoffte Albus, vielleicht…

Als Rose sich den Hut überstülpte, murmelte Albus tonlos vor sich: „Slytherin, bitte sag Slytherin. Slytherin, Slytherin, Slytherin…“

Gryffindor!“, rief der Hut, und während am Gryffindor-Tisch der Jubel aufbrandete, sackte Albus ein wenig in sich zusammen. Nun fühlte er sich doch etwas einsam.

Wer aber geglaubt hatte, für diesen Abend habe der Sprechende Hut für hinreichend Überraschung gesorgt, wurde eines Besseren belehrt, als der letzte Schüler aufgerufen wurde. Es war Wildfellow.

Als der Hut auf seinen Schultern saß, wartete der Saal auf das Urteil, und es geschah – nichts. Zehn Sekunden vergingen, dreißig, eine Minute, zwei Minuten… Allmählich kam Gemurmel auf: „Kommt schon mal vor“ – „Ja, aber so lange?“

Nach insgesamt fünf Minuten, als der Geräuschpegel schon dem eines gut besuchten Pubs am Freitagabend entsprach, rief der Hut sein Urteil in den Saal:

„Muggelwelt!“

Wieder Totenstille. Dann redeten alle durcheinander: „Das hat es ja noch nie gegeben.“ – „Ist der Hut besoffen?“ – „Seit wann werden Muggelstämmige abgelehnt?“ – „Unfassbar.“

Albus fiel wieder ein, was Wildfellow ihm erzählt hatte: dass er ohne die Ministeriumszauberer nicht durch die Absperrung zum Gleis Neundreiviertel gekommen wäre. Nun war ihm klar, was dies bedeutete: dass Bernie kein Zauberer war. Das konnten die anderen aber nicht wissen.

McGonagall hatte Bernie geistesgegenwärtig bei der Hand genommen und in eine nicht einsehbare Nische des Saales geführt. Die anderen sollten ihn nicht weinen sehen. Nach einigen Minuten trat sie mit ihm, der seinen Tränen einen tapferen und siegreichen Kampf geliefert hatte, nach vorn, verstärkte erneut ihre Stimme und sprach:

„Meine Damen und Herren, ich bedaure den Zwischenfall, den es in dieser Form noch nie gegeben hat und dessen Gründe mir unklar sind. Kraft meiner Stellung als Schulleiterin weise ich Bernard Wildfellow dem Haus – Hufflepuff zu.“

Die Hufflepuffs spendeten höflichen, wenn auch nicht gerade überschwänglichen Applaus, Bernie wurde von den Vertrauensschülern seines neuen Hauses in Empfang genommen und setzte sich an den letzten noch freien Platz am Tisch der Hufflepuffs. Wahrscheinlich wünschte er sich in diesem Moment, er wäre doch nach Eton gekommen.

Professor McGonagall trat nun ans Rednerpult: „Willkommen in Hogwarts, und für die alten Hasen: Willkommen zurück!“ Schüler und Lehrer spendeten freundlichen Applaus. „Ich möchte mich in meiner Begrüßungsrede kurz fassen: Guten Appetit!“

Während erneut Applaus, vermischt mit vereinzeltem Gelächter, zu hören war, senkten sich zuerst goldene Teller, Becher und Besteck, dann üppig mit vorzüglichen Speisen aller Art beladene Platten auf die Tafeln nieder. Viele der Anwesenden hatten absichtlich den Tag über nichts gegessen, um beim Festmahl richtig hinlangen zu können, und das taten sie nun.

2 – Schlammblut

Mit vollem Mund zu sprechen ist zwar unfein, aber das interessierte an diesem Abend niemanden. Albus gegenüber saß Jennifer Morgan, das rothaarige Mädchen, das er schon aus dem Zug kannte. „Sag mal“, fragte er sie leicht nuschelnd, „bist du eigentlich mit den Weasleys verwandt?“

Sie lachte. „Du wirst es nicht glauben, aber man kann rote Haare haben, ohne eine Weasley zu sein. Meine Mutter ist eine Hexe, vielleicht haben wir irgendeinen gemeinsamen Vorfahren im Mittelalter, aber ich weiß nichts davon.“

Die meisten Gespräche drehten sich freilich um Bernard Wildfellow.

„Das hat es noch nie gegeben. Schlammblüter hatten wir hier schon öfter“, nuschelte Scorpius, „aber sie konnten wenigstens zaubern“, fügte er hinzu, als er Albus‘ finsteren Blick bemerkte, „und sie waren zum Teil hochbegabt, richtig gute Leute“ – er bemühte sich sichtlich, seinen Fauxpas vergessen zu machen und Albus versöhnlich zu stimmen –, „aber wenn der Sprechende Hut einen zurückweist, muss er wohl völlig talentfrei sein.“

„Kann schon sein“, meinte Albus, „er ist mit einer Sondergenehmigung des Ministeriums hier.“

Scorpius redete genauso, wie Albus es befürchtet hatte, aber er wollte sich nicht gleich am ersten Abend streiten. „Ich muss mal eben“, sagte er, stand auf und ließ sich von einem älteren Schüler den Weg zur Toilette erklären.

Auf dem Rückweg begegnete er Rose. Noch bevor er sie ansprechen konnte, zickte sie ihm ein „Viel Spaß in Slytherin!“ entgegen und rauschte mit beleidigter Miene an ihm vorüber. Völlig verdattert blieb Albus stehen. „Rose!“, rief er ihr hinterher, aber sie ignorierte es.

Er sah zum Gryffindor-Tisch. Sein Blick begegnete dem seines Bruders, der ihn anfunkelte und mit einer Kopfbewegung Richtung Slytherin-Tafel sagte: Mach, dass du zu deinen Slytherins kommst!

Als er nachdenklich und traurig er zu seinem Platz zurückschlich, hörte er Roy MacAllister zu Julian sagen: „Das ist typisch Hermie, einen Muggel per Sondererlass nach Hogwarts zu schicken, nur aus Prinzipienreiterei!“

Offenbar sprach er von Tante Hermine.

„Aber damit tut sie dem Jungen doch keinen Gefallen!“, ereiferte sich Julian. „Der kann doch hier unmöglich zurechtkommen.“

„Hermie will niemandem einen Gefallen tun, sie will ihre Pläne und Prinzipien durchsetzen, und das auf Biegen und Brechen. Dieses Jahr ist es ein Muggel, nächstes Jahr zehn, übernächstes Jahr sind es hundert. Und dann müssen nicht sie mit uns zurechtkommen, sondern wir mit ihnen. Spielt Quidditch, solange ihr es noch könnt, demnächst dürft ihr nur noch Fußball spielen, damit sich die Muggel nicht ‚diskriminiert‘ fühlen.“

Albus ging weiter. Was um alles in der Welt hatte der Sprechende Hut sich nur dabei gedacht, ihn in dieses Haus zu schicken, in dem der eine in diesem abfälligen Ton über Hermine sprach und ein anderer von „Schlammblütern“ redete? Seufzend ließ er sich wieder neben Scorpius Malfoy auf den Stuhl sinken.

Albus“, fragte Scorpius, der ihn aufmerksam musterte, „was ist los, du siehst so bedrückt aus?“ Er klang durchaus teilnahmsvoll.

„Ach“, seufzte Albus, „mein eigener Bruder und meine beste Freundin schneiden mich, weil ich jetzt ein Slytherin bin.“

Scorpius nahm seine Hand und drückte sie kurz. „Die haben sich bestimmt nur geärgert, weil wir uns so gefreut haben. Das vergeht auch wieder. Keine Angst, du verlierst deine Freunde nicht wegen Slytherin, aber du wirst hier viele neue dazugewinnen. Schau dich um: Es gibt hier niemanden, der dich nicht mag.“

Albus wusste, dass Scorpius‚ Vater als Junge ein richtig fieser Angeber gewesen war, und er hätte nie für möglich gehalten, dass ein Malfoy so nett und einfühlsam sein konnte. Jedenfalls waren Scorpius‘ Worte Balsam auf Albus‚ Wunden. Es stimmte ja: Die Slytherins, einschließlich Scorpius, mochten ihn offensichtlich, auch wenn er immer noch nicht so recht wusste, wieso.

Ungeachtet seines angenehmen Wesens war Scorpius durch und durch ein Malfoy, und das nicht nur wegen seiner äußeren Ähnlichkeit mit seinem Vater. Er war stolz auf seine Herkunft aus einer uralten Zaubererdynastie, aber dieser Stolz äußerte sich bei ihm nicht in Form von Arroganz und Angeberei, sondern in seiner Neigung zu großen Worten, die aus dem Mund eines Elfjährigen etwas frühreif, ja geradezu komisch klangen. Er sagte Dinge wie: „Wir werden dem Haus Slytherin zur Ehre gereichen.“ Albus musste sein Grinsen unterdrücken, aber ihm war nicht entgangen, dass Scorpius von ihnen beiden schon als „Wir“ sprach, und als Albus sich im Stillen fragte, ob er wohl ein guter Freund werden könne, war die Antwort, die er sich selbst gab, ein wenn auch noch zögerndes „Ja“.

Nachdem das Festmahl beendet war, trat Professor McGonagall wieder ans Rednerpult, um die Lehrer vorzustellen: Neville Longbottom, Hauslehrer von Gryffindor, unterrichtete Kräuterkunde, Rubeus Hagrid Pflege magischer Geschöpfe, der Slytherin-Hauslehrer Charles Whiteman Zaubertränke, Cuthbert Binns, der einzige Geist im Kollegium, Geschichte der Zauberei. An dieser Stelle ging ein leises, aber unüberhörbares Stöhnen durch die Reihen, denn Binns‘ Unterricht war berüchtigt langweilig, aber da er als Geist nicht alterte, würde er wohl niemals pensioniert werden. Ernie Macmillan war Hauslehrer von Hufflepuff. Er unterrichtete Verwandlung. Hauslehrer von Ravenclaw war nach wie vor und ungeachtet seines biblischen Alters der kleinwüchsige Professor Flitwick, Lehrer für Zauberkunst. Lehrer für Wahrsagen war der Zentaur Firenze.

„Zwei Neuzugänge darf ich Ihnen in diesem Jahr vorstellen, die beide freundlicherweise vom Ministerium freigestellt wurden“, fuhr McGonagall fort. „Zum einen Professor Gracchus Barclay aus der Aurorenabteilung für Verteidigung gegen die dunklen Künste, zum anderen Professor Meredith Richardson, die bisher in der Abteilung für Beziehungen zur nichtmagischen Welt tätig war und Muggelkunde unterrichten wird.“

Beide Lehrer standen auf und verbeugten sich, während die Schüler klatschten. Bezeichnenderweise war der Beifall der Gryffindors besonders laut, während sich die Slytherins mehr einen Höflichkeitsapplaus abrangen. Es war bekannt, dass beide Professoren in den achtziger Jahren in Gryffindor ausgebildet worden waren.

Die Schulleiterin beendete ihre Rede mit den üblichen Ermahnungen: Sie schärfte den Schülern ein, dass mutwilliges Zaubern verboten war, Schadenzauber gegen Andere mit dem Ausschluss aus Hogwarts geahndet wurde und kein Schüler ohne Aufforderung und Begleitung durch einen Lehrer den Verbotenen Wald betreten durfte. Zum Schluss wies sie darauf hin, dass die Auswahltrainings für die Quidditchmannschaften der einzelnen Häuser an den kommenden beiden Tagen stattfinden würden.

Nach der Rede sammelten sich zunächst die Erstklässler der vier Häuser in Reihen, um von ihren Vertrauensschülern in die Gemeinschaftsräume geführt zu werden. Der der Slytherins lag tief in den Untergeschossen des Schlosses.

„Der Eingang zu unserem Gemeinschaftsraum“, erklärte Patricia, als sie vor der Tür standen, „wird durch einen Zauber geschützt. Dieses Relief“ – sie wies auf eine riesige Steinplatte, auf der das Relief einer Kobra eingemeißelt war, von der nur der Kopf mit dem markanten Nackenschild deutlich aus der Platte herausragte – „ist ein Körperspeicher, der jeden wiedererkennt, der ihn schon einmal berührt hat. Jeder von euch wird zur magischen Identifikation seine Hand auf den Kopf der Kobra legen. Der Zauber, den ich dann ausübe, weist euch der Schlange gegenüber als Mitglieder des Hauses Slytherin aus, sodass ihr ab dann jederzeit Zutritt habt.“

„Ist das neu?“, fragte Scorpius vorwitzig. „Mein Vater hat mir nichts davon erzählt.“

„Diese Platte mitsamt dem Relief ist uralt“, erwiderte Patricia. „Manche behaupten, sie sei noch von Salazar Slytherin persönlich angefertigt und verzaubert worden. Sie bildete bis in die vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts den Eingang zu unseren Räumen und wurde dann im Zuge eines Umbaus entfernt. Nach der Schlacht um Hogwarts wurde sie in den Überresten des Raums der Wünsche unversehrt wiedergefunden und wieder hier eingebaut. Dein Vater konnte sie also nicht kennen. – Albus“, sagte sie und lächelte ihm zu, „du darfst anfangen“.

Ihm war etwas flau im Magen, der Schlangenkopf sah ziemlich unheimlich aus. Trotzdem gehorchte er, ging nach vorn, legte seine Hand auf den Kopf – und zuckte zusammen:

„Guten Abend, willkommen in Slytherin.“ Die Stimme schien von der Schlange auszugehen. Albus sah sich erschrocken um, aber Patricia beruhigte ihn:

„Das Zischen ist normal, schließlich ist es eine Schlange, wenn auch eine verzauberte.“

Albus war verwirrt, er war sicher, eine Stimme und kein Zischen gehört zu haben. Da aber niemand sonst verwundert wirkte, nickte er nur und legte seine Hand, die schon zurückgezuckt war, wieder fest auf den Schlangenkopf, woraufhin Patricia ihren Zauberstab zückte, ihn senkrecht auf seinen Handrücken stellte und konzentriert die Augen schloss. Nach einem Augenblick wanden sich kleine, leuchtend blaue Schlangen aus der Spitze des Stabs und krochen zunächst über seine Hand, um schließlich im Rachen der Kobra zu verschwinden. Er sah zu Patricia, sie nickte ihm zu, er drückte gegen den Kopf, und die Tür schwang auf.

„Schließ die Tür hinter dir, wenn du drin bist, die anderen müssen auch noch identifiziert werden“, ermahnte ihn Patricia, und Albus tat, wie geheißen.

Der Gemeinschaftsraum war verlassen, da die älteren Schüler noch in der Großen Halle saßen. Sein Vater hatte sich schon einmal hier eingeschlichen, daher wusste er, dass der Slytherin-Gemeinschaftsraum unter dem Wasserspiegel des Sees lag.

Bevor er den Raum näher in Augenschein nehmen konnte, öffnete sich die Tür hinter ihm, und Scorpius trat ein. Auch er war noch nie hier gewesen und sah sich interessiert um. Der riesige, langestreckte Raum stand voller Clubsessel und Sofas mit Beistelltischen, entlang der Wände waren Bücherregale aufgestellt, in regelmäßigen Abständen unterbrochen von kleinen Schreibtischen, und einige hundert schwebende magische Kerzen gleich denen, die sie in der Großen Halle gesehen hatten, tauchten den Raum in ein anheimelndes weiches Licht.

„Die grüne Beleuchtung gibt es auch nicht mehr“, meinte Scorpius, „sehr schön, mein Vater sagt, da sah man immer ein bisschen krank aus.“

Die Abstände zwischen den einzelnen Schülern, die nacheinander hereinkamen, wurden jetzt kürzer, da man ihnen das Verfahren nicht mehr erklären musste, und bald waren alle versammelt. Roy und Patricia traten als letzte ein.

„In einer Viertelstunde geht es in die Heia“, rief Roy. „Bis dahin könnt ihr euch noch ein wenig umsehen.“

Einige der Schüler machten es sich auf den Sesseln bequem, andere blickten sich neugierig um, wieder andere standen in Gruppen beisammen und unterhielten sich zunächst leise, dann lebhafter. Albus, dem nicht nach einem Gespräch zumute war, ging zu einem der Regale, um sich die Buchtitel anzusehen. Sie schienen ohne erkennbares System kunterbunt nebeneinander zu stehen: Die unvermeidliche „Geschichte Hogwarts‚“ in Prachtausgabe stand direkt neben „Schminktipps für junge Hexen“ und einigen Aurorenkrimis.

„Die gesammelten Werke Lord Voldemorts haben wir natürlich mit Rücksicht auf dich entfernt“, raunte eine Stimme ihm zu. Sie gehörte Roy, der ihm grinsend zuzwinkerte. Albus musste lachen:

„Ist ja gut, ich hab’s begriffen. Du musst mich nicht ständig damit aufziehen.“ Trotzdem fand er Roys Frotzeleien irgendwie angenehmer als die von James, vermutlich weil Roy ihn zwar auf den Arm nehmen, aber nicht wirklich ärgern wollte. „Wenn ich es mir überlege, ist es vielleicht ganz gut, in einem Haus zu sein, in dem man keinen großen Bruder hat.“

„Hat bestimmt Vorteile.“ Roy sah unvermittelt ein wenig bekümmert aus. Bevor Albus jedoch etwas sagen konnte, kam Hor-Hor – Horatios Spitzname hatte sich im Nu eingebürgert – aufgeregt zu Roy geeilt: „Äh, Herr Vertrauensschüler, äh, Sir…“ Offenbar war er unsicher, wie man einen solchen Würdenträger anzusprechen hatte.

„Heb dir den ‚Sir‘ für die Profs auf“, sagte Roy, „und nenn mich beim Vor- oder Nachnamen, wie du willst. Ich heiße Roy MacAllister.“

„Horatio Horn“, erwiderte Hor-Hor artig mit einer angedeuteten Verbeugung, zeigte dann aber sofort anklagend auf einen seiner Mitschüler, der einige Meter entfernt stand. „Der Dünne da hat ‚Schlammblut‘ gesagt.“ Es war Scorpius Malfoy.

Roys Miene verdüsterte sich schlagartig: „Und der mit den Segelohren hat gepetzt“, knurrte er ruppig, wandte sich ab und wollte ihn stehenlassen. Wie aus dem Boden gewachsen stand nun aber Patricia vor ihm:

„Findest du nicht, dass du diesem Vorgang nachgehen solltest?“, fragte sie kühl.

Roy stutzte einen Moment, dann sagte er: „Nö.“

Er versuchte, an ihr vorbeizugehen, doch sie verstellte ihm den Weg. „Wenn du es nicht tust, tue ich es.“ Sie klang giftig.

Roy sah sie einen Moment angewidert an, dann drehte er sich mit einem leisen Seufzen um und ging vorbei an Hor-Hor, der selbstgefällig lächelte, zu Malfoy, dessen Haltung sich bei seinem Nahen straffte. Er hielt den Kopf kerzengerade und sah Roy fest ins Gesicht. Er tat wirklich sein Bestes, Haltung zu bewahren, aber man konnte seine Knie zittern sehen.

„Also, Malfoy?“, fragte Roy, ohne übertriebenes Engagement vorzutäuschen. „Stimmt es, dass du jemanden ‚Schlammblut‘ genannt hast? Wenn ja, wen, warum und in welchem Zusammenhang?“

„Ich habe niemanden so genannt, und ich wollte auch bestimmt niemanden beleidigen. Ich habe nur gesagt, dass ich froh bin, dass es in Slytherin keine – na ja – Schlammblüter gibt.“

Roy sah ihn einen Augenblick lang nachdenklich an und sagte dann, nun doch mit Nachdruck:

Scorpius Malfoy, du bist hier auf einer der weltweit angesehensten Schulen für Hexerei und Zauberei. Hier drückt man sich nicht derart ordinär aus. Sag, was du denkst, aber sag es mit treffenden und angemessenen Worten. Wenn du von Muggelstämmigen sprichst, dann nenn sie auch so. Übrigens gibt es Muggelstämmige sehr wohl auch in Slytherin. Ich selbst bin einer davon.“

Und während Scorpius dunkelrot anlief, ging MacAllister schnellen Schrittes davon und tat, als müsse er ganz eilig zu den Jungenschlafsälen. Offenbar versuchte er, Patricia zu entkommen, die sich an seine Fersen heftete, ihn kurz vor dem Aufgang zum Jungenschlafsaal einholte und am Arm packte:

„Dir ist klar, dass du das melden musst?“, fragte sie spitz.

„Ach ja?“

„Tu nicht so. Du kennst den Erlass des Zaubereiministeriums zur Bekämpfung diskriminierender Sprache in öffentlichen Einrichtungen.“

„Ich habe Malfoy zurechtgewiesen, das ist mehr als genug für eine solche Lappalie.“

„In dem Erlass“, fuhr Patricia ungerührt fort, „ist eine Reihe ausdrücklich verbotener und meldepflichtiger Ausdrücke aufgeführt, und ‚Schlammblut‘ steht ganz oben auf der Liste.“

„O ja“, antwortete Roy mit grimmiger Ironie, „ich kenne den Erlass unserer wunderbaren Zaubereiministerin, er war eine von Hermies ersten Amtshandlungen.“

„Dann weißt du auch, dass er auch für Hogwarts gilt. Hogwarts wird sogar ausdrücklich genannt.“

„Natürlich, denn sonst wäre er in Hogwarts automatisch ungültig gewesen. Hermie hat sich damit den zweifelhaften Ruhm erworben, als erster Zaubereiminister seit Thicknesse direkt in die Angelegenheiten von Hogwarts hineinzuregieren. Wenn du mich fragst, hat sie damit ihre Kompetenzen weit überschritten.“

„Dich fragt aber keiner, weil du darüber nicht zu befinden hast. Der Erlass regelt ausdrücklich, dass solche Vorfälle der Schulleitung gemeldet werden müssen.“

„Die dann verpflichtet ist, umgehend das Ministerium zu informieren. Und genau deshalb melde ich es nicht.“

„Roy! Was soll man von uns denken, wenn das herauskommt?“

„Man soll denken, dass wir keine Denunzianten sind.“

„Denkt man aber nicht! Man wird sagen, dass Todesser-Gedankengut in Slytherin immer noch geduldet und gedeckt wird!“

„Erstens“, knurrte Roy, „ist ein Schimpfwort, auch wenn es sich gegen muggelstämmige Zauberer richtet, noch kein Todesser-Gedankengut. Zweitens kann man das gedankenlose Geplapper eines Elfjährigen schlecht ‚Gedankengut‘ nennen. Und drittens bin ich nicht bereit, über die Stöckchen von Leuten zu springen, die uns schon gewohnheitsmäßig als ‚Todesser‘ beschimpfen, aber vor Sensibilität kaum laufen können, wenn irgendein dummer Junge ‚Schlammblut‘ sagt.“

„Verstehst du denn nicht? Unsere Kollegen aus den anderen Häusern können vielleicht ein Auge zudrücken, aber wir nicht. An unserem Haus klebt immer noch ein Makel. Slytherin muss sich reinwaschen!“

„Wovon?“ Roy wurde laut. „Von der Schande, tausend Jahre lang die besten Zauberer der Welt hervorgebracht zu haben, ohne die es die Zaubererwelt vermutlich gar nicht mehr gäbe?“

„Nein, aber für das andere. Slytherin muss sich rehabilitieren.“

„Auf Kosten eines kleinen Jungen?“

Patricia, die merkte, dass sie so nicht weiterkam, zog ein anderes Register:

„Roy“, gurrte sie, „sei doch nicht so ein Dickkopf.“ Sie sah ihn aus ihren strahlend blauen Augen an und rückte ihm ganz nahe, bis ihr Gesicht von seinem nur noch Zentimeter entfernt war und er ihren Duft riechen konnte.

Albus, der beiden so unauffällig wie möglich gefolgt war und ihrem Gespräch gespannt gelauscht hatte, sah Roy erröten. Er schien tatsächlich zu schwanken. Ja, dachte Albus, sie muss wirklich Veela-Blut haben.

Dann riss Roy sich zusammen, trat entschlossen einen Schritt zurück und funkelte sie noch grimmiger an als vorher. Offenbar ärgerte er sich darüber, einen Augenblick lang Schwäche gezeigt zu haben. „Nein!“

„Wenn du es nicht meldest“, zischte Patricia und knipste ihren Charme so abrupt ab, wie sie ihn zuvor eingeschaltet hatte, „tue ich es. Dein dummer Trotz ändert also überhaupt nichts.“

„Er ändert, dass ich mich nicht vor meinem Spiegelbild schämen muss.“

Er hatte genug von diesem Gespräch und rief die Jungs unter den Erstklässlern zusammen, um sie zu ihrem Schlafsaal zu führen, sodass Patricia nichts Anderes übrigblieb, als das gleiche mit den Mädchen zu machen.

„Jeder Jahrgang hat seinen eigenen Schlafsaal, den er während der gesamten Hogwarts-Zeit behält“, erläuterte er, während er seine Schützlinge die kleine Treppe zum Jungenschlaftrakt hinaufführte. „In eurem Saal war also letztes Jahr noch die Siebte untergebracht. Jeder findet sein Bett dort, wo sein Gepäck steht. Ihr könnt tauschen, wenn ihr wollt, aber nicht mehr heute Abend.“

Albus betrat als einer der ersten den Saal, in dessen Ausstattung naturgemäß die Farben Grün und Silber dominierten. Jeder Schüler hatte ein Himmelbett, dessen grüne Vorhänge noch offen waren, aber auf allen vier Seiten zugezogen werden konnten und mit der silbernen Slytherin-Schlange geschmückt waren.

Er fand seinen Koffer sofort, zog Schlafanzug und Waschzeug heraus, machte sich schnell bettfertig und begann schon, seine Vorhänge zuzuziehen, während einige seiner Kameraden noch zum Waschraum trotteten und Roy, der am ersten Abend dabeibleiben musste, damit die Erstklässler sich jederzeit mit Fragen an ihn wenden konnten, sie mit stoischer Miene beaufsichtigte. Irgendwie cool, so ein Himmelbett, fand Albus, wenn die Vorhänge zu sind und man im Handumdrehen sein eigenes Reich hat.

Das Bett nebenan gehörte Scorpius. „Äh, Roy?“, hörte Albus ihn schüchtern fragen.

„Ja, was gibt’s?“

„Bist du sehr sauer auf mich?“

„Nein, wieso?“, fragte Roy und klang verdutzt.

„Na ja, wegen des Ausdrucks vorhin.“

„Lass gut sein.“

„Du bist nicht beleidigt?“

„Nein. Du hast niemanden beleidigen wollen, und bei der Beleidigung kommt es auf die Absicht an. Im Übrigen musste ich mir früher an der Muggelschule noch ganz andere Sachen anhören, ich bin also abgehärtet.“

Eine kleine Pause trat ein.

„War trotzdem irgendwie blöd von mir zu sagen, ich will keine – Muggelstämmigen um mich haben, was?“, fragte Malfoy.

„Irgendwie schon“, bestätigte Roy. Nach einem Moment fügte er allerdings hinzu: „Es war aber nicht so blöd, wie es sich anhört. Weißt du, ich bin froh, dass ich hier sein kann, aber die magische Welt könnte auch ohne muggelstämmige Zauberer ganz gut existieren. Jeden Muggel mit irgendwelchen magischen Fähigkeiten oder sogar ohne solche Fähigkeiten in die magische Welt hereinzulassen, wäre dagegen das Ende der Zaubererwelt. Die Aufnahme von Muggel-Zauberern muss daher die Ausnahme von der Regel sein und bleiben. Du hattest also ein klein bisschen Recht im Unrecht. Oder umgekehrt.“

„Kann man ein bisschen Recht haben?“, fragte Scorpius verwundert. „Mein Vater sagt immer, etwas ist entweder richtig oder falsch, und dazwischen gibt es nichts.“

„Meistens stimmt das ja auch aber…“

Er schien nach Worten zu suchen. Albus hörte die letzten Schüler aus dem Waschraum kommen und in ihren Betten verschwinden.

„Nehmen wir an,“ sagte Roy, „du würdest im Wald auf ein Tier treffen, von dem du nicht weißt, ob es gefährlich ist oder nicht. Was wäre klüger: Es für gefährlich oder für ungefährlich zu halten?“

„Es für gefährlich zu halten“, antwortete Scorpius spontan.

„Ja, aber 99 von hundert Tieren im Wald sind doch ganz ungefährlich.“

„Sicher, aber wenn ich es für gefährlich halte, obwohl es das nicht ist, laufe ich nur einmal umsonst davon“, sagte Scorpius. „Wenn ich es aber für ungefährlich halte, und es ist in Wirklichkeit gefährlich, werde ich gefressen.“

„Genau. Du würdest in 99 Fällen danebenliegen, hättest aber in diesem Irrtum trotzdem mehr recht als einer, der in diesen 99 Fällen richtig lag. Das meinte ich mit ‚Recht im Unrecht haben‘. So, jetzt haben wir aber genug philosophiert für die vorgerückte Stunde. Schlaf jetzt schön.“

„Noch etwas, bitte!“ Scorpius‚ Stimme zitterte, als er leise fragte: „Stimmt es, dass das ans Ministerium gemeldet wird?“

Roy seufzte. „Das ist zumindest die Vorschrift.“

„Wenn mein Vater das hört, reißt er mir den Kopf ab! Er sagt immer, wenn wir so etwas sagen, fällt es auf ihn zurück, und er hätte es schon schwer genug im Ministerium, weil die Ministerin ihn von früher her nicht besonders mag.“

Dazu hat er ja auch einiges beigetragen, dachte Albus.

„Nicht alles, was ans Ministerium geht, landet auf dem Schreibtisch deines Vaters. Es wird wohl bei irgendeinem Sachbearbeiter landen und dann abgeheftet“, versuchte Roy ihn zu beruhigen.

„Ja, aber vielleicht liest die Ministerin es ja doch – wo es ihr doch so wichtig ist, sonst hätte sie Hogwarts doch nicht extra erwähnt? Du selber sagst doch, dass das ganz ungewöhnlich ist. Und dann hält sie es meinem Vater unter die Nase. Außerdem sagt mein Vater immer, das Ministerium vergisst nie etwas, weil alles in den Akten steht. Was ist, wenn ich einmal dort arbeiten will, und dann zieht irgendeiner diese Akte raus?“ Wirkliche Furcht sprach aus ihm.

Eine Pause entstand. Roy schien es schwer zu fallen, eine Antwort zu finden, die zugleich ehrlich und beruhigend war.

„Du bist elf Jahre alt, bis du im Ministerium arbeitest, vergeht noch sehr viel Zeit. Akten werden aufbewahrt, ja, aber die meisten verstauben im Keller. Und dann vergiss nicht: Auch im Ministerium gibt es Slytherins. Sie werden dich nicht hängenlassen.“

„Ich weiß nicht“, sagte Scorpius leise. „Ich glaube, Patricia würde mich schon hängenlassen.“

„Aber die anderen nicht.“

„Du würdest mich nicht im Stich lassen, stimmt’s?“

„Nein“, bestätigte Roy. „Dich nicht, und auch keinen anderen von euch. – Und jetzt mach dir keine Gedanken mehr um etwas, was wahrscheinlich nie wieder eine Rolle spielen wird. Gute Nacht!“

Albus hörte Roy zur Tür gehen und dann noch einmal gedämpft, um die bereits Schlafenden nicht zu wecken, in den Raum sagen: „Gute Nacht allerseits!“

„Gute Nacht“, antworteten zwei oder drei Stimmen. Dann zog Roy die Tür hinter sich zu.

Im Gegensatz zu den anderen Erstklässlern hatte Albus den halben Nachmittag im Zug verschlafen, und während die anderen sofort einschliefen, war seine Aufregung immer noch größer als seine Müdigkeit. Es war vermutlich der ereignisreichste und verwirrendste Tag seit seiner Geburt gewesen. Zuerst dieser Alptraum im Zug, der ihm selbst jetzt noch eine Gänsehaut bereitete. Dann der Schock, tatsächlich nach Slytherin zu kommen. Dann die Überraschung, dass die Slytherins sich darüber freuten, und dies fast ein bisschen zu sehr. Dann die Bekanntschaft mit Roy, der sich mit seinen Todesserwitzen zwar über Albus‘ Vorurteile über Slytherin lustig machte, dessen Ansichten aber trotzdem irgendwie – seltsam waren. Ein bisschen war Roy ihm sogar unheimlich, auch wenn Albus sich eingestehen musste, dass er ihn andererseits auch mochte. Aber die kalte Verachtung wiederum, mit der er Tante Hermine „Hermie“ genannt hatte, hatte ihm einen Stich versetzt.

Albus liebte und vergötterte Hermine, so lange er zurückdenken konnte. Schon als Kleinkind hatte er sich gern auf ihrem Schoß eingekuschelt. Sie war diejenige, zu der er ging, wenn er etwas angestellt hatte, was er sich nicht traute seinen Eltern zu beichten, und dann ging sie mit ihm zu ihnen und gab ihm dadurch den Mut, seine kleinen Schandtaten zu gestehen. Sie hatte immer Rat und Trost für ihn gehabt, wenn er ihn brauchte. Sie war seine beste Freundin und der klügste Mensch, den Albus kannte. Kein Wunder, dass sie Ministerin war, wer sollte es denn sonst sein? Roy aber sprach von ihr wie von stinkendem Schleim.

Dabei kannte er sie doch gar nicht, höchstens ihre Erlasse, und die konnten – so viel wusste er – durchaus von irgendeinem Mitarbeiter stammen. Dieser Petz-Erlass, über den Roy sich so aufregte, war bestimmt nicht von ihr. Bestimmt war es Onkel Percy gewesen, der ihr im Ministerium zuarbeitete. Dem sah so etwas ähnlich!

Bis heute Abend war er felsenfest überzeugt gewesen, dass die Gryffindors die Guten und die Slytherins die Bösen waren. Jetzt war er selber ein Slytherin. War es vielleicht genau umgekehrt, und die Gryffindors waren die Bösen? Oder gab es in Slytherin etwas Gutes im Bösen, so wie Roy ja auch fand, man könne Recht im Unrecht haben? Oder gab es gar nicht „die Bösen“, höchstens hüben und drüben einzelne Böse? Geht es vielleicht gar nicht um Gut oder Böse, sondern um Wir oder Sie, und jede Gruppe verteufelt die andere nur deshalb, weil sie eben die andere ist? Albus konnte nicht schlafen, seine Gedanken fuhren mit ihm Achterbahn.

Tante Hermine hatte ihm einmal den Rat gegeben: Wenn ich verwirrt bin und meine Gedanken sich sinnlos im Kreis drehen, greife ich zur Feder und schreibe sie auf, dann sortieren sie sich von selbst. Schreiben! Albus fuhr im Bett auf. Er musste ja noch seinen Eltern schreiben, sonst würden sie es von James erfahren. Das durfte nicht sein! Seine Eule musste unbedingt früher zu Hause eintreffen als die seines Bruders. Er musste ihnen jetzt schreiben, auf der Stelle, und morgen ganz früh in die Eulerei gehen.

Er hängte seinen Oberkörper aus dem Bett und fingerte seinen Zauberstab, einen Bogen Pergament, ein Buch als Schreibunterlage und – einen Kugelschreiber aus seinem Koffer. Den Kugelschreiber hatte er von Opa Arthur geschenkt bekommen. Manchmal waren diese Muggelsachen ja wirklich praktisch, mit einem Kugelschreiber lief er jedenfalls nicht Gefahr, sein Bett mit Tinte zu beklecksen. Er legte die ganze Beute auf seinen Schoß, hob den Zauberstab und flüsterte: „Lumos.“

An der Spitze seines Zauberstabs erglomm ein schwacher Schimmer, gerade richtig zum Schreiben. Albus hielt inne. Zum ersten Mal hatte er in Hogwarts gezaubert.

 

Liebe Mama, lieber Papa,

es ist wirklich passiert: Der Sprechende Hut hat mich nach Slytherin geschickt. Ich hoffe, ihr seid nicht zu sehr geschockt. Ich war es zuerst schon, weil ich dachte, hier sitzen lauter Schwarzmagier und Todesser. Aber eigentlich sind sie sehr nett, sie haben sich jedenfalls sehr gefreut, dass ich zu ihnen kam. Sie haben sogar derart gejubelt, dass es mir schon fast peinlich war. Schlimm ist nur, dass den ganzen Abend keiner der Gryffindors mehr mit mir geredet hat, nicht einmal James und Rose. Ich hoffe, die kriegen sich wieder ein.

Scorpius Malfoy ist auch hier (natürlich!), und er hat sich gleich in die Nesseln gesetzt, weil er Schlammblut gesagt hat, allerdings zu niemand Bestimmtem. Die Vertrauensschüler haben sich gezankt, ob sie das melden müssen. Der Junge (Roy MacAllister) sagte nein, das Mädchen (Patricia Higrave) sagte ja. Es ist nämlich verboten, so etwas zu sagen, und muss sogar ans Ministerium gemeldet werden, weil Tante Hermine es so bestimmt hat. Deswegen wollte Roy es nicht. Ich glaube, er mag Tante Hermine nicht besonders, weil er solche Erlasse schlecht findet. Außerdem kennt er sie ja gar nicht persönlich, für ihn ist sie nur eine abgehobene Politikerin in London, und auf die kann man leicht sauer sein. Sonst ist er eigentlich ein cooler Typ.

Stellt euch vor, der Sprechende Hut hat sich bei einem Schüler geweigert, ihn einem Haus zuzuweisen, er wollte ihn in die Muggelwelt zurückschicken. Er ist der Sohn des Muggel-Premierministers, Bernie Wildfellow heißt er. Ich glaube, der Hut wollte ihn nicht, weil er nicht zaubern kann. Jedenfalls hat er mir unterwegs erzählt, dass er mit einer Sondergenehmigung von Tante Hermine nach Hogwarts geschickt wurde und ohne ihre Zauberer gar nicht durch die Absperrung zum Gleis gekommen wäre. Das müsste aber doch jeder Zauberer schaffen, auch als Kind, oder? Professor McGonagall hat ihn dann zu den Hufflepuffs geschickt.

Noch etwas: In den Eingang zum Slytherin-Gemeinschaftsraum ist eine verzauberte Kobra eingemeißelt, und ich könnte schwören, dass sie etwas zu mir gesagt hat. Die anderen haben sie aber nur zischen gehört. Papa, du bist doch Parselmund. Bin ich das vielleicht auch?

Es ist jetzt sehr spät, ich schreibe euch so bald wie möglich wieder.

Alles Liebe

Euer Albus

 

Das Schreiben hatte ihn ermüdet und ihm gutgetan, es war ein bisschen so, als wären seine Eltern bei ihm. Er verstaute den Brief und die Schreibutensilien wieder in seinem Koffer, legte sich hin und schlief sofort ein.

 

***

 

Noch ein anderer Slytherin konnte in dieser Nacht nur schwer einschlafen, nämlich Roy. Nachdem er den Schlafsaal der Kleinen verlassen hatte, verzichtete er darauf, in den Gemeinschaftsraum zu gehen, wo die anderen älteren Schüler, die inzwischen nachgekommen waren, bei einem Krug Butterbier den Abend ausklingen ließen, und legte sich sofort ins Bett.

Er war fest entschlossen, den Tag abzuhaken, aber wann immer er die Augen schloss, klang Scorpius Malfoys zitternde Stimme ihm im Ohr:

Stimmt es, dass das ans Ministerium gemeldet wird?

Roy wälzte sich herum.

So weit ist es gekommen, dass schon die Elfjährigen Angst haben, ihr Leben zu verpfuschen, wenn sie etwas sagen, was dieser Frau nicht in den Kram passt. So weit ist es gekommen, dass tausend Jahre Selbstbestimmung, auf die Hogwarts immer so stolz war, mit einem Federstrich beseitigt werden, weil die Ministerin glaubt, sie hätte anderer Leute Kinder zu erziehen. Es wird nicht bei diesem Erlass bleiben, das wäre ganz unlogisch. Zuerst bricht sie den Kindern das Rückgrat – der logische erste Schritt. Dann wird sie ihnen ein Korsett anbieten, von dem sie ein Leben lang abhängig sind. Und wozu? Um Todesser zu bekämpfen?

Roy schnaubte.

Eine Regierung, die wirkliche Feinde hat, richtet Kanonen nicht auf Spatzen. Die spart ihre Munition. Ein Ministerium, das Kinder einschüchtert, hat viel mehr und vor allem etwas völlig Anderes im Sinn.

Er wälzte sich wieder herum.

Hogwarts ist der Ort, an dem praktisch alle Zauberer und Hexen Großbritanniens erzogen werden. Wenn das Ministerium sich in Hogwarts einmischt, dann heißt das: Sie sollen anders erzogen werden als bisher, anders denken als ihre Vorfahren. Was bisher galt, soll nicht mehr gelten. Aber das, was bisher galt – das ist genau das, was die magische Welt seit tausend Jahren am Leben hält. Garantiert wird Hermies famose Liste immer länger werden, und dabei steht im Erlass ausdrücklich, dass sie nicht vollständig und abschließend ist. Alles, was man als „diskriminierend“ auffassen könnte, ist in Wirklichkeit jetzt schon verboten, auch wenn es nicht auf der Liste steht. Es ist nur eine Frage der Zeit und der bösartigen Phantasie, alles Mögliche als diskriminierend zu werten. Niemand wird sich nicht mehr trauen zu sagen, was er denkt, und wenn es hundertmal die Wahrheit ist, weil irgendein Ministeriumsjurist einen Dreh finden wird, es als „diskriminierend“ und als „Hassrede“ hinzustellen. Man wird also lieber ganz schweigen. Warum will sie Schweigen erzwingen? Auf Hermies Liste stehen fast nur Ausdrücke, die sich gegen Muggel und muggelstämmige Zauberer richten. Warum müssen die durch ein regelrechtes Umerziehungsprogramm geschützt werden? Warum dieser Aufwand?

Roy setzte sich auf.

Weil wir sehr viel mehr mit ihnen zu tun bekommen sollen als bisher. Hermie hat in ihrem ersten Jahr als Ministerin viele Andeutungen gemacht, und alle laufen auf dasselbe hinaus wie dieser Erlass: Die magische Welt soll mit der Muggelwelt verschmolzen werden. Das heißt: Sie soll zerstört werden.

Roy traute es der Ministerin ohne Weiteres zu. Er stammte wie sie aus der Muggelwelt, aber anders als sie kam er nicht aus begütertem Hause und behüteten Verhältnissen. Da, wo er herkam, fuhr man seine Töchter nicht nachmittags zum Klavierunterricht und finanzierte seinen Kindern keine sündhaft teuren Schulen und Universitäten. Er kam aus der Trostlosigkeit und der Gewalt der Armenviertel. Für ihn war Hogwarts die Rettung vor einem Leben gewesen, das er sonst vielleicht überwiegend im Gefängnis verbracht hätte. Sie dagegen hätte bei den Muggeln eine ebenso glänzende Karriere gemacht wie in der Zaubererwelt.

Sie braucht die magische Welt nicht. Sie verliert nichts, wenn sie zerbricht. Im Gegenteil, sie ist dann ganz oben. Ganz oben in Muggelwelt, aus der sie kommt und die immer ihre wirkliche Heimat bleiben wird. Dann trinkt sie Tee mit der Queen. Sie liebt die Zaubererwelt nicht, sie benutzt sie nur. Und weil diese Welt nicht so will wie sie, greift sie sie an und führt den Angriff gegen ihren schwächsten Punkt: gegen ihre Kinder!

Roy spürte Tränen der Wut seine Augen füllen. Er, dessen Familie allein aus seiner Mutter bestand, hatte in der magischen Welt seine Heimat, in Hogwarts sein Zuhause, in den Slytherins seine Familie gefunden. In ihnen, und gerade in den jüngeren, sah er Brüder und Schwestern, und sie spürten es, spürten es durch seine schroffe Art hindurch. Deshalb war er Vertrauensschüler. An seinen Slytherins durfte niemand, niemand sich vergreifen, schon gar nicht dieses Monstrum von einer Ministerin, diese Verräterin, dieses, dieses – in ohnmächtigem Zorn ballte er beide Fäuste und zischte es in die Dunkelheit – „dieses Schlammblut!“

 

3-Todesser

Am nächsten Morgen erwachte Albus früher als die anderen. Da Samstag war, durften sie ausschlafen, aber er war sofort hellwach, wusch sich, schlüpfte in seine Sachen, legte den Umhang an, holte den Brief an seine Eltern heraus und machte sich auf den Weg zur Eulerei. Als er aus der Tür des Slytherin-Gemeinschaftsraums trat, fiel ihm ein, dass er gar nicht wusste, wo die Eulerei zu finden war, nur, dass sie in einem der Türme sein musste. Er beschloss, erst einmal zur Großen Halle zu gehen. Ein paar Frühaufsteher würden wohl schon da sein und ihm den Weg beschreiben.

In der Eingangshalle sah er Victoire, die vielleicht gerade ihren letzten nächtlichen Rundgang abgeschlossen hatte.

„Morgen, Victoire!“, rief er, doch als sie sich nach ihm umdrehte und ihn erkannte, wirkte sie wenig begeistert, ihn zu sehen.

„Morgen, Slytherin!“, antwortete sie nicht ohne Gehässigkeit.

Albus starrte sie an. Victoire auch! „Geht’s noch? Ich heiße nicht Slytherin!“

„Du bist einer.“

Albus spürte Tränen, die sich ihren Weg bahnen wollten. Nein, ich werde jetzt nicht weinen! Er kämpfte einige Sekunden, dann hatte er sich wieder im Griff und meinte so cool wie möglich:

„Könnt ihr diesen Quatsch mal lassen? Ich habe den Sprechenden Hut nicht gebeten…“

„Der Sprechende Hut schickt jeden dorthin, wo er hinpasst und hingehört. Er hat bestimmt gute Gründe gehabt, dich ausgerechnet“ – Verachtung klirrte in ihrem Ton – „zu denen zu schicken!“

„Victoire, du kennst mich doch, ich…“

„Vielleicht kenne ich dich nicht. Ich glaubte nur, dich zu kennen.“

Einen Augenblick lang war Albus sprachlos. Dann riss er sich zusammen:

„Kannst du mir wenigstens den Weg zur Eulerei erklären, oder wirst du damit schon zur Verräterin an Gryffindor?“, fragte er sarkastisch.

Victoire blickte auf den Brief in seiner Hand. „Wäre ja zu interessant zu erfahren, wie du das deinen Eltern erklärst“, meinte sie, beschrieb ihm aber doch, wenn auch mürrisch, den Weg und ging dann grußlos in Richtung Große Halle davon.

„Meinen Eltern kann ich alles sagen!“, rief er ihr trotzig hinterher. „Sie sind offenbar die einzigen in der Familie, die keine hohlen Dummbratzen sind!“

Victoire blieb abrupt stehen, drehte sich dann langsam um und sagte eisig: „Zehn Punkte Abzug für Slytherin!“

Sie ging weiter.

Der Tag fing ja gut an. Er war noch kaum in Slytherin und hatte seinem neuen Haus schon Minuspunkte eingehandelt. Er glaubte, mit seiner Cousine zu sprechen und hatte die Antwort einer Vertrauensschülerin eines feindlichen Hauses bekommen.

Auf dem langen Weg zur Eulerei steigerte er sich immer mehr in seinen Zorn hinein. Was wussten die überhaupt über Slytherin? Er war dort mit offenen Armen aufgenommen worden und hatte bisher nur nette Mitschüler gefunden. Sogar einen netten Malfoy gab es dort. Wahrscheinlich glaubte Victoire auch diesen Todesserquatsch. Warum? Er dachte an das Gespräch mit Roy im Hogwarts-Express: Weil’s ALLE sagen! Und er beschloss, sie dafür grenzenlos zu verachten.

Bildet euch bloß nicht ein, dass ich euch hinterherkrieche!

Er hatte die Eulerei endlich erreicht, streichelte ein wenig seine Eule Athena, die das sichtlich genoss, befestigte den Brief an ihren Fängen und schickte sie auf die Reise. Während er ihr nachsah, versuchte er sich vorzustellen, wie seine Eltern die Nachricht aufnehmen würden, einen Slytherin in der Familie zu haben. Er sah das belustigte Grinsen seines Vaters geradezu vor sich. Sie würden unerschütterlich hinter ihm stehen. Er straffte sich. Und die anderen Gryffindors können mir mal im Mondschein begegnen!

Er ging schnurstracks zur Großen Halle, um zu frühstücken. Noch immer war nicht viel Betrieb, die wenigen Schüler, die schon aßen, saßen einzeln oder höchstens zu zweit an den langen Tischen. Roy und Julian waren auch da, vertieft in ein Gespräch, während sie ab und zu in einen Toast bissen. Zu ihnen wollte er sich nicht setzen. Große mochten es meistens nicht, wenn ein Elfjähriger ihre Gesellschaft suchte. James, obwohl er gerade dreizehn war, hatte ihm oft genug zu verstehen gegeben, dass er sich zu verkrümeln hatte, wenn er mit seinen Freunden zusammensaß. Er beschloss, ein wenig abseits von ihnen Platz zu nehmen.

Kaum hatte er sich gesetzt, da senkte sich eine üppige Auswahl an Platten, Brotkörben, Tellern und Schüsseln vor ihm auf die Tafel. Albus wusste zwar, dass man in Hogwarts gut verköstigt wurde – er hatte es gerade gestern Abend selbst erlebt –, trotzdem verblüffte es ihn erneut, allerdings auf die angenehmste Weise. Er hatte allerdings nur wenig Hunger und beließ es bei einem Toast mit Butter und einem Becher Kakao.

Der Saal füllte sich allmählich. Er würde auf die anderen Erstklässler warten, die bestimmt zu aufgeregt waren, um lange zu schlafen, und sich mit ihnen unterhalten. Er sah zum Eingangsportal, durch das gerade James und Rose hereinkamen. Fest entschlossen, sie nun ihrerseits wie Luft zu behandeln, wandte er den Blick ab und sah zu Roy und Julian hinüber, als Roy zufällig aufblickte, ihn sah und ihn mit einem fragenden Blick aufzufordern schien, zu ihnen zu kommen. Dann eine energische Kopfbewegung: Nun komm schon!

Albus fühlte sich geschmeichelt. Roy machte nicht den Eindruck, jeden Dahergelaufenen zu sich an den Tisch zu bitten.

„Moin“, begrüßten Roy und Julian ihn gleichzeitig, als er sich zu ihnen setzte.

„Morgen“, antwortete er.

Professor Longbottom ging gerade, gedankenverloren und ein wenig schlurfend wie immer, am Slytherin-Tisch entlang. Albus rief ihm ein fröhliches „Guten Morgen, Herr Professor!“, entgegen. Er kannte Longbottom gut, er war ein enger Freund seiner Eltern, draußen war er für ihn einfach Neville, aber hier in Hogwarts war eine förmliche Anrede angebracht.

Longbottom schreckte hoch, erkannte Albus, erwiderte dessen Lächeln und sagte: „Guten…“ – Sein Lächeln fiel in sich zusammen – „…Morgen“. Roy und Julian hatten sich zu ihm umgedreht, um zu sehen, wen Albus da begrüßte. Das „Morgen“ hatte Longbottom nur noch gehaucht. Ohne ein weiteres Wort schlurfte er an dem verdutzten Albus vorbei weiter zum Lehrertisch.

Roy schien der Szene keine Beachtung zu schenken. „Na“, fragte er, „hast du den Schock schon ein bisschen verdaut, ein Slytherin zu sein?“

„Na ja“, meinte Albus. Er hörte auf, Longbottom hinterher zu starren und wandte sich den beiden Großen zu. „Ein bisschen komisch ist es schon. Die Slytherins waren gestern derart begeistert, dass es mir schon fast unheimlich war.“

Roy und Julian warfen einander ein vielsagendes Lächeln zu.

„Du hast ein feines Gespür“, sagte Roy. „Jeder Andere hätte es einfach toll gefunden und nicht weiter darüber nachgedacht.“

„Ja, aber warum freuen sie sich denn so?“

„Da wird jeder seine eigenen Gründe haben. Manche haben dich schon im Hogwarts-Express kennengelernt. Ich habe noch im Zug zu Julian gesagt, dass ich dich gerne bei uns hätte und die Gryffindors dich eigentlich nicht verdient haben“, sagte Roy, während Julian bestätigend nickte.

„Ehrlich? Aber wir haben doch nur ganz kurz miteinander gesprochen“, wunderte sich Albus.

„Es war auch nur ein gefühlsmäßiger erster Eindruck, aber die sind oft die zuverlässigsten. Ich finde jedenfalls, man kommt sehr weit, wenn man sich darauf verlässt.“

„Die meisten kannten mich aber gar nicht und haben trotzdem gejubelt.“

„Wenn die Gryffindors dumm aus der Wäsche schauen“, grinste Roy, „und das haben sie getan, ist das für viele von uns allein schon ein Grund zu feiern, zugegeben kein besonders edler. Tja, und dann heißt du auch noch Potter.“

„Dachte ich mir doch, dass es irgendetwas mit meinem Vater zu tun hat“, brummte Albus verdrossen. „Damit das klar ist: In bin ein mittelmäßiger Quidditch-Spieler, zaubern kann ich auch nicht besonders gut, und ich habe keine Lust und kein Talent, gegen Basilisken, Drachen, Riesenspinnen und sonstiges Ungeziefer zu kämpfen.“

Die beiden Großen lachten. „Dafür bist du aufrichtig“, antwortete Roy. „Ich meinte etwas Anderes. Subtileres.“ Er überlegte einen Augenblick. „Du hast doch gestern Abend meinen Streit mit Patricia mitbekommen? Sie findet, Slytherin müsse sich, wie sagte sie nochmal…“

„Rehabilitieren“, warf Albus ein.

„Genau. Du weißt, was das heißt?“

„Na ja, so viel wie wieder gesellschaftsfähig werden.“

„So ungefähr, und in diesem Fall sogar besonders treffend. Die Tatsache, dass Slytherin viele Schwarzmagier und Todesser hervorgebracht und sich am Ende nicht an der Verteidigung von Hogwarts beteiligt hat…“

„Wie denn auch? Man hat uns doch gar nicht die Chance gegeben!“, rief Julian erregt dazwischen, als wäre er dabeigewesen.

„Wie auch immer“, fuhr Roy fort, „es hat jedenfalls das Prestige des Hauses Slytherin nachhaltig angekratzt. Früher war Slytherin das angesehenste aller Häuser, heute werden Slytherin-Schüler schief angeschaut und sogar beleidigt. Nun kommen viele Slytherins aber aus der alten Zauberer-Oberschicht und fühlen sich dadurch in ihrem Stolz gekränkt. Am liebsten würden sie in andere Häuser gehen, aber der Sprechende Hut lässt sie nicht. Einige von ihnen finden nun, sie müssten ‚mit der Zeit gehen‘, also ihr Fähnchen nach dem Wind hängen. Sie möchten nun, dass die Slytherins mit besonderem Eifer demonstrieren, dass sie keine Vorurteile haben, niemanden diskriminieren, alle Muggel als Brüder und Schwestern behandeln und so weiter.“

„Ja, aber das ist doch etwas Gutes“, warf Albus ein.

Roy zögerte. „Weißt du, Albus – erstens ist das bloße Gegenteil von etwas Falschem noch lange nicht das Richtige, und du kannst auch etwas Gutes einfach dadurch ruinieren und in etwas Schlechtes verwandeln, dass du es auf die Spitze treibst. Zweitens ist es ein Unterschied, ob jemand etwas aus Überzeugung tut, oder weil er glaubt, dass ‚man‘ es tut. In diesem Fall ist es wertlos. Das, was man als das Richtige erkannt hat, und zwar nach bestem Wissen und Gewissen, das muss man tun, ganz egal, ob es einen auf einen Ministersessel oder in eine Gefängniszelle führt. Und genau darin liegt drittens auch die Milchmädchenrechnung der Patricias: Man merkt ihnen das Unehrliche und Korrupte ihrer Haltung einfach an. Man merkt, dass es Mittel zum Zweck ist. Mit dieser Doppelbödigkeit verschaffen sie den Gryffindors ein gutes Gewissen, wenn sie sie als Todesser beschimpfen. Und viertens: Da sie auf Beleidigungen, Verleumdungen und subtile Erpressungen mit übereifrigem Wohlverhalten reagieren, werden sie naturgemäß immer weiter beleidigt, verleumdet und erpresst.“

Albus war sich nicht sicher, ob er alles verstanden hatte, aber es hörte sich ziemlich klug an.

„Ich“, fuhr Roy fort, „bin damals fast genauso begeistert empfangen worden wie du, weil ich seit Generationen der erste rein Muggelstämmige in Slytherin war. Inzwischen gibt es ein paar mehr, nicht viele allerdings. Halbblüter hatte es oft gegeben, aber an einem waschechten Schlammblut hofften einige demonstrieren zu können, wie“ – er rümpfte die Nase – „‚geläutert‘ Slytherin war. Einige haben mich sozusagen als Slytherins Vorzeigemuggel betrachtet. Allerdings nur, bis ich anfing, mit meinem eigenen Kopf zu denken. Was waren sie da enttäuscht von mir“, grinste er selbstzufrieden. „Der langen Rede kurzer Sinn: Einen Potter bekommen zu haben, den Sohn des Bezwingers von Voldemort, ist für sie so etwas wie ein Geschenk des Himmels. Seht her, wir haben sogar einen Potter, so geläutert sind wir!“

„Ich finde es reichlich blöd, aus solchen Gründen gemocht zu werden“, murrte Albus.

„Nun ja“, meinte Roy, „aus blöden Gründen gemocht zu werden ist immer noch besser, als aus blöden Gründen gehasst zu werden. Aber versteh mich bitte nicht falsch: Nicht alle denken so, und nicht einmal die meisten.“

„Aber wie unterscheide ich die, die mich ehrlich mögen, von denen, für die ich so eine Art, äh, Vorzeige-Potter bin?“

„Verlass dich getrost auf dein Gefühl.“

„Das mit dem Vorzeige-Potter klappt doch sowieso nicht. Ich habe einen Bruder und zwei Cousinen in Gryffindor, und die behandeln mich jetzt wie das Schwarze unter dem Nagel. Ich habe…“ – er zögerte ein wenig – „Slytherin hat meinetwegen schon zehn Punkte abgezogen bekommen.“

Roy wirkte nicht besonders erschüttert, er grinste sogar ein bisschen. „Reife Leistung so früh im Schuljahr. Was hast du denn angestellt?“

„Victoire hat mich ziemlich runtergeputzt, weil ich jetzt ein Slytherin bin. Da habe ich sie eine hohle Dummbratze genannt.“

Die beiden Älteren prusteten los. „Das sollte uns zehn Punkte wert sein, findest du nicht, Herr Vertrauensschüler?“, feixte Julian.

„Ganz meine Meinung. Slytherin wird es überleben“, sagte Roy versonnen. „Betrachten wir es als deine Feuertaufe für dein neues Haus.“

„Danke. Trotzdem fühlt man sich irgendwie zwischen den Stühlen, wenn die eigene Familie auf einem herumhackt.“

Er sah zwischen Roy und Julian hindurch Rose und James am Gryffindor-Tisch die Köpfe zusammenstecken. James deutete mit dem Zeigefinger in Richtung Albus – nein, eigentlich in Richtung Julian – und tuschelte aufgeregt etwas in Roses Ohr, deren Miene schlagartig vereiste. Ihre Mundwinkel verzogen sich nach unten. Einen Moment funkelte sie Albus an, dann wandte sie den Blick von ihm ab.

„Hast du Angst, was deine Eltern sagen könnten?“, fragte Julian. Er war jetzt ernst und klang wirklich besorgt.

„Nein, ich habe es ihnen auch schon geschrieben. Mein Vater hat noch am Bahnhof ausdrücklich gesagt, dass es ihm nichts ausmachen würde, wenn ich nach Slytherin käme.“

„Cooler Typ, dein Vater“, meinte Julian anerkennend, aber auch ein wenig neidisch, und seufzte. „Als ich das damals meinem Alten geschrieben habe, kam drei Monate lang kein einziger Brief von ihm, und an Weihnachten haben wir nur gestritten. Eigentlich streiten wir seitdem nur noch. Macht keinen Spaß. Dabei hätte er damit rechnen müssen, schließlich waren außer ihm alle aus unserer Familie in Slytherin.“

„War er selber in Gryffindor?“

„Nein, er war gar nicht in Hogwarts, sondern in Beauxbatons. Er wuchs bei entfernten Verwandten in Frankreich auf. Er war noch ganz klein, als seine Eltern verhaftet und nach Askaban gebracht wurden.“

Askaban?“, fragte Albus entsetzt.

Julian stutzte, dann schien er zu verstehen: „Ach so, ich sollte mich vielleicht vorstellen. Ich heiße Julian Lestrange.“

LESTRANGE!

Albus schrak zusammen. Roy und Julian warfen einander einen schnellen Blick zu.

„Dann bist du der Sohn, nein der Enkel von – von…“

Rodolphus und Bellatrix Lestrange, ganz recht.“

Albus wollte etwas erwidern, aber es war, als stecke ein Kloß in seinem Hals. Der Name Lestrange wurde in seiner Familie nur mit Schaudern und nur im Zusammenhang mit Verbrechen von unerhörter Grausamkeit erwähnt. Dass ein anscheinend ganz normaler und sogar sympathischer Junge so heißen konnte, lag jenseits von Albus‚ Vorstellungskraft. Er starrte Julian an, der ein wenig erstaunt die Brauen hochzog, sonst aber seinen Blick gelassen erwiderte. Als das Schweigen peinlich zu werden begann, wandte er sich an Roy und fragte mit gespielter Besorgnis: „Ich hoffe, du hast ihm gegenüber nicht erwähnt, dass ich jeden Morgen einen Hauselfen foltere und sonntags einen Muggel?“

Roy erwiderte todernst: „Ich habe geschwiegen wie ein Grab.“

Eine Sekunde herrschte Stille, dann prusteten sie alle drei los, der Bann war gebrochen. Trotzdem konnte Albus einen leisen Zweifel in seiner Stimme nicht unterdrücken, als er halb feststellte, halb fragte: „Du denkst ja sicher nicht wie deine Großeltern!?“

Julian wurde ernst: „Woher soll ich wissen, wie sie gedacht haben? Ich habe sie nie kennengelernt. Nicht einmal mein Alter hat bewusste Erinnerungen an sie. Er weiß im Grunde nur, was seine französische Verwandtschaft ihm erzählt hat. Seine ganze Kindheit hat man ihm erklärt, er sei der Sohn der größten Verbrecher aller Zeiten. Man hat ihm regelrecht eingetrichtert, dass er auf keinen Fall so werden darf wie sie, und dass er sich übermenschlich anstrengen muss, um es nicht zu werden, denn schließlich ist er ihr Sohn und trägt den Todesser sozusagen automatisch in sich.“

Er machte eine Pause.

„Tja, und dieses famose Erziehungsrezept hat er dann auf mich angewandt. Als ich sechs Jahre alt war, hatten mich ein paar Muggeljungs so getriezt, dass ich sie mir in meiner Wut mit Elefantenohren vorstellte. Die ihnen dann auch prompt wuchsen.“ Er grinste, aber seine Augen blickten traurig. „Als mein Vater davon erfuhr, hat er getobt. ‚Es fängt an mit Elefantenohren und endet mit dem Cruciatus-Fluch‘ hat er mich angeschrien und mir eine fürchterliche Tracht Prügel verpasst. Dann musste ich mich auch noch bei den Muggeljungs, den übelsten Fieslingen der ganzen Gegend, entschuldigen. Was schon deshalb nicht nötig gewesen wäre, weil er sie ohnehin mit einem Vergessenszauber belegen musste, aber er wollte mir eine Lektion erteilen. ‚Du wirst nicht wie deine Großeltern, du nicht!‘“ ahmte Julian den zornigen Tonfall seines Vaters so gut nach, wie es bei einem gedämpften Gespräch eben möglich war. „Dann hat er mir das Zaubern ganz verboten. Natürlich habe ich weitergezaubert, so gut ich konnte. Mal klappte es, mal nicht, wie es bei Zaubererkindern eben so ist. Einmal klappte es ziemlich gut. Der Muggelnachbar, der uns immer von seinem Balkon aus beschimpft hat, weil wir ihm beim Fußballspielen zu laut waren…“

„Du hast Fußball gespielt?“, warf Albus überrascht ein. Fußball war ein Muggelsport, Zauberer spielten Quidditch.

„Der Alte hat dafür gesorgt, dass ich möglichst viel Kontakt zu Muggeln hatte. Damit ich keine Vorurteile entwickele“, schnaubte er verächtlich. „Ja, natürlich habe ich mit den Muggeljungs Fußball gespielt, ich war sogar ziemlich gut. Diesem Nachbarn also, der sich immer über uns beschwerte, wuchsen seine Kopf- und Barthaare plötzlich mit zwei Zoll pro Minute.“ Er kicherte einen Moment lang, dann war ihm das Lachen wie aus dem Gesicht gewischt. „Da war ich acht. An diesem Tag hat er mich das erste Mal als Todesser beschimpft.“

Albus hatte auf einmal das Gefühl, dass ihn jemand vom Lehrertisch anstarrte. Er fuhr herum und sah noch, wie Neville den Kopf schnell wieder über sein Müsli senkte.

„Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft er mich seitdem ‚Todesser‘ genannt hat, deswegen lässt es mich auch völlig kalt, wenn andere mich so nennen. Ich bin jedenfalls fest entschlossen, nicht wie mein Vater mein Leben damit zu verschwenden zu beweisen, dass ich es nicht bin. Manchmal denke ich sogar, wenn ich den Todessern so ähnlich sein soll, heißt das ja, dass sie auch Ähnlichkeit mit mir gehabt haben müssen, und dann können sie so schlecht nicht gewesen sein. Ich weiß“, fügte er hinzu, als er Albus‚ entgeisterte Miene sah, „in den Geschichtsbüchern steht etwas anderes.“

Albus empfand Unbehagen, aber einer Debatte fühlte er sich nicht gewachsen. Er meinte nur: „Du siehst deiner Großmutter überhaupt nicht ähnlich.“

„Nein, das Aussehen habe ich von meiner bretonischen Mutter geerbt. Altkeltischer Druidenadel“, fügte er nicht ohne Stolz hinzu. „Ihr verdanke ich es auch, dass der Alte mich nicht mehr verprügelt hat, aber dazu musste sie ihm mit Scheidung drohen. Und dass ich noch in Hogwarts bin. Er hätte mich am liebsten von der Schule genommen, nachdem ich nach Slytherin gekommen war. – So, es wird Zeit. Heute und morgen finden die Auswahltrainings für die Quidditch-Mannschaften statt, und Slytherin ist in einer Stunde als erstes an der Reihe. Ich bin der Kapitän und muss noch Vorbereitungen treffen. Bewirbst du dich auch, Al?“

„Ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass ich besonders gut bin, und einen Besen habe ich auch nicht.“

„Nun, blamieren kannst du dich kaum, dein Bruder versucht es schon seit zwei Jahren vergeblich bei den Gryffindors. Von einem Elfjährigen, auch wenn er Potter heißt, erwartet niemand, dass er sich auf Anhieb durchsetzt. Aber ein bisschen enttäuscht wäre ich schon, wenn du es nicht wenigstens versuchen würdest. Und was den Besen betrifft: Draco Malfoy hat der Mannschaft zur Feier der Einschulung seines Sohnes gleich einen ganzen Satz spendiert. Feuerblitze. Die sind immer noch unerreicht. Sie werden auch zum Auswahltraining verwendet.“

Albus fand die Aussicht, noch vor James in eine Hausmannschaft aufgenommen zu werden, ausgesprochen reizvoll und beflügelnd. Die Chancen waren gering, aber Julian hatte recht: Zu verlieren hatte er nichts. Und Besenfliegen konnte er auch ganz ordentlich. „OK, in einer Stunde im Stadion.“

Auch Roy erhob sich. „Ich werde es mir in der Bibliothek bequem machen. Am Wochenende hat man dort mehr Ruhe als in der Woche.“

Auf dem Weg zum Schlafsaal, aus dem er seine Quidditch-Sachen holen wollte, wurde Albus von Scorpius eingeholt.

„Bewirbst du dich auch?“, fragte Scorpius.

„Ja, als Sucher. Ich glaube, da hat man als kleiner, leichter Spieler noch die größten Chancen.“

„Das glaube ich auch. Mein Vater hat die ganze Mannschaft mit Feuerblitzen ausgestattet. Leider hat er Lestrange ausdrücklich geschrieben, dass ihn das nicht in seiner Entscheidung beeinflussen soll.“ Er zog eine Schnute. „Aber versuchen werde ich es trotzdem.“

Sie waren an der Tür zum Gemeinschaftsraum angekommen. Albus legte die Hand auf den Schlangenkopf. Die Kobra begrüßte ihn mit „Guten Morgen, Albus“. Albus, der sich noch nicht daran gewöhnt hatte, antwortete verdattert „Guten Morgen“, drückte die schwere Tür auf und trat in den Gemeinschaftsraum. Da bemerkte er, dass Scorpius ihn fassungslos anstarrte.

„Was ist?“

„Hast du eben Parsel gesprochen?“, fragte Scorpius.

„Ich weiß nicht. Eigentlich habe ich nur ‚Guten Morgen‘ gesagt, weil die Schlange…“ Er brach ab. Weil ich die Schlange verstanden habe.

„Du bist ein Parselmund. Wow!“ Scorpius wirkte fast ehrfürchtig. „Seid ihr das alle in eurer Familie?“

„Ich weiß nicht. James ist es nicht, soviel ich weiß.“ Albus wurde sich jäh bewusst, dass er seinem großen Bruder etwas voraushatte, sogar etwas Wichtiges, und er grinste innerlich. Andererseits war Scorpius‚ Bewunderung ihm etwas peinlich. „Ist doch auch egal. Du solltest es auch nicht weitererzählen, manche finden so etwas unheimlich.“ Seinen Vater hatten sie seinerzeit wochenlang deswegen geschnitten.

Scorpius machte eine Geste, als verschlösse er seinen Mund mit einem Reißverschluss. Die beiden gingen schweigend in den Schlafsaal, packten ihre Sporttaschen und machten sich auf den Weg zum Quidditch-Stadion.

Dort standen nicht weniger als vierzehn Bewerber, die als Sucher für Slytherin spielen wollten, und die Hälfte von ihnen waren Erstklässler. Julian überlegte einen Moment und entschied dann:

„Von den Erstklässlern kommt nur der beste in die engere Wahl. Wir veranstalten also ein kleines Vor-Turnier.“ Er teilte die Erstklässler in zwei Gruppen zu drei beziehungsweise vier Spielern. Dann hob er einen Golfball in die Luft. „Dieser Ball stellt unseren Schnatz dar. Ein echter Schnatz wäre unkontrollierbar, damit könnte die Auswahl Monate dauern. Gruppensieger ist derjenige, der den ‚Schnatz‘ als erster dreimal gefangen hat. Die Gruppensieger spielen dann gegeneinander, und der Gewinner darf sich mit den Älteren messen.“

Er ließ den Ball mit seinem Zauberstab schweben und dann so schnell im Zickzack durch die Luft rasen, dass die Bewerber ihn aus den Augen verloren. „Auf!“, rief er, und Albus stieß sich mit drei weiteren Spielern auf seinem Besen vom Boden ab.

Es stellte sich heraus, dass er seinen Konkurrenten weit überlegen war. Er sah schärfer, manövrierte geschickter mit seinem Besen und traute sich Sturzflüge bis knapp über dem Boden. Mehr als einmal bekam er sogar Szenenapplaus von den Zuschauern. In seiner Gruppe fing er gleich die ersten drei Bälle und war damit Gruppensieger. Im Zweikampf der Gruppensieger brauchte er allerdings fünf Durchgänge, um sich mit 3 zu 2 gegen Scorpius durchzusetzen. Das darauffolgende Viertelfinale gewann er mit 3 zu 1 gegen einen Drittklässler. Im Halbfinale war aber für ihn Endstation, er verlor mit 0 zu 3 gegen einen Fünftklässler.

„Tolle Leistung für den Anfang“, lobte ihn Julian, als Albus vom Feld trottete. „Der beste unter den Erstklässlern und unter den besten vier insgesamt. Wenn du so weitermachst, bist du schon für nächstes Jahr ein heißer Kandidat.“ Er klopfte ihm auf die Schulter, und Albus, den seine Niederlage zunächst geschmerzt hatte, empfand nun doch Stolz.

Auf dem Rückweg traf er Neville Longbottom, der vor dem Eingangsportal auf ihn gewartet zu haben schien.

„Hallo Albus, hast du Lust auf einen Spaziergang?“

Albus zögerte, denn er ahnte, worüber Neville sprechen wollte, aber es wäre grob unhöflich gewesen abzulehnen.

„Gerne, Herr Professor.“

Longbottom schmunzelte. „Lass den Professor diesmal weg. Ich möchte nicht als Lehrer mit dir sprechen, sondern als Freund.“

Sie schlenderten zunächst schweigend zum See hinunter. Longbottom schien unsicher, wie er beginnen sollte. Unvermittelt fragte er, ohne Albus anzusehen:

„Du weißt, mit wem du vorhin beim Frühstück zusammengesessen hast?“

Albus hatte die Frage kommen sehen. Viele Menschen hatten unter der Grausamkeit der Lestranges gelitten, aber Neville litt vermutlich bis heute mehr als jeder andere. Seit seiner Kindheit besuchte er einmal monatlich seine inzwischen betagten Eltern im Zaubererkrankenhaus St. Mungo, wo sie in geistiger Umnachtung vor sich hindämmerten, seit die Lestranges sie vor langer Zeit tagelang bestialisch gefoltert hatten. Für Andere war die Herrschaft der Todesser nur ferne Vergangenheit, aber Neville folterten sie in gewissem Sinne bis heute. Einmal im Monat.

„Julian hat sich seine Großeltern nicht ausgesucht. Ich fände es nicht fair, sie ihm vorzuwerfen.“

„Er kann nichts dafür, von ihnen abzustammen“, stimmte Neville ihm zu, „wohl aber für die Einstellung, die er ihnen gegenüber hat. Nicht, dass er die Taten der Todesser direkt guthieße, aber er nimmt sie, und speziell seine Großeltern, gegen Kritik in Schutz, wo immer er kann und so gut es geht. Und zwar so sehr, dass es direkter Billigung auch ihrer Taten zum Verwechseln ähnlich sieht.“

„Es ist bestimmt auch nicht leicht, aus einer solchen Familie zu kommen“, meinte Albus, der sich nicht sicher war, wie viel er aus dem vertraulichen Gespräch mit Julian preisgeben durfte.

„Sein Vater, mit dem ich einmal eine lange Unterredung geführt habe, stammt aus derselben Familie, aber er hat sehr vernünftige Ansichten.“

„Tatsächlich?“, fragte Albus verblüfft. Aus Julians Mund hatte es anders geklungen.

„Ja. Er bedauert sehr, dass sein Sohn anscheinend in die Richtung von Bellatrix tendiert.“

„Könnte es sein, dass er das vielleicht nur glaubt, weil er es an sich selber fürchtet?“ So hatte Albus Julian verstanden, aber mehr als diese Andeutung wollte er sich nicht erlauben.

Neville blieb stehen und sah ihn überrascht an: „Beschäftigst du dich mit Psychologie? Das wäre ein eigenartiges Hobby für einen Jungen deines Alters.“

„Nein, ich dachte nur so…“ ließ er den Satz in vieldeutigem Gemurmel ausklingen. „Ähm, weiß er eigentlich, dass… ich meine, das mit deinen Eltern?“

„Nein, und es geht ihn auch nichts an!“ Der ungewohnt scharfe Ton ließ Albus zusammenfahren. „Nur meine engsten Freunde wissen das“, fuhr Longbottom jetzt ruhiger fort, „und so soll es auch bleiben. Im Übrigen geht es nicht nur um Lestrange, sondern durchaus auch um MacAllister. Wie findest du ihn?“

„Cool“, antwortete Albus, ohne nachzudenken. „Ich finde sie ehrlich gesagt beide cool, aber MacAllister noch ein bisschen mehr.“

Neville sah missmutig drein. „Danke für die ehrliche Antwort, das hatte ich befürchtet.“

„Wieso?“

„Weil die meisten Slytherin-Jungs, vor allem die jüngeren, MacAllister anhimmeln. Die Mädchen eher Lestrange. Was insofern aufs selbe hinausläuft, als sie seit ihrem ersten Tag in Hogwarts unzertrennlich sind und gemeinsam mit ihren Freunden einen“, – er stockte –, „unheilvollen Einfluss ausüben.“

„Also“ – Albus versuchte, sich vorsichtig auszudrücken – „ich finde, was er sagt, hat Hand und Fuß, und auch die Schüler der anderen Häuser scheinen großen Respekt vor ihm zu haben.“

„In der Tat, er ist sehr klug“, gab Neville widerwillig zu. „Ein Dummkopf hätte kaum diese Autorität.“

„Er ist nicht nur klug, er setzt sich auch für seine Schulkameraden ein und kümmert sich um uns.“

„Du glaubst, er kümmert sich um Jeden so wie um dich?“, fragte Neville.

„Ich glaube schon, ich habe gestern Abend noch gehört, wie er Malfoy gegen Patricia in Schutz genommen und später getröstet hat. Weil Malfoy Angst hatte, Ärger zu bekommen.“

„Ja?“ Neville wirkte erstaunt. „Nun, wie dem auch sei: Dass MacAllister sich fast eine Stunde lang mit einem Elfjährigen unterhält, habe ich noch nie erlebt.“

„Ich glaube, es liegt daran, dass ich mich mit Slytherin immer noch schwertue und außerdem von meinem Bruder und sämtlichen Weasleys geschnitten werde. Er will mir helfen, mich einzugewöhnen.“

Longbottom blickte nachdenklich über den See.

Albus, ich glaube, du solltest ein paar Dinge wissen. Slytherin ist ein besonderer Fall. Es ist das Haus, aus dem Voldemort kam, und das einzige, das mehrheitlich auf seiner Seite stand. Seit Voldemorts Tod sucht dieses Haus, wie soll ich sagen, nach einer Richtung, einer Orientierung, einem Selbstverständnis. Kannst du mir folgen?“

„Ich glaube schon. Sie möchten wieder oder immer noch dazugehören, aber nicht schlecht von ihren eigenen Familien denken, die im Krieg auf der falschen Seite gestanden haben.“

Neville schien beeindruckt: „Das hast du sehr klug auf den Punkt gebracht. Um wieder wirklich und nicht nur formal dazuzugehören, müssen sie mit allem brechen, was mit dieser Vergangenheit zu tun hat. Es genügt nicht, Voldemort und seine Methoden abzulehnen, sie müssen auch sein ganzes Denken aus ihrem Haus verbannen, notfalls eben auch um den Preis, dass ihre eigenen Eltern oder Großeltern dann schlecht aussehen. Ein Teil der Slytherins ist bereit, diesen Preis zu bezahlen, um wieder Teil der Zauberergemeinschaft zu werden, ein anderer Teil ist es nicht.“

Albus staunte: Das war im Grunde genau das, was Roy auch gesagt hatte, nur aus der entgegengesetzten Richtung betrachtet.

„Nennen wir die beiden Teile“, fuhr Neville fort, „das neue und das alte Slytherin. Roy MacAllister und Julian Lestrange sind mit ihren Freunden der harte Kern des alten.“

„Aber Roy ist muggelstämmig“, warf Albus ein, „wie kann er da reinblütige Zauberer für wertvoller halten, und Julian ist sein bester Freund. Ich meine, hätte sich ein Todesser früherer Tage ausgerechnet einen Muggel-Zauberer als besten Freund ausgesucht? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie denken wie die Todesser, das wäre doch unlogisch.“

Voldemort war ein Halbblut und sang trotzdem das Hohelied des reinen Blutes, und die reinblütigen Lestranges waren trotzdem seine fanatischsten Anhänger. Wer nicht in der Zaubererwelt großgeworden ist, hat unter Umständen wie Voldemort sogar ein besonderes Bedürfnis, seine Loyalität ihr gegenüber zu beweisen, deswegen ist dein Argument nicht ganz stichhaltig. Man kann natürlich auch nicht einfach sagen, dass sie denken wie die Todesser – zumindest nicht MacAllister, bei Lestrange bin ich mir nicht so sicher –, aber sie lehnen es ab, die Konsequenz zu ziehen und das Gegenteil zu denken. Die Konsequenz wäre anzuerkennen, dass es zwischen Zauberern und Muggeln, aber auch zwischen Zauberern und anderen vernunftbegabten Wesen, also zum Beispiel Kobolden, Elfen und Zentauren, keinen grundlegenden Unterschied gibt, und dass man deshalb überkommene Abgrenzungen und Vorurteile bekämpfen muss.“

Albus dachte einen Moment nach. „Aber sind Leute wie die Gryffindors, die nicht einmal ihre Vorurteile gegen Slytherin überwinden können, wirklich glaubwürdig, wenn sie anderen beibringen wollen, sich ihre Vorurteile gegen Muggel, Kobolde und Elfen aus dem Kopf zu schlagen? Sollte nicht jeder zunächst bei seinen eigenen Vorurteilen anfangen?“

Neville blieb stehen und grübelte. So hatte er es wohl noch nicht gesehen.

Albus fuhr fort: „Und ist es denn richtig, dass sie einfach nur das Gegenteil denken sollen? MacAllister sagt, dass das Gegenteil von etwas Falschem noch lange nicht das Richtige sein muss, und dass man etwas Gutes nur auf die Spitze treiben muss, damit es zu etwas Schlechtem wird.“

„Das ist typisch MacAllister“, brummte Neville verdrossen. „Mit seiner verdammten Intelligenz dreht er alles so lange hin und her, bis er bewiesen hat, dass Schwarz Weiß ist.“

Sie waren jetzt wieder auf dem Rückweg hinauf zum Schloss und schwiegen eine Weile.

„Jedenfalls rate ich dir als Freund deiner Eltern und auch als dein Freund, dich vor den beiden in Acht zu nehmen. Natürlich kann man sie nicht einfach mit den Todessern gleichsetzen, aber sie sind – zwielichtig, undurchschaubar. Und weil du Potter heißt, bist du wertvoll für sie. Ich fürchte, dass sie dich für etwas vereinnahmen wollen, was du nicht überblickst. Dass sie in dir ihren – wie soll ich sagen…“

„…Vorzeige-Potter sehen“, ergänzte Albus.

„Du überraschst mich heute immer wieder mit deiner schnellen Auffassung. Slytherin hat mit dir wirklich einen guten Fang gemacht.“

„Danke“, strahlte Albus. Seine Eitelkeit zog es vor, Neville nicht darüber aufzuklären, dass er einen Teil seiner schnellen Einsichten dem Gespräch mit Roy und Julian verdankte. „Und danke auch für die Warnung.“

Sie waren in der Eingangshalle angekommen, es war Zeit, sich zu verabschieden.

„Ich weiß, dass du es mir als Freund gesagt hast und werde gründlich darüber nachdenken.“

Sie reichten sich die Hand. Albus wandte sich schon zum Gehen, hielt dann aber inne und meinte zögernd:

„Versteh aber bitte auch eines: Ich fange an, mich in Slytherin wohlzufühlen, und das liegt auch an MacAllister. Selbst wenn seine Ansichten falsch sein sollten, muss er als Person ja nicht verkehrt sein.“

Er winkte Longbottom zum Abschied zu und enteilte dann Richtung Slytherin-Gemeinschaftsraum. Neville blieb stehen und sah ihm lange und nachdenklich hinterher. Dann schlurfte er zur Großen Halle.

4 – Hermine

Endlich war Montag. Während die meisten Schüler ganz froh gewesen waren, dass die Anreise auf einen Freitag gefallen war und sie erst ein ruhiges Wochenende in Hogwarts genießen konnten, platzten die Erstklässler vor Neugier auf richtigen Unterricht. Folgerichtig gehörten sie alle zu den Ersten, die sich am Montagmorgen lachend, schwatzend und ein bisschen hippelig zum Frühstück in der Großen Halle einfanden. Da sie auch als erste damit fertig waren und die verbleibende Zeit bis zum Unterrichtsbeginn mit aufgekratztem Geplauder überbrückten, herrschte unter dem Orangerosa der Saaldecke, die genau wie die Morgenröte draußen aussah, ein Höllenlärm, der den älteren Schülern sichtlich auf die Nerven ging. So war es seit Menschengedenken an jedem ersten Unterrichtstag eines Schuljahrs gewesen. Sie stellten sich darauf ein, indem sie so spät wie möglich zum Frühstück erschienen.

Als sie davon ausgehen konnte, dass die Schüler einigermaßen vollzählig versammelt waren, betrat Professor McGonagall die Große Halle, legte einen großen Stapel Pergamentbögen auf einen der Tische und schwang mit lässiger Eleganz ihren Zauberstab darüber. Sofort flatterten die Pergamente wie ein Vogelschwarm auf, und jedes suchte sich seinen Empfänger.

Albus war fast feierlich zumute: Er hatte seinen ersten Stundenplan als Hogwarts-Schüler in Empfang genommen. Er kostete den erhabenen Moment ein wenig aus, dann vertiefte er sich darin. Welche Fächer er haben würde, glaubte er bereits zu wissen, ihn interessierte eher, mit wem er sie haben würde. Es war üblich, dass je zwei Häuser gemeinsam Unterricht hatten, zumindest in manchen Fächern, und das Wochenende hatte ihn in seinem Zorn auf die Gryffindors bestärkt (ein wenig auch in seiner Furcht vor ihren Hänseleien, aber das hätte er nie zugegeben), und zwar so sehr, dass er hoffte, möglichst wenig mit ihnen zu tun zu haben. Er wollte Rose einfach nicht sehen, die Enttäuschung saß zu tief.

Er murmelte vor sich hin: „Also, Montag beginnt mit zwei Stunden Zaubertränke, och nööööö, gleich mit den Gryffindors! Dann zwei Stunden Kräuterkunde mit den Ravenclaws, das geht. Dann Mittag, dann Muggelkunde…“

Albus stutzte, blickte auf und las es dann noch einmal: „Muggelkunde?“

Scorpius, der neben ihm saß, war offenbar gerade an derselben Stelle angekommen. Beide sahen einander verdutzt an.

„Das gab es doch noch nie als Pflichtfach, schon gar nicht ab der ersten Klasse“, ereiferte sich Albus.

„Äh, doch“, grinste Scorpius, „unter Voldemort gab es das schon einmal. Vielleicht möchte deine Tante in seine Fußstapfen treten.“

Albus lehnte sich zu ihm, bis ihre Nasenspitzen nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren, und sah ihm finster in die Augen:

„Wenn du mein Freund bleiben willst, sprich nie wieder so über Hermine! Haben wir uns verstanden?“

„Schulligung, war nur’n Witz.“

„Außerdem steht gar nicht fest, dass es vom Zaubereiministerium stammt. Es könnte ebenso McGonagalls Entscheidung gewesen sein“, fügte Albus hinzu, aber irgendwie glaubte er es nicht. Er würde Roy fragen, der war bestimmt gut informiert.

Einige Plätze entfernt sah er ihn sitzen. Roy sah sehr ernst, fast versteinert, auf ein Pergament in seiner Hand, das kein Stundenplan zu sein schien, und das er dann umständlich zusammenrollte. Vielleicht war jetzt kein passender Moment, ihn zu fragen, es war ja auch nicht wirklich dringend.

Der verzauberte Himmel über ihnen verdunkelte sich, die Eulen brachten die Tagespost. Die meisten Briefe stammten von Eltern und waren an Erstklässler adressiert. Albus‚ Athena landete etwas tollpatschig vor ihm, wobei sie eine Tasse umwarf, die gottlob leer war. Dann ließ sie sich zur Belohnung ausgiebig kraulen, wartete geduldig, bis Albus ihr den Brief abgenommen hatte, pickte den Rest einer Bratwurst von seinem Teller, breitete ihre Schwingen aus und flog Richtung Eulerei davon. Albus‚ Hände zitterten ein wenig, als er den Brief öffnete.

Guten Morgen Albus,

herzlichen Glückwunsch zu der freundlichen Aufnahme, die du bei den Slytherins gefunden hast. Überrascht waren wir natürlich schon, aber nicht schockiert. Schon bei deinem Vater hat der Sprechende Hut damals zu Slytherin tendiert, du bleibst der Familientradition also durchaus treu, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Wir selbst hatten in unserer eigenen Schulzeit große Probleme mit den Slytherins, aber das hatte etwas mit der damaligen Situation zu tun und sollte Schnee von gestern sein. Der Sprechende Hut hat dich in ein Haus mit großer Tradition geschickt. Wir sind sehr stolz auf dich und glauben, dass du für Slytherin ein großer Gewinn bist und ihm Ehre machen wirst. Sicherlich ist dort manches anders als in Gryffindor, aber das heißt noch lange nicht, dass es schlechter sein muss.

Die Gryffindors werden es schon verdauen. Ein bisschen traurig sind wir schon, dass unser altes Haus und sogar James und Rose sich als so schlechte Verlierer gezeigt haben, aber für sie war es eben doch ein Schock. Lass ihnen Zeit, ihn zu verarbeiten. Wir werden uns nicht einmischen, weil wir darauf vertrauen, dass sie von sich aus zur Einsicht kommen werden, und dass elterliche Ermahnungen dabei eher stören.

Wirklich verblüfft hat uns das mit der Schlange. Es ist in der Tat so, dass man als Parselmund selbst nicht unterscheiden kann, ob man Parsel oder Englisch spricht oder hört. Wenn du die Schlange wirklich verstanden hast, die anderen aber nur ein Zischen gehört haben, spricht viel dafür, dass du tatsächlich Parsel beherrschst. Eine Erklärung dafür haben wir nicht, weil dein Vater diese Fähigkeit nicht von seinen Eltern geerbt hat und deshalb normalerweise auch nicht weitervererben kann. Sie war ein unfreiwilliges Geschenk von Voldemort. Dass man Parsel an seine Kinder weitergeben kann, ohne es selbst geerbt zu haben, ist unseres Wissens bisher nicht bekannt. Vielleicht wird sich einmal ein Wissenschaftler bei dir melden, um dieses Phänomen genauer zu erforschen.

Jetzt aber viel Freude bei Deinem ersten Unterrichtstag!

Es lieben und umarmen dich

Papa und Mama

 

An den Handschriften erkannte Albus, dass sie die Absätze dieses gemeinsamen Briefes abwechselnd geschrieben hatten.

Ich wusste es! dachte Albus und war auf seine Eltern mindestens ebenso stolz wie sie auf ihn.

Es wurde Zeit, zum Klassenraum zu gehen, den Rest des Stundenplans würde er später studieren müssen. Inmitten der aus der Großen Halle strömenden Schülerschar gewahrte er Roy und kämpfte sich zu ihm durch.

„Sag mal, weißt du, wer veranlasst hat, dass wir in der Ersten Muggelkunde als Pflichtfach haben?“, wollte er wissen.

„Ausgerechnet du fragst mich das?“, gab Roy verwundert zurück. „Deine Tante natürlich.“

Es war schwer, sich bei dem Gedränge und dem Lärm zu unterhalten. Albus war froh, dass Roy nicht wieder „Hermie“ gesagt hatte. Er hätte sich wahrscheinlich nicht getraut, ihn so anzufauchen wie Scorpius, aber einfach hinnehmen hätte er es auch nicht können.

„Was war das eigentlich für ein Pergament, das du vorhin so angestarrt hast?“, rief Albus über den Lärm hinweg. Sie waren an einem Aufgang angekommen, an dem Treppen in entgegengesetzte Richtungen führten und ihre Wege sich trennten, aber das wollte Albus doch noch wissen.

„Die Schulleiterin hat mich in ihr Büro zitiert. Riecht nach Ärger.“

„Reife Leistung, so früh im Schuljahr!“, rief Albus keck.

Roy grinste und drohte ihm scherzhaft mit der Pergamentrolle. Dann ließen sie sich vom Strom ihrer Mitschüler verschiedene Treppen hinaufziehen.

 

***

 

„Sie wollten mich sprechen, Frau Ministerin?“

„Ja, Dagobert, nehmen Sie bitte Platz.“

Dagobert Higrave, Abteilungsleiter für Hogwarts-Angelegenheiten, setzte sich folgsam auf den ihm zugewiesenen Stuhl gegenüber dem Ministerschreibtisch. Er war schon weit in den Siebzigern, ein freundlicher alter Herr, dessen Glatze von den ergrauten Resten früherer Haarpracht mehr betont als verdeckt wurde.

Die Higraves waren eine jener Beamtendynastien, die das eigentliche Rückgrat des Magischen Staates bildeten: ein angesehenes Haus, aber keines, dessen Söhne nach einem Platz in der Geschichte strebten. Sie waren gut damit gefahren: Nie waren sie so hoch gestiegen wie die Malfoys, aber auch nie so tief gestürzt wie die Blacks.

Mehr als einmal war Dagobert Higrave sogar als Zaubereiminister im Gespräch gewesen, bezeichnenderweise immer dann, wenn ein Kompromiss- oder Übergangskandidat gefragt war, dem man zutrauen konnte, die Staatsangelegenheiten sorgsam zu verwalten, bis die Machtkämpfe zwischen den ehrgeizigeren Magiern entschieden sein würden. Higrave hatte es stets verstanden, solche Avancen abzubiegen und Andere vorzuschicken.

Als Königsmacher hatte er seine Qualitäten, aber selbst erster Mann des Staates sein, das wollte er nie. Nicht aus Mangel an Ehrgeiz, sondern weil er wusste, dass kein Minister länger als ein paar Jahre im Amt blieb, ein Beamter aber, der es einmal zum Minister gebracht hatte, danach aufs Altenteil musste und nie wieder im Ministerium arbeiten würde.

Higrave aber liebte das Ministerium. Er liebte die unaufgeregte Nüchternheit seiner Arbeit, mit der er und seine Kollegen Entscheidungen vorbereiteten, Gesetze verabschiedungsreif machten, hier und da kleine Reformen anregten, um überholte Regelungen anzupassen. Er hätte es nie zugegeben, aber was er besonders liebte, war jener gewisse lustvolle Kitzel des Bescheidwissens über Hintergründe, über die normale Zauberer, die auf den Tagespropheten angewiesen waren, bestenfalls – und dann meist falsch – spekulieren konnten.

Er hatte schon viele Minister kommen und gehen sehen und sich jedem unentbehrlich gemacht. Er verstand sie zu nehmen. Er wusste, dass es verschiedene Arten von Ministern gab, und von Higrave bekam jeder, was er wollte. Am liebsten waren ihm die bloßen Amtsinhaber, die den Glanz und die öffentliche Aufmerksamkeit genossen, in der Sache aber wenig Gestaltungswillen hatten und froh waren, wenn ihre Beamten ihnen entscheidungsreife Vorlagen auf den Tisch legten.

Freilich kam er auch mit dem anderen Typus, den dynamischen, ehrgeizigen Machern gut aus, die eigene Visionen entwickelten und forsch auf ihrer Umsetzung bestanden. Man konnte sie nicht lenken wie die Amtsinhaber, wusste aber nach einer gewissen Eingewöhnungsphase, woran man bei ihnen war, worauf es ihnen ankam und welche Art von Zuarbeit sie schätzten. Redeentwürfe für solche Minister zu schreiben, konnte allerdings knifflig sein. Higrave hatte sich im Lauf der Jahrzehnte ein persönliches Archiv mit alten Reden von Ministern und hohen Ministerialbeamten zusammengestellt, aus dem er sich bei Bedarf bediente. Wer merkte schon, dass eine Rede vor zwanzig Jahren schon einmal gehalten worden war? Der Typ des Amtsinhabers las seine Rede ab und war zufrieden. Der Typ des Machers war anspruchsvoller, bei solchen Ministern hatte Higrave sich angewöhnt, maximal ein Drittel ihrer Reden mit recycelten Phrasen und Textbausteinen zu füllen und ihnen im Übrigen stets gut zuzuhören, um ihre Reden jederzeit mit den von ihnen gewünschten Gedanken zu füllen.

Hermine Granger-Weasley, die seit etwas mehr als einem Jahr an der Spitze des Ministeriums stand, gehörte ganz entschieden zu diesem zweiten Typ. Gleich bei ihrer Antrittsrede vor den Mitarbeitern des Hauses hatte sie unmissverständlich klargemacht, dass sie zu einem energischen Reformkurs entschlossen war. Sie wollte, wie sie sagte, „alte Zöpfe abschneiden“ und „zu neuen Ufern aufbrechen“. Die Rückständigkeit der magischen Welt überwinden, gerade durch Öffnung gegenüber der Muggelwelt, das war ihre große Vision, die sie vom ersten Tag an in kleinen, aber gezielten strategischen Schritten verfolgte.

Im Ministerium machte sie sich damit nicht nur Freunde. Mancher ehrwürdige Beamte, der höflich, aber nachdrücklich Bedenken gegen ihren schwungvollen Kurs anmeldete, sah sich abgekanzelt oder auf einen unbedeutenden Posten abgeschoben und musste zusehen, wie einer von Hermines glühenden Anhängern – denn die gab es durchaus – seinen Platz einnahm. An der Person der Ministerin schieden sich die Geister: Die einen, vor allem ehrgeizige jüngere Beamte, fanden sie dynamisch und modern, die anderen rücksichtslos und arrogant.

Higrave freilich hatte nicht vor, die energische junge Ministerin durch allzu viel Widerspruch gegen sich aufzubringen. Auch er formulierte bisweilen Bedenken, aber stets so, dass Hermine seine Einwände als konstruktiv auffassen konnte. So fiel die Wahl wie von selbst auf ihn, als Hermine einen Leiter für die neugeschaffene Hogwarts-Abteilung benötigte. Dass er, wie alle Higraves, ein Slytherin war, war dabei sogar eher eine Empfehlung als ein Makel, war er doch durch seine Enkelin über viele Interna dieses Hauses auf dem Laufenden, das in Hermines Augen besonders problematisch, aber gerade deshalb auch besonders wichtig war.

„Mir liegt McGonagalls Bericht vor“, begann sie die Unterredung, „dass der Sprechende Hut Bernard Wildfellow abgelehnt und seine Rückführung in die Muggelwelt empfohlen hat.“

„Ja, aber die Schulleiterin hat ihn dann dem Haus Hufflepuff zugewiesen.“ Patricia hatte ihren Großvater sofort informiert. „Damit dürfte das Problem gelöst sein.“

„Für diesen konkreten Fall vielleicht, aber wenn dergleichen in Zukunft öfter vorkommen sollte, wäre der Eindruck verheerend“, antwortete Hermine scharf. „Und ich habe nicht vor, mir meine Politik von einem alten Hut vorschreiben zu lassen, der noch dazu seine Kompetenzen überschreitet. Er hat nicht zu entscheiden, wer nach Hogwarts kommt – das obliegt dem Ministerium –, sondern nur, in welches Haus die vom Ministerium ausgewählten Schüler kommen.“

„Wahrscheinlich“, formulierte Higrave vorsichtig, „glaubte der Sprechende Hut gute Gründe für seine Empfehlung zu haben. Vielleicht verfügt der junge Mister Wildfellow in seinen Augen nicht über das nötige magische Talent…“

„Papperlapapp“, unterbrach ihn die Ministerin forsch, „zaubern kann man lernen! Wenn man in der magischen Welt endlich die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zur Kenntnis nehmen würde, dann wüsste man auch hier, dass es so etwas wie angeborenes Talent nicht gibt. Es gibt ja nicht einmal angeborene Geschlechter.“

„Äh, wie?“, fragte Higrave irritiert.

Hermine stieß einen genervten Seufzer aus.

„Was es gibt“, dozierte sie, „sind soziale Konstrukte, Stereotype und Rollenzwänge, zu denen auch die Vorstellung vom ‚angeborenen‘ Talent gehört, das Nichtmagiern angeblich fehlt. Es gibt überhaupt keinen Grund, sogenannten Muggeln magische Fähigkeiten von vornherein abzusprechen. Wenn sie sie nicht haben, dann nur deshalb, weil ihnen nie die Chance gegeben wurde, sie zu entwickeln.“

„Darf ich fragen, Frau Ministerin, woher Sie das wissen?“

„Das ist Stand der Wissenschaft“, beschied Hermine ihn knapp. „An Wildfellow werden wir demonstrieren, dass auch nichtmagisch befähigte Menschen bei entsprechender Unterweisung Zauberer werden können.“

„Es wird zweifellos sehr interessant sein, dies herauszufinden“, sagte Higrave höflich.

„Dagobert, ich fürchte, Sie verstehen mich nicht ganz.“ Hermine war verärgert. Higrave war zuverlässig und loyal, schien ihr aber doch ziemlich begriffsstutzig. „Es gibt hier nichts herauszufinden, nur zu beweisen. Und da es ohnehin ein Unding ist, dass ein Hut ohne jede wissenschaftliche Ausbildung über die Zukunft junger Menschen entscheidet, hat der Sprechende Hut ausgedient. Ab dem nächsten Schuljahr wird die Verteilung der Schüler auf die Häuser von einer Kommission des Ministeriums vorgenommen. Bereiten Sie unter strengster Geheimhaltung einen entsprechenden Gesetzentwurf vor. Das Gesetz wird in den kommenden Sommerferien erst in letzter Minute in Kraft gesetzt. Das wäre dann für heute alles. Danke, Dagobert.“

 

***

 

Roy stand vor der magischen Wand, hinter der sich der Aufgang zu McGonagalls Büro befand. Er zückte seinen Zauberstab und murmelte „Accio Büroglocke“. Dumbledores alter Wasserspeier, der früher als Türwächter gedient hatten, war vor neunzehn Jahren in der Schlacht um Hogwarts beschädigt und danach entfernt worden. McGonagall hatte sich ein einfacheres System ausgedacht. Wer zu ihr wollte, musste einfach die Büroglocke betätigen. Sie hing an einer magischen Schnur und konnte deshalb dem Aufrufezauber nicht folgen und dem Zauberer in die Hand fliegen, aber sie bewegte sich unter einem leisen Klingeln. McGonagall würde nun mit einem Petrinvisibila-Zauber alle steinernen Gegenstände in der Nähe, also auch die Wände und Böden, für sich unsichtbar machen und sehen können, wer unten stand.

Einige Sekunden später glitt die magische Wand unter polternden Geräuschen auseinander und gab damit die Wendeltreppe zum Büro der Schulleiterin frei. Roy holte tief Luft und ließ sich von der Treppe, die einer helixförmigen Rolltreppe nicht unähnlich war, nach oben ziehen. Als er vor der Tür stand, öffnete diese sich, bevor er klopfen konnte, und er trat ein.

McGonagalls Gesicht war undurchdringlich. „Setzen Sie sich, MacAllister.“

Roy nahm Platz und sah ihr ins Gesicht.

„Ich habe Sie rufen lassen, weil Ihnen vorgeworfen wird, Ihre Pflichten als Vertrauensschüler verletzt zu haben.“

„Und diesen Vorwurf macht mir… Darf ich raten? Patricia Higrave?“

Vor Minerva McGonagall lag ein handgeschriebenes Schriftstück, das, der Schrift nach zu urteilen, von Patricia stammte.

„Das spielt keine Rolle, es geht allein um den Sachverhalt“, versetzte McGonagall kühl. „Trifft es zu, dass am Freitagabend im Gemeinschaftsraum von Slytherin das Wort ‚Schlammblut‘ gefallen ist?“

„Das stimmt.“

„Stimmt es auch, dass Sie sich explizit geweigert haben, den Vorgang der Schulleitung zu melden?“

„So ist es.“

„Und dies, obwohl Ihnen bekannt ist, das die Ministerialverordnung zur Bekämpfung diskriminierenden Verhaltens in Verbindung mit den Ausführungsbestimmungen für Hogwarts Ihnen eben diese Pflicht auferlegt?“

„Pflicht? Es kann keine Pflicht geben, Unrecht zu tun.“

„Ich glaube nicht“, sagte McGonagall, und ihre Stimme klang noch ein wenig strenger als sonst, „dass es Ihnen obliegt, darüber zu urteilen, was in einem solchen Zusammenhang Recht oder Unrecht ist. Die Bekämpfung solcher Ausdrücke liegt durchaus im Rahmen des Erziehungsauftrags und der Befugnisse der Schule.“

„Der Schule ja, aber nicht des Ministeriums. Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich mich irren sollte, aber die Schulleitung soll doch jeden Vorgang dieser Art ans Zaubereiministerium melden. Oder?“

„Das ist Vorschrift“, erwiderte McGonagall knapp.

„Wie vertragen sich solche Vorschriften mit der Autonomie von Hogwarts?“

„Die Autonomie von Hogwarts ist durch Gesetz geregelt, und die Einschränkungen dieser Autonomie, unter anderem dieser Erlass, sind es ebenfalls. Und Sie werden sich nicht aussuchen, welche Gesetze Sie zu befolgen belieben und welche nicht.“

Selbstverständlich durchschaute McGonagall, dass Roy das Gespräch von seinem eigenen Verhalten ab- und auf das des Ministeriums hinzulenken versuchte.

„Verzeihen Sie bitte, Frau Professor, aber soweit ich unterrichtet bin, haben Sie selbst sich sehr wohl schon einmal die Freiheit genommen, Anweisungen des Ministeriums unter Berufung auf deren Rechtswidrigkeit zu missachten, und zwar unter Thicknesse.“

„Auch in noch so geschliffener Sprache, MacAllister, können Sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sie hier Äpfel mit Birnen vergleichen. Thicknesse war ein Mörder.“

„Der seine Morde auf streng gesetzlicher Grundlage verübte“, erwiderte Roy trocken. „Ich frage mich, was man einer Ministerin zutrauen muss, die Aktenvermerke über die Äußerungen von Elfjährigen anlegen lässt? Ich frage mich, welchen Zweck solche Vermerke verfolgen, wenn nicht den der Überwachung und Einschüchterung? Und ich frage mich, welchen Sinn Überwachung und Einschüchterung haben sollen, wenn das Ministerium nicht irgendwann dazu übergeht, in Fällen von sogenanntem Fehlverhalten Strafmaßnahmen zu verhängen? Wenn die Ministerin, was die logische Konsequenz wäre, demnächst einen Erlass herausgibt, dass solche Schüler der Schule zu verweisen sind: Werden Sie eine solche Anweisung dann auch befolgen?“

„Selbstverständlich nicht!“, fauchte McGonagall empört zurück.

„Sie wollen sich also doch aussuchen, welche Gesetze Sie zu befolgen belieben und welche nicht?“

Ein fast unmerkliches Schmunzeln spielte um McGonagalls Mundwinkel.

„MacAllister, ich weiß, dass man es in Ihrem Alter nicht gerne hört, aber Sie sind noch sehr jung, Sie denken sehr vom Prinzipiellen her. Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich will Schüler, die ihren eigenen Kopf zum Denken benutzen, und die nicht alles hinnehmen, was von oben kommt, sondern es kritisch kommentieren. Aber von einem kritischen Kommentar zur Missachtung von Gesetzen ist es ein Riesenschritt. – Ja, ich selbst habe es auch schon getan, aber es bedarf einer gewissen Lebenserfahrung zu beurteilen, wann eine so krasse Ausnahmesituation vorliegt, dass man sich – ausnahmsweise! – über die sonst geltenden Regeln hinwegsetzen muss. Ihr Denkfehler, MacAllister, besteht darin, dass Sie aus dieser manchmal notwendigen Ausnahme ein Prinzip und eine Regel ableiten und damit das Regel-Ausnahme-Verhältnis auf den Kopf stellen wollen.“

„Mit Verlaub, Frau Professor, bis ich so viel Lebenserfahrung habe wie Sie, bevor ich mir ein Urteil erlaube, ist von der magischen Welt nicht mehr viel übrig. Nicht unter der Führung dieser Ministerin.“

McGonagall seufzte etwas genervt. „Ich weiß, dass Sie sie nicht besonders mögen…“

„… was die Untertreibung des Jahres sein dürfte…“

„… aber ich finde Ihre Befürchtungen doch – gelinde gesagt – reichlich übertrieben.“

„Frau Professor, Sie haben eben gesagt, dass krasse Ausnahmesituationen es bisweilen erfordern, die normalerweise geltenden Regeln zu missachten. Nun, seit ihrer Amtsübernahme hat Granger-Weasley eine ganze Reihe von Ausnahmeentscheidungen getroffen. Es ist eine Ausnahme, dass das Ministerium direkt in Hogwarts hineinregiert, das gab es zuletzt unter Thicknesse. Dasselbe gilt für die Überwachung der Äußerungen von Schülern. Dito Muggelkunde als Pflichtfach ab der ersten Klasse. Eine beispiellose Ausnahme ist die Durchsetzung eines Muggels als Hogwarts-Schüler, der arme Wildfellow soll wohl als Versuchskaninchen herhalten. Eine Ausnahme ist, dass das Hogwarts-Unterreferat des Ministeriums um gleich zwei Stufen zur Abteilung aufgewertet und mit wesentlich mehr Personal ausgestattet wurde, das heißt, der Denunziationserlass, von dem wir hier reden, ist nur der Anfang, die Ministerin will im großen Stil Kompetenzen an sich ziehen, die bisher bei der Schulleitung lagen. Ferner ist es eine krasse Ausnahme, dass die Aufgaben der Aurorenabteilung über die Bekämpfung Schwarzer Magie hinaus erweitert wurden. Jetzt sollen auch ‚Todesser‘ verfolgt werden, wobei in Ermangelung eines Voldemorts vollkommen unklar ist, wer oder was darunter zu verstehen sein soll. Im Zweifel werden es wohl alle Zauberer sein, deren Ansichten der Ministerin nicht passen. Und…“

„Woher wissen Sie das alles?“, warf McGonagall erstaunt ein.

„Ich beobachte Granger-Weasley sehr aufmerksam, seit sie vor einem Jahr ins Amt kam, ich habe eigens das Wochenbulletin des Ministeriums abonniert, um auch über solche Entscheidungen auf dem Laufenden zu sein, die nicht im Tagespropheten stehen. Ich habe alle ihre Reden studiert, die sozusagen die Begleitmusik zu ihren Entscheidungen liefern: Zauberer und Muggel müssten in einen Dialog treten, aufeinander zugehen, voneinander lernen und einander bereichern. Was nicht mehr und nicht weniger impliziert als die Aufhebung des Geheimhaltungsabkommens von 1689, selbstverständlich ohne dass dies öffentlich zugegeben würde, und ohne dass erörtert oder gar bewiesen würde, dass die Gründe für diese Geheimhaltung gegenstandslos geworden seien. Passend dazu empfiehlt – oder sollte ich sagen: befiehlt? – die Ministerin die Verwendung von Geschichtsbüchern, in denen die mittelalterlichen Zauberer- und Hexenverfolgungen auf das Fehlverhalten der Magier selbst, also der Opfer, zurückgeführt werden, nicht etwa auf das der Muggel und auch nicht auf die Probleme, die zwangsläufig die Folge sind, wenn Menschen zusammenleben, von denen die einen zaubern können und die anderen nicht. Ferner…“

„Es ist gut, MacAllister“, unterbrach ihn McGonagall und hob beschwichtigend die Hände. „Ich sehe, dass Sie Ihre Hausaufgaben gemacht und sich gründlich informiert haben. Ich gestehe Ihnen auch zu, dass Sie Ihr Urteil nicht leichtfertig gefällt haben, und dennoch bin ich sicher, dass Ihre Schlussfolgerungen voreilig und Ihre Befürchtungen bestenfalls übertrieben sind. Sie werden übrigens sehr bald die Gelegenheit bekommen, die Ministerin selbst darauf anzusprechen. Sie wird übernächsten Sonntag eine wichtige Grundsatzrede halten, und Hogwarts hat die Ehre, Gastgeber dieses Ereignisses zu sein. Sie werden die Ministerin – davon bin ich überzeugt – anders beurteilen, wenn Sie sie persönlich kennengelernt haben. Es ist vorgesehen, dass die Schüler Gelegenheit bekommen, mit ihr zu diskutieren. Bestimmt wird dabei manches… Missverständnis ausgeräumt werden.“

„Bestimmt. Insbesondere das Missverständnis der Ministerin, alle Welt für dumm verkaufen zu können.“

McGonagall schüttelte nachsichtig den Kopf, als wollte sie sagen: Wie kann man nur so stur sein? Ein paar Sekunden lang sah sie Roy nachdenklich und mit einem angedeuteten, nicht übelwollenden Lächeln an.

„Ich bin seit über sechzig Jahren Lehrerin an dieser Schule und habe Tausende von Schülern kommen und gehen sehen“, sagte sie schließlich. „Wissen Sie eigentlich, an wen Sie mich mehr als an irgendwen sonst erinnern?“

Roy stutzte, dann zogen seine Augenbrauen sich zusammen: „Sagen Sie jetzt nicht Hermie.“

„Sie sollten unsere Zaubereiministerin etwas respektvoller titulieren, aber ja: Ich meine genau unsere damalige Miss Granger. Sie sind beide muggelstämmig, beide hervorragende Schüler, hochbegabt und hochintelligent, beide in der Bibliothek mehr zu Hause als irgendwo sonst in Hogwarts, beide mit demselben leidenschaftlichen Interesse für Themen, die man in der Muggelwelt wohl ‚politisch‘ nennen würde, beide mit demselben ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein, beide zutiefst loyal gegenüber Hogwarts und seinen Regeln, beide aber auch mit der Neigung, sich über diese Regeln hinwegzusetzen, wenn Sie es um einer gerechten Sache willen für notwendig halten.“

„Aber nur eine von uns hat den Ehrgeiz, die Zaubererwelt nach ihren Vorstellungen umzubauen und das Unterste zuoberst zu kehren. Und wenn wir schon bei Vergleichen sind: Es gab noch einen hochbegabten und hochintelligenten Zauberer, der ebenfalls in die Zaubererwelt nicht hineingeboren wurde, aber ihr gegenüber einen fanatischen Macht- und Umgestaltungswillen hatte. Ich spreche von Voldemort.“

„MacAllister, der Vergleich ist absurd und geschmacklos!“

„Warum? Weil ihre Diktatur auf Filzlatschen dahergeschlichen kommt, statt auf Stiefeln hereinzupoltern?“

„Sie vergleichen schon wieder Äpfel mit Birnen.“ McGonagall seufzte. „MacAllister, ich weiß Ihre freimütige Art und sogar Ihren querköpfigen Eigensinn zu schätzen und habe Sie unter anderem deshalb nochmals als Vertrauensschüler für Slytherin durchgesetzt – was nicht ganz leicht war.“ Den letzten Halbsatz hatte sie besonders betont. „Sie haben ein beispielloses Talent, Ihren Lehrern den letzten Nerv zu töten, auch mir. Hier enden auch die Gemeinsamkeiten mit Hermine Granger, die ein ebensolcher Alleswisser war wie Sie und jede Prüfung mit Bravour bestanden hat – wie Sie. Aber im Gegensatz zu Ihnen hat sie ihr Wissen in den Unterricht eingebracht, während Sie fortlaufend so tun, als ginge er sie nichts an, Sie beteiligen sich einfach nicht.“

„Wozu auch?“, fragte Roy verwundert. „Der Unterricht findet doch auch ohne mich statt. Und wenn ich gefragt werde, weiß ich doch alles.“

McGonagall verdrehte die Augen zur Decke. „Wissen Sie eigentlich, wie arrogant das wirkt?“

„Aber es stimmt nicht ganz. Ab und zu melde ich mich Unterricht durchaus zu Wort.“

„Ja, aber nur, um Ihren Lehrern zu widersprechen!“

„Na ja“, Roy zuckte mit den Schultern. „Wenn sie es verdient haben…“

McGonagall musste sich zurücklehnen und zweimal tief durchatmen, um ihre Fassung wiederzugewinnen.

„MacAllister, Sie sind einer der begabtesten Schüler Ihrer Generation. Sie brauchen nur zu wollen, und alle Türen stehen Ihnen offen. Normalerweise wäre es eine bare Selbstverständlichkeit gewesen, Sie zum Vertrauensschüler zu ernennen. Aber mit Ihrer Arroganz, Ihrer Renitenz, Ihrer Impertinenz und Ihrer Daueropposition gegen alles, was aus dem Ministerium kommt, haben Sie das halbe Kollegium, einschließlich Ihres Hauslehrers, gegen sich aufgebracht. Sie schaffen es sogar, sich noch mit einigen Ihrer herausragenden Leistungen unbeliebt zu machen. Ich erinnere an die Arbeit, die Sie im vergangenen Schuljahr in Muggelkunde über die Beziehungen zwischen Hexern und Muggeln in Afrika geschrieben haben. In ihrer Art eine brillante Analyse, und ich stehe zu der Auszeichnung, die ich Ihnen dafür verliehen habe. Aber Ihr Lehrer meinte, er hätte Ihnen das Thema nicht gestellt, wenn er gewusst hätte, was Sie daraus machen.“

Roy grinste: „Allzu brillante Analysen – Verzeihung, ich habe Sie nur zitiert – sind wohl unerwünscht, namentlich in Muggelkunde?“

McGonagall tat, als hätte sie den Einwurf nicht gehört. „Sogar das hohe Ansehen, das Sie bei Ihren Mitschülern genießen, an sich ein erstklassiges Argument für Sie, spricht in den Augen vieler Kollegen gegen Sie. Sie fürchten, dass Sie einen – unheilvollen Einfluss ausüben.“

„Unheilvoll für wen? Für meine Mitschüler oder für die Umerziehungspläne einer dazu nicht befugten Ministerin?“

McGonagall war mit Leib und Seele Lehrerin, und Geduld war eine ihrer größten Tugenden, aber dieser MacAllister…

„Verstehen Sie denn nicht, MacAllister, es geht nicht um die Ministerin, es geht um Sie, Ihre Zukunft und Ihre Karriere, die ebenso glänzend sein könnte wie die von Granger, die Sie aber drauf und dran sind sich mit Ihrer sturen, sinnlosen Rebellion zu verbauen! Ich persönlich glaube nach wie vor an Sie, ich glaube an Ihre Fähigkeiten und ich glaube vor allem an die Lauterkeit Ihres Charakters. Ich weiß aber nicht, ob ich Sie im nächsten Jahr noch einmal als Vertrauensschüler durchsetzen kann, ich musste diesmal schon meine ganze Autorität aufbieten, denn – ich sage es nochmals – man fürchtet den Einfluss, den Sie ausüben!“

Roy überlegte einen Moment. „Ist das der Grund, warum man mir Patty Higrave zur Seite gestellt hat, Hermies Musterschülerin? Als Gegengewicht? Als Aufpasserin mit direktem Draht ins Ministerium? Sozusagen als amtlich bestallten Anstandswauwau?“

McGonagalls Augen verengten sich, ihr Mund wurde schmal.

„Ich glaube nicht, dass es Ihnen zusteht, Entscheidungen der Schulleitung in diesem Ton zu kommentieren. Zehn Punkte Abzug für Slytherin für Ihre Unverschämtheit!“

Kurzes Schweigen. Dann fragte Roy: „Und wie viele Punkte Abzug dafür, dass ich Malfoy nicht verpfiffen habe?“

McGonagall starrte auf das Pergament, das immer noch vor ihr lag, und Roy hätte schwören können, einen gewissen Ekel auf Ihrem Gesicht zu lesen. Schließlich sagte sie:

„Keinen. Sie haben ihn zurechtgewiesen, damit haben Sie dem Erziehungsauftrag der Schule Genüge getan. Ich belasse es bei einem Tadel.“

„Und Malfoys Verhalten“ – zum ersten Mal sprach Roy leise, und seine Stimme klang mit einem Mal bittend – „wird nicht ans Ministerium gemeldet?“

Wieder schwieg McGonagall, wieder blickte sie auf das Pergament, dann sagte sie mit Nachdruck: „Nein.“

Roy atmete auf. Darf ich Sie küssen, Frau Professor?, hätte er am liebsten gefragt. Laut aber sagte er nur: „Danke.“

„Sie können gehen, MacAllister.“

5 – Bernie

Am übernächsten Tag suchte Albus in der Pause nach Bernie. Slytherins und Hufflepuffs hatten gerade gemeinsam in Zauberkunst zum zweiten Mal Wingardium Leviosa geübt, den Schwebezauber. Natürlich hatten sie alle am Anfang ihre Schwierigkeiten damit gehabt – alle, außer Matthew McDowell, ein Hufflepuff-Schüler, der seine Feder sofort mühelos zum Schweben brachte. Die Feder war das erste Übungsobjekt, aber McDowell setzte noch einen drauf, indem er gleich einen ganzen Stuhl schweben ließ. Wahrscheinlich hatte er zu Hause schon mit seinem älteren Bruder geübt. Das war zwar verboten, aber nicht nachweisbar.

Am Ende der ersten Doppelstunde am Montag konnten fast alle ihre Feder schweben lassen, und in der zweiten am Mittwoch klappte es bei fast allen mit Radiergummis, Mäusen, Tintenfässern, Blumentöpfen – na gut, einer ging dabei zu Bruch – und schließlich auch Stühlen. Albus hatte sogar einen Tisch angehoben. McDowells Vorsprung war dahin.

Der einzige, der nichts, nicht einmal die Feder, zum Schweben brachte, war Bernie, so verzweifelt er sich auch bemühte, und so geduldig Professor Flitwick ihn immer wieder ermutigte und es ihm erklärte.

„Vielleicht ist etwas mit Ihrem Zauberstab nicht in Ordnung“, meinte er fürsorglich. „Schwenken sie ihn einfach einmal locker aus dem Handgelenk.“

Bernie tat es, doch nichts geschah. Flitwick ließ sich den Stab reichen und tat dasselbe. Ein üppiger roter Funkenregen sprühte aus der Spitze des Stabes. Der Zauberstab war tadellos.

„Nun, junger Mann, das kommt schon einmal vor, dass Schüler sich anfangs schwertun. Üben Sie einfach geduldig weiter, und passen Sie im Unterricht gut auf, damit Sie wenigstens die Theorie beherrschen, irgendwann wird der Knoten schon platzen. Und Sie“ – er wandte sich an die Hufflepuffs – „hören auf zu grinsen!“

In der Tat hatten zuerst fast alle gegrinst, auch die Slytherins, nur zwei nicht: Albus aus Mitleid, Scorpius aus Taktgefühl. Als Jennifer die ernsten Gesichter der beiden sah, hörte auch sie auf zu grinsen, dann Lance Ogilvy, dann nach und nach die anderen Slytherins.

Während der über hundertjährige und etwas schwerhörige Flitwick zu seinem Pult schritt, um den Bücherstapel zu erklimmen, auf dem er zu stehen pflegte, raunten die Hufflepuffs gehässige Bemerkungen: „Muggel!“ – „Müssen wir eigentlich immer den Müll abkriegen?“ – „Die hätten sich doch nie getraut, so einen nach Gryffindor oder Slytherin zu schicken!“ – „Nicht einmal ein Squib!“ – „Hey, Malfoy, nenn ihn mal Schlammblut, für so einen ist das ein Kompliment!“

Sie gaben sich gar keine Mühe, wenigstens so leise zu sprechen, dass Bernie es nicht hören konnte, sie wollten, dass er es hörte.

In der anschließenden Pause also suchte Albus nach Bernie. Irgendwie musste man ihm doch helfen können. Zauberei war für Albus das Selbstverständlichste der Welt, er konnte sich gar nicht vorstellen, dass jemand buchstäblich überhaupt nicht zaubern konnte. Vielleicht lag es einfach daran, dass Bernie Zauberei bei den Muggeln noch nie erlebt hatte. Andererseits – Albus‘ Vater hatte es vor Hogwarts auch nie erlebt, und Tante Hermine nicht, und Roy bestimmt auch nicht, und sie hatten es trotzdem gekonnt. Und der Sprechende Hut hatte Bernie zu den Muggeln zurückgeschickt… Egal, er mochte Bernie, und da er nun einmal in Hogwarts war, würde er ihm helfen! Wo er nur steckte?

Ihm fiel auf, dass auf dem Pausenhof überhaupt keine Hufflepuffs zu sehen waren, jedenfalls keine Erstklässler. Es gab nur einen entlegenen Teil des Hofes, hinter einem Gebäudevorsprung und deshalb nicht einsehbar, in dem er noch nicht gesucht hatte. Albus schwante Übles, und er beschleunigte seinen Gang.

Als er sich näherte, wehte der Wind ihm schon beunruhigende Rufe entgegen:

Muggel, Muggel, putputput wo ist das Smartphone?“ Albus bog um die Ecke und sah Bernies Smartphone, das die anderen sich zugeworfen hatten, während Bernie verzweifelt versuchte, es sich zurückzuholen, auf einem Stein aufschlagen. Dann richtete McDowell seinen Zauberstab auf Bernie:

Wingardium Leviosa!

Wie von einem Seil hochgezogen, schwebte Bernie nun zwanzig Zentimeter über dem Boden. Unter dem rohen Gelächter seiner Mitschüler ruderte er mit den Armen und zappelte mit den Beinen, um irgendwo Halt zu finden. McDowell, der sich in der Rolle des Anführers offenbar gefiel, versetzte ihm nun einen Faustschlag in die Magengrube, unter dem Bernies Körper krampfartig zusammenzuckte.

„Hör sofort auf! Lass ihn in Ruhe!“ Albus zog den Zauberstab und ließ Bernie, der sich vor Schmerzen krümmte, wieder herunter. McDowell, seines Opfers beraubt, drehte sich mitsamt seiner Horde um, während Albus zornbebend auf ihn zustiefelte. McDowell war fast einen Kopf größer als er, aber das kümmerte Albus in diesem Moment überhaupt nicht. In seinem Zorn ignorierte er auch, dass McDowells Kumpels ausgesprochen bedrohlich dreinschauten.

„Ihr solltet euch was schämen! Er hat euch nichts getan, und du traust dich das nur, weil du weißt, dass er sich nicht wehren kann! Ihr seid vielleicht ein paar Helden!“

„Aber du“, versetzte McDowell buchstäblich von oben herab, „du kannst dich wehren, was, Potter? Na, dann wehr dich mal! Wir haben nämlich was gegen Slytherins, vor allem, wenn sie ihre Nase in unsere Angelegenheiten stecken! Solche Nasen gehören bestraft!“

Ohne jede Vorwarnung versetzte er Albus einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Sofort schoss das Blut aus seiner Nase. Die anderen schienen nur darauf gewartet zu haben und schlugen ebenfalls auf ihn ein, und als er zu Boden stürzte, traten sie zu. Albus versuchte mühsam, seinen Körper mit den Armen zu schützen und seinen Zauberstab nicht zu verlieren. Einen der Jungs setzte er zwischen zwei Tritten seinerseits mit Wingardium Leviosa außer Gefecht, aber das machte die anderen nur noch wütender. Albus hätte später nicht mehr zu sagen vermocht, wie lange der ungleiche Kampf dauerte, es schien eine Ewigkeit zu sein, vielleicht war es aber auch nur eine Minute oder weniger.

Plötzlich donnerte McGonagalls Stimme: „Sofort aufhören!“

Die Hufflepuffs schraken zusammen und blieben wie erstarrt stehen. Mit blutüberströmtem Gesicht rappelte Albus sich auf und sah, dass Bernie neben McGonagall stand, offenbar war er es gewesen, der sie zu Hilfe gerufen hatte. Da die Stimme der Schulleiterin, magisch verstärkt, auf dem ganzen Schulhof zu hören gewesen war, strömten Schüler aller Häuser und Jahrgänge jetzt rasch zusammen.

„Stimmt es“, fragte sie McDowell streng, „dass Sie Mister Wildfellow mit einem Schwebezauber belegt und dann geschlagen haben?“

Die Hufflepuffs blickten zu Boden.

„Und trifft es zu, dass Mister Potter Sie davon abhalten wollte und Sie und Ihre Freunde ihn deshalb so zugerichtet haben?“

Die Hufflepuffs schwiegen. Das war Eingeständnis genug.

„Fünfzig Punkte Abzug für Hufflepuff! Aber für Sie persönlich werden die Konsequenzen noch weitaus schwerwiegender sein. Ich erwarte Sie heute Nachmittag um fünf Uhr in meinem Büro.“

„Verzeihen Sie, Frau Professor“, wandte sich nun Marietta Loughlin, die Vertrauensschülerin der Hufflepuffs, an sie. Es war das Mädchen, das Albus schon im Hogwarts-Express gesehen hatte. „Dürfte ich als Vertrauensschülerin bei dem Gespräch anwesend sein?“

„Sie dürfen!“, erwiderte McGonagall. „Und nun zu Ihnen, Mister Potter.“

Irgendwie klang sie immer noch streng; als Erstklässler hatte Albus sich noch nicht daran gewöhnt, dass dies McGonagalls normaler Tonfall war.

„Es wäre zweifellos klüger gewesen, sofort Hilfe zu holen. Ungeachtet dessen war Ihr Verhalten in moralischer Hinsicht vorbildlich. Daher fünfzig Punkte für Gryffin… für Slytherin!“

Der betagten Schulleiterin war anscheinend einen Augenblick lang entfallen, dass sie nicht etwa den kleinen Harry, sondern den kleinen Albus vor sich hatte, der aussah wie Harry ohne Brille, und dass er ein Slytherin war. Sie richtete nun ihren Zauberstab auf ihn:

Episkey!“

Albus‘ Nase hörte schlagartig zu bluten auf, und die Schrammen auf seinem Gesicht verschwanden.

„MacAllister!“, wandte sie sich nun an Roy, der mit den anderen Schülern herbeigeeilt war. „Bringen Sie Ihren kleinen Helden zu Madam Pomfrey, damit sie ihn gründlich untersucht!“

„Mit Verlaub, Frau Professor“, sagte Roy und grinste, „das Wort ‚klein‘ halte ich in diesem Zusammenhang für unangemessen.“ Er legte seine Hand auf Albus‘ Schulter. „Komm.“

Beide schlugen zunächst schweigend den Weg zum Krankenflügel ein. Als sie durch das Haus gingen, sagte Roy leise: „So einen Kumpel wie dich hätte ich auf der Muggelschule gerne gehabt.“ Dann eine Pause. „Ich bin stolz auf dich.“

Diese Worte von Roy, der mit Lob nicht gerade um sich zu werfen pflegte, erschienen Albus wie ein Ritterschlag. Er fühlte sich gleich fünf Zentimeter größer.

Nach einer Weile fragte er: „Was… was war denn auf der Muggelschule?“ Er war sich nicht sicher, ob Roy darüber sprechen wollte, und in der Tat schwieg dieser eine Weile, bevor er antwortete:

„Ungefähr das, was du eben gesehen hast. Nur dass mir keiner geholfen hat.“

Albus wunderte sich: „Warst du denn so unbeliebt?“ Er konnte sich das gar nicht vorstellen.

„Ist Bernie unbeliebt? Wenn viele sich auf einen stürzen, geht es nicht um Beliebtheit. Es geht darum, dass sie viele sind und er nur einer.“

Wieder schwieg er eine Weile, bevor er fortfuhr:

„An dieser Schule kam keiner aus einem guten Stall, alle waren aus sogenannten ‚schwierigen‘ Verhältnissen. Aber gerade die, die schon weit unten sind, suchen sich erst recht einen, der noch weiter unten ist, und auf dem sie deshalb herumtrampeln können. Du machst dir keine Vorstellung davon, was man sich anhören muss, wenn man keinen Vater hat, dafür aber eine Mutter, die nachts in einer billigen Bar arbeitet. Und wenn ich mich wehrte, gab es Prügel. Natürlich nie Mann gegen Mann, immer viele auf einen, also auf mich.“

Sein Gesicht hatte sich verfinstert. Die Erinnerung quälte ihn.

„Du brauchst mir das nicht zu erzählen, wenn du nicht möchtest“, sagte Albus vorsichtig, „ich bin bestimmt nicht beleidigt.“

„Dir möchte ich es aber erzählen. Ich verlasse mich darauf, dass du es für dich behältst.“

Trotzdem brauchte er eine Weile, um den Faden seiner Erzählung wiederaufzunehmen:

„Irgendwann versuchte ich mir mit Zauberei zu helfen. Aber du weißt ja, wie das ist: Als Kind kann man das nicht so kontrollieren, mal funktioniert es und mal nicht. Es funktionierte zu selten, um mir wirklich zu nützen, aber oft genug, damit die anderen merkten, dass ich etwas konnte, was sie nicht konnten, und vor dem sie Angst hatten. Von da an war es die Hölle. Wann immer einem meiner Mitschüler etwas Unangenehmes widerfuhr, und sei es eine schlechte Note, war ich der Sündenbock, weil ich angeblich mit Zauberei nachgeholfen hatte.“

„Wie mies!“, sagte Albus entrüstet.

„Sie hatten Angst vor mir. Außerdem ist es immer bequemer, einen anderen zu beschuldigen, als sich an die eigene Nase zu fassen. Sie glaubten, ich sei an ihren kleinen Unglücken und Misserfolgen schuld, weil sie es glauben wollten. Da ich aber wirklich ein bisschen zaubern konnte, hatten sie sogar einen für sie plausiblen Grund, mich zu beschuldigen.“

„Du scheinst dafür sogar noch Verständnis zu haben“, sagte Albus. „Also – ich hätte es nicht gehabt.“

„Ich hatte es auch nicht von mir aus. Der alte Priester, zu dem ich mich jeden Tag flüchtete, weil ich es weder zu Hause noch auf der Straße aushielt, hat es mir ganz behutsam erklärt.“ Er lächelte. „So wie er mir auch vieles andere erklärt hat. Von ihm weiß ich eigentlich alles, was ich über die Welt weiß, er hat mich auch die Liebe zu Büchern gelehrt.“

Albus wusste ungefähr, was ein Priester war, war aber gerade deshalb erstaunt, dass Roy offenbar so vertrauten Kontakt zu einem hatte. Die Kirche war die letzte Muggel-Institution, mit der Hexen und Zauberer etwas zu tun haben wollten.

„Soviel ich weiß“, meinte er zögernd, „waren die Priester doch immer gegen uns, sogar mehr und schlimmer als alle anderen Muggel.“

„Die Kirche geht davon aus, dass Magie grundsätzlich vom Teufel stammen muss. Als ich nach Hogwarts sollte, hatte ich einige Mühe, meinen Priester davon zu überzeugen, dass das nur für Schwarze Magie gilt und die in Hogwarts nicht gelehrt wird. Ich musste ihm aber eigens versprechen, niemals Schwarze Magie zu treiben, und an dieses Versprechen habe ich mich bis heute gehalten.“

„War er so eine Art Vater für dich?“

„Er war und ist das, was einem Vater am nächsten kommt“, bestätigte Roy, „und ich glaube, ich bin für ihn auch so etwas Ähnliches wie der Sohn, den er als Priester natürlich nicht hat.“

„Haben Priester keine Kinder?“

„Katholische nicht“, erwiderte Roy knapp, um weiterzuerzählen: „Irgendwann begriff ich, dass mir an der Muggelschule im Kleinen genau das widerfahren war, was der Zauberergemeinschaft im Mittelalter im Großen passiert ist. Du weißt ja sicher, dass die Muggel damals versucht haben, uns auszurotten, und zwar aus denselben Gründen, aus denen meine Mitschüler mich mobbten: Sie hatten Angst vor uns, deshalb wollten sie es, und sie waren tausendmal zahlreicher als wir, deshalb konnten sie es. Dass die Hexen und Zauberer die Verfolgungen überlebten, lag einzig daran, dass sie sich ungefähr ab dem elften Jahrhundert immer mehr aus der Muggelwelt zurückzogen, in geschützte magische Nischen, zu denen die Muggel keinen Zutritt hatten. Hogwarts war die erste dieser Nischen. Dabei verbesserten sie ihre Zauberkünste immer weiter, sodass diese Schutzräume in einem jahrhundertelangen Prozess zu der magischen Welt zusammenwuchsen, die wir heute kennen. Das Geheimhaltungsabkommen von 1689 setzte nur noch den Schlusspunkt unter diese Trennung. Das, was mir an der Muggelschule passierte, geschah, weil ich als Zauberer nicht in die Muggelwelt gehörte, obwohl ich aus ihr kam.“

„Und du meinst, Bernie ist dasselbe passiert, weil er nicht in unsere Welt gehört?“

„So ist es.“

„Aber er bedroht doch überhaupt niemanden!“

„Die Hufflepuffs haben in der Tat weniger Entschuldigungen als damals meine Muggel-Mitschüler. Bernie würde keiner Fliege etwas zuleide tun, aber er repräsentiert etwas. Er repräsentiert eine Welt, die uns bedroht.“

„Das verstehe ich nicht.“

Sie standen jetzt vor dem Eingang zum Krankenflügel, aber keiner von ihnen machte Anstalten, ihn zu betreten.

„Als Kolumbus in Amerika landete…“ begann Roy.

„Wer?“

„Kolumbus, der Muggel, der für den spanischen König Amerika entdeckte.“

„Entschuldige, in so etwas kenne ich mich nicht aus“, meinte Albus etwas verlegen.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, die wenigsten Zauberer wissen über solche Dinge Bescheid. Vielleicht hat Hermie sogar recht…“

„Roy!“, unterbrach ihn Albus.

Roy stutzte. „Ja?“

„Hör bitte auf, sie ‚Hermie‘ zu nennen!“, sagte er eindringlich. Er musste es einfach sagen, auch wenn Roy es nicht gerne hörte. „Egal, was du von ihrer Politik hältst, sie ist nicht nur meine Tante, sie ist meine beste Freundin!“ Außer Rose, hätte er beinahe gesagt, aber er schluckte es herunter. „Jedenfalls von den Erwachsenen. Und sie ist der klügste und liebenswerteste Mensch, den ich kenne!“

Albus sah Roy fest in die Augen, auch wenn er ein wenig Bammel vor seiner Reaktion hatte. Wenn er DAS jetzt nicht versteht, dachte er, lohnt es sich nicht, mit ihm befreundet zu sein.

Roy sah ihn nachdenklich an, dann lächelte er. „Okay. Ich werde sie in deiner Gegenwart nicht mehr ‚Hermie‘ nennen und auch nicht abfällig von ihr sprechen.“

„Danke“, sagte Albus und atmete auf.

„Ich war übrigens gerade dabei, sie zu loben, wenn auch nur unter Vorbehalt. Vielleicht“, nahm er den Faden wieder auf, „ist nämlich es gar keine schlechte Idee von deiner Tante, Muggelkunde ab der ersten Klasse unterrichten zu lassen. Ich fürchte nur, dass uns bei dieser Art Unterricht genau das Falsche beigebracht wird.“

„Wieso?“

„Nun, ich glaube nicht, dass in diesem Unterricht erwähnt werden wird, dass Kolumbus von den Indianern mit größter Gastfreundschaft empfangen wurde. Warum auch nicht? Er bedrohte ja scheinbar niemanden. Zehn Jahre später waren alle Inselbewohner, die ihn empfangen hatten, tot oder von den Spaniern versklavt, obwohl Kolumbus selbst das gar nicht beabsichtigt hatte. Und genau so erging es in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten allen Indianervölkern. Hätten sie Kolumbus und seine Spanier einfach massakriert, dann wäre das zwar ein Verbrechen gewesen, aber es wäre nie ein Sterbenswörtchen über die Entdeckung Amerikas nach Europa gedrungen, und sie wären noch jahrhundertelang als Völker am Leben und Herren im eigenen Land geblieben.“

„Du meinst, wenn sie die Spanier ermordet hätten, hätten sie Recht im Unrecht gehabt? – Ich habe letzten Freitag dein Gespräch mit Scorpius mit angehört“, fügte er erklärend hinzu, als Roy ihn verwundert ansah.

„Genau“, bestätigte Roy, „das wäre ein klassischer Fall von ‚Recht im Unrecht‘ gewesen.“

„Aber was hat das alles mit Bernie und den Hufflepuffs zu tun?“

„Die Indianer hatten auch ihre Magier. Die Spanier aber hatten Schiffe, Kanonen, Musketen, überhaupt die bessere Technik und die bessere Organisation. Ist dir aufgefallen, was die Hufflepuffs zuerst zerstört haben, noch bevor sie sich an Bernie selbst vergriffen?“

„Sein Smartphone.“

Roy nickte. „Allein die Kommunikationstechnik der Muggel ist allem, was wir an magischer Kommunikation aufbieten können, so überlegen wie ihre Flugzeuge unseren Besen. Wir könnten diese Technik aus eigener Kraft nicht beherrschen. Klar könnten wir sie benutzen, wären dann aber von den Muggeln abhängig und müssten in ihre Welt zurückkehren. Vielleicht haben die Hufflepuffs das instinktiv gespürt, vielleicht hat Bernie auch ein wenig mit seinem Smartphone geprahlt, um bei seinem Mangel an Zaubertalent irgendetwas vorweisen zu können, wo er den anderen Hufflepuffs überlegen ist, ohne sich bewusst zu sein, dass und warum gerade das Smartphone auf sie bedrohlich wirken musste. Die Indianer wussten zu ihrem Unglück nicht, dass hinter Kolumbus ein Millionenvolk stand. Die Hufflepuffs aber, und sogar ein Strohkopf wie dieser McDowell, wissen sehr wohl, dass Bernie nur einer von sechzig Millionen Muggeln allein in Großbritannien ist. Was, wenn Bernie nur der Erste ist – in dem Sinne, in dem auch Kolumbus nur der Erste war?“

„Du willst sie doch nicht etwa in Schutz nehmen?“, fragte Albus entrüstet.

„Ich nehme sie genauso wenig in Schutz, wie ich meine früheren Muggel-Mitschüler in Schutz nehme. Ich möchte nur, dass du verstehst, warum jede der beiden Welten diejenigen von sich stößt, die nicht zu ihr gehören.“

„Das haben die Hufflepuffs zwar versucht, aber sie sind nicht damit durchgekommen. Sie werden von der Schule fliegen.“

„Werden sie nicht“, versetzte Roy.

„Nein?“ Albus staunte. „Aber sie haben doch ihre Zauberkunst missbraucht, um einem anderen zu schaden, und Professor McGonagall hat gesagt…“

„In Hogwarts wird nichts so heiß gegessen wie gekocht“, unterbrach ihn Roy. „Der Schulverweis wird oft angedroht, aber nur selten wirklich durchgeführt. Sie werden mit einer Gelben Karte davonkommen.“

„Was ist eine Gelbe Karte?“, wollte Albus wissen.

„O je“, meinte Roy etwas verlegen, „entschuldige bitte, ich lerne es wohl nie. ‚Gelbe Karte‘ ist ein Muggelausdruck und heißt so viel wie ‚Verwarnung‘. Professor McGonagall wird sie eine Stunde lang Blut und Wasser schwitzen lassen und ihnen erklären, dass sie sie für ihre Missetaten der Schule verweisen müsse. Sie werden sich im Geiste schon ausmalen, wie sie ihren Eltern erklären, warum sie nach nicht einmal einer Woche geflogen sind. Marietta Loughlins Rolle – deswegen ist sie dabei – wird darin bestehen, die Schulleiterin händeringend um Gnade für ihre Hauskollegen anzuflehen. McGonagall wird sich eine Weile bitten lassen und diese Gnade dann huldvoll gewähren, natürlich nur im Tausch gegen eine empfindliche hausinterne Strafe für die Beteiligten – vier Wochen Toilettenputzen anstelle der Hauselfen, schätze ich mal, irgendetwas in der Art, für McDowell vielleicht sechs Wochen.“

„Das geschieht ihm recht!“, sagte Albus befriedigt, fügte dann aber bedrückt hinzu: „Aber für Bernie wird es dann natürlich erst recht schwer.“

„Sie werden sich nicht mehr trauen, ihn zu schlagen.“

„Es gibt Dinge“, meinte Albus bekümmert, „die mehr wehtun als Schläge.“

Ein indigniertes Räuspern unterbrach ihr Gespräch. Madam Pomfrey, die sehr alte, aber immer noch sehr energische Schulkrankenschwester, war in der Tür erschienen. „Darf ich fragen, meine Herren, was Sie hier machen, und warum Sie nicht im Unterricht sind?“

„Verzeihen Sie bitte“, sagte Roy höflich. „Professor McGonagall bittet Sie, Albus Potter zu untersuchen. Es hat eine Prügelei gegeben. Die äußeren Verletzungen hat Professor McGonagall schon selbst geheilt, aber…“

„Allzu lädiert kann er wohl nicht sein, wenn Sie beide noch Zeit für einen Plausch haben“, unterbrach sie ihn missbilligend. „Es ist gut, Mister MacAllister, ich werde ihn mir ansehen. Sie aber gehen jetzt dorthin, wo Sie hingehören.“ Madam Pomfrey hatte wie McGonagall die Gabe, allein durch ihren Tonfall jeden Widerspruch im Keim zu ersticken.

„Mach’s gut, Al“, sagte Roy, „wir sehen uns nachher.“

 

Dass ausgerechnet ein Slytherin Prügel bezogen hatte, um einem Muggel zu helfen, erschien den meisten Schülern der anderen Häuser wie ein großartiger Witz. Und geradezu ungehörig fanden sie es, dass Slytherin dafür fünfzig Punkte kassiert hatte. Albus, so meinten viele, sei ein Potter und damit eigentlich gar kein richtiger Slytherin – kein anderer von denen, so glaubten sie, hätte sich an seiner Stelle so verhalten wie er.

Albus erschien etwas später als die anderen zum Abendessen – er hatte bei seinen Hausaufgaben ein wenig getrödelt, weil seine Gedanken immer wieder zu Bernie abgeschweift waren. Bernie tat ihm furchtbar leid, bei den Hufflepuffs war er jetzt bestimmt unten durch. Als er die Große Halle betrat, wanderte sein Blick sofort zum Hufflepuff-Tisch. McDowell und seine Kumpane sahen ziemlich angefressen aus, die Stunde bei McGonagall war bestimmt unangenehm verlaufen. Albus würde wohl noch erfahren, zu welcher Strafe sie verdonnert worden waren. Sein Blick suchte und fand Bernie, der, allein und in sich zusammengesunken, am Hufflepuff-Tisch saß, während die Stühle um ihn herum leer waren. Mit ihm wollte offenbar keiner reden. Er hatte schon gegessen, trotzdem war er sitzengeblieben.

Albus blieb stehen. Obwohl seine Freunde am Slytherin-Tisch ihn schon gesehen hatten und heranwinkten, ging er zuerst zu Bernard.

„Hallo Bernie“, begrüßte er ihn. Bernie, der verloren vor sich hingestarrt hatte, schrak hoch. Als er Albus erkannte, lächelte er.

„Hallo Albus, ich bin vorhin gar nicht dazu gekommen, mich zu bedanken, du warst so schnell weg. Also“, – er stand auf und gab Albus die Hand –, „danke nochmal für alles.“

Albus war diese Dankbarkeit fast peinlich. „War doch selbstverständlich“, murmelte er.

„War es nicht, und das weißt du genau.“

„Sitzt du schon die ganze Zeit allein hier?“, wollte Albus wissen.

Bernie nickte traurig. „Besser allein hier sitzen, als mir das anzuhören, was mich nachher im Gemeinschaftsraum erwartet. Ich werde erst kurz vor neun hingehen und mich dann gleich schlafen legen.“

„Weißt du was?“, schlug Albus vor: „Setz dich doch einfach zu uns!“

„Du meinst… an den Slytherin-Tisch?“, fragte Bernie irritiert. „Da werden deine Freunde aber nicht sehr begeistert sein – ich meine… es sind Slytherins.“

Obwohl Bernie erst wenige Tage hier war, war der Ruf der Slytherins schon bis zu ihm gedrungen.

„Ich bin auch ein Slytherin!“, rief Albus halb stolz, halb gekränkt, „und sie sind meine Freunde. Also komm schon!“ Er drehte sich um, um zu den Slytherins zu gehen, und Bernie folgte ihm zögernd.

Am Gryffindor-Tisch beobachtete unterdessen James, wie sein kleiner Bruder offenbar allen Ernstes Anstalten machte, Bernie an den Slytherin-Tisch zu lotsen.

„O je, Kleiner, dir steht die Enttäuschung deines Lebens bevor“, murmelte vor sich hin und grinste schadenfroh. „Deine fünfzig Punkte haben sie gerne eingesackt, aber das, was du jetzt vorhast, kannst du dir abschminken.“ Er stupste seine Nachbarn an, um sie darauf aufmerksam zu machen.

Scorpius, Lance, Malcolm, Jennifer, Hor-Hor und die anderen Slytherin-Erstklässler hatten die Szene ebenfalls beobachtet. In der Tat schauten sie etwas verwundert drein, als Albus mit Bernie im Schlepptau bei ihnen ankam.

„Ich habe meinen Freund Bernie zu uns eingeladen“, sagte Albus in einem Tonfall, als sei es das Normalste der Welt. „Ihr habt doch bestimmt nichts dagegen, dass er sich zu uns setzt, oder?“

Einige Slytherins waren sich erkennbar unsicher, ob sie nicht doch etwas dagegen haben sollten. Sie blickten auf Scorpius, der die vornehmste Familie repräsentierte – in Slytherin war das Ansehen der Malfoys noch immer ungebrochen. Scorpius tauschte einen kurzen Blick mit Albus, dann erhob er sich.

Albus‘ Freunde sind auch meine Freunde!“, brachte er eines der großen Worte an, die er so liebte, aber es klang nicht aufgesetzt. „Selbstverständlich bist du willkommen!“

Und während Bernie sich setzte, klappten am Gryffindor-Tisch einige Unterkiefer herunter.

 

Roy kam noch später zum Abendessen als Albus, er hatte sich wieder einmal in der Bibliothek festgelesen. Obwohl er in Gedanken versunken war – er sah dann fast so zerstreut aus wie Longbottom – nahm er aus den Augenwinkeln wahr, dass die Erstklässler fast als letzte noch am Tisch saßen, und Bernie Wildfellow mittendrin. Er lächelte belustigt. Arabella Wolfe war die einzige verbliebene Sechstklässlerin. Er setzte er sich zu ihr und genehmigte sich ein riesiges Stück Rinderbraten, dazu Kartoffelgratin.

Arabella war ein mittelblondes Mädchen mit grünen Augen, sehr heller, reiner Haut und einem zurückhaltenden Wesen, durch das man sie leicht übersehen konnte. Man musste schon zweimal hinsehen, um zu bemerken, dass sie sehr hübsch war, und dies, obwohl – oder vielleicht gerade weil – man ihr eine gewisse unbestimmte Traurigkeit ansah, nicht unähnlich der, die bisweilen auch von Roy ausging, wenn er unbeschäftigt war oder sich unbeobachtet fühlte.

Im Kauen erst fiel ihm auf, dass sie offensichtlich schon gegessen hatte. Nicht ohne Verlegenheit fragte er: „Du wirst doch nicht etwa eigens auf mich gewartet haben?“

Arabella errötete leicht: „Natürlich nicht.“

Natürlich doch. Roy aber fand es bequemer, so zu tun, als ob er ihr glaubte. Um keine Pause aufkommen zu lassen, fragte er zwischen zwei Bissen:

„Wie kommt Wildfellow eigentlich an unseren Tisch?“

„Dreimal darfst du raten, wer ihn eingeladen hat.“

Roy lachte. „Dachte ich mir. Und die anderen hatten nichts dagegen?“

„Du siehst es ja“, lächelte sie. „Der kleine Potter ist ziemlich beliebt und außerdem mit Malfoy befreundet. Sie schlagen ihm nicht gerne etwas ab.“

„Du hast einen guten Blick für Kinder.“

„Ich würde sagen, Mädchen haben generell mehr psychologisches Feingefühl als Jungs. Vielleicht, weil sie sich vor ihren eigenen Gefühlen nicht so fürchten.“

Roy zog es vor, das Thema nicht zu vertiefen. Er vertiefte sich lieber in seinen Braten, den er schon halb verschlungen hatte, denn er war ein berüchtigter Schnellesser.

Die Erstklässler standen nun auf, um sich auf den Weg zum Gemeinschaftsraum zu machen. Roy konnte sehen, dass Albus und Bernie stehenblieben. Sie schienen leise zu diskutieren, Albus eifrig, Bernie zweifelnd.

Nach einer Weile waren sie sich wohl einig geworden. Roy schob gerade seinen Teller zur Seite, als die beiden schnurstracks auf ihn zukamen.

„Hallo Roy, ich habe eine Idee“, sprudelte Albus los. „Bernie hat bei den Hufflepuffs keine Freunde, und wahrscheinlich werden sie ihm dort das Leben zur Hölle machen. Wie wäre es, wenn wir ihn in Slytherin aufnehmen?“

Roy war auf manches vorbereitet, aber darauf nicht. „Was ist das denn für eine Schnapsidee?“, fragte er grob. „Da könnte ja jeder kommen, der mit den Mitschülern seines Hauses ein Problem hat. Es gehört in Hogwarts einfach dazu, dass man in dem Haus bleibt, das einem zugewiesen wurde.“

Albus war zwar enttäuscht, gab sich aber nicht so schnell geschlagen. „Du weißt doch, dass bei Bernie manches anders ist. Er fürchtet sich bei den Hufflepuffs, aber bei uns fühlt er sich wohl.“

„Ja“, nickte Bernie eifrig, „mit den Slytherins verstehe ich mich sehr gut, und mein bisher einziger Freund hier“ – er sah zu Albus – „ist ein Slytherin!“

„Das wird McGonagall nicht mitmachen. Sie wird sagen, dass man die Hufflepuffs geradezu belohnen würde, wenn man ihnen ihren ungeliebten Mitschüler vom Hals schafft, nachdem sie ihn verprügelt haben. Vergesst das ganz schnell wieder.“

Albus ließ nicht locker. „Wenn du als Vertrauensschüler uns unterstützt, macht sie es vielleicht doch. Man sagt, dass sie dich schätzt und deine Meinung respektiert.“

„Vielleicht, aber doch nicht so sehr, dass sie sich von mir in ihren Entscheidungen als Schulleiterin beeinflussen lässt!“

„Wir können es doch wenigstens versuchen. Ich meine, gerade du müsstest doch Verständnis für seine Lage haben. Irgendeiner muss ihm doch helfen, und wer, wenn nicht du?“

Er wollte vor Bernie und Arabella nichts sagen, wovon Roy wollte, dass er es für sich behielt. Er beugte sich daher vor und flüsterte: „Du hast doch selber gesagt, du wärst auf der Muggelschule froh gewesen, wenn jemand dir geholfen hätte.“

„Ich habe aber auch gesagt“, gab Roy laut zurück, „dass mein Problem darin lag, dass ich als Zauberer in der Muggelwelt nichts zu suchen hatte.“

„Ach so, du findest, Bernie gehört nicht hierher?“

„Tut mir leid“, wandte Roy sich nun an Bernie, der dem Wortwechsel mit traurigen Augen folgte, „aber ich vertraue auf den Sprechenden Hut, und dessen Meinung war eindeutig.“

„Aber Bernie ist ja jetzt nun einmal da, McGonagall hat ihn aufgenommen.“ Albus war wirklich hartnäckig. „Jetzt ist er verzweifelt, weil er in einem Haus steckt, das ihn ablehnt. Du könntest ihm helfen, aber du weigerst dich!“

„Ob ich ihm helfen könnte, bezweifle ich.“

„Du versuchst es aber auch nicht, das heißt, du willst ihm auch nicht helfen!“, rief Albus empört und enttäuscht.

Roy seufzte. Albus‚ Sturheit zwang ihn, seine Beweggründe offenzulegen.

„Weißt du, Albus, wenn es Bernie nur zufällig nach Hogwarts verschlagen hätte und ich wüsste, dass er der einzige Muggel hier bleiben wird, hätte ich kein Problem damit, seine Aufnahme in Slytherin zu befürworten. Ich glaube aber, dass deine Tante mit ihm ein Experiment macht, um zu beweisen, dass Muggel sehr wohl nach Hogwarts gehören. Und ich werde nichts unterstützen, was ihr am Ende erlaubt zu behaupten, ihr Experiment sei erfolgreich gewesen.“

Albus starrte ihn entgeistert an: „Da braucht jemand deine Hilfe, und du lässt ihn im Stich, nur um dem Zaubereiministerium in die Suppe zu spucken? Aber Hermine wirfst du Prinzipienreiterei vor, ja? Du… Du…“ Bevor Albus etwas sagen konnte, was er später vielleicht bedauert hätte, warf Roy, bekümmert, aber bestimmt, ein:

„Nicht ich habe diese Lage herbeigeführt. Und bevor du dich weiter aufregst, denk an Kolumbus.“

Albus wusste nicht, was er darauf antworten sollte. In jedem Fall war eine Diskussion offenbar sinnlos. Deshalb sagte er nur: „Komm Bernie, wir gehen! Tschüss!“

Roy sah den beiden bekümmert nach, als sie die Halle verließen.

Er seufzte. „War das jetzt richtig?“, fragte er Arabella.

„Du hast gute Gründe auf deiner Seite.“

Albus auch.“

 

 

Albus‘ Befürchtung, die Hufflepuffs würden Bernie das Leben zur Hölle machen, erwies sich in den folgenden Tagen als unbegründet, und das war sein eigenes Verdienst. Dass ausgerechnet die als muggelfeindlich verschrienen Slytherins sich Bernie gegenüber anständiger verhalten hatten als die Erstklässler ihres eigenen Hauses, war den älteren Hufflepuffs so todpeinlich, dass sie ihre Jüngsten noch am selben Abend ins Gebet nahmen. Von da an ließen sie Bernie in Ruhe. Nicht nur, dass sie ihn nicht schlugen, sie verschonten ihn auch mit abfälligen Bemerkungen und schnitten ihn nicht. Anfreunden wollte sich freilich auch keiner mit ihm.

So kam es, dass Bernie sich in den Pausen und im gemeinsamen Unterricht an Albus und damit auch an die Slytherins hielt, die ihn allmählich schätzen lernten. In Slytherin gab es nur wenige Schüler, die in der Muggelwelt aufgewachsen waren, und sie alle waren schon älter, Roy zum Beispiel. Bei den Erstklässlern gab es keinen. In ihrem Kreis wirkte Bernie exotisch, aber gerade deshalb interessant. Bei den Muggeln gab es ja so viele kuriose Dinge, dass es allein deshalb schon spannend war, ihm zuzuhören. Und dass Bernies Vater als Premierminister für die Muggelwelt ungefähr das war, was die Zaubereiministerin für die magische Welt war – Bernie hatte nicht damit geprahlt, Albus hatte es beiläufig erwähnt –, verfehlte seinen Eindruck auf die standesbewussten Slytherins natürlich auch nicht.

Sie waren auch taktvoll genug, ihn nicht auf seinen Mangel an magischen Fähigkeiten anzusprechen. Eines Tages in der zweiten Schulwoche allerdings, als Bernie, Albus, Jennifer und Scorpius in der Pause auf dem Schulhof beisammenstanden, konnte Scorpius seine Neugier nicht mehr zügeln:

„Sag‘ mal, Bernie, wie bist du eigentlich zu deinem Zauberstab gekommen?“

„Mühsam“, antwortete dieser, und die Runde lachte.

„Das dachte ich mir schon.“ Scorpius überlegte, denn er wollte nicht unhöflich sein. „Ich meine, normalerweise sucht der Zauberstab sich den Zauberer, und dass sie zusammengehören, erkennt man an dem Funkenregen, wie Flitwick ihn vorgeführt hat, aber den kannst du mit deinem Stab doch bisher gar nicht erzeugen.“

„Ich habe in dem Laden in der Winkelgasse auch drei Stunden lang Zauberstäbe ausprobiert, und keiner hat funktioniert, auch nicht der, den ich jetzt habe“, sagte Bernie. „Aber der ist in meiner Hand wenigstens warm geworden.“

„Er ist warm geworden?“, fragte Scorpius überrascht. „Das ist aber ein gutes Zeichen! Es zeigt, dass dein Zauberstab dich mag und dir dienen will.“

„Er mag mich?“, fragte Bernie belustigt. „Haben Zauberstäbe denn Gefühle?“

„O ja“, sagte Albus, „ungefähr so wie Pflanzen, von denen dir auch jeder Gärtner schwören wird, dass sie Gefühle haben. Vielleicht hat Flitwick recht, und du musst wirklich einfach mehr üben.“

„Ich habe es doch versucht“, meinte Bernie bedrückt, „es geht einfach nicht.“

„Vielleicht sind die Zauber, die du bisher versucht hast, einfach noch zu schwer für dich, und du musst mit etwas Leichterem anfangen.“ Albus zückte seinen Zauberstab und hob ihn. „Versuch’s doch erstmal mit dem Einfachsten: Lumos!“ An der Spitze des Stabes erschien ein weißer Lichtpunkt.

„Na, wenn du meinst.“ Bernie hob seinerseits seinen Stab und sagte zögernd: „Lumos!“ Nichts geschah.

„So funktioniert das nicht“, sagte Jennifer, „das ist zu ängstlich. Du musst daran glauben. Wenn du zauberst, musst du das Ergebnis richtig vor dir sehen! Ich zeig’s dir nochmal und du konzentrierst dich auf meinen Stab. Lumos.“ Auch Jennifers Stab flammte auf. „Jetzt musst du fühlen, dass deiner es auch macht. Konzentrier dich!“

Erneut hob Bernie den Stab, fixierte dessen Spitze und sagte entschlossen: „Lumos!“ Wieder rührte sich nichts.

„Nochmal, und konzentrier dich!“, wiederholte Jennifer hartnäckig.

Bernie hob den Stab, schloss kurz die Augen, fixierte erneut den Stab: „Lumos!“ Diesmal geschah etwas: Ein schwacher dunkelroter Funke, ähnlich der Spitze einer glimmenden Zigarette, beim herrschenden Tageslicht kaum zu erkennen, erschien an der Spitze des Stabes, um freilich sofort wieder zu verlöschen. Bernie sah bekümmert drein. „Das wird einfach nichts.“

„Von wegen“, sagte Scorpius. „Es zeigt, dass eine, wenn auch schwache, magische Energie von dir ausgeht.“

„Wirklich?“, strahlte Bernie.

„Na sicher, sonst hätte der Zauberstab nämlich überhaupt nichts gemacht. Ich sage ja, er will dir dienen! Du musst einfach nur lernen, das freizusetzen, was an magischer Energie in dir steckt, auch wenn es vielleicht nicht viel ist. Am besten, du übst weiter den Lumoszauber. Lerne, daran zu glauben und dich darauf zu konzentrieren!“

So sehr Bernie sich aber in den folgenden Tagen auch bemühte: Mehr als diesen Glutpunkt konnte er seinem Stab nicht entlocken – diesen allerdings immer zuverlässiger, länger und heller.