9 – Eine Front wird gezogen

Sofern Roy sich von der Lektüre des Tagespropheten Aufschluss darüber versprochen hatte, auf was er und seine Freunde sich gefasst machen mussten, so wurde ihm dieser Aufschluss unzweideutig zuteil. Kaum waren die Eulen mit der täglichen Post eingetroffen, da drängten sich Schüler aller Häuser auch schon in Trauben um diejenigen herum, die die Zeitung abonniert hatten. Auf der Titelseite prangte die Schlagzeile:

EKLAT IN HOGWARTS!

Todesser-Propaganda und gewalttätige Ausschreitungen nach Minister-Rede. Zwei Verletzte.

Zwei, wie immer bewegte, Fotos beherrschten die Seite 1: auf dem linken Hermine während ihrer Rede mit der Bildunterschrift Zaubereiministerin Hermine Granger-Weasley bei ihrer großen, mit stehenden Ovationen aufgenommenen programmatischen Rede; rechts sah man Gryffindors über Stuhlreihen springen, um sich auf die Slytherins zu stürzen. Die Bildunterschrift lautete: Slytherin-Schüler entfesseln Schlägerei. Zwei Gryffindors verletzt.

Viele Sechstklässler, unter ihnen auch Roy und Julian, standen um Patricia herum, die aus der Zeitung vorlas:

Hermine Granger-Weasleys mit Spannung erwartete Rede wird zunächst mit stehenden Ovationen aufgenommen. Danach kommt es zu tumultartigen Szenen. Roy MacAllister, Vertrauensschüler von Slytherin, gibt mit Provokationen, Beleidigungen der Ministerin und offenen Todesserparolen das Startzeichen zur Randale: Mitschüler seines Hauses verwandeln die Große Halle in ein Tollhaus. Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen erleiden zwei Gryffindor-Schüler, darunter der Vertrauensschüler Ethelbert Parker, schwere Kopfverletzungen. Sicherheitsauroren müssen die Ministerin mit gezogenem Zauberstab schützen. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Sie blätterte um.

Todesser-Sympathisanten randalieren in Hogwarts

Zunächst hatte die Zaubereiministerin unter großem Beifall des Publikums dafür geworben, in Einzelprojekten zu einer begrenzten und konstruktiven Zusammenarbeit mit der nichtmagischen Welt zu gelangen. In diesem Zusammenhang mahnte sie mehr Offenheit, Toleranz und Respekt gegenüber Nichtmagiern an. Zugleich kündigte sie an, den 2. Mai als Tag des Sieges über Voldemort zum nationalen Feiertag zu erklären und an diesem Tag der Menschen zu gedenken, die damals für die Freiheit der magischen Welt ihr Leben ließen.

Slytherin-Vertrauensschüler MacAllister riss die anschließend vorgesehene Diskussion an sich, um offen Todesser-Gedankengut zu propagieren. Der 2. Mai dürfe nicht gefeiert werden, weil dadurch den Todessern „aufs Grab gespuckt“ würde. Die Anregung der Ministerin, von den Erfahrungen auch nichtmagischer Staaten zu lernen, quittierte er damit, dass er solche Staaten als „übelste Diktaturen“ verunglimpfte und sich in Verschwörungstheorien erging, wonach die Ministerin Hexen und Zauberer einer mittelalterlichen Hexenverfolgung überantworten wolle. Seine Tirade gipfelte in persönlichen Angriffen auf die Ministerin, deren nichtmagische Abstammung allseits bekannt ist. Würde die magische Welt nach seinen, MacAllisters, Prinzipien regiert, so wäre dort für eine Person wie Hermine Granger-Weasley kein Platz, schon gar nicht als Zaubereiministerin. MacAllister gebrauchte in diesem Zusammenhang explizit die Ausdrücke „Blutsverräter“ und „Schlammblut“.

(Lesen Sie zu diesem Thema auch den Kommentar von Heribert Prantice auf Seite 4, zur Rede der Ministerin unseren ausführlichen Bericht auf der gegenüberliegenden Seite.)

Patricia starrte die Zeitung an, während ihr die Zornröte ins Gesicht schoss: „Das ist doch alles gelogen!“, ereiferte sie sich. „Da stimmt doch überhaupt nichts!“

„O doch“, knurrte Roy, „die meisten Einzelbehauptungen stimmen. Ich habe wirklich Blutsverräter und Schlammblut gesagt, nur eben nicht in Bezug auf Hermie, sondern auf mich selbst. Es gab wirklich zwei verletzte Gryffindors, nur sind sie miteinander zusammengestoßen, als Ethelbert mich vor seinem Hauskameraden schützen musste. Ich habe wirklich Muggelstaaten übelste Diktaturen genannt, nur eben nicht alle, sondern nur die, die auch unter Muggeln als solche gelten, und so weiter. Sie haben nur ein paar entscheidende Details weggelassen, den Rest aus dem Zusammenhang gerissen und in einen neuen, von ihnen erfundenen Kontext gestellt.“

„Das wird doch niemand glauben! Die Leute wissen doch, dass der Tagesprophet ein Lügenblatt ist“, rief Patricia in den anschwellenden Lärm Dutzender erhitzter Diskussionen hinein, die an allen Haustischen und sogar am Lehrertisch tobten.

„Sie wissen es und nennen ihn ein Lügenblatt“, rief Roy zurück, „aber jeden einzelnen Bericht glauben sie!“

„Roy, ich bitte dich! Hunderte von Schülern waren Zeugen, dass es nicht so war, und die meisten Familien haben mindestens ein Kind in Hogwarts. Sie werden erfahren, was wirklich passiert ist!“

„Sei doch nicht naiv, Patricia! Das menschliche Gedächtnis ist keine mesopotamische Tontafel, auf der alles jahrtausendelang eingeritzt bleibt! Details bleiben im Kopf, Zusammenhänge werden immer wieder neu konstruiert, und darauf setzen diese Schmierer! Du wirst sehen, die Gryffindors werden Stein und Bein schwören, dass es genau so gewesen ist, wie es im Propheten steht! Sie werden eher an das glauben, was sie in der Zeitung lesen, als an das, was sie selbst gesehen und gehört haben. Allein schon, weil sie es glauben wollen!“

„Wenn ich alles für möglich halte“, rief Patricia zurück, und es wurde allmählich schwer, sie in dem Lärm noch zu verstehen, „aber das nicht. Diesmal sind sie zu weit gegangen. Damit werden sie nicht durchkommen!“

„Sie kommen bereits damit durch.“ Roy musste sich schon zu ihrem Ohr hinunterbeugen, um sich verständlich zu machen. „Sieh mal!“

Er deutete in Richtung des Gryffindor-Tischs. Auch dort standen Schüler in Gruppen um jede verfügbare Zeitung. Wenn ihre Blicke hätten töten können, hätte das Haus Slytherin in diesem Augenblick aufgehört zu existieren, und die Mienen der Ravenclaws und Hufflepuffs wirkten kaum weniger bedrohlich. Die feine Linie, die Slytherin schon lange von den übrigen Häusern trennte, wurde zusehends zur Front.

„Darf ich mal kurz haben?“, fragte Roy und nahm der entgeistert die Gryffindors anstarrenden Patricia die Zeitung aus der Hand.

Er überflog den Bericht auf Seite 3, der unter dem Titel Granger-Weasleys große Vision die Rede der Ministerin inhaltlich im Großen und Ganzen korrekt zusammenfasste, dabei allerdings vor servilen Lobhudeleien, die sich der Tagesprophet seit Hermines Amtsantritt in allen Berichten über die Ministerin angewöhnt hatte, nur so strotzte.

Auf Seite 4 zog Heribert Prantice blank:

IST ES SCHON WIEDER SO WEIT?

Im kommenden Mai jährt sich der Sieg über Lord Voldemort und seine Todesser zum zwanzigsten Mal. Dass ein solcher Mann, ein solches Regime und eine solche Ideologie nie wieder die Chance bekommen würden, Magier und Nichtmagier zu unterjochen, dessen waren wir alle uns sicher.

Seit gestern wissen wir: Wir waren uns zu sicher!

Die Ereignisse des gestrigen Tages haben uns belehrt, dass das Todessertum sich nach wie vor, einem Krebsgeschwür gleich, durch die Zaubererwelt frisst, und dies nicht an irgendeiner Stelle, sondern an der empfindlichsten: in Hogwarts!

Gerade dort, wo künftige Generationen von Hexen und Zauberern herangebildet werden, im Herzen unserer magischen Zivilisation, hat der Tumor sich eingenistet. Gerade dort wo, wie wir alle glaubten, Toleranz und Offenheit als Selbstverständlichkeiten gelernt werden, erhebt der überwunden geglaubte Ungeist sein widerwärtiges Haupt. Gerade dort, wo junge Menschen beherzt in die Zukunft blicken sollten, haben unbelehrbare Ewiggestrige die Kontrolle übernommen. Über Hogwarts? Nein, aber immerhin über Slytherin.

Mit den gestrigen Tag hat das Haus Slytherin den Vertrauensvorschuss, der ihm ungeachtet der Vergangenheit großherzig gewährt worden war, restlos verspielt. Alle, die sich für das neue, das bessere Slytherin verbürgt hatten, angefangen bei der Schulleiterin, stehen seit gestern blamiert als naive, bornierte und sentimentale Einfaltspinsel da, die aus falsch verstandener Toleranz und Rücksicht auf fragwürdige Traditionen zugelassen haben, dass das Todessertum wieder im jungfräulichsten Boden, den es gibt, den unschuldigen Herzen junger Menschen, Wurzeln geschlagen hat und sie schleichend vergiftet.

Professor McGonagall wird sich unangenehme Fragen gefallen lassen müssen: Wie kann es sein, dass ein MacAllister Vertrauensschüler werden konnte? Wie kann es sein, dass er in Hogwarts überhaupt geduldet wird? Und wie viele Todesser treiben außer ihm noch in Slytherin ihr Unwesen?

Als Antworten auf diese Fragen erwarten wir keine pädagogischen Gemeinplätze. Wir wollen Namen! Und Taten! Bei allen Verdiensten, die Minerva McGonagall sich in der Vergangenheit zweifellos erworben hat: Wenn sie in ihrem hohen Alter die Zeichen der Zeit nicht erkennt und nicht bereit ist, diese Schlangengrube auszuräuchern, dann steht mehr zur Disposition als nur ihr Posten. Dann ist vielmehr zu fragen, ob die tradierte Hogwarts-Autonomie, unter deren Schutz nunmehr zum wiederholten Mal die dunkle Seite der magischen Welt zum Schlag gegen die helle ausholt, überhaupt noch zeitgemäß ist.

Zu lange haben wir an eine Fata Morgana geglaubt, auf Sirenenklänge gehört, die Menetekel übersehen. Jetzt holt die Wirklichkeit uns unerbittlich ein. Ist es wirklich, nach kaum zwanzig Jahren, wieder so weit, dass wir einen Krieg, einen Kampf auf Leben und Tod führen müssen? Ja, es ist so weit.

 

„Wie schade, dass ein so talentierter Schreiber einen so miesen Charakter hat“, sagte Roy zu Julian, der über seine rechte Schulter hinweg mitgelesen hatte. „Danke, Patricia!“ Er gab ihr die Zeitung zurück.

„Kennst du irgendeinen talentierten Schreiber, bei dem das anders ist?“, rief Orpheus ihm von links ins Ohr.

„Ja“, antwortete Roy. „Dich!“

Er hatte keine Zeit mehr, auf Orpheus‘ geschmeicheltes Lächeln zu achten, er horchte auf. Der allgemeine Lärm schien, zunächst fast unmerklich, einen Rhythmus zu bekommen. Einen Drei-Silben-Rhythmus mit einem hässlichen Zischen, der sich immer deutlicher aus dem Stimmengewirr herausschälte. Irgendwelche Leute skandierten etwas. Roy drehte sich wieder zu den Gryffindors um. Der Sprechchor schien von zwei Gruppen in der Mitte ihres Tisches auszugehen, um dann nach beiden Richtungen auf immer neue Gruppen von Schülern überzuspringen, die alle mit wutverzerrten Mienen zu den Slytherins herüberstierten. Je mehr von ihnen einfielen, desto deutlicher war er zu verstehen:

„Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser…“

Wie eine Feuersbrunst griff der Sprechchor nun auch auf die Hufflepuffs und Ravenclaws über:

„Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser…“

Die älteren Slytherins sahen mit ungläubigem Entsetzen, wie ihre Mitschüler zu einem vielhundertköpfigen, bellenden Ungeheuer zusammenzuwachsen schienen, da schrie Arabella plötzlich: „Die Kleinen!“

Die Jüngeren, von denen die meisten am anderen Ende des Tischs saßen und sich ohne Vorwarnung und ohne zu wissen, wie ihnen geschah, von immer neuen Hasswellen überspült sahen, rückten angstvoll zusammen. Einige Mädchen fingen an zu weinen und klammerten sich aneinander. Albus nahm Jennifers Hand, als könnte er sie dadurch schützen. Er fühlte sich an die Hasswellen erinnert, die er an Hermine empfunden hatte, aber diese hier, von hunderten Menschen gleichzeitig ausgehend, waren hitziger, brutaler.

„Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser! – Tod-esser…“

Angeführt von Arabella stießen zunächst einige Mädchen der höheren Klassen zu den Kleinen, um sie in die Arme zu nehmen, dann folgten alle Älteren und stellten sich schützend vor sie.

„Zauberstäbe steckenlassen!“, brüllte Roy, als einige Slytherins in ihre Umhänge griffen. Wann endlich griff McGonagall ein?

Roy sah sie bleich und fassungslos am Lehrertisch stehen. Endlich gewann sie ihre übliche Geistesgegenwart wieder, griff beherzt nach ihrem Stab und schleuderte Blitz und Donner in den Saal. Die plötzliche Stille hatte nach dem ohrenbetäubenden Krach etwas Unwirkliches.

„Einhundert Punkte Abzug für Gryffindor“, sagte sie mit eisiger Stimme, „und je fünfundsiebzig für Hufflepuff und Ravenclaw. Und erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen das noch erkläre. Sie sollten sich schämen! Setzen!“

Und alles setzte sich. Nur die Slytherins, zusammengedrängt um ihre Jüngsten, blieben zunächst stehen.

Am Hufflepuff-Tisch jedoch stand einer auf. Ein blonder Erstklässler, der, zuerst zögernd, dann immer entschlossener, zum Tisch der Slytherins hinüberging, deren ältere Schüler verblüfft zur Seite traten, um ihn durchzulassen. Es war Bernard Wildfellow. Schweigend setzte er sich neben Albus.

Die meisten Großen kehrten allmählich wieder zu Ihren Plätzen zurück. Arabella und ihre Freundinnen blieben bei den Erst- und Zweitklässlern sitzen, während Roy und Patricia leise beratschlagten.

Der Lärmpegel schwoll sofort wieder an, nur ohne Sprechchöre. Nach wenigen Sekunden herrschte wieder lautstarkes Stimmengewirr, und wütende Zurufe flogen zwischen den Slytherins und den anderen Häusern hin und her.

„Wenn McGonagall glaubt, dass es damit getan ist, hat sie sich geschnitten“, knurrte Roy. „Wir können das Verhalten der anderen Häuser nicht auf sich beruhen und schon gar nicht die Lügen des Tagespropheten auf uns sitzen lassen. Wir müssen uns beraten und sofort reagieren! An Unterricht ist für uns heute Vormittag nicht zu denken!“

Er stapfte nach vorne, ohne sich um die Pöbeleien der Ravenclaws, an denen er vorbeimusste, zu kümmern. Albus sah, dass Roy, unter temperamentvollen Gesten und mit dem Zeigefinger heftig auf den Tagespropheten einstechend, offenbar versuchte, die Schulleiterin zu etwas zu überreden, was diese energisch ablehnte. Nach einigen Minuten kehrte er zum Haustisch zurück, seiner verdrossenen Miene nach zu schließen erfolglos.

„Und?“, hörte Albus Patricia fragen, als er in seiner Nähe wieder zu ihr stieß.

„Sie weigert sich! Den Jüngeren würde sie den Vormittag freigeben, aber uns nicht! Weißt du was? Das ist mir jetzt vollkommen gleichgültig, was McGonagall genehmigt oder nicht genehmigt!“, rief Roy erregt. „Ich gebe jetzt bekannt, dass Slytherin den Unterricht bis Mittag boykottiert und dass wir…“

„Das wirst du nicht tun!“, herrschte Patricia ihn an.

„Hätte ich mir denken können, dass du wieder kalte Füße kriegst!“, raunzte Roy zurück. „Haste Angst um deine Karriere?“

Patricia funkelte ihn an, als würde sie ihm gleich eine kleben. „Um dich habe ich Angst, du Idiot!“

Arabella, die keine zwei Plätze weiter saß, horchte auf.

„Wenn du das jetzt machst, riskierst du nicht nur deinen Vertrauensschülerposten, sondern fliegst womöglich von der Schule!“

„Na und? Lieber in Ehren fliegen als jetzt nichts zu tun!“

„Ich sage nicht, dass wir nichts tun, sondern dass du es nicht tun wirst! Ich nehme es auf meine Kappe! Ich bin viel weniger angreifbar als du!“

Du???“ Mit einem Mal sah Roy überhaupt nicht mehr intelligent aus.

„Trauste mir wohl nicht zu, was?“, grinste sie ihn schelmisch an, stellte einen Fuß auf die Sitzfläche des nächsten Stuhls und flüsterte vor sich hin: „Ich trau’s mir ja selber kaum zu.“

Roy sah fassungslos, wie ausgerechnet Patricia, die er so gerne als „Hermies Musterschülerin“ verspottete und die vermutlich noch nie in ihrem Leben etwas Verbotenes getan hatte, den Slytherin-Haustisch erklomm und unter dem Wort „Sonorus“ den Zauberstab an ihre Kehle führte. Das Stimmengewirr erstarb. Alle starrten sie an, als sie mit zitternden Knien, aber fester Stimme verkündete:

„Das Haus Slytherin wird am Vormittagsunterricht nicht teilnehmen!“ Empörtes Gemurmel erfüllte den Saal. „Wir werden die Lügen und die Hetze des Tagespropheten nicht auf sich beruhen lassen!“

Pfiffe und Buhrufe von den Gryffindors.

„Wir haben Beratungs- und Entscheidungsbedarf. Außerdem protestieren wir damit gegen das niederträchtige Verhalten der anderen Häuser!“

Die Schüler der anderen Häuser sprangen und schrien auf, aber nicht laut genug, um Patricia zu übertönen.

„Alle Slytherins werden die Große Halle unverzüglich verlassen und sich im Gemeinschaftsraum versammeln! Vielen Dank!“

Als sie herunterstieg, half Roy ihr zunächst – für seine Verhältnisse ungewöhnlich galant – vom Tisch, nahm sie in die Arme und drückte ihr einen Schmatzer auf die Wange.

„Patty, das vergesse ich dir nie! Dafür darfst du mich ein Leben lang ‚Schlammblut‘ nennen!“

Sie lachte laut auf und erwiderte, nicht ohne ein kokettes Zwinkern:

„Pass auf, was du sagst! Unser Leben könnte ziemlich lang werden.“

Als sie sich umdrehte, um zum anderen Ende der Tafel zu gehen, lächelte Roy ihr nach, bis sein Blick sich mit dem Arabellas kreuzte, die dreinschaute, als würde sie gleich einen Mord begehen. Er riss sich zusammen.

Das Geschrei war schnell wieder zum Gemurmel zusammengesunken. Patricias Geste schien Eindruck zu machen. Nach und nach blickten alle, außer den Slytherins, die sich sammelten, auf McGonagall. Sie hatte allein den Gryffindors einhundert Punkte abgezogen, sie konnte die Slytherins unmöglich davonkommen lassen!

„Miss Higrave!“, rief sie plötzlich scharf. Patricia schluckte sichtbar.

„Ja bitte?“

„Wenn Slytherin jetzt die Große Halle verlässt und bis mittags dem Unterricht fernbleibt, so ist dies – genehmigt.“

„Vielen Dank, Frau Professor.“

Fast alle Slytherins standen jetzt bereit zu gehen. Nur ein einziger Schüler war mit hängenden Schultern am Slytherin-Tisch zurückgeblieben.

„Bernie!“, rief Roy ihm zu. „Brauchst du eine Sondereinladung? ALLE Slytherins!“

Bernie strahlte, sprang auf, rief „Ich komm schon!“ und schloss eilends zu den anderen auf, als befürchtete er, Roy würde es sich womöglich noch anders überlegen.

Auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum holte er Roy ein.

„Gehöre ich jetzt doch hierher?“

Roy zögerte. „Ich bezweifle immer noch, dass du auf die Dauer in Hogwarts glücklich wirst. Aber du bist eindeutig ein Slytherin.“

„Warum?“

„Weil du nicht mit den Wölfen heulst.“

Er wandte sich zu Patricia, die neben ihm ging: „Was war das eigentlich eben? So kenne ich dich ja gar nicht, aber du darfst ruhig so weitermachen, es steht dir gut“, grinste er.

„Nur weil ich mich im Gegensatz zu dir nicht mutwillig mit Gott und der Welt anlege“, versetzte sie in kühlem Ton, der freilich dadurch dementiert wurde, dass sie ebenfalls grinste, „bin ich noch lange keine, die – wie sagtest du doch eben so schön? – ‚mit den Wölfen heult‘. Ich versuche mich vernünftigerweise anzupassen, ja, aber wenn man mich zwingt, kann ich auch anders. Und ich werde nicht nach vierzehn Generationen Higraves die Erste sein, die sich bieten lässt, dass mein Haus und das aller meiner Vorfahren mit Dreck beworfen wird!“

Sie schwiegen eine Weile. Als sie die letzte Treppe zu den Slytherin-Räumen hinabstiegen, sagte sie: „Du hattest übrigens Recht. Ich hätte Malfoy nicht melden sollen.“

„Ich glaube“, sagte Roy und schmunzelte, „das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

Sie lächelte ein wenig verwirrt, aber durchaus geschmeichelt.

 

Im Gemeinschaftsraum angelangt, ergriff Roy sofort das Wort.

„Wir müssen zwei Fragen klären: Erstens, wie verhalten wir uns gegenüber den anderen Schülern, speziell den Gryffindors…“

„Wir semmeln ihnen eine rein!“, rief jemand dazwischen, und alle lachten.

„Verdient hätten sie es“, gab Roy zu, wurde aber sofort wieder ernst. „Wir wissen nicht, ob das vorhin ein spontaner Hassausbruch war, der sich an der Berichterstattung des Tagespropheten entzündet hat und sich bis Mittag sicher gelegt haben wird, oder ob es geplant war und wir mit weiterem Psychoterror oder sogar mit Gewalt rechnen müssen. Ich hatte das Gefühl, dass das Geschrei von einem harten Kern ausging, aber sicher bin ich mir nicht.“ Albus hob die Hand. „Ja?“

Rose – von den Gryffindors“, fügte er erklärend hinzu, „hat mit gestern erzählt, dass Hermine, ich meine die Ministerin, die Gryffindors gestern noch in ihrem Gemeinschaftsraum besucht hat. Sie sagte, sie hätte ihnen ‚Tipps‘ gegeben.“

„Tipps?“ Roy runzelte die Stirn. „Was für Tipps denn?“

„Das habe ich sie auch gefragt“ antwortete Albus, „aber sie meinte, es hätte nichts mit mir zu tun, deshalb habe ich nicht weiter nachgehakt. Jetzt glaube ich aber, sie meinte nur, dass es nichts mit mir persönlich zu tun hatte, und dass sie damit sagen wollte, es hatte etwas mit Slytherin zu tun.“

„Würde ihnen ähnlich sehen“, brummte Roy. „Den Satz ‚Das hat nichts mit dir persönlich zu tun‘ habe ich schon hundert Mal gehört, und immer dann, wenn sie über Slytherin herzogen.“

„Moment mal“, warf Patricia ein, „das hieße ja, dass die Ministerin höchstpersönlich ihr ehemaliges Haus gegen uns gehetzt – und dabei noch selbst strategische Anweisungen für den Psychokrieg erteilt hätte?“

„Auszuschließen ist es jedenfalls nicht.“

„Roy, das ist doch absurd! Eine Zaubereiministerin, die persönlich einen Schüler-Kleinkrieg anzettelt? Tut mir leid, aber so etwas glaube ich einfach nicht!“

„Patty, mir scheint, du wirst rückfällig“, frotzelte Roy, sah sie dabei aber beinahe liebevoll an. „Hast du Prantices Kommentar nicht gelesen? Den muss der Chefredakteur abgesegnet haben, und Northwood druckt bei wichtigen Themen nichts, was gegen die Linie des Ministeriums verstößt. Jede Wette, dass zumindest der Tenor mit der Ministerin abgestimmt war. Ja, sie hängt das Thema hoch genug, dass man ihr zumindest zutrauen muss, die Gryffindors für einen Kleinkrieg einzuspannen, der für sie ja so klein gar nicht ist. Wie hat Prantice geschrieben? ‚Ein Kampf auf Leben und Tod‘.“

Die Slytherins schwiegen bedrückt.

„Und was machen wir nun?“, fragte schließlich einer aus dritten Klasse.

Roy holte tief Luft.

„Was ich jetzt sage, sind reine Vorsichtsmaßnahmen, vielleicht sehe ich ja wirklich Gespenster und es löst sich alles in Wohlgefallen auf. Dies vorausgeschickt, gilt bis auf Weiteres: Niemand geht allein durchs Haus oder über das Gelände, bleibt immer in möglichst großen Gruppen zusammen, und wenn irgend möglich, sollten immer zwei oder drei Ältere dabei sein. Lasst euch nicht provozieren! Wenn sie euch blöd kommen, ignoriert sie, so gut ihr könnt. Zieht nie, nie, nie als erster den Zauberstab! Außer wenn ihr um Hilfe rufen und mit ‚Sonorus‘ eure Stimme verstärken müsst. Die Älteren zeigen nachher den Jüngeren, wie das geht. Versucht, immer in Sichtweite eines Lehrers zu sein. Das war’s. Noch Fragen?“

Niemand meldete sich.

„Gut. Dann zum zweiten Thema, dem Tagespropheten und wie wir auf seine Lügen reagieren.“

Er zerpflückte noch einmal sorgfältig jede einzelne Lüge des Tagespropheten, da die meisten bei Hermines Rede in den hinteren Reihen gesessen und nicht alles mitbekommen hatten, was sich vorne abspielte. Dann fuhr er fort:

„So, und jetzt greifen alle – außer den rein Muggelstämmigen – zu Pergament und Feder und schreiben einen Brief an ihre Eltern. Es ist unbedingt wichtig, dass sie erfahren, wie es wirklich war, und zwar auf der Stelle, bevor die Lesart des Tagespropheten sich in den Köpfen festsetzt. Allein schon, damit sie etwas in der Hand haben, wenn sie von ihren Freunden, Kollegen und Vorgesetzten schwach angeredet werden. Das gilt vor allem für die, die im Ministerium arbeiten und von der Ministerin mehr oder weniger abhängig sind.“

„Bringt das denn etwas?“, wollte Macnair wissen. „Unsere Eltern sind doch nur eine Minderheit unter den Lesern des Tagespropheten.“

„Ich würde schätzen, sie stellen ungefähr ein Zehntel der Leserschaft, das ist nicht wenig. Das ist der Vorteil an einer kleinen Welt wie unserer. Wenn eine Muggelzeitung oder gar das Fernsehen lügt, geht ein Protest in der riesigen Masse ihrer Leser und Zuschauer einfach unter. Bei uns sind zweihundert Briefe schon eine richtige Kampagne. Ach ja, und erwähnt ruhig auch das schäbige Verhalten unserer lieben Mitschüler!“

Scorpius fragte:

„Soll ich meinem Vater ins Ministerium schreiben oder lieber nach Hause?“

Roy überlegte kurz. „Wenn du eine sehr schnelle Eule hast, die es noch bis Dienstschluss schafft, dann unbedingt ins Ministerium – kann gar nicht schaden, den Laden mal aufzumischen. Sonst nach Hause.“

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