7 – Versöhnung mit den Gryffindors?

 

Albus ging als einer der letzten Slytherins zum Mittagessen, da die anderen es nach Ablauf der zwei Stunden, die McGonagall sie in ihre Gemeinschaftsräume verbannt hatte, sehr eilig gehabt hatten, zu Tisch zu kommen. So kamen ihm aus der Großen Halle schon zahlreiche Schüler entgegen, als er dort ankam.

„Hallo Albus!“, sprach jemand ihn an. Es war Victoire, die für ihn ihr breitestes Veela-Lächeln aufgesetzt hatte.

„Nanu?“, fragte er verdutzt und fuhr mit sachter Ironie fort: „Du erinnerst dich an meinen Namen? Ich dachte, bei euch heiße ich nur noch Slytherin.“

„Ich hoffe, du bist deswegen nicht mehr eingeschnappt. Ewig kann das ja nicht so weitergehen, dass wir nicht miteinander reden.“

„Es hätte gar nicht erst anfangen dürfen“, versetzte Albus knapp. „Trotzdem herzlichen Glückwunsch zu deiner Einsicht.“

Auf Victoire war er besonders schlecht zu sprechen. Er fand, sie als Ältere und noch dazu Vertrauensschülerin hätte vernünftiger sein und den anderen ins Gewissen reden sollen, statt sich an ihrem kindischen Boykott zu beteiligen. Außerdem erinnerte er sich noch zu deutlich an die zehn Punkte, die sie Slytherin seinetwegen abgezogen hatte. Erwartete sie jetzt etwa, dass er ihr unter Freudentränen um den Hals fiel?

„Entschuldige, aber ich habe Hunger. Mach’s gut!“, rief er ihr im Weitergehen zu.

„Wir sehen uns“, erwiderte sie.

Nicht, wenn ich’s verhindern kann! dachte Albus, trat durch das Portal und steuerte auf den Slytherin-Tisch zu, an dem nur noch wenige Schüler saßen, darunter allerdings Scorpius, der sich beim Essen offenbar Zeit gelassen hatte.

„Na endlich“, begrüßte ihn Scorpius. „Ich dachte schon, du kämst nicht mehr.“

„Musste ein bisschen nachdenken. Jetzt habe ich aber richtig Kohldampf.“ Und er lud sich eine Riesenportion Spaghetti auf den Teller und wickelte den ersten Bissen auf seine Gabel. Als er sie zum Mund führen wollte, tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Es war James.

„Hallo Al“, grinste dieser ihn an.

„Hallo Gryffindor“, raunzte Albus zurück. Sein Groll auf seinen Bruder war kaum geringer als der auf Victoire. Außerdem hatte er jetzt wirklich Hunger, und der Duft seiner Spaghetti wuchs sich mit jeder Sekunde, die er sie nicht essen konnte, zur reinsten Folter aus.

James tat, als hätte er es nicht gehört. „Ich treffe mich nachher mit ein paar Freunden zum Quidditch. Kein offizielles Spiel, nur zum Spaß, aber wir haben das Stadion für uns. Wie ist es, hast du Lust?“

Albus blickte erstaunt zu ihm auf. Noch nie hatte sein Bruder ihn eingeladen mitzukommen, wenn er etwas mit seinen Freunden unternahm. Noch vor zwei Wochen wäre er über eine solche Einladung entzückt gewesen. Aber in diesen zwei Wochen hatte sich allzu viel verändert.

„Das ist sehr nett von dir“, sagte er schließlich höflich. „Vielen Dank, aber ich habe heute etwas Anderes vor. Ein andermal vielleicht.“

„Na gut, wenn du es dir noch anders überlegst, findest du uns im Stadion“, antwortete James leicht pikiert und ging. Endlich konnte Albus sich die Spaghetti in den Mund schieben.

„Das war jetzt schon der zweite heute“, nuschelte er mit vollem Mund in Richtung Scorpius.

„Der zweite was?“

„Der zweite aus meiner lieben Familienbande, der plötzlich wieder mit mir redet. Victoire hat mich auch schon angesprochen.“

„Freu dich doch“, meinte Scorpius. „Du hast doch die ganze Zeit darunter gelitten, wie sie mit dir umgegangen sind.“

Albus, aus dessen Mund wieder Spaghetti hingen, grunzte unbestimmt.

„Was ist das eigentlich, was du heute noch vorhast?“, fragte Scorpius interessiert.

„Ich habe gar nichts vor“, antwortete Albus, der seine Spaghetti inzwischen hinuntergeschluckt hatte. „Ich sehe nur nicht ein, dass ich springe, nur weil mein Herr Bruder sich in seiner Güte herablässt, mich herbeizuschnipsen.“

„Hast du Lust, heute Nachmittag Zauberschach mit mir zu spielen?“

„Klar, gern“, sagte Albus, der sich schon einen Nachschlag auf seinen erst halbleeren Teller lud.

„In einer halben Stunde im Gemeinschaftsraum?“

„Mhmm“, nickte Albus mit vollem Mund.

„Na, dann iss erstmal in Ruhe zu Ende“, sagte Scorpius und stand auf. „Lass in deinem Bauch noch Platz für den Nachtisch. Die Himbeercreme ist umwerfend!“ Sie nickten einander zu, und Scorpius ging hinaus.

Albus schaufelte das Essen in sich hinein, als sei ab morgen eine Hungersnot angesagt. Vom Dessert nahm er noch zwei Portionen, dann endlich war er satt. Jetzt ging es ihm besser. Er versuchte, jeden Gedanken an Tante Hermine zu verdrängen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Diese Pest müssen wir ausrotten! Was sie wohl damit meinte?

Das Grübeln tat ihm nicht gut. Schachspielen würde ihn auf andere Gedanken bringen. Er erhob sich, um zum Slytherin-Gemeinschaftsraum zu gehen. In der Eingangshalle sah er Rose, die bei seinem Anblick auf ihn zueilte.

„Hallo, Albus!“, rief sie.

Albus blieb wie angewurzelt stehen. Rose wollte er nicht so anpflaumen wie James. Trotzdem klang er schroff: „Hallo Rose, was gibt’s?“

Rose wirkte verlegen: „Ich wollte dich fragen, ob du mit mir ein bisschen spazierengehst?“

Albus sah sie entgeistert an. „Sag mal, hat Neville euch eine Art Benimmdich-Elixier in den Kürbissaft geschüttet? Du bist jetzt die dritte Gryffindor hintereinander, der urplötzlich einfällt, dass sie mit mir befreundet ist.“

„Das ist mir nicht urplötzlich eingefallen“, protestierte sie, „das war mir immer klar.“

„Ach ja? Mir nicht!“

„Ich konnte nichts machen, die Gryffindors waren alle gegen dich. Aber das kann ja so nicht ewig weitergehen!“

„Eigenartig, genau das hat Victoire auch gesagt. Wörtlich! Und wie kommt es, dass euch das allen gleichzeitig einfällt?“

Rose errötete. „Na ja… Mama hat uns vorhin noch im Gemeinschaftsraum besucht und dann mich, James und Victoire beiseite genommen und uns deinetwegen ziemlich zusammengestaucht.“

Einen Moment lang strahlte Albus. Seine Hermine hatte sich trotz ihrer vielen Verpflichtungen Zeit genommen und für ihn Partei ergriffen.

Dafür ist sie eigens zu euch in den Gemeinschaftsraum gekommen?“

„Na ja…“ Rose errötete ein wenig. „Nicht nur dafür, sie hat die Gryffindors insgesamt besucht und uns allen Tipps gegeben.“

„Was für Tipps denn?“, fragte Albus verblüfft.

Rose errötete noch ein wenig mehr. „Das hat nichts mit dir zu tun“, sagte sie hastig.

„Aha. Na gut“, meinte Albus etwas ratlos. „Aber sag mal, woher wusste sie denn, dass ihr nicht mit mir redet? Ich habe euch nicht verpetzt.“

„Das weiß ich doch. Sie wusste es von Neville.“

Von demselben Neville, der ihn vor Roy gewarnt hatte. Vor demselben Roy, in dem Hermine eine auszurottende Pest sah.

„Ich verstehe…“ murmelte er.

„Also kommst du mit?“, fragte Rose hoffnungsvoll. Und setzte, als er zögerte, nach: „Al! Wir sind doch Freunde!“

Albus überlegte. Natürlich war es verlockend, die letzten zwei Wochen mit einem ‚Schwamm drüber‘ zu erledigen und wieder mit ihr befreundet zu sein. Aber etwas in ihm sträubte sich dagegen. Etwas Undefinierbares. Was Roy wohl an seiner Stelle täte? Na klar:

„Ehrlich gesagt“, sagte er und klang ziemlich abweisend, „möchte ich keine Freunde haben, die das auf Anweisung der Zaubereiministerin sind.“

„Was heißt hier Zaubereiministerin?“ Rose war empört. „Sie ist meine Mutter!“

„Das macht es auch nicht viel besser“, antwortete er trocken. „Und Freunde, die sich zu mir wie Schweine benehmen, nur weil ALLE sich wie Schweine benehmen, und die gegen mich sind, wenn ALLE gegen mich sind, solche Freunde brauche ich nicht.“

Rose lief wieder rot an, und man wusste nicht genau, ob es Zorn- oder Schamröte war. Jetzt wurde sie zickig:

„Das hätte ich mir ja denken können, dass du so reagierst! Was soll man von einem Slytherin auch anderes erwarten?!“

Selbstverständlich sollte das eine Beleidigung sein, Albus aber erfüllte sie mit Stolz.

„Du sagst es, Rose.“

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