68 – Das Ende des Zaubererkrieges

Roy setzte zum Todesfluch an: „Avada…“

„Roy, du hast mir geschworen, keine Schwarze Magie zu treiben!“, herrschte Hermine ihn in einem Tonfall an, der nicht ihr eigener war. „Und wie oft habe ich dir eingeschärft, dass du den Zorn haben darfst, aber der Zorn niemals dich?!“

Roy ließ den Zauberstab wieder sinken, fassungslos.

Was haben Sie eben gesagt?“

Hermine schüttelte verwirrt den Kopf.

„Ich? Ich habe nichts gesagt.“

„Doch, doch!“, widersprach Roy, „Sie haben…“

Dann hob er den Blick zur Decke.

„Danke, Pater“, flüsterte er.

Er hob Hermines Fixierung auf, legte ihre beiden Zauberstäbe vor sie auf den Schreibtisch und steckte seinen eigenen wieder ein.

„Ich gehe dann“, brummte er.

Hermine starrte ihn völlig verblüfft an.

„Womit habe ich jetzt plötzlich verdient, dass Sie mich schonen?“

„Sie haben es nicht verdient“, erwiderte Roy und wandte sich zum Gehen.

„Roy?“

„Was denn noch?“, seufzte er und drehte sich noch einmal zu ihr um.

„Ich habe die Wahrheit gesagt, der Fluch ist wirklich gebrochen.“

„Ich weiß. Dass es Albus war und nicht Harry, hätten Sie nicht erfunden.“

„Und als ich vorhin gesagt habe, dass mir das, was ich getan habe, unendlich leidtut, war das sehr ernst gemeint!“

„Das glaube ich Ihnen sogar“, meinte Roy achselzuckend. „Es nützt mir nur nichts.“

„Können Sie mir verzeihen?“

Roy schüttelte den Kopf.

„Ich werde lernen müssen, ohne Arabella zu leben. Sie werden lernen müssen, mit Ihrer Schuld zu leben. Vielleicht verzeiht Gott Ihnen. Ich tue es nicht. Leben Sie wohl!“

Wieder wollte er sich zum Gehen wenden, da wurde der Raum schlagartig in grellsilbernes Licht getaucht. Roy kniff die Lider zusammen und brauchte einen Moment, um sich an die gleißende Helligkeit zu gewöhnen. Dann glaubte er seinen Augen nicht trauen zu können:

Der Patronus war eine Wölfin!

„Tu ihr nichts, mein Bärchen!“, rief Arabellas Stimme. „Der Dementor hat dich belogen, ich lebe und stehe vor der Tür! Mach auf!“

Roy sank auf die Knie und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Bitte, bitte, mach, dass das nicht wieder ein Traum ist!

Als er sich endlich traute, wieder aufzublicken und sich immer noch im Wohnzimmer Hermines knien sah, die unter Tränen lächelte, wagte er vorsichtig daran zu glauben.

„Öffnen Sie bitte die Tür. Wenn ich es tue und sie ist nicht da, verliere ich den Verstand.“

Hermine ergriff ihren alten Zauberstab und ging zur Tür:

Imperturbatio Ex!

Dann öffnete sie. Als Ersten sah sie Ron, der sie schluchzend an sich zog. An ihm vorbei drängte sich Arabella in die Wohnung und fiel Roy um den Hals, dessen Qualen der letzten sechsunddreißig Stunden sich in einem heftigen, kaum enden wollenden Weinkrampf entluden. Arabella strich ihm zärtlich durchs Haar.

„Alles ist gut, mein Bär, ich bin doch da! Niemand trennt uns.“

Während Hermine draußen vor der Tür von den zahlreichen Weasleys und Potters schier erdrückt wurde, blieb Arabella mit Roy, der abwechselnd lachte und weinte, in Hermines Wohnzimmer zurück. Allmählich beruhigte er sich wieder.

„Warum haben wir dich in Askaban nicht gefunden?“, wollte er schließlich wissen.

„Ich bin schon seit einer Woche nicht mehr in Askaban, ich war in der Gefängnisabteilung des St. Mungo. Die Heiler hatten Mitleid mit mir und ließen sich jeden Tag einen neuen Grund einfallen, mich nicht zurückzuschicken.“

„In all den Wochen war das Schlimmste der Gedanke, dass die Dementoren dich haben und das Glück aus dir herausziehen.“

„Oh, das haben sie versucht“, erwiderte Arabella unter einem seltsam schelmischen Lächeln. „Sie haben es sogar ziemlich erfolgreich versucht. Ich glaube, so viel Glück wie aus mir haben sie noch aus niemandem herausgeholt.“

„Und deswegen musstest du auch ins St. Mungo?“

„Nein, eigentlich nicht deswegen“, sagte Arabella, und ihr Lächeln wurde immer breiter. „Sie konnten Glück aus mir herauspumpen, so viel sie wollten, es wurde einfach nicht weniger. Ich hatte eine unaufhörlich sprudelnde Glücksquelle bei mir.“

„Was denn für eine?“, fragte Roy verdutzt.

„Dich, mein Bärchen.“

„Mich? Ach, du meinst das Zeichen, das ich in der Nacht eurer Verhaftung im Hof hinterließ?“

Sie schüttelte strahlend den Kopf.

„Das hat mich zwar sehr glücklich gemacht, aber das meine ich nicht.“

„Sonst war ich aber doch höchstens in einem moralischen Sinne anwesend.“

„Oh nein“, gluckste sie, „in einem sehr physischen Sinne. Physischer geht es eigentlich gar nicht! – Oh, du bist so süß, wenn du so begriffsstutzig dreinschaust!“

Roy sah in der Tat aus, als könne er nicht bis drei zählen.

„Also“, versuchte sie ihm auf die Sprünge zu helfen, „eigentlich warst nicht direkt du bei mir, aber etwas von dir, etwas Wichtiges.“

„Ja? Was denn?“

Sie schüttelte sich vor Lachen, bevor sie sich vorbeugte, ihren Mund dicht an sein Ohr führte und flüsterte:

„Dein Kind.“

„Was?“ Jetzt schaute er leicht angekifft drein, ungefähr so, als hätte sie ihn soeben mit dem Imperiusfluch belegt. Sie kicherte wieder und nickte zur Bestätigung, dass er sich nicht verhört hatte.

„Die Dementoren konnten mir nichts anhaben: Egal, wie viel Glück sie absaugten, es erneuerte sich ganz von allein. Weil ich wusste, dass ich dein Kind zur Welt bringen würde!“

„Ja, aber wenn sie dich vorher hingerichtet hätten?“

„Hätten sie nicht. Magisches Gesetz: Schwangere dürfen nicht exekutiert werden. Außerdem wusste ich, dass du mich herausholen würdest.“

„Seit wann weißt du von der Schwangerschaft?“

„Sie haben es bei der Einlieferungsuntersuchung in Askaban festgestellt. Seitdem wurde ich einmal die Woche zur Untersuchung ins St. Mungo geschickt. Zuletzt haben sie mich einfach dabehalten.“

„Es ist doch hoffentlich nichts Ernstes?“, fragte Roy erschrocken.

„Ach was, es ist überhaupt nichts! Ich sage doch, sie haben sich immer neue Vorwände ausgedacht.“

„Wann ist es soweit?“, wollte er wissen.

„Um den zehnten Oktober herum.“

„Zehnter…“ Er stutzte. „Zehnter Oktober, sagst du?“

Sie grinste. „Ein Schuss, ein Treffer.“

Sie hatten alles um sich herum ausgeblendet und nicht gemerkt, dass die Potters und Weasleys hereingekommen waren und um sie herumstanden, bis Roy jemanden an seinem Umhang zupfen fühlte.

„Habe ich das jetzt richtig verstanden?“, fragte Albus ihn aufgekratzt. „Ein kleiner MacAllister ist im Anmarsch?“

Roy umarmte ihn und hob ihn sogar hoch. „Yep! Und wenn es ein Junge wird, heißt er Albus!“ Dann erst fiel ihm ein, dass er wohl Arabella fragen sollte, die ihm aber nur lachend zunickte.

„Wie kommt es eigentlich, dass ihr alle vor der Tür gestanden habt?“, fragte Roy.

„Wir warteten im Fuchsbau auf Hermine“, erzählte Albus. „Als sie nicht kam, kehrten wir alle ins Ministerium zurück und trafen dort Arabella – Susan Bones hatte nach ihr geforscht und sie aus dem St. Mungo holen lassen. Dann sind wir alle hierher. Als wir merkten, dass die Tür mit einem Imperturbatio gesichert war, wussten wir, dass du mit Hermine drin sein musstest. Gott sei Dank ist Arabellas Patronus noch rechtzeitig gekommen.“

„Ist er nicht“, warf Hermine ein. „Als der Patronus erschien, hatte Roy seinen Plan schon von sich aus aufgegeben, sonst wäre es zu spät gewesen.“

Roy ging auf Hermine zu.

„Trotzdem bin jetzt ich derjenige, der Sie um Verzeihung bitten muss. Ich habe Sie gequält, das tut mir leid.“

„Sie waren selber ein Gequälter“, antwortete sie sanft. „Wie wäre es, wenn wir uns einfach gegenseitig verzeihen würden?“

Zur allseitigen Überraschung fielen sie einander in die Arme, die Ministerin und ihr erbittertster Gegner, der beinahe ihr Mörder geworden wäre.

„Siehst du, Roy?“, strahlte Albus, als sie sich losließen. „Ich habe es dir immer gesagt: So ist sie wirklich!“

Roy lächelte. „Deine beste Freundin und der klügste und liebenswerteste Mensch, den du kennst, Al, ich weiß. Du hast so fest an sie geglaubt, dass ich gar nicht anders konnte, als ebenfalls daran zu glauben – nur in den letzten sechsunddreißig Stunden wollte ich es nicht mehr wissen.“

„Deine beste Freundin?“, fragte Rose leicht pikiert.

„Nur unter den Erwachsenen“, beschwichtigte Albus sie.

Hermines Augen flitzten zwischen beiden hin und her.

„Mein Kind, Voldemort hat deine Briefe nicht gelesen, damit ich sie nicht lesen konnte. Gibt es etwas, das ich als Mutter wissen sollte?“

„Es stand auch nicht in meinen Briefen.“ Rose schlug etwas verschämt die Augen nieder. „Ich traute mich nicht, dir zu schreiben, dass ich ausgerechnet mit einem Unbestechlichen…“ – sie lief rot an und warf Albus einen schnellen Blick zu – „…nun ja, gehe.“

„A propos – wo sind eigentlich die Unbestechlichen?“, fragte Roy.

„Die warten noch in… im Versteck. Sie trauten der Aufhebung der Haftbefehle nicht ganz.“

„Dann wollen wir sie mal holen.“ Er zog den Zauberstab. „Expecto Patronum!“

Während der wahrscheinlich eindrucksvollste Patronus in der Geschichte der Zauberei sich auf den Weg nach Rockwood Castle machte, fragte Harry Roy und Arabella:

„Sagt mal, ihr beiden, wie stellt ihr euch das eigentlich vor mit einem Kind? Ihr seid noch Schüler, und nächstes Jahr habt ihr eure UTZ-Prüfungen! Wovon wollt ihr leben?“

„Das dürfte wohl das geringste Problem sein“, mischte George sich ein. „Ron und ich haben während unseres Arrests viel nachgedacht. Wir haben ein Angebot für dich“, wandte er sich an Roy, der fragend die Brauen hochzog.

„Du meldest magische Patente auf deinen Muggelbesen und deine Wasseruhr an“, erläuterte George. „Wir produzieren sie in Lizenz, und du kassierst die Lizenzgebühren. Wenn wir das vermarkten, werden es Renner, das verspreche ich dir. Davon kannst du notfalls zehn kleine MacAllisters ernähren.“

„Ihr habt aber doch hoffentlich nicht vor“, fragte Roy misstrauisch, „den Muggelbesen in der Muggelwelt zu verkaufen?“

„Um Gotteswillen, nein!“, beeilte George sich zu versichern. „Nur für Squibs. Die Muggel werden auch weiterhin mit ihrer eigenen Technik auskommen müssen.“

„Dann gerne“, strahlte er.

„Hast du noch mehr in petto?“

„Zauberspiegel, die wie Handys benutzt werden können“, erwiderte Roy. „Ich bin noch nicht ganz fertig damit, bis jetzt schaffe ich nur permanente Konferenzschaltungen, aber die haben sich in Askaban bewährt, das andere werde ich noch austüfteln.“

George, der vor seinem geistigen Auge schon die Galleonen regnen sah, grinste zufrieden. „Sobald du deine UTZ hast, wartet ein üppig bezahlter Job als Entwicklungschef auf dich. Nicht, dass dich noch die Konkurrenz abwirbt!“

Nun mischte Hermine sich ein: „Trotzdem sehe ich immer noch nicht, wie ihr zur Schule gehen und euer Kind großziehen wollt. Oder soll es wieder so laufen wie üblich – die Frau bleibt zu Hause, damit der Mann Karriere machen kann?“

„Selbst wenn es so wäre“, versetzte Arabella spitz, „ginge es das Zaubereiministerium nichts an.“

„Es wird aber nicht so sein“, vernahm man nun eine autoritätsgewohnte Stimme. Minerva McGonagall, von Harry per Zauberspiegel herbeigerufen, hatte unbemerkt den Raum betreten. Alle drehten sich zu ihr um.

„Ich werde nicht zulassen, dass zwei meiner besten Schüler ihre UTZ nicht machen können, nur weil sie ein Kind haben. Hogwarts ist groß genug, dass wir Ihnen eine kleine Wohnung zur Verfügung stellen können. Und den Unterricht können Sie notfalls abwechselnd besuchen. Wie sagten Sie doch so schön, Mister MacAllister? Der Unterricht findet auch ohne Sie statt, und wenn Sie gefragt werden, wissen Sie alles?“

Roy grinste.

„So ist es, Frau Professor. Vielen Dank für die Unterstützung!“

Nun stürmten die übrigen Unbestechlichen – Ares, Julian, Orpheus, Scorpius und Bernie – zur Tür herein, fielen zuerst Arabella um den Hals und ließen sich dann von Roy erzählen, was alles passiert war.

An der Stelle angelangt, an der Hermine ihm versicherte, dass sie nicht mehr unter dem Fluch stehe, wollte Roy von Albus wissen:

Hermine hat erwähnt, dass du derjenige warst, der Voldemorts Fluch gebrochen hast. Wie hast du das eigentlich gemacht?“

„Gar nicht. Ich habe nur denjenigen zu Hilfe gerufen, der Voldemort dann tötete und seinen Fluch brach.“

„Ach ja? Wen denn?“

Salazar Slytherin.“

Auf die konsternierten Blicke der Unbestechlichen hin fügte er hinzu:

„Ein Teil seiner Seele wohnt in der Schlange, die unseren Gemeinschaftsraum bewacht. Diese Schlange konnte ich zu Hilfe rufen, weil ich… ehrlich, ich will nicht angeben, aber er hat es mir gesagt… Ich konnte sie rufen, weil ich Slytherins Erbe bin.“

„Slytherins Erbe?“, fragte Roy ungläubig.

„Ursprünglich war es mein Vater – bis er sich für Gryffindor entschied.“

Ares fand seine Sprache als erster wieder und meinte mit einer gewissen Selbstgefälligkeit:

„Siehst du, Al, ich habe es doch immer gesagt: Mehr Slytherin als du kann man gar nicht sein!“

Während die Gespräche weitergingen, setzte Albus sich neben Rose aufs Sofa, legte den Arm um sie und genoss das Gefühl, rundum glücklich zu sein. Er hatte weder seinen Vater noch Hermine noch Roy verloren, seine Eltern, die Weasleys und die Unbestechlichen waren frei, Arabella am Leben und Rose seine Freundin. Alles war gut.

Alles?

Er sah Roy wieder auf Hermine zugehen.

„Eine Frage noch, Frau Ministerin“, sagte Roy.

„Für Sie Hermine. Oder finden Sie immer noch, wir sollten einander nicht beim Vornamen nennen?“, fragte sie und klang fast gekränkt.

Roy zögerte einen Moment, lächelte dann aber doch:

Hermine… Wie viel von Ihrer Politik beruhte wirklich auf Voldemorts Ideen, wie viel auf Ihren eigenen?“

Schlagartig wurde es still, und einige Weasleys verdrehten die Augen. Wollte Roy wirklich in diesem Moment über Politik diskutieren?

„Die Ziele“, erwiderte Hermine, „waren meine eigenen, zu den Methoden hätte ich ohne Voldemorts Einfluss nicht gegriffen.“

„Heißt das, Sie wollen diese Politik fortsetzen, nur ohne Amasi und Dementoren?“

Hermine schwieg eine Weile. Sie war immer noch angeschlagen und konnte ihre Gedanken nicht so schnell sortieren wie üblich. Roy wartete geduldig, bis sie leise antwortete:

„Ich werde viel nachdenken müssen. Ich glaube immer noch, dass die Öffnung zur nichtmagischen Welt viele Vorteile für beide Seiten brächte, und ich glaube immer noch nicht, dass Ihre Ideen mir besonders sympathisch sind, Roy…“

„…was vielleicht damit zusammenhängt, dass Sie sich nie die Mühe gemacht haben, sie kennenzulernen.“

„Ich komme gerne auf Ihr früheres Angebot zurück, darüber zu sprechen. Eines habe ich aber begriffen: Ohne Amasi und Dementoren“, – sie räusperte sich –, „und ohne den Imperiusfluch gegen Northwood und Prantice könnte ich diese Politik nicht durchsetzen, denn selbstverständlich ist mir klar, dass ich eine riesige Mehrheit gegen mich habe, sobald Allen bewusst wird, dass dieses Projekt auch Schattenseiten hat. Ich stehe zu meinen Ideen, aber ich glaube nicht, dass ich das Recht habe, die magische Gemeinschaft zu ihrem Glück zu zwingen. Ich kann auch über das, was geschehen ist, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen… Ich werde zurücktreten.“

Alle starrten sie entgeistert an.

Hermine?“, fragte ihr Mann schließlich besorgt, als befürchte er, sie könne einer Geisteskrankheit anheimgefallen sein.

„Das ist mein Ernst, Ron. Ich will keine Politik machen, die einen Bürgerkrieg ebenso voraussetzt wie zur Folge hat. Ich will keine Politik machen, die nur funktioniert, wenn die Slytherins entweder korrumpiert oder kriminalisiert werden. Ich will, dass der Zauberer-Bürgerkrieg endlich beendet wird.“

„Er ist seit zwanzig Jahren beendet“, entgegnete Ron.

„Eben nicht. Wenn es so wäre, wäre es nicht möglich gewesen, einen Teil der Gesellschaft zum öffentlichen Feind zu erklären und damit Politik zu machen. Wir haben ihn nie beendet, Ron.“

„Ja, aber wer soll denn dein Nachfolger werden?“, fragte Ron besorgt.

„Tja“, erwiderte Hermine und wandte sich – nicht ohne Schadenfreude – Harry zu. „Jetzt wirst wohl du in den sauren Apfel beißen müssen, Harry!“

„Oh nein“, stöhnte dieser.

„Oh doch!“, warf Roy nun energisch ein. „Hermine hat es auf den Punkt gebracht: Der Magische Staat, die magische Welt kranken daran, dass sie immer noch im Bürgerkriegsmodus sind. Wer soll diesen Krieg beenden, wenn nicht du, Harry – ein Gryffindor, der Slytherins Erbe war?“

Dem ließ sich schwer wiedersprechen.

„Aber wenn Sie Minister werden“, wandte sich Bernie schüchtern an Harry, „gilt denn dann meine Sondergenehmigung für Hogwarts noch?“

Harry beruhigte ihn: „Ich werde sie bestimmt nicht aufheben.“

„Ich fürchte“, schaltete sich nun McGonagall ein, „darauf kommt es nicht mehr an, Mister Wildfellow. Ich habe lange mit Ihrem Vater gesprochen. Nachdem Sie verschwunden waren, fand er, dass es in der magischen Welt allzu rau und wild zugeht. Er war außer sich, dass Sie in den Untergrund gegangen waren, und sagte, Sie seien bei uns zum Extremisten geworden…“

„Typisch Politiker“, knurrte Roy dazwischen. „Sie selber kehren das Unterste zuoberst, aber Extremisten sind immer die Anderen…“

McGonagall schmunzelte und fuhr fort:

„Ich habe Ihrem Vater gesagt, dass Sie trotz Ihrer jungen Jahre imstande waren, eine eigenständige moralische Entscheidung zu treffen und zu verantworten. Und dass er, selbst wenn ihm die Entscheidung nicht gefällt, ebenso stolz darauf sein sollte, Sie zum Sohn zu haben, wie ich es bin, Sie zum Schüler zu haben.“

Das haben Sie ihm gesagt?“, strahlte Bernie.

„Ich habe nur die Wahrheit gesagt“, antwortete McGonagall, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich glaube aber, nachdem er es aus dieser Sicht sah, war er wirklich ein bisschen stolz. Trotzdem verlangte er von mir, Sie zurückzuschicken, sobald Sie wieder auftauchen.“

„Sofort?“, fragte Bernie entsetzt.

„So wollte er es. Ich konnte ihn glücklicherweise überreden, Sie wenigstens noch dieses Schuljahr in Hogwarts beenden zu lassen.“

Bernie starrte traurig vor sich hin.

„Es wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein…“

„Ich habe Ihrem Herrn Vater gesagt, dass Sie ein in vieler Hinsicht hochtalentierter Schüler sind, aber ich konnte und durfte ihm nicht verschweigen, dass Sie nun einmal nicht zaubern können. Ich bin den Eltern meiner Schüler Rechenschaft schuldig und darf sie nicht belügen.“

Bernie nickte.

„Natürlich nicht… Also nur noch dreieinhalb Monate“, seufzte er. „Und ich werde nie für Slytherin Quidditch spielen…“

 

 

Es war schon spät am Abend, als die Unbestechlichen sich in McGonagalls Büro, durch dessen Kamin sie gekommen waren, von der Schulleiterin und von den Gryffindors verabschiedeten und sich auf den Weg in ihre Untergeschosse machten. Bernie war sehr still.

„Lass den Kopf nicht hängen“, bat Albus. „Fünfzehn Wochen bleiben uns noch.“

„Fünfzehn Wochen“, meinte Bernie bitter, „sind eine Ewigkeit, wenn es auf Weihnachten zugeht, aber verdammt kurz, wenn es die Zeit ist, die man noch mit seinen Freunden verbringen kann.“

„Aber wir bleiben doch Freunde!“, beharrte Scorpius. „Wir können uns in den Ferien immer sehen!“

„Ihr könnt mich besuchen, aber ich kann die magische Welt ohne eure Hilfe nicht einmal betreten.“

„Das lässt sich ändern“, wandte Roy ein. „Lass uns morgen in die Bibliothek gehen, soweit ich mich erinnere, gibt es dafür einen Zaubertrank. Damit kommst du zum Gleis Neundreiviertel, in die Winkelgasse und nach Hogwarts. Wenn du zum Beispiel zu den Schulbällen eingeladen wirst…“

„Wieso sollte ich eingeladen werden?“

„Bernie“, – Roy schüttelte den Kopf –, „du bist und bleibst einer von uns, selbstverständlich wirst du eingeladen. Und wenn dich die Muggel zu sehr ärgern, hast du immer Zutritt zur magischen Welt. Überhaupt müssen wir dich für dein Exil in der Muggelwelt ausstatten: Deinen Besen behältst du, aber flieg bitte nicht tagsüber damit…“

„Versprochen“, grinste Bernie.

„Du behältst deinen Zauberstab und den Zauberkraftverstärker, wer weiß wozu du beides noch brauchst. Außerdem bekommst du das hier…“

Roy kramte in den Taschen seines Umhangs und zog mehrere Fläschchen und leere Kapseln hervor, die wie farblose Himbeeren aussahen.

„Was ist das?“, fragte Bernie interessiert.

Vielsaft und die Verzögerungskapseln dafür. Nur vorsorglich“, grinste er. „Achte nur darauf, die Geheimhaltung der magischen Welt nicht zu gefährden.“

„Verlass dich darauf. Ich mache mir doch nicht selber meinen Zufluchtsort kaputt!“

Und auf Roys fragenden Blick hin:

„Vielleicht ist es besser, dass ich in die Muggelwelt zurückkehre, aber vielleicht muss ich irgendwann aus ihr fliehen. Du hast einmal gesagt, ich würde mich entscheiden müssen, ob ich um Politik einen Bogen mache oder nicht. Ich habe mich entschieden: Ich werde es nicht tun. Ich werde die Muggelwelt nicht Leuten wie meinem Vater überlassen! – Ja, ich weiß, ich soll froh sein, dass ich ihn habe. Bin ich ja auch, als Vater ist er ganz prima. Aber deswegen muss ich mich noch lange nicht freuen, dass das Land ihn zum Premierminister hat. Ich habe zu Hause viel über Politik gelernt, und was ich noch nicht wusste, hat mein Vater mir mit seinem Brief per Schocktherapie beigebracht. Ich glaube auch, dass ich Talent habe…“

„O ja“, unterbrach ihn Roy, „als du den Brief deines Vaters zerpflücktest, dachte ich, dass ich den Politiker nicht beneide, der sich dir einmal zum Streitgespräch stellen muss.“

Bernie lächelte geschmeichelt.

„Ich werde auch Politiker, aber so wie mein Vater werde ich nicht! Ich werde die Leute nicht belügen!“

„Du solltest aber eines bedenken, Bernie“, wandte Roy behutsam ein. „Dein Vater ist genau deshalb ein erfolgreicher Politiker, weil er so ist, wie er ist. Er spielt nach Regeln, die er nicht gemacht hat, aber befolgt. Täte er es nicht, wäre er nicht Premierminister. Man hätte ihn gar nicht erst hochkommen lassen. Ein Unbestechlicher wird in einem solchen System nichts.“

„Umso schlimmer für das System“, konterte Bernie trocken. „Dann werde ich eben oppositionell. Oder revolutionär. Von meinem Vater habe ich gelernt, wie Politik funktioniert. Von dir habe ich gelernt, was man ihr entgegensetzen muss!“

„Von mir?“ Nun war es an Roy, geschmeichelt zu lächeln.

„Natürlich. Du bist der erste muggelstämmige Vertrauensschüler, den Slytherin je hatte. Damit warst du eigentlich berufen, Hermines Liebling zu werden. Du hättest nur zu wollen brauchen, und deine Karriere wäre eine Autobahn gewesen – allerdings um den Preis, dass dann auch Hermine, beziehungsweise Voldemort, freie Bahn gehabt hätte. Stattdessen hast du ihr unbeirrbar widersprochen und widerstanden. Du hast sie gezwungen, Farbe zu bekennen, und du hast das Bündnis mit Harry zustande gebracht. Du hast dich nicht verbiegen lassen, und deshalb hast du erreicht, dass sie zurücktritt. Solche Leute wie dich werde ich mir suchen. Ich werde meine Unbestechlichen auch in der Muggelwelt finden!“

(In der Tat sollte einige Jahre später in Eton eine Gruppe von Schülern von sich reden machen, die sich „die Unbestechlichen“ nannte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

„Ich sag’s doch“, lächelte Roy. „Du bist und bleibst einer von uns.“

Sie hatten nun den Eingang zum Gemeinschaftsraum erreicht. Wie auf Verabredung traten Roy, Arabella, Bernie, Scorpius, Ares, Julian und Orpheus zur Seite. Albus legte die Hand auf den Kopf der Schlange, die ihn mit dem vertrauten Gruß empfing:

„Guten Abend, Albus!“

„Guten Abend, Salazar.“

 

ENDE

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