67 – Hermines letzter Fehler

 

 

Noch hatte Hermine ihre gewohnte Geistesgegenwart nicht wiedererlangt, daher stutzte sie nur, als der Zauberstab aus der Innentasche ihres Umhangs flog. Erst als sie die Stimme hörte, schrak sie zusammen:

„So früh schon zu Hause, Frau Ministerin?“

Sie fuhr herum.

„Roy?“, flüsterte sie entsetzt.

„Ich glaube nicht, dass wir einander beim Vornamen nennen sollten. Setzen Sie sich.“

Roy deutete mit dem Zauberstab auf den Stuhl, den er ein wenig von ihrem Schreibtisch abgerückt hatte. Sie gehorchte. Dann fixierte er sie auf dem Stuhl, sodass sie sich nicht rühren und folglich auch nicht disapparieren konnte, sicherte den Wohnungseingang mit einem Imperturbatio-Zauber und drehte sich dann wieder zu ihr hin.

„Sie wissen, warum ich hier bin?“

Hermine schluckte.

„Sie wollen mich töten“, sagte sie leise.

„Klug erkannt.“

„Roy!“, rief sie hastig. „Sie können es noch nicht wissen, aber Voldemort ist tot, Albus hat seinen Fluch gebrochen, meine Notverordnungen und Haftbefehle habe ich aufgehoben, ich bin nicht mehr die Person, die Ihnen… das alles angetan hat.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort“, konterte Roy eisig. „Aber es kommt auch nicht mehr darauf an. Selbst wenn es die Wahrheit wäre, wären Sie trotzdem die Person, die es nicht verhindert hat, obwohl sie es hätte verhindern können und müssen.“

„Aber Roy!“ In ihrer Panik griff Hermine nach dem schlechtesten aller denkbaren Argumente: „Wenn Sie mich umbringen, wird man Sie jagen, vor Gericht stellen und hinrichten!“

„Ach, man wird mich hinrichten?“, höhnte Roy. „Ich dachte, Ihre Notverordnungen seien aufgehoben? Wusste ich’s doch, dass Sie gelogen haben!“

Starr vor Schreck erkannte Hermine, dass sie einen furchtbaren Fehler gemacht hatte. Sie hatte nicht gelogen, aber jetzt würde er ihr nicht mehr glauben!

„Im Übrigen“, fuhr Roy fort, „wäre ich geradezu enttäuscht, wenn man mich nicht hinrichten würde!“

„Roy“, versuchte sie es begütigend, „sie sind doch kein schlechter Mensch…“

„Ach nein?“, fiel Roy ihr sarkastisch in Wort. „Den Tagespropheten haben Sie aber etwas ganz anderes schreiben lassen.“

„Ich weiß“, gab sie mit zitternder Stimme zu. „Ich habe lauter Dinge getan, die mir unendlich leidtun. Ich weiß, dass Sie Arabella verloren haben. Glauben Sie mir, ich würde alles darum geben, es ungeschehen machen zu können.“

„Davon bin ich überzeugt, vor allem in Ihrer jetzigen Lage“, versetzte Roy mit kaltem Spott. „Sie können es aber nicht ungeschehen machen. Ihre Reue, sofern sie überhaupt echt ist, kommt zu spät.“

„Aber was um alles in der Welt haben Sie von meinem Tod? Warum tun Sie das?“

„Um die Welt von Ihnen zu befreien.“

„Bitte Roy, um Albus‘ willen…“

„… den Sie wie Dreck behandelt haben…“

„… um meiner Kinder willen, die nichts dafür können. Ich habe eine Familie, die mich braucht…“

Sie haben die Stirn“, entgegnete Roy mit drohend bebender Stimme, „mich um Ihrer Familie willen um Schonung zu bitten? Mich, der selber nie eine haben wird, UND ZWAR IHRETWEGEN?“, donnerte er sie an. „Sie wollten Arabella in dieser Welt nicht dulden, JETZT DULDE ICH SIE NICHT!“

Zitternd vor Zorn funkelte er sie an. Hermine sah ein, dass es sinnlos war.

„Dürfte ich noch einen letzten Wunsch äußern?“, fragte sie zaghaft.

„Bitte“, knurrte Roy.

„Ich würde gern einen Abschiedsbrief an meinen Mann und meine Kinder schreiben.“

„Wenn sie an die etwas früher gedacht hätten, könnten Sie sich den Abschiedsbrief jetzt sparen.“ Roy schnaubte. „Auf Zeit zu spielen wird Ihnen nichts nützen, ich habe diese Räume so gesichert, dass Anderson nicht einmal mit einer Armee hier eindringen könnte. Und falls Sie auf Ihren alten Zauberstab spekulieren, der in der Schreibtischschublade war – den habe ich an mich genommen.“

„Ich spekuliere weder auf Zeit noch auf den Zauberstab“, versicherte Hermine, die nicht länger verhindern konnte, dass ihr Tränen übers Gesicht rannen. „Ich möchte… erlauben Sie mir wenigstens einen Abschiedsgruß.“

Roy schwieg sie an. Schließlich sagte er: „Meinetwegen.“

Er löste den Haftzauber ihres rechten Arms und schob sie in ihrem Stuhl mit einem Wink seines Zauberstabs an den Schreibtisch.

„Ich gebe Ihnen zehn Minuten.“

Nach acht Minuten unterschrieb sie ihren Brief, blickte Roy mit rotgeränderten Augen an und sagte leise und gefasst:

„Ich bin bereit. Machen Sie es bitte kurz.“

Roy trat nahe an sie heran und sah ihr ins Gesicht. Sie sah aus wie Rose, wie er sie vor zweieinhalb unendlich langen Monaten im Hogwarts-Express gesehen hatte: genauso verzweifelt, genauso zerbrechlich.

Bezwing dich!

Er wollte kein Mitleid haben. Wer hatte Mitleid mit Arabella gehabt, als sie sich in ihrer Verzweiflung und Einsamkeit erhängte? Diese Frau bestimmt nicht!

Er wollte den Zauberstab auf ihre Stirn richten, fühlte aber seine Hand zittern und hielt inne. Hermine spürte es mehr, als es zu sehen, und versuchte es mit einem letzten verzweifelten Appell:

„Roy, es tut mir leid, dass Sie Arabella verloren haben, aber ich bin ganz sicher, Sie können und werden auch mit einer anderen Frau…“

Die Worte erstarben ihr im Mund: Als sie Roys Miene sah, wusste sie, dass sie wieder einen Fehler gemacht hatte, und dass es ihr letzter sein würde.

„WIE KÖNNEN SIE ES WAGEN!“, brüllte Roy, und die Verzweiflung eines verwundeten Tiers schrie aus ihm. Er richtete den Zauberstab auf ihre Stirn, und diesmal zitterte seine Hand nicht.

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