50 – Harte Realitäten

 

Als Roy in den Gemeinschaftsraum zurückkehrte, eilten Albus und Scorpius, die anscheinend auf ihn gewartet hatten, ihm sogleich entgegen.

„Da bist du ja! Gibst du mir bitte die Karte des Rumtreibers wieder?“, fragte Albus.

„Gerne, aber wieso?“

„Bernie ist verschwunden! Er hat beim Frühstück eine Eule bekommen, ist dann wortlos aufgestanden und weggerannt und seitdem nicht wieder aufgetaucht. Allmählich machen wir uns Sorgen.“

„Eine Eule? O je, dann wird es wohl eine schlechte Nachricht gewesen sein.“

„Kann man wohl sagen“, hörte man nun Bernies verdrossene Stimme vom Eingang des Gemeinschaftsraums her.

„Bernie, wo hast du gesteckt?“, fragte Albus.

„Egal.“ Bernie machte eine wegwerfende Geste und warf sich in den nächstbesten Sessel. „Am liebsten in einem Mauseloch. Ich wollte nur allein sein.“

„Ist jemand gestorben?“

Bernie schnaubte. „Mein Vater ist für mich gestorben!“

Albus, Scorpius und Roy sahen einander verblüfft an. Bernie hatte nie damit angegeben, dass sein Vater Premierminister war, aber immer voller Stolz von ihm als Vater gesprochen. Auf ihre fragenden Blicke hin erläuterte er:

„Ich muss es dir ja doch sagen, Al. Du erinnerst dich, dass ich meinen Vater angeschrieben habe, damit er deinem hilft?“ Als Albus nickte, fuhr Bernie fort:

„Das hier ist die Antwort!“ Er faltete das zerknüllte Pergament auseinander, das er in der Faust getragen hatte. „Hört euch das an:

 

Lieber Bernard,

es tut mir sehr leid für Deinen Freund, dass sein Vater sich in diese missliche Lage gebracht hat, und es ehrt Dich, dass Du Dich für ihn einsetzt. Ich habe die Zaubereiministerin auf die Angelegenheit angesprochen und finde ihr Vorgehen durchaus nachvollziehbar. In jedem Fall handelt es sich um eine innere Angelegenheit des Magischen Staates, und zwar um eine, die es nicht wert ist, ihretwegen das gute Einvernehmen zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Magischen Staat zu trüben und die immer enger werdende Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten in Frage zu stellen.

Ha!“, rief Bernie. „Das sagt derselbe Mann, dem sofort das Wort ‚Menschenrechte‘ einfällt, wenn dasselbe in Russland oder China passiert! Weiter:

Bedenke bitte, dass es sich immerhin um einen versuchten Staatsstreich handelt. Als Sohn eines Politikers solltest Du verstehen, dass ein solcher Akt mit aller Härte geahndet werden muss – im Magischen Staat wie in unserem eigenen.

Komisch!“, redete Bernie sich in Rage. „Von dieser Härte merken Terroristen, die unschuldige Menschen in die Luft jagen, herzlich wenig! Aber die versuchte Entführung einer Politikerin – die schreit nach Härte!

Dass Mrs. Granger-Weasley rückwirkend die Todesstrafe wiedereingeführt hat, ist zweifellos unschön.

UNSCHÖN? Mord ist das!“, schrie Bernie, ohne zu bemerken oder sich darum zu kümmern, dass die Gespräche im Gemeinschaftsraum verstummt waren und Alle ihm zuhörten.

Trotzdem finde ich, dass Du stark übertreibst: Nur weil auch die Nazis Gesetze hatten, die rückwirkend die Todesstrafe vorsahen, ist nicht jedes derartige Gesetz automatisch ein Nazi-Gesetz. Immerhin hat die Ministerin veranlasst, dass Mister Potter einen – zweifellos fairen – Prozess bekommen wird.“

Einen fairen Prozess auf der Basis unfairer Gesetze!“, brüllte Bernie das Pergament an. „WILLST DU MICH VERARSCHEN?“

Er schnaufte durch.

„Es kommt aber noch besser, hört zu:

Dies ist keineswegs selbstverständlich. Wie ich höre, ist Mister Potter nicht nur ein Gegner ihrer Öffnungspolitik – eines für die Zukunft beider Staaten und ihrer Völker entscheidenden Projekts –, sondern unglücklicherweise auch durchaus populär und damit potenziell ein besonders gefährlicher Gegner, den man nicht einfach als Alibi-Oppositionellen missbrauchen kann. Dennoch hat sie darauf verzichtet, ihn durch ihren Geheimdienst beseitigen und sein Ableben wie Unfall, Selbstmord oder den Anschlag eines Wahnsinnigen aussehen zu lassen – ein Vorgehen, das viele Regierungen in vergleichbarer Lage zweifellos vorgezogen hätten. Dass die Ministerin einen gesetzlichen Weg einschlägt, solltest Du ihr hoch anrechnen.“

Bernie tobte: „ER FINDET ES NORMAL, DASS EINE REGIERUNG IHRE GEGNER BEI NACHT UND NEBEL KALTMACHT! UND DASS ES SCHON EIN VERDIENST IST, WENN SIE ES AUSNAHMSWEISE NICHT TUT!

Dein Argument, die Öffnungspolitik erfolge hinter dem Rücken des Volkes und sei deswegen illegitim, ist – entschuldige bitte – naiv. In wichtigen Angelegenheiten, in denen es um die Zukunft ganzer Völker geht, kann man unmöglich das Volk fragen.

WAS SOLL DAS DENN HEISSEN? Das kann man als Politiker doch immer sagen, dass etwas zu wichtig ist, weil es um ganze Völker geht, in der Politik geht es doch immer um die Zukunft ganzer Völker, darin besteht die Politik ja gerade!

Das Volk wird immer das behalten wollen, was es schon hat und kennt. Es hat kein Verständnis für große Perspektiven und bedarf daher der Führung durch Eliten, die das Richtige erkennen und durchsetzen. Demokratie besteht nicht darin, dass das Volk entscheidet, was richtig ist, sondern nur, ob ein und dieselbe Politik von einem Labour- oder einem Tory-Premier durchgesetzt wird.“

Bernies Stimme bebte: „Seit ich denken kann, erzählt der Alte mir etwas von Demokratie! Und wenn es dann darauf ankommt, ist alles LÜGE, LÜGE, LÜGE!“ Er schlug dreimal mit der Faust auf den Tisch. Tränen der Wut flossen seine Wangen hinab, als er weiterlas:

„Im Magischen Staat besteht dieser Konsens innerhalb der Eliten noch nicht, soweit ich erkennen kann, insofern ist die Position der Zaubereiministerin um Einiges prekärer als meine eigene. Wenn ich abgelöst werde, wird dieselbe Politik von jemand anderem weitergeführt, selbst wenn er von der anderen Partei sein sollte. Wenn aber die Zaubereiministerin stürzt, wird der Fortschritt des gesamten Magischen Staates auf unabsehbare Zeit zum Stillstand kommen. Insofern versteht es sich von selbst, dass sie besonders hart und unnachsichtig mit Staatsfeinden abrechnen muss.

„DAS IST DOCH DER HAMMER!“, brüllte Bernie. „Dass sie eine riesige Mehrheit gegen sich hat, ist also kein Grund zurückzutreten, sondern die Rechtfertigung, Allen das Maul zu stopfen!“ Kopfschüttelnd und zornbebend las er weiter vor:

Ich hätte Dich gerne etwas schonender mit diesen harten Realitäten der Politik konfrontiert, aber irgendwann hättest Du sie sowieso lernen müssen, um in meine Fußstapfen treten zu können.

DA KANNST DU LANGE DRAUF WARTEN, DASS ICH IN SOLCHE FUSSSTAPFEN TRETE! ICH SPUCKE AUF DEINE FUSSSTAPFEN! ICH SPUCKE AUF DIE GANZE MUGGELWELT!“

Bernie schnaufte tief.

„Nur noch der Vollständigkeit halber den Rest“, sagte er schließlich ruhiger:

„Steh Deinem Freund bei, aber erwarte nicht von mir, dass ich der Zaubereiministerin in ihrer schwierigen Lage in den Rücken falle. Dein Dich liebender Vater.“

 

Bernie warf das Pergament auf den Tisch und starrte es düster an:

„Mit diesem Kerl habe ich nichts mehr zu tun!“

Roy unterbrach das nun folgende betretene Schweigen:

„Du solltest nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Sei froh, dass du einen Vater hast. Hat nicht Jeder.“

„Genau“, stimmte Albus ihm zu, „ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich meinen jemals wiedersehe.“

„Wenn meiner sich anders verhielte“, erwiderte Bernie finster, „wüsstest du es. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich für ihn schäme.“

„Was aber voraussetzt“, gab Roy zu bedenken, „dass du sehr wohl etwas mit ihm zu tun hast. Du kannst dich nicht von ihm lossagen.“

„Er hat mich jahrelang belogen!“, fuhr Bernie auf.

„Aber Bernie“, wandte Roy ein, „er hat dich doch bestimmt auch jahrelang an den Weihnachtsmann glauben lassen, ohne dass du es ihm übelgenommen hättest.“

„Das ist doch etwas ganz Anderes!“

Roy wog den Kopf. „Eigentlich nicht. Das, was Politiker verkünden, was in der Zeitung steht und woran wir alle glauben sollen, ist so etwas wie der Weihnachtsmann für Erwachsene. Dein Vater hat dir jetzt reinen Wein eingeschenkt, und viel früher hätte er es nicht tun können. Er hat dich ent-täuscht, ja, das heißt, er hat dich von Täuschungen befreit. Du hast mit elf Jahren Illusionen verloren, in denen Andere ihr ganzes Leben lang befangen sind. Also worüber beschwerst du dich?“

Bernie starrte ihn fassungslos an:

„Du verteidigst ihn?“

„Ich verteidige nicht, was er tut“, stellte Roy klar, „und ja, ich hatte auf eine andere Reaktion gehofft, aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass es Wunschdenken war – ich hätte es besser wissen müssen! Ich möchte nur, dass du fair mit ihm umgehst: Als Vater kann er so schlecht nicht sein. Und da er dir wichtige Wahrheiten über Politik gesagt hat, hast du jetzt ein paar Jahre Zeit, darüber nachzudenken, wie du später mit diesem Wissen umgehen willst: ob du um Politik generell einen Bogen machen willst oder nicht – und wenn nicht, ob du Alles anders machen möchtest als dein Vater…“

„Mit Sicherheit!“, rief Bernie entschlossen.

„… und riskieren möchtest, als einer jener Staatsfeinde zu enden, die man bei Nacht und Nebel… nun ja. Oder ob du doch in seine Fußstapfen trittst.“

„Egal, was ich sonst tue“, erwiderte Bernie, „das tue ich auf keinen Fall!“

Roy grinste.

„Ich weiß.“

 

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