45 – Alles oder nichts

 

Draco hatte sich den Vormittag freigenommen und saß mit seiner Frau Astoria und seinen Eltern Lucius und Narzissa beim Frühstück. Es war seit Menschengedenken üblich, dass die Männer der Familie bei dieser Gelegenheit über Politik und Geschäfte sprachen. Die Frauen blieben so stets auf dem Laufenden, um notfalls übernehmen zu können, falls ihre Männer verhaftet wurden – was schon gelegentlich vorgekommen war –, beteiligten sich aber nur selten an diesen Gesprächen. Heute konnte es nur ein Thema geben:

Scorpius hat mir gestern eine Eule geschickt“, sagte Draco. „Er bittet mich, dem kleinen Potter zu helfen, indem wir seinem Vater helfen.“

„Gut“, erwiderte Lucius. „Hast du schon etwas unternommen?“

„Ich habe die Eule gar nicht erst abgewartet. Als ich gestern hörte, dass Potter verhaftet wurde, habe ich Honorius zu seiner Frau geschickt. Er wird die Verteidigung übernehmen. Die Rechnung geht an uns.“

„Kein Thema“, meinte Lucius.

Dass Draco ein Honorar zugesagt hatte, das das Jahresgehalt der Zaubereiministerin überstieg, war in der Tat nichts, was an diesem Tisch irgendjemanden interessiert hätte.

„Unsere Pflicht haben wir damit getan“, fügte Lucius hinzu, „und zwar ohne Risiko. Gewinnt Potter, ist er uns zu Dank verpflichtet. Gewinnt das Schlammblut, kann uns niemand einen Strick daraus drehen, dass wir jemandem einen Anwalt vermittelt haben.“

„Gewinnt das Schlammblut, bleibt von der magischen Welt nicht viel übrig“, erwiderte Draco düster.

Er hatte den Ausdruck „Schlammblut“ jahrelang nicht benutzt – bei den Malfoys hatte ihn überhaupt nur noch Lucius gebraucht, von dem Scorpius ihn aufgeschnappt hatte. Aber seit Hermine den Ausdruck verboten und mit einem Tabuzauber belegt hatte, hatte Draco ihn sich in Bezug auf die Ministerin wieder angewöhnt – aus Trotz, aber auch aus einem gewissen Ärger über sich selbst und seinen eigenen Opportunismus, mit dem er sich an ihre Politik angepasst hatte.

„Weißt du, Vater, ich habe ja wirklich versucht, mich mit ihr zu arrangieren, aber es geht einfach nicht mehr, ich kann es nicht mehr mittragen, und ich sehe auch nicht ein!“

„Nur zu verständlich“, räumte sein Vater ein, „aber der Ärger darf dich nicht dazu verleiten, die Interessen unseres Hauses aus den Augen zu verlieren. Mag ja sein, dass die magische Welt untergeht – das Haus Malfoy geht deshalb noch lange nicht unter! Gut, man müsste sich umstellen und Beziehungen zu den Muggel-Oberschichten knüpfen. Dann geht man eben nicht mehr zur Drachenjagd, sondern zur Fuchsjagd, nicht mehr zu Hippogreif-Rennen, sondern zu Pferderennen, kauft keine Quidditch-, sondern Fußballclubs – alles zugegebenermaßen nicht besonders appetitlich, aber kein Weltuntergang, und Scorpius hätte damit bestimmt weniger Probleme als du oder ich.“

„Und heiratet eine Muggelprinzessin?“, fragte Draco wenig erbaut. „Darauf läuft es doch hinaus, wenn zwei Oberschichten zu einer verschmolzen werden. In zwei oder drei Generationen sind unsere Nachkommen bestenfalls noch Squibs.“

„Wenn überhaupt“, bestätigte Lucius. „Wenn das Schlammblut gewinnt, wird es in zwei oder drei Generationen überhaupt kaum noch wirkliche Zauberer mehr geben, und die wenigen, die es dann noch gibt, werden eine verfolgte Minderheit sein. Ansonsten gibt es dann nur noch Muggel, auch in unserer Familie. Nur wären die einen Muggel oben und die anderen unten, und unsere Nachkommen wären weiterhin oben.“

„Vater, das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Ich sage ja nicht, dass es erstrebenswert ist“, besänftigte der Vater den Sohn. „Ich weise dich nur darauf hin, dass wir Optionen haben, die wir auch abwägen müssen. Lohnt es sich, das Risiko einzugehen, das unweigerlich damit verbunden ist, der Zaubereiministerin in die Quere zu kommen? Denn eines muss dir klar sein, mein Sohn: Granger spielt mit hohem Einsatz. Wenn es ihr nicht gelingt, Potter aufs Schafott zu bringen, ist ihre Karriere beendet. Und da sie das weiß, wird sie Jeden, der sich für Potter aus dem Fenster lehnt, als Feind betrachten und behandeln.“

„Seit wann scheust du Risiken, Vater?“

„Das macht die Lebenserfahrung. Ich habe einige Male zu hoch gepokert.“

In der Tat hatte Lucius sich mit Voldemorts Todessern gleich zwei Mal derart kompromittiert, dass die Familie ihren ganzen Einfluss und Unsummen an Bestechungsgeldern hatte aufbieten müssen, um ihn vor einer lebenslangen Haft in Askaban zu bewahren. Trotzdem hatte er sich so unmöglich gemacht, dass er die Leitung des Hauses seinem Sohn Draco übertragen musste. Da Lucius aber weiterhin einen Großteil des gewaltigen Familienvermögens verwaltete, kam Draco nicht umhin, ihn bei wichtigen Entscheidungen weiterhin zu konsultieren, und mit der Zeit waren sie zu einem eingespielten Team zusammengewachsen.

„Wenn wir Potter den besten Anwalt des Landes vermitteln, ihn aber nicht vor dem Henker bewahren, wird man sagen, wir hätten nicht mehr die Kraft, unsere Freunde zu schützen“, wandte Draco ein.

„Auch das ist ein wichtiger Gesichtspunkt“, räumte sein Vater ein. „Aber immerhin weiß Jeder, dass wir ihm geholfen haben. Es geht jetzt nur darum, wie weit die Hilfe gehen soll. Du kannst es dabei bewenden lassen, Honorius zu finanzieren, und ansonsten stillhalten. Oder du tust mehr, was aber riskanter ist. Dann musst du Nägel mit Köpfen machen! Granger zu ärgern, ohne sie zu stürzen, wäre das Falscheste. Wenn du sie schon ärgerst, dann wirf alles in die Waagschale, was wir aufzubieten haben, nicht nur Honorius! Tu Alles, oder tu nichts, aber nichts dazwischen. Du bist der Chef des Hauses, du entscheidest!“

Er ließ seinem Sohn Zeit zum Nachdenken, während die Hauselfen das Frühstücksgeschirr diskret vom Tisch zauberten.

„In diesem Manor hängen die Portraits von achtundzwanzig Generationen Malfoys, allesamt erstklassige Zauberer“, sinnierte Draco. „Soll ich Scorpius sagen, sie waren alle blöd, weil sie die magische Welt verteidigt haben, statt sie für ein Stühlchen an der Tafel des Muggeladels zu verkaufen? Soll ich ihm sagen, du bist der Letzte, mach’s Licht aus?“

„Entscheide dich: Alles – oder nichts?“, bohrte Lucius.

„Alles!“, entschied Draco.

Als die Familie sich vom Frühstückstisch erhob, brachten ihre Vorfahren aus ihren Portraits heraus Draco stehende Ovationen dar.

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