38 – Weihnachten im Fuchsbau

 

„Sehr gut!“

Ginny musterte zufrieden ihre beiden Söhne, die sich gerade für das Weihnachtsessen bei ihren Großeltern umgezogen hatten. Ursprünglich hatte Albus den selten benutzten und daher immer noch tadellosen Festumhang seines Bruders übernehmen sollen, aber der war scharlachrot, und Ginny wollte Albus nicht zumuten, in Gryffindor-Farben herumzulaufen.

Sie hatte ihm einen grünen Umhang gekauft und eigenhändig silberfarbene Schlangenstickereien an dessen Ecken gezaubert. Als die beiden Brüder nun unter dem prüfenden Blick ihrer Mutter nebeneinander standen, der eine in Rot, der andere in Grün, wirkten sie gerade durch den Kontrast noch beeindruckender, als wenn sie die gleichen Farben getragen hätten.

„Ihr seht umwerfend aus, Jungs!“, rief sie stolz. „Eure Cousinen werden Augen machen! – Deine Söhne laufen dir den Rang ab“, zwickte sie ihren Mann auf, der gerade zur Tür hereinkam, „sie sehen immer besser aus, du immer älter…“

Harry grinste. „Männer sehen neben ihren Söhnen nie so alt aus wie Frauen neben ihren Töchtern. Warte nur, bis Lily im entsprechenden Alter ist, dann revanchiere ich mich…“

Da nun auch die neunjährige Lily ins Wohnzimmer kam – sie hatte sich, sehr zu Albus‘ Missvergnügen, einen roten Hexenumhang gewünscht –, war die Familie reisefertig.

„Darf ich das Flohpulver werfen, Mama?“, bat Lily.

„Wenn du willst, darfst du sogar als erste zu Oma und Opa.“

Lily strahlte, warf mit feierlicher Geste das Flohpulver in den Kamin, dessen Flammen sich nun smaragdgrün färbten, trat mitten in die Flammen, rief laut „Zum Fuchsbau“ und verschwand. Ihre Brüder taten das gleiche, Harry und Ginny folgten zuletzt.

Als Albus ankam, löste sich James soeben aus Oma Mollys Umarmung, um seinen Großvater und die zahlreichen Verwandten zu begrüßen, sofern sie sich schon im Weasley-Haus eingefunden hatten – einem Haus, das über Jahrzehnte hinweg durch etliche Anbauten ein so chaotisches Aussehen erlangt hatte, dass es in der Tat an einen aus der Erde gezogenen Fuchsbau erinnerte und deshalb auch so hieß.

Albus!“, jubelte Molly und knuddelte ihren Enkel ausgiebig. Dann stutzte sie. „Aber Albus, warum trägst du denn einen grünen Umhang? Ist das jetzt modern?“

„Äh, Oma, ich bin ein Slytherin…“

Natürlich hatte Molly davon erfahren, aber die bestürzende Tatsache, einen Slytherin zum Enkel zu haben, war ihr so peinlich, dass sie dieses Wissen nach Kräften verdrängt hatte und erst durch Albus daran erinnert werden musste.

„Ach ja, natürlich, wie dumm von mir…“

Albus grinste ein wenig in sich hinein und sah sich um: Alle, die keine neutralen Farben wie Schwarz oder Anthrazit trugen, trugen hier Gryffindor-Rot, nur er nicht. Mal sehen, wie viele dumme Bemerkungen er heute zu hören bekommen würde. Albus hob den Kopf. ‚Wir werden dem Haus Slytherin zur Ehre gereichen‘, fiel ihm Scorpius‘ Bemerkung vom ersten Abend in Hogwarts ein, und wieder musste er grinsen.

Er begrüßte nacheinander seinen Großvater und seine Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, soweit sie schon da waren.

Mit Victoire tauschte er allerdings nur ein höfliches Kopfnicken. Obwohl Gryffindors und Slytherins das Kriegsbeil vorerst begraben hatten und er sich zumindest mit James wieder gut verstand, gingen er und seine Cousinen sich in Hogwarts immer noch so weit wie möglich aus dem Weg, nicht unbedingt feindselig, aber unsicher.

Hermine, Ron, Rose und ihr kleiner Bruder Hugo kamen als Letzte aus dem Kamin, und wieder gab es die übliche Begrüßungscour, bei der sich Hermine den Potters gegenüber allerdings reserviert gab. Nur für Lily und natürlich für ihren Fan James hatte sie wenigstens ein Lächeln übrig. Albus und Rose mieden einander.

Nachdem Alle vollzählig waren, rief Molly ihre Gäste zur Festtafel. Die Sitzordnung, festgelegt von Molly, brachte es mit sich, dass die Potters und Hermines Familie einander direkt gegenübersaßen. Ob Molly so etwas wie eine Versöhnung erzwingen wollte oder einfach nur zu zerstreut war, um sich an das Zerwürfnis zwischen Hermine und den Potters zu erinnern – wer hätte das sagen wollen?

Albus saß genau auf Höhe von Hermine. Sie musterten einander kühl und abschätzend.

Albus liebte Hermine nicht weniger als früher – eher noch mehr, da er sie in Gefahr wusste, ihre Seele zu verlieren. Aber was ihm da gegenübersaß, war eben nicht Hermine – oder jedenfalls nicht mehr so richtig. Ein Teil davon mochte noch sie selbst, zumindest ein Schatten ihrer selbst, sein, der Rest wurde von einem Anderen kontrolliert, den Albus nicht kannte, aber hasste.

Da er fest entschlossen war, nicht auszuweichen, auch nicht, als er wieder spürte, wie es im Raum kälter wurde, bohrten ihre Blicke sich immer tiefer ineinander, bis sie fast dem Drohstarren von Boxern vor dem Kampf ähnelten.

Ein allgemeines „Aaaah!“, als Molly das Festmahl auf die Tafel zauberte, machte dem stummen Duell ein Ende.

Alle hatten gewusst, dass Mollys Festtafel sich biegen würde, und Alle hatten vorsorglich Hunger mitgebracht. So drehten sich die spärlichen Gespräche vor allem ums Essen, und Oma bekam von allen Seiten ihr wohlverdientes Lob, ansonsten aber herrschte rund um den Tisch die Stille andächtigen Genusses.

Erst als alle satt waren, die jüngeren Kinder Lily und Hugo, die sich vom Streit ihrer Eltern nicht beirren ließen, die Tafel verlassen hatten, um spielen zu gehen, und die Erwachsenen sich diverse magenräumende Getränke schmecken ließen, hielt Onkel George die Zeit für gekommen, das Gespräch zu eröffnen. Natürlich konnte es nur ein Thema geben:

„Na, Al“, fragte er grinsend, „wie geht’s dir denn so bei deinen Todessern?“

Albus war nicht beleidigt. Wenn George so etwas sagte, war Jedem klar, dass es ein Witz war.

„Danke bestens“, strahlte Albus ihn an, „in unserer Freizeit foltern wir Hauselfen, das ist sehr lustig.“

Alle glucksten, nur Hermine zog ein finsteres Gesicht.

„Im Ernst, Albus“, schaltete Oma Molly sich ein, „hast du denn schon Freunde gefunden?“

Albus fand die Dutzligkeit seiner Oma irgendwie liebenswert. Er war schon dreieinhalb Monate in Hogwarts, glaubte sie wirklich, er hätte dort noch keine Freunde?

„Ja sicher“, antwortete er, „und gar nicht so wenige.“

„O ja“, warf Rose nun spitz ein, „lauter gaaaanz nette Freunde: einen Malfoy, einen Lestrange, einen Macnair, einen Avery…“

„…einen Roy MacAllister“, ergänzte Albus gelassen und fügte, zu seiner Oma gewandt, erklärend hinzu: „Das ist der, den der Tagesprophet als ‚Neo-Todesser‘ zum Staatsfeind Nummer eins erklärt hat.“

„Ja, aber Albus“, meinte Molly erschrocken – die Ironie war ihr wohl entgangen –, „findest du, dass das der richtige Umgang für dich ist?“

„Ich bin stolz auf diesen Umgang“, sagte Albus lächelnd. „Wer im Tagespropheten nicht verleumdet wird, lebt ohnehin verkehrt.“

„Lass mich raten“, griff mit süßsaurer Miene nun Hermine ein, „das war jetzt Originalton Roy MacAllister, stimmt’s?“

„Stimmt“, erwiderte Albus und sah sie übertrieben treuherzig an, „und wer im Tagespropheten allzu oft gelobt wird, lebt erst recht verkehrt. Das war jetzt Originalton Albus Potter.“

Rund um den Tisch wurde geschmunzelt, denn allen Anwesenden war klar, dass niemand im Tagespropheten öfter und hemmungsloser bejubelt wurde als Hermine.

„Stimmt es eigentlich“, wollte Rose nun wissen, „dass du auch zur Clique dieser sogenannten“ – sie rümpfte die Nase – „‚Unbestechlichen‘ gehörst?“

„Natürlich stimmt das“, sagte Albus freundlich – es war ohnehin ein offenes Geheimnis –, „ich halte mich immer an die Besten.“

„Kaum bist du in Slytherin, schon klingst du wie Draco Malfoy“, knurrte Ron.

„Wer sind die Unbestechlichen?“, fragte Opa Arthur neugierig.

„Das sind die führenden Todesser des Hauses Slytherin“, erwiderte Rose, bevor Albus irgendetwas sagen konnte.

„Ach weißt du, Rose“, erwiderte Albus, der seine eigene Coolness zu genießen begann, „sofern ich mir aussuchen kann, mit wem ich mich abgebe, halte ich mich lieber an ein paar intelligente Todesser als an Leute, die dummes Zeug nachplappern.“ Rose errötete leicht. „Allerdings habe ich in Slytherin noch keine Todesser getroffen.“

Molly versuchte, die zunehmend giftige Atmosphäre zu entspannen, indem sie etwas fragte, was sie für harmlos hielt: „Hast du denn in Hogwarts auch eine kleine Freundin?“

Ginny, Bill, Charlie, Percy, George und Ron verdrehten den Blick zur Decke. Ihre Mutter konnte sowas von peinlich sein!

Albus grinste. Jetzt würde er Rose einen mitgeben!

„Na klar, Oma, du weißt doch, dass ich auf rothaarige Mädchen stehe…“ Er ließ eine Kunstpause folgen, in der Rose unter ihrem flammend roten Haar sichtlich verwirrt dreinblickte. „Glücklicherweise haben wir in Slytherin eine, und sie ist sehr nett!“

Rose funkelte ihn an.

Arthur wollte das Thema wechseln: „Na, George und Ron, was macht denn das Geschäft?“

George und Ron waren gleichberechtigte Teilhaber und Geschäftsführer von „Weasleys zauberhafte Zauberscherze“.

„Ach ja, danke, läuft gut“, erwiderte George, der Albus die ganze Zeit grinsend beobachtet hatte und über den Themenwechsel hörbar enttäuscht war. „Wir wollen unsere Produktpalette ausweiten, also nicht nur Scherzartikel herstellen, sondern alle möglichen intelligenten Zauberartikel, die einem das Leben erleichtern. Allerdings“, seufzte er, „bin ich mit dem Tagesgeschäft derart ausgelastet, dass die Geistesblitze rar werden. Was wir bräuchten, wäre ein kreativer Produktentwickler, aber wo soll man den hernehmen?“

„Ich wüsste einen“, sagte Albus und freute sich schon auf das Gesicht, das Hermine gleich machen würde.

„Ach ja?“, fragte George interessiert. „Wen denn?“

„Roy MacAllister.“

Hermine verschluckte sich an ihrem Feuerwhisky, bekam einen Hustenanfall und bekleckerte dabei ihr Kostüm. Ron klopfte ihr auf den Rücken und säuberte ihre Kleidung dann mit Tergeo.

„In einer Firma, in der mein Mann Geschäftsführer ist“, entschied sie gebieterisch, nachdem der Husten sich gelegt hatte, „wird dieser Mensch garantiert nicht arbeiten!“

„Darf ich dich daran erinnern, geliebte Schwägerin“, flötete George nicht ohne hinterhältigen Unterton, „dass wir in der Firma eine klare Kompetenzaufteilung haben und die Produktentwicklung mitsamt den dazugehörigen Personalentscheidungen in meine Zuständigkeit fällt?“ Er wandte sich nun wieder an Albus. „Was hat er denn bisher so erfunden?“

„Zum Beispiel einen Besen, mit dem Squibs und sogar Muggel fliegen können. Er hat ihn Bernie Wildfellow zum Geburtstag geschenkt. Bernie ist ein Muggel und kann daher nicht zaubern“, erklärte er auf die fragenden Blicke der Anwesenden hin.

„Ein Muggel in Hogwarts?“, fragte George verwundert. „Wie ist denn der da hingekommen?“

„Per Sondererlass deiner geliebten Schwägerin“, antwortete Albus nicht ohne Ironie.

George warf Hermine einen Blick zu, der erhebliche Zweifel an ihrem Geisteszustand erkennen ließ.

„Ich hatte meine Gründe“, beschied sie ihn kühl.

„Er war zuerst in Hufflepuff“, erzählte Albus, „aber dort fand er keine Freunde, nur bei uns. Deshalb haben wir – also wir, die führenden Todesser des Hauses Slytherin“, betonte er mit beißendem Sarkasmus, „ihn in Slytherin aufgenommen und versuchen ihm jetzt nach Kräften zu helfen. Roy zum Beispiel hat ihm eben diesen Besen gebaut.“

„Sehr clever!“, warf Percy nun ein, der dabei ironisch zu klingen versuchte. „Aber so furchtbar weit kann es mit MacAllisters rührender Muggelfreundlichkeit wohl nicht her sein, sonst würde er schließlich die Politik des Ministeriums unterstützen!“

„Onkel Percy“, sagte Albus nun ernst, „ich fürchte, deine Logik hinkt. Nur weil wir Bernie mögen und in Slytherin aufgenommen haben, müssen wir es noch lange nicht richtig finden, die magische Welt Großbritanniens von sechzig Millionen Muggeln überschwemmen zu lassen!“

„Seht ihr?“, warf Hermine ein und machte dabei ihr berüchtigtes Ich-hab’s-doch-schon-immer-gesagt-Gesicht. „Das ist die typische Todesser-Panikmache!“

George ignorierte sie. „Was hat euer Superstar denn sonst noch so erfunden?“, wollte er wissen.

„Zum Beispiel das hier“, antwortete Albus und zog aus seinem Umhang eine Wasseruhr. „Roy hat sie mir zu Weihnachten geschenkt. Man kann damit Töne aufzeichnen.“ Er berührte die Uhr mit seinem Zauberstab, um die Aufzeichnung in Gang zu setzen, und öffnete den winzigen Hahn. Das Wasser begann langsam in die untere Kammer zu fließen.

„Sehr beeindruckend“, meinte Hermine mit verächtlichem Naserümpfen. „Damit ist dein Roy ja fast auf dem Stand, auf dem Edison schon vor hundertvierzig Jahren war. Verglichen mit dem, was es heute an Tontechnik in der nichtmagischen Welt gibt, ist das doch primitiv.“

Hermine begann einen langen Vortrag, in dem sie den übrigen Gästen die Technologien der Muggel in den leuchtendsten Farben schilderte: Computer, Internet, Kabelfernsehen, Flugzeuge, Hochgeschwindigkeitszüge, Nanotechnologie, Raumfahrt und, und, und. Opa Arthur, der seit jeher ein Fan der Muggeltechnik war, nickte immer wieder begeistert. Dann ging sie dazu über, ihren Zuhörern voll Verachtung die Rückständigkeit der magischen Welt vor Augen zu halten, und wirklicher Hass klirrte in ihrem Ton, als sie zur großen Abrechnung mit den Gegnern der Öffnung zur Muggelwelt schritt: bestenfalls kleine Geister, schlimmstenfalls Todesser, die die magische Welt brauchten, um dort ihre Diktatur zu errichten! Es war ihr Lieblingsthema, und sie hielt sich lange dabei auf, während die übrigen Anwesenden immer unbehaglichere Blicke wechselten. Selbst Arthur hatte aufgehört zu nicken und sah seine Schwiegertochter zunehmend besorgt an.

Hermine“, warf Harry ein, als sie endlich einmal Luft holte, während die Wasseruhr ablief, „das mit den Muggeltechnologien ist ja alles schön und gut. Aber wie sollen wir die nutzen und gleichzeitig die Geheimhaltung der magischen Welt gegenüber den Muggeln aufrechterhalten?“

Hermine sah ihn kalt an. „Wer sagt denn, dass wir sie aufrechterhalten müssen? Natürlich muss man behutsam vorgehen, Schritt für Schritt…“

„…aber am Ende werden magische Welt und Muggelwelt verschmolzen, richtig?“, bohrte Harry.

„Im Prinzip ja“, bestätigte Hermine, der die entgeisterten Blicke der Anderen anscheinend egal waren, und fügte forsch hinzu: „Heutzutage gilt es Grenzen zu überwinden und offen zu sein. Wo ist das Problem?“

„Das Problem ist“, antwortete Ginny, „dass wir zaubern können und sie nicht. Sie werden das nicht mögen. Im Übrigen, liiiiebe Schwägerin, stünde es dir gut zu Gesicht, dich bei meinem Sohn für den Ausdruck ‚Todesser-Panikmache‘ zu entschuldigen, nachdem du selbst soeben bestätigt hast, dass du genau die Ziele verfolgst, die er dir unterstellt, und dass er mit seinen Befürchtungen den Nagel auf den Kopf getroffen hat!“

„Es ist trotzdem Panikmache!“, beharrte Hermine zunehmend erregt. „Wer sagt denn, dass Muggel nicht zaubern können? Ich kann es, Harrys Mutter konnte es, und sogar dein lieber MacAllister kann es!“, rief sie zu Albus gewandt. „Alle muggelstämmig! Und auch Bernie beweist doch gerade, dass angebliche Nichtmagier zaubern können!“

Bernie kann nicht zaubern!“, rief Albus genervt und aufgebracht. „Wozu bräuchte er sonst einen Spezialbesen? Seine magische Energie ist so schwach, dass er nicht einmal einen Lumoszauber schafft. Er bringt dabei nicht mehr als einen dunkelroten Glutpunkt hervor!“

„Siehst du?“, krähte Hermine triumphierend. „Dann kann er ja doch zaubern. Dieser Glutpunkt ist der Anfang…“

„Nein!“, fiel Albus ihr ins Wort. „Er ist das Ende! Er kommt keinen Schritt voran! Das kannst du doch nicht ‚Zaubern‘ nennen! Magische Fähigkeiten hat man geerbt, man kann sie nicht lernen!“

„Geerbt, ja?“ Hermine funkelte ihn an. „Wusste ich’s doch, dass du über kurz oder lang mit diesem Reinblüterquatsch anfangen würdest, Slytherin!“

Albus fiel eine Formulierung des Stadionsprechers vom letzten Quidditch-Match ein: Slytherin nimmt das Tempo aus dem Spiel. Er lehnte sich zurück und fixierte Hermine seinerseits. „Habe ich irgendetwas von Reinblütern gesagt?“, fragte er provozierend ruhig.

„Du sagst, es müsse geerbt sein, man müsse also Zaubererblut haben! Ich habe es aber nicht geerbt, und dein Roy auch nicht, und deine Oma Lily nicht! Wir haben keinen Tropfen Zaubererblut!“

„Das stimmt nicht, Tante Hermine“, erwiderte Albus so gelassen wie möglich. „Die Zauberergesellschaft und die Muggelgesellschaft sind erst seit ein paar Jahrhunderten getrennt und waren vorher gemischt. Ein paar Tropfen Zaubererblut hat praktisch jeder Muggel.“

„Na also!“, rief Hermine, als hätte Albus soeben irgendetwas bestätigt. „Warum sollen sie dann nicht zaubern können?“

„Nicht ‚Na also‘!“, antwortete Albus gereizt. „Dass alle Muggel ein paar Tropfen Zaubererblut haben, ist genauso richtig, wie wenn ich sage, dass alle Nordafrikaner ein paar Tropfen Germanenblut haben, weil die Wandalen vor sechzehnhundert Jahren dort eingefallen sind…“

„Beschäftigst du dich mit Muggelgeschichte?“, unterbrach ihn Arthur in einem verzweifelten Versuch, das Gespräch wieder in ruhige Bahnen zu lenken.

„Ich nicht, aber Roy, und von dem weiß ich es.“

„Na klar, dein Guru hat ja auch immer recht!“, schnappte Hermine dazwischen.

„Er ist der klügste Kopf in Hogwarts, noch vor manchem Lehrer“, konterte Albus. „Ich wäre blöd, wenn ich nicht von ihm lernen würde. Beweis du mir, dass es nicht stimmt! Was nun Nordafrika angeht, so kommt es bis heute immer wieder vor, dass dort blonde Kinder geboren werden, bei denen das Wandalenblut durchschlägt. Sie sind nur unglaublich selten, genauso selten wie muggelstämmige Zauberer gemessen an der Muggelbevölkerung insgesamt. Wenn du sagst, alle Muggel könnten zaubern, nur weil es muggelstämmige Zauberer vereinzelt auch gibt, dann könntest du ebensogut behaupten, alle Nordafrikaner seien blond!“

Da alle Anwesenden gebannt zuhörten, bemerkte niemand, dass in diesem Moment eine kleine Haarsträhne aus Hermines Schopf fiel, ein paar Zoll über dem Boden schweben blieb und dann, Richtung Harry segelnd, unter dem Tisch verschwand.

„Bravo, dein Todesser-Guru hat dich ja gründlich indoktriniert!“, zickte Hermine.

„Ich würde eher sagen, seine Argumente überzeugen mich und deine nicht“, ließ Albus Hermines Aggressivität an sich abtropfen.

„Außerdem – ganz ehrlich, Hermine“, griff nun überraschenderweise James ein, „MacAllister mag ja schräge Ansichten haben, aber ein Todesser ist er nun wirklich nicht!“

„Das sagst du doch jetzt nur“, ergriff Rose die Partei ihrer Mutter, „weil er dich nach deinen Schmierereien vor dem Rausschmiss gerettet hat, obwohl du sie den Slytherins in die Schuhe schieben wolltest.“

Nun stellte Albus sich vor seinen Bruder: „Für Slytherin ist der Fall erledigt und wird nicht mehr erwähnt! Und wenn er für uns erledigt ist, hat auch kein Anderer darauf herumzureiten!“

„Ach soooo“, meinte Hermine gedehnt, „ich glaube, ich verstehe allmählich, warum es zwischen Gryffindor und Slytherin seit langem so verdächtig ruhig ist. Zuerst schwört ihr heilige Eide, hinter mir zu stehen, aber wenn es um den eigenen Hintern geht, knickt ihr ein, kriecht zu Kreuze und macht einen Deal mit dem Feind!“

Das wiederum wollte Victoire nicht auf ihrem Haus sitzenlassen: „Gryffindor steht hinter dir, Hermine! Aber hinter dir zu stehen, heißt doch nicht, dass wir in Jedem, der anderer Meinung ist, gleich einen…“

„Doch, genau das heißt es!“, fiel Hermine ihr ins Wort. „Und ich dachte, ihr hättet das verstanden! Stattdessen verteidigt ihr jetzt einen, der ohne mit der Wimper zu zucken ‚Schlammblut‘ sagt!“

Peng! Vor dem Haus war jemand appariert.

Hermine schrak zusammen. „Was war das denn?“

„Das“, sagte George süffisant, „ist das typische Geräusch, das entsteht, wenn einer deiner Benimmonkel aus dem Ministerium appariert, um erwachsenen Bürgern einen Vortrag darüber zu halten, das sie ganz böseböseböse Ausdrücke gebraucht haben.“

Hermine stöhnte genervt. „Percy, schick ihn weg!“

Percy, der schon eilfertig aufspringen wollte, wurde von George und Bill auf seinen Stuhl zurückgedrückt.

„Oh nein, lieber Bruder“, sagte George zuckersüß, „du kennst doch den Erlass des Ministeriums, vermutlich hast du ihn selber verfasst. Die Belehrung muss sich derjenige anhören, der das böseböseböse Wort gesagt hat. Hermine? Wer Anderen eine Grube gräbt…“

Mit hochrotem Gesicht sprang Hermine auf und stolzierte unter dem schadenfrohen Gekicher der anderen Gäste zum Hauseingang.

Arthur und Molly blickten äußerst bekümmert drein. Sonst war Weihnachten im Fuchsbau ein Familienfest wie aus dem Bilderbuch, voller Herzlichkeit und Wärme, aber diesmal lief es völlig aus dem Ruder.

„Na?“, fragte Molly, die ob der Aussicht auf eine herminefreie Minute richtig aufzuatmen schien, „besucht uns denn in diesen Ferien auch einmal eines unserer Enkelkinder?“

„Ich schon“, rief James, der es liebte, zusammen mit seinem Opa in dessen Schuppen an Muggeltechnik herumzuschrauben.

„Hugo auf jeden Fall“, meinte Ron. „Er hat schon gefragt, ob er gleich hierbleiben kann.“

„Aber ja“, strahlte Molly, „und solange er will!“

„Dann wird Lily sicher auch hierbleiben“, ergänzte Ginny, „die beiden sind immer noch ein Herz und eine Seele.“

„Da sind sie wohl klüger als ihre Eltern“, meinte Molly spitz. „Und du, Rose?“

„Ich würde gerne nächstes Wochenende kommen. Davor und danach habe ich schon Verabredungen mit Freundinnen, und lernen muss ich auch noch.“

Albus? Wenn Rose hier ist, kommst du doch bestimmt auch?“, fragte Molly freundlich, während Albus sich darüber ärgerte, dass er bei dieser Frage – wie Rose – rosa anlief.

„Tut mir leid, Oma, sonst immer gerne, aber ich verbringe die Ferien diesmal bei Scorpius. Die Malfoys haben mich auf ihr Manor eingeladen.“

„Oho“, warf Ron naserümpfend ein, während Hermine zurückkam und sich wieder setzte, „herzlichen Glückwunsch, man verkehrt in der feinen Gesellschaft! Da hast du für die Plebs natürlich keine Zeit mehr!“

Noch bevor Ginny oder Harry, die sich über Rons saudumme Bemerkung sichtlich ärgerten, ihm antworten konnten, hackte Albus zurück:

„Mit Scorpius bin ich befreundet, weil er ein feiner Kerl ist, nicht weil seine Familie zur feinen Gesellschaft gehört! Und was heißt hier Plebs? Du bist mit der Zaubereiministerin verheiratet, du gehörst doch selber zur feinen Gesellschaft!“

„So“, unterbrach Molly, entschlossen, den erneut aufziehenden Sturm zu unterbinden, „dann gehen wir jetzt Alle ins Wohnzimmer und machen es uns dort gemütlich!“

 

Nachdem die Familie im Wohnzimmer – wie jedes Jahr – schicksalsergeben Mollys kitschige Lieblingslieder über sich hatte ergehen lassen, war die Atmosphäre sehr entspannt, weil die Potters und die Granger-Weasleys einander nun aus dem Weg gehen konnten.

Bill setzte sich zu Harry und Ginny. „Alle Achtung, einen solchen Entwicklungsschub wie bei eurem Kurzen habe ich noch nie erlebt. Im Sommer war er noch ein richtiges Kind, heute hatte ich eher das Gefühl, einen sehr intelligenten Fünfzehnjährigen vor mir zu haben als einen Elfjährigen. Die Art, wie er Hermine Contra gegeben hat, überhaupt die ganze Haltung, das Auftreten, das hatte richtig Stil!“

„Er entwickelt sich zu einem waschechten Slytherin“, meinte Harry, „die legen Wert auf solche Dinge wie Haltung, Auftreten und Stil. Hinzu kommt, dass einige seiner Freunde deutlich älter sind als er. Bei den Unbestechlichen ist er mit Abstand der Jüngste, und natürlich ist es ihm wichtig, von ihnen ernstgenommen zu werden, vor allem von MacAllister.“

„Er musste auch schnell reifen“, fügte Ginny hinzu, „um über den Bruch mit Hermine hinwegzukommen. Für ihn war das ein furchtbarer Schlag, du weißt ja, wie er sie immer angehimmelt hat. Einen Moment hatte ich Angst, er würde daran zerbrechen, aber nein, er ist daran gewachsen. Er musste lernen, dass sogar seine heißgeliebte Hermine nur ein Mensch ist, der in die Irre gehen kann, und dass er sie trotzdem lieben kann – auch wenn er das heute natürlich nicht gezeigt hat.“

 

Unterdessen zeigten Albus und sein kleiner Cousin Hugo einander ihre Weihnachtsgeschenke.

„Das hier“, sagte Albus und zog eine tischtennisballgroße gläserne Kugel aus seinem Umhang, „ist ein Glücksbarometer. Hat Scorpius mir geschenkt. Wenn man es in die Hand nimmt, kann man an der Farbe erkennen, wie glücklich oder unglücklich man in den nächsten 24 Stunden sein wird. Je heller die Kugel ist, desto glücklicher wird man sein und umgekehrt. Schwarz heißt so viel wie ‚Katastrophe‘.“

„Ich glaube, so etwas würde ich gar nicht wissen wollen“, meinte Hugo, der die Kugel in die Hand nahm und sie etwas ängstlich betrachtete, als befürchtete er, sie werde sich gleich pechschwarz färben. Da sie dazu aber keine Anstalten machte, sondern in seiner Hand ein freundliches Grasgrün annahm, war er beruhigt. „Schau mal, Rose“, rief er seine Schwester herbei, „mir geht es in den nächsten 24 Stunden gut!“

Rose setzte sich interessiert dazu, vermied es aber, Albus anzusehen, der seinerseits so tat, als spreche er mit Hugo allein.

„Die Farben spielen auch eine Rolle“, erklärte er ihm, „an denen kannst du ablesen, was für eine Art von Glück oder Unglück dich erwartet: Grün steht für die Menschen um dich herum und ob du dich mit ihnen wohlfühlst, also zum Beispiel für Streit, wenn die Kugel dunkel wird, oder dass sich alle gut verstehen, wenn sie hellgrün ist, so wie jetzt. Ist ja auch kein Wunder, du bleibst ja im Fuchsbau bei Oma und Opa. Rot steht für Kampf: hellrot, wenn du gewinnst, dunkelrot, wenn du verlierst, Blau für etwas Sachliches, also zum Beispiel gute oder schlechte Noten.“

Rose, die Albus nicht fragen wollte, streckte ihrem kleinen Bruder die geöffnete Hand hin, und Hugo legte ihr gehorsam das Glücksbarometer auf die Handfläche. Die Kugel begann in pulsierender Folge immer neue, ganz verschiedene Farben anzunehmen, und Albus fühlte sich unwillkürlich an eine Frau erinnert, die verschiedene Kleider anprobiert, bevor sie sich für eines entscheidet. Allmählich wurden die Abstände zwischen den Farbwechseln länger, die Unterschiede zwischen den Farbtönen geringer, bis das Glücksbarometer in Roses Hand sich festgelegt hatte: auf ein tiefes, schmutziges Dunkelgrün.

„An einen solchen Quatsch können auch nur Slytherins glauben!“, rief sie, knallte die Kugel vor Albus auf den Tisch und verzog sich.

 

Nachdem Albus am nächsten Morgen mit seinen Eltern gefrühstückt hatte – James und Lily waren im Fuchsbau geblieben –, bat sein Vater ihn um Roys Wasseruhr und hörte sich Hermines Tirade vom Vortag noch einmal an.

„Musstest du dir das wirklich antun?“, fragte Albus danach.

„Ja“, erwiderte Harry, „ich muss demnächst in ihre Rolle schlüpfen und deshalb ein Gefühl dafür haben, was sie sagt und wie sie es sagt.“

„Weißt du schon, wann du es machen wirst?“, wollte Albus wissen.

„Der Termin steht fest“, beschied ihn sein Vater. „Ich werde ihn aber nur Roy mitteilen, der euch am betreffenden Tag mittags Bescheid geben wird.“

Albus sah ihn missmutig an. „Warum sagst du es nicht mir? Vertraust du mir nicht?“

Harry lächelte nachsichtig.

„Natürlich vertraue ich dir. Aber vertrau du bitte auch mir: In konspirativer Technik kenne ich mich aus. Wir hatten vereinbart, dass jeder nur so viel erfährt, wie er wissen muss. Ich möchte vermeiden, dass irgendeiner von euch sich vor lauter Nervenanspannung auffällig verhält und womöglich verdächtig macht.“

Gedankenverloren drehte Albus die Wasseruhr um. Er war überrascht, Hermines Monolog nun rückwärts zu hören, es klang wirklich kurios. Auch seine Eltern hörten belustigt zu.

Dann aber starrten sie alle drei mit wachsendem Entsetzen auf die Wasseruhr, denn aus dem Kauderwelsch schälten sich deutlich Worte heraus, sehr langsam, sehr gedehnt und irgendwie dumpf, wie aus einem Grab heraus gesprochen, aber gut zu verstehen:

Albus – – – Ron – – – Harry – – – Rose – – – Ginny – – – Hilfe – – – Helft mir – – – Ich – kann – nicht – mehr – – – Ich – bin – eingesperrt – – – Es – ist – so – eng – – – Ich ersticke – – – Ich sterbe – – – Hilfe.“

Die Uhr lief ab.

Wie benommen saßen die Potters um den Tisch herum.

„Was war das denn?“, fragte Ginny schließlich.

„Das muss Hermines Seele gewesen sein“, sagte Albus, der mit aller Macht seine Tränen zurückdrängte. „Sie schmuggelt Botschaften hinaus. Bernie hat mir von diesem Phänomen erzählt. Es ist sein Hobby, so etwas aufzuspüren.“

Ginny stützte die Ellbogen auf den Tisch und vergrub ihr Gesicht in den Händen.

„Interessant“, murmelte Harry, der sich wieder gefasst hatte. „Sie hat dich als ersten genannt, Albus, weil sie mit dir im Gespräch war. Sie hat nach ihrer Tochter gerufen, aber nicht nach ihrem Sohn, denn der war nicht im Raum…“

Harry blickte sinnend zur Decke.

„Obwohl ihre Seele von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten ist, empfindet sie, was um sie herum vorgeht. Sie spürt die Gegenwart von Menschen, und sie hat von allen Anwesenden genau diejenigen um Hilfe angefleht, die sie am meisten lieben.“

Ginny sah auf. Sie hatte nicht geweint. In ihrem Blick lag etwas Stählernes, das Albus an seiner Mutter noch nie zuvor gesehen hatte:

„Weißt du jetzt endgültig, warum du es machen musst?“

„Ja“, sagte Harry.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.