36 – Nach Hause

 

Für die meisten Hogwarts-Schüler war dieser 23. Dezember der Tag der Heimreise in die Weihnachtsferien. Roy wäre am liebsten in Hogwarts geblieben, aber er fühlte sich verpflichtet, nach seiner Mutter zu sehen, und er war verpflichtet, als Vertrauensschüler den Hogwarts-Express zu begleiten. Wenn wenigstens seine Freundin mitgefahren wäre! Arabella aber würde an diesem Morgen schon um halb neun von ihrer Mutter am Portal des Schulgeländes abgeholt werden, um mit ihr, wie jedes Jahr, Weihnachten bei ihren Großeltern in Nordengland zu verbringen.

„Du begleitest mich zum Portal“, entschied Arabella, „ich werde dich meiner Mutter vorstellen und ihr sagen, dass wir zusammen sind.“

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragte Roy zweifelnd, denn er wusste, dass Arabellas Mutter ausgesprochen prüde war. „Wie sie das wohl aufnehmen wird?“

„Sie wird schockiert sein“, erwiderte Arabella ruhig. „Sie war wohl nicht immer so, aber seit mein Vater uns verlassen hat, ist sie furchtbar verbittert. Sie sieht in allen Männern Wüstlinge, die Frauen Kinder machen und sie dann mit ihnen sitzenlassen. Am liebsten würde sie mich wahrscheinlich in ein Hexenkloster stecken, um mich vor euch Hallodris zu schützen“, sagte sie, gab ihm ein Küsschen und hob ihren Ferienkoffer mit einem Schwebezauber an. Hand in Hand verließen sie die Eingangshalle des Schlosses und gingen Richtung Geländeportal. Eilig hatten sie es nicht.

„Seit sie weiß, dass ich in einer Clique bin, die sonst nur aus Jungs besteht“, fuhr Arabella fort, „also schon seit Jahren, warnt sie mich davor, mich mit einem von euch einzulassen. Jedes Argument ist ihr recht: dass Julian und Ares aus Todesserfamilien stammen oder dass Orpheus Künstler ist – die taugen in ihren Augen alle nichts. Am meisten hat sie mich aber vor dir gewarnt. Blöderweise habe ich ihr vor Jahren erzählt, aus welchen Verhältnissen du stammst, sie sagt, dein Vater müsse ein noch größeres Schwein gewesen sein als meiner, von deiner Mutter hält sie noch weniger, und sie glaubt, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

„O je, und ausgerechnet mit mir musst du daherkommen. Hast du keinen Bammel?“

„Doch“, sagte Arabella, „aber den werde ich mir nicht anmerken lassen. Wenn ich sie schon schockiere, dann sofort und gründlich. Nimm bloß keine Rücksicht auf ihre Prüderie! Wenn du mich zum Abschied küsst – und untersteh dich, es nicht zu tun! –, dann so leidenschaftlich, dass sie gar nicht erst auf die Idee kommt, einen Keil zwischen uns treiben zu wollen.“

„Wird mir nicht schwerfallen“, meinte Roy und strahlte sie an. Dann seufzte er. „Ich wünschte nur, ich hätte Julians Charme! Du hättest mal sehen sollen, wie er Ginny um den Finger gewickelt hat, als wir bei den Potters zu Besuch waren.“

„Damit kämst du bei ihr nicht weit. Mein Vater war auch so ein Charmebolzen, mit diesem Typ Mann ist sie restlos fertig. Im Übrigen bin ich sehr froh“, meinte sie spitz, „dass du Julians spezielle Talente nicht hast. Einen Freund, der von allen Hogwarts-Mädchen angeschmachtet wird, habe ich für mein Glück ungefähr so nötig wie ein Loch im Kopf – eine Patricia hat mir gereicht!“

„Dir ist aber hoffentlich bewusst, dass dir keine mehr gefährlich werden kann, nicht einmal ein Veelablut wie Patricia, die ihrerseits von sämtlichen Jungs angeschmachtet wird?“

Arabella lächelte.

„Ich würde mich hüten, dich meiner Mutter vorzustellen, wenn ich daran Zweifel hätte.“

Sogar von weitem konnte man die alte Mrs. Wolfe – sie war noch keine vierzig, aber verglichen mit Ginny oder Hermine wirkte sie wie eine alte Frau – erbleichen sehen, als sie ihre Tochter Hand in Hand mit einem Jungen auf sich zukommen sah.

„Hallo Mama“, begrüßte Arabella ihre wie versteinert dastehende Mutter und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. „Darf ich dir Roy vorstellen, Roy MacAllister? Wir sind seit sechs Wochen ein Paar.“

Roy verbeugte sich höflich und streckte die Hand aus. „Ich freue mich sehr, sie kennenzulernen, Mrs. Wolfe.“ Es war eine Höflichkeitsfloskel. Niemand freut sich, jemanden kennenzulernen, der einen anstarrt, als sei man ein giftiges Insekt, und Roy hatte in der Tat nicht Julians Talent, noch die abgedroschenste Floskel herzlich klingen zu lassen.

Arabellas Mutter ignorierte die ausgestreckte Hand und warf ihrer Tochter einen vernichtenden Blick zu.

„Kind, habe ich dir nicht immer wieder gesagt…“

„Doch, hast du“, fiel Arabella ihr ins Wort, „und ich habe mir erlaubt, es zu ignorieren.“

„Du bist doch noch ein Kind!“, stieß die Mutter hervor.

„Noch bis zum 22. Januar, dann werde ich volljährig“, versetzte die Tochter, die offenbar auf jedes Argument vorbereitet war.

„Ich kann dich immer noch enterben!“

„Was aus dem Mund einer Neununddreißigjährigen, die ohnehin nicht so schnell stirbt, keine sehr starke Drohung ist“, antwortete Arabella wie aus der Pistole geschossen.

Roy warf seiner Freundin einen bewundernden Blick zu. Er wusste schon, dass sie nervenstark war, aber das hier war einfach cool. Er räusperte sich und zwang Mrs. Wolfe dadurch, ihn anzusehen – wenn auch mit einem Blick, dessen Eiseskälte selbst Hermine nicht besser hinbekommen hätte.

„Mrs. Wolfe“, sagte er vorsichtig, „ich glaube, es wird uns nichts Anderes übrigbleiben, als uns aneinander zu gewöhnen.“

„Wozu?“, fragte sie verächtlich. „Und für wie lange?“

Diesmal antworteten Roy und Arabella gleichzeitig:

„Für immer.“

 

***

 

Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten warteten einige hundert fröstelnde Elternpaare unter der seltsamen Bahnhofsbeleuchtung, in der man nichts wirklich hell, aber alles gestochen scharf sieht, am Gleis Neundreiviertel auf den Hogwarts-Express. Harry hatte den Arm um Ginnys Schulter gelegt.

Hermine tat so, als habe sie die beiden nicht bemerkt, plauschte angeregt mit dem Ehepaar Wildfellow und schob die ganze Gruppe wie unabsichtlich und zufällig immer weiter von den Potters weg. Harry sah zu Ron, den die ganze Situation offensichtlich bedrückte, schenkte ihm ein komplizenhaftes Zwinkern, erntete ein unsicheres, aber dankbares Lächeln von ihm und versank wieder in seinen Gedanken.

Seine Nervenkrise vom November, die er Roy gegenüber nur angedeutet hatte, war gottlob ausgestanden. Wochenlang hatte er tagsüber jede Einzelheit seines Plans durchdacht und akribisch seine Vorbereitungen getroffen, um Nacht für Nacht schweißgebadet aus Alpträumen zu erwachen, in denen er Hermine gefoltert, getötet, irrtümlich mit dem Anti-Imperius belegt und auf jede denkbare Art erniedrigt hatte. In solchen Nächten tat es gut, sich an Ginny festhalten zu können.

Ginny war es auch, die es in buchstäblich Dutzenden von Gesprächen allmählich schaffte, ihm ins Bewusstsein und sogar ins Unterbewusstsein zu hämmern, dass sein schlechtes Gewissen in diesem Fall fehl am Platze war, dass er derjenige war, der Hermine retten musste, weil er der Einzige war, der es konnte, dass es nicht seine Schuld war, dass er Methoden wie Schockzauber, Entführung und Legilimentik benutzen musste, und dass er sich daher genauso wenig zu schämen brauchte wie ein Muggelchirurg, der seine Patienten, technisch gesehen, auch verletzen musste, um ihnen helfen zu können. Vielleicht würde Hermine ihm nie verzeihen, aber wenn er zusah, wie ihre Seele von einem Schwarzmagier erdrosselt wurde, würde er selbst es sich nie verzeihen können.

In diesem Dezember, in dem der Plan in die heiße Phase trat, hatte es keine DA-Stunden mehr gegeben. Der Plan würde abrollen wie besprochen, er würde die Unbestechlichen dabei nicht brauchen, sie hatten alles gelernt, was sie vielleicht brauchen würden, falls er…

Sie werden es nicht brauchen, ich werde nicht zulassen, dass sie es brauchen! Alles wird klappen wie am Schnürchen, niemand wird je erfahren, dass es eine Entführung gegeben hat, erst recht niemand ahnen, dass die Unbestechlichen davon wussten.

Er sah hinüber zu Hermine, die inzwischen zwei Waggonlängen zwischen sie gebracht hatte.

Der Countdown läuft, noch achtzehn Tage bis zum 10. Januar…

„Hallo Harry“, riss eine Stimme ihn aus seinen Gedanken. Sie gehörte Draco Malfoy, der gerade mit seiner Frau Astoria am Bahnsteig erschienen war. Die beiden Ehepaare begrüßten einander freundlich, wenn auch nicht überschwänglich.

„Na, Draco“, fragte Harry, „wie geht’s denn so?“

„Ich kann nicht klagen“, erwiderte dieser, „wenn man davon absieht, dass ich mich im Ministerium dreimal täglich übergeben möchte.“

„So schlimm?“

„Seit du weg bist, hat die Ministerin alle Hemmungen verloren, du warst wohl so etwas wie ihr schlechtes Gewissen, jetzt lässt sie die Sau raus. Manchmal frage ich mich, was ich dort überhaupt noch zu suchen habe, ich habe es schließlich nicht nötig zu arbeiten, ich könnte mich auch auf unser Manor zurückziehen. – Apropos Manor, sprechen wir von etwas Erfreulicherem: Scorpius hat angefragt, ob ich Albus nach Weihnachten für den Rest der Ferien zu uns einladen würde. Ich möchte das sehr gerne tun, wollte aber erst euch fragen, vielleicht habt ihr ja andere Pläne…“

„Wenn Albus gerne möchte, haben wir kein Problem damit“, antwortete Ginny für beide, „ganz im Gegenteil…“ Sie unterbrach sich, denn der Hogwarts-Express lief soeben ein, hüllte die Wartenden in eine Dampfwolke und übertönte jedes weitere Wort.

Das ohrenbetäubende Kreischen der Bremsen war kaum verklungen, da wurden schon die Türen aufgerissen. Albus, Scorpius und Bernie waren die Ersten, die aus einer Tür auf halber Höhe zwischen den Potters und den Weasleys auf den Bahnsteig sprangen. Nachdem sie sich kurz orientiert und festgestellt hatten, dass sie in verschiedene Richtungen mussten, verabschiedeten Albus und Scorpius sich von Bernie und gingen auf ihre Eltern zu, quietschvergnügt und Jeder den Arm um die Schulter des Anderen gelegt.

„Meine Güte“, sagte Draco, „sie sehen genauso aus wie wir damals. Man kommt sich vor wie auf einer Zeitreise.“

„Ja, aber auf einer Zeitreise in eine kuriose Parallelwelt, in der wir Freunde gewesen wären“, ergänzte Harry.

„Hätten wir sein können“, antwortete Draco, „aber du wolltest ja nicht.“

„Ich hätte schon gewollt, wenn du damals nicht so ein arroganter Kotzbrocken gewesen wärst.“

Draco lachte. „Ich habe mein Sohn wohl besser erzogen, als mein Vater mich erzogen hat. Na ja, hauptsächlich erzieht meine Frau ihn.“

Harry lachte ebenfalls. „Ach, deshalb ist er so nett?“

Die beiden Jungs waren inzwischen bei ihnen und ließen es sich erst einmal gefallen, von ihren Müttern geknuddelt zu werden, bevor die Väter sie mit einem kurzen Schulterklopfen begrüßten.

„Darf ich ein Foto von euch beiden machen?“, fragte Astoria, die schon ihren Fotoapparat gezückt hatte. Der Anblick der beiden glücklichen Jungs, die so sichtbar ihre Freundschaft genossen, musste jedes Mutterherz zum Schmelzen bringen.

„O ja, ich mache auch gleich eins“, rief Ginny, wandte sich aber zunächst ihrem Ältesten zu, der eben dazugestoßen war. Sie nahm James besonders liebevoll in den Arm, er sollte spüren, dass sie nicht mehr böse auf ihn war.

Nachdem alle Fotos in allen möglichen Besetzungen geschossen worden waren, fragte Draco Albus: „Wir würden uns freuen, wenn du die Zeit nach Weihnachten bis zum Ende der Ferien als Gast der Familie Malfoy bei uns im Manor verbringen würdest. Hast du Lust?“

„Na klar!“, rief Albus sofort begeistert, als ihm einfiel, dass er vielleicht zuerst seine Eltern fragen sollte. „Äh, darf ich?“

„Natürlich darfst du“, lachten Harry und Ginny.

„Also, abgemacht“, sagte Draco, während Albus und Scorpius sich abklatschten.

Während die beiden Frauen sich noch ein wenig unterhielten, sah Harry aus den Augenwinkeln, wie Roy, der soeben seinen Kontrollgang beendet und als Letzter den Zug verlassen hatte, zügig an der Gruppe um Hermine vorbeiging und näherkam. Harry sah sich um. Roy schien der einzige Schüler zu sein, auf den niemand wartete, dem niemand zuwinkte und niemand entgegeneilte. Sie hatten vereinbart, öffentlich nicht zu erkennen zu geben, wie gut sie sich kannten. So rief Roy den Potters ein knappes „Frohe Weihnachten“ zu, als er an den Potters und Malfoys vorbeikam und schritt dann weiter, allein auf die Absperrung zu.

Harry sah ihm nach. Eigentlich wusste er nichts über Roy MacAllister. Obwohl sie einander irgendwie mochten, war Roy ihm ein Rätsel geblieben. Als Harry ihn nun aber allein, schnurstracks zwischen all den strahlenden Familien hindurch ohne einen Blick nach links oder rechts, zum Ausgang marschieren sah, löste sich ein Teil des Rätsels.

Roy verschwand hinter der Absperrung.

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