34 – Vielsaft und Gedächtniszauber

„Ich freue mich für dich, herzlichen Glückwunsch!“, lachte Harry, als er am nächsten Abend hörte, dass Julian seinen Großvater gefunden hatte.

„Danke, mir ist gestern wirklich eine Last von der Seele genommen worden.“

Julian erzählte, auf welche Weise sie ihn gefunden hatten, und berichtete ausführlich über das Gespräch. Harry sollte nicht schlecht von dem heutigen Rodolphus denken, das war ihm wichtig. Dann kam er auf den Hinweis zu sprechen, der für Harrys Mission von Bedeutung sein konnte:

„Weißt du irgendetwas über diese weißmagische Waffe, die Slytherin hinterlassen haben soll, das Gegenstück zum Basilisken?“, fragte Julian.

Harry schüttelte erstaunt den Kopf. „Davon habe ich noch nie gehört. Eine Waffe, die jeden Fluch aufhebt, jede Seele heilt und nur gegen das Böse wirkt? Die Beschreibung würde am ehesten auf einen Phönix zutreffen, auf Fawkes zum Beispiel, der seit Dumbledores Tod verschwunden ist. Er hat unter anderem das Gift des Basilisken neutralisiert und mir dadurch das Leben gerettet. Aber ich habe noch nie gehört, dass zwischen Fawkes und Salazar Slytherin eine Verbindung bestehen soll. Fawkes muss viel älter sein und schon lange vor Slytherins Geburt gelebt haben. Außerdem hat er Dumbledore gedient, und wir sprechen doch von einer Waffe, die nur Slytherins zur Verfügung steht.“

„Und sonst? Irgendeine Waffe, die in Hogwarts sein muss und nur von Slytherins gehandhabt werden kann?“, bohrte Roy nach.

„Äh, Roy“, schmunzelte Harry, „darf ich dich daran erinnern, dass ich ein Gryffindor bin? Mit den Geheimnissen Slytherins bin ich beim besten Willen nicht vertraut.“

„Vielleicht solltest du versuchen, Fawkes aufzutreiben“, schlug Arabella vor. „Wenn du Hermine von ihrem Fluch befreien willst, wirst du jede Hilfe brauchen.“

Harry seufzte. „O ja. Aber einen Phönix kann man nicht wie einen Hund herbeipfeifen. Niemand weiß, wo er ist oder wie man ihn finden kann. Sollte er mir zu Hilfe kommen, so wird er es von sich aus tun, ich habe darauf keinen Einfluss.“

Da niemand mehr etwas sagte, räusperte sich Harry: „Kommen wir nun auf das heutige Thema: Gedächtniszauber. Jeder von euch kann in die Lage kommen, das Gedächtnis eines Anderen so manipulieren zu müssen, dass er sich an bestimmte Ereignisse nicht mehr erinnern kann. Darum wird es in den nächsten DA-Stunden gehen. Aber bevor wir damit anfangen, müssen wir uns einem Problem zuwenden, das damit zusammenhängt: Sollte unser Vorhaben scheitern und ich verhaftet werden, so müssen wir damit rechnen, dass auch ihr festgenommen und verhört werdet. Und wir müssen davon ausgehen, dass die Auroren euch nicht nur befragen, sondern mit Hilfe von Legilimentik in euren Geist eindringen oder euch Veritaserum verabreichen, damit ihr alles sagt, was ihr über das Unternehmen Odysseus wisst. Tut ihr das, so seid ihr als Mitwisser oder sogar Komplizen dran.“

Die Unbestechlichen schluckten. Daran hatten sie noch nicht gedacht.

„Verschweigen könnt ihr nur, was ihr nicht wisst“, fuhr Harry fort. „Ihr müsst also in der Lage sein, willentlich diejenigen Teile eurer Erinnerungen zu löschen oder zu schützen, die euch kompromittieren könnten. Ein solches Maß an Okklumentik beziehungsweise Gedächtniskontrolle erreicht man normalerweise nur durch eine mehrjährige Ausbildung, und auch dann meist nur unvollkommen. Dazu fehlt uns die Zeit.“

Er machte eine Kunstpause, sah seine Schüler an und merkte, dass sie die Tragweite des Problems verstanden hatten.

„Glücklicherweise gibt es die Möglichkeit der konditionierten Gedächtnislöschung, das heißt, dass Erinnerungen nur dann gelöscht werden, wenn ein bestimmtes auslösendes Ereignis eintritt, und auch dann nicht alle Erinnerungen – das hieße ja völlige Amnesie –, sondern nur die, die bestimmte Kriterien erfüllen, oder die man zuvor mit einer magischen Markierung versehen hat. Könnt ihr mir folgen?“

„Danke, du erklärst das sehr gut“, meinte Orpheus und sprach damit für Alle.

„Gut“, meinte Harry, „ich will jetzt auch nicht in die Details gehen, es ist ein sehr weites Feld. Der langen Rede kurzer Sinn: Ihr werdet alle eure Erinnerungen, aus denen hervorgeht, dass ihr über Odysseus informiert seid, zur Löschung markieren. Dazu versenkt ihr sie in eurem jeweiligen Gedächtnisbehälter.“

Harry zog sieben Fläschchen aus seinem Umhang, die mit einer wolkigen Flüssigkeit gefüllt und jede mit der Bezeichnung eines ihrer sieben Patroni gekennzeichnet waren, sein eigener also mit „Hirsch“, der von Albus mit „Schlange“, außerdem „Fuchs“, „Puma“, „Stier“, „Bär“ und „Wolf“.

„Sobald wir unsere Erinnerungen darin versenkt haben, werde ich einen Zauber über sie alle ausüben“, erläuterte Harry. „Dann holt ihr sie aus der Flasche wieder heraus und legt sie in euren Kopf zurück. Der Zauber bewirkt, dass sie automatisch gelöscht werden, sobald eines der folgenden fünf Ereignisse eintritt: Entweder versucht jemand durch Legilimentik in euren Geist einzudringen, oder er belegt euch mit einem Imperiusfluch oder foltert euch, oder er verabreicht euch Veritaserum, oder ihr selbst sprecht in magischer Absicht die Formel ‚Condamnesia‘. Da es sich um einen Zauber handelt, der auf euch selbst wirkt, braucht ihr dazu keinen Zauberstab.“

„Also wir vergessen dann alles, was wir über Odysseus wissen?“, fragte Roy.

„So ist es. Dasselbe gilt für damit zusammenhängende Erinnerungen, zum Beispiel an unser gemeinsames Gespräch mit McGonagall. Was unsere DA-Stunden angeht, so werden wir auf dieselbe Weise eure Erinnerungen so manipulieren, dass ich darin nicht vorkomme“, ergänzte Harry. „Das heißt, auch wenn ich erwischt werden sollte, kann man euch nicht mit meinen Taten in Verbindung bringen.“

„Wenn du erwischt wirst, Harry“, sagte Roy, „hauen wir dich raus…“

„Nein!“, rief Harry.

„Doch“, antwortete Roy bestimmt.

„Was glaubst du eigentlich, wozu dieser Gedächtniszauber dient?“, fuhr Harry ihn an. „Eurem Schutz! Ich werde nicht dulden, dass ihr euch um meinetwillen in Gefahr bringt!“

„Um deinetwillen nicht“, versetzte Roy gelassen, „aber um Albus‘ willen.“

Harry lächelte gerührt.

„Ich verstehe. Deine Fürsorge für Albus ist wirklich…“

„Nein, du verstehst gar nichts!“, rief Julian dazwischen. „Es geht nicht um Roys Fürsorge für Albus, sondern darum, dass dein Sohn ein Slytherin ist! Wir werden nicht dulden, dass einer von uns seinen Vater an die Dementoren verliert. Nicht, wenn dessen Verbrechen nur darin besteht, gegen den Untergang der magischen Welt zu kämpfen.“

Als Harry das entschlossene Nicken der Anderen sah, verstand er mit einem Mal, dass jedes Gegenargument wirkungslos abprallen musste: dass es für die Slytherins um eine Frage der Ehre ging, der gegenüber jeder andere Gesichtspunkt zweitrangig war. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Roy nutzte seine Sprachlosigkeit, um seinen Gedanken fortzuspinnen:

„Wenn wir aber alles vergessen haben, dann fehlen uns die entscheidenden Hintergrundinformationen, um dir zu helfen. Womöglich glauben wir dann sogar dem Tagespropheten, wenn er schreibt, du hättest silberne Löffel aus dem Ministerium stehlen wollen. Du hast schon recht: Wir müssen die kompromittierenden Erinnerungen löschen können. Wir müssen aber auch in der Lage sein, sie wiederherzustellen, sobald die Auroren uns wieder laufenlassen.“

„Tja…“ meinte Harry nachdenklich. „Natürlich könnte man eine zweite Kopie dieser Erinnerungen irgendwo verstecken, damit ihr sie euch zurückholen könnt. Nur müsstet ihr dann wissen, dass es diese Kopien überhaupt gibt und wo ihr sie findet. Wenn ihr das aber wisst, dann können es auch die Auroren aus euch herausholen.“

„Und wenn man sie jemandem anvertrauen würde, der für uns vertrauenswürdig und für das Ministerium unverdächtig ist, und uns darauf ansprechen kann, wenn wir wieder frei sind?“, fragte Albus. „Vielleicht McGonagall?“

Sein Vater schüttelte den Kopf. „Erstens steht McGonagall auf Hermines Abschussliste, sie ist also aus der Sicht des Ministeriums nicht unverdächtig. Zweitens bin ich mir nicht sicher, ob sie das Unternehmen Odysseus billigen würde. Ich glaube, sie ist ganz froh, nicht genau zu wissen, was wir vorhaben, so bleiben ihr Gewissenskonflikte erspart. Wenn ich aber verhaftet würde, könnte sie sich ausrechnen, dass die Auslagerung eurer Erinnerungen eure Mitwisserschaft verschleiern soll. Drittens möchte ich sie nicht hineinziehen, sie ist als Schulleiterin zu wichtig.“

„Nun ja, dann hätte ich noch einen Vorschlag, der vielleicht ein bisschen verrückt klingt“, meinte Albus entschuldigend.

„Verrückte Ideen haben den Vorteil, dass die Gegenseite nicht damit rechnet“, erwiderte sein Vater, „also schieß los.“

„Bernie Wildfellow.“

Alle sahen ihn verblüfft an.

„Ich meine“, sagte Albus und wurde etwas rot dabei, „Bernie ist ein Freund, er wird uns nicht verraten. Außerdem ist er ein Muggel, noch dazu der Sohn des Premierministers, mit dem Hermine so eng zusammenarbeiten will. Sie wird ihn bestimmt nicht verhaften lassen, das kann sie nicht wagen.“

Diesmal antwortete Roy: „Verraten würde er uns wohl nicht. Aber sie kann, gerade weil er dein Freund ist, durchaus einen netten Auror zu ihm schicken, der bei einer freundlichen Befragung in seine Gedanken eindringt, ohne dass er es merkt.“

Harry nickte. „Ich fürchte, es gibt ganz einfach keinen Menschen, der bereit und in der Lage wäre, uns zu unterstützen, und den das Ministerium trotzdem nicht im Visier hat.“

„Keinen Menschen…“ murmelte Orpheus. „Ein Tier vielleicht?“

„Jetzt wird‘s aber wirklich exotisch“, brummte Ares.

„Dann müsste es schon ein vernunftbegabtes, also magisches Tier sein“, sagte Harry. „Natürlich könnte sich einer von euch in einen Animagus verwandeln und in Tiergestalt untertauchen, aber ihr wisst, dass darauf hohe Strafen stehen. Außerdem müsste der Betreffende irgendwann auch wieder auftauchen, wenn er nicht den Rest seines Lebens in Tiergestalt verbringen will, und dann ist er erst recht verdächtig.“

Nun machte sich wirkliche Ratlosigkeit breit.

Ein magisches Tier, dachte Albus, da könnte es eines geben… Nachdem er aber nun schon zwei nicht so gute Ideen vorgebracht hatte, wollte er erst einmal sichergehen, dass seine Idee auch funktionierte.

„Also schön“, sagte Harry. „Ich verstehe, dass ihr den Gedächtniszauber nur akzeptiert, wenn ihr eure Erinnerungen danach auch zurückbekommt. Darüber muss ich mir erst einmal den Kopf zerbrechen. Es ist jetzt acht Uhr, zu spät, um noch eine neue Unterrichtseinheit zu beginnen. Ich schlage vor, dass wir uns auf Mittwoch vertagen.“

„Ich möchte heute als Erster gehen“, sagte Albus zum Erstaunen der Anderen. Sie verließen den Raum meist nicht alle zusammen, und normalerweise ging Albus als Letzter, weil er die Karte des Rumtreibers hütete.

„Ist gut“, sagte Roy. „Gib mir die Karte, ich muss heute sowieso zurückbleiben, weil ich mit deinem Vater noch die Sache mit dem Vielsaft besprechen muss.“

 

Fünf Minuten später waren Roy und Harry allein im Geheimraum.

„Was wolltest du mir sagen?“, fragte Harry.

Statt zu antworten, entfernte Roy mit einem Schlenker seines Zauberstabes die Rückwand des Geheimraums, hinter dem sich nun ein zweiter Raum auftat, in dem heilloses Durcheinander zu herrschen schien: Kessel, Fläschchen, Brenner, Kolben, Gläschen mit und ohne Inhalt standen scheinbar regellos herum. Außerdem lagen die Einzelteile eines Flugbesens in der Ecke.

„Mein Labor“, sagte Roy stolz. „Außer mir kennt es bis jetzt nur Orpheus. Ich brauchte jemanden, der mir bei den Vielsaft-Experimenten hilft.“

„Wie weit bist du?“, wollte Harry wissen.

„Nun, im Prinzip bin ich fertig“, erwiderte Roy, der Harrys zweifelnden Blick auf das vermeintliche Chaos nicht ohne Belustigung wahrnahm. „Das Problem bestand ja darin, die Wirkung des Vielsafts zu verlängern, ohne dass du andauernd nachtanken musst. Ich musste also erstens eine Darreichungsform finden, die den Saft nach und nach freigibt, und zweitens sein Volumen so weit reduzieren, dass du mit einem einzigen Schluck eine Ration einnehmen kannst, die mindestens für einen ganzen Tag reicht. Zuerst dachte ich an ein Konzentrat, aber alle bedeutenden Zaubertrankmeister warnen davor, dass ein Konzentrat andere und womöglich gefährlichere Eigenschaften hat als der Ausgangstrank.“

„Du hast das Problem aber gelöst, sagst du?“

„Yep“, sagte Roy grinsend. „Ich habe den Zusammenhang zwischen der Menge des eingenommenen Vielsafts und der Dauer seiner Wirkung untersucht. Und dieser Zusammenhang ist nicht linear, sondern degressiv.“

„Heißt im Klartext für Nichtwissenschaftler?“

Roy grinste wieder. „Zwanzig Milliliter reichen für eine Stunde. Verdoppelst du die Menge, verdoppelt sich aber nicht die Wirkungsdauer, sie verlängert sich nur um wenige Minuten.“

„Klingt nicht gut“, warf Harry enttäuscht ein.

„Halbierst du sie aber, dann verringert sich die Dauer ebenfalls nicht um die Hälfte, sondern wieder nur um wenige Minuten, halbierst du sie nochmals, gehen wieder nur wenige Minuten verloren. Der langen Rede kurzer Sinn: Null Komma ein Milliliter Vielsaft reichen für ungefähr zwölf Minuten Wirkung. Wenn du also Dosen von je 0,1 Milliliter sicherheitshalber so einnimmst, dass sich ihre Wirkungen zeitlich überlappen, also zum Beispiel alle zehn Minuten, dann reichen 0,6 Milliliter für eine ganze Stunde oder 14,4 Milliliter für einen ganzen Tag.“

„Ich verstehe immer noch nicht ganz die Pointe“, wandte Harry ein. „Damit brauche ich zwar weniger Vielsaft, muss ihn aber viel häufiger einnehmen. Das ist doch genau das, was ich vermeiden wollte.“

„Die Lösung“, dozierte Roy, „fand sich in der guten alten Hogwarts-Bibliothek, und zwar in einem Handbuch für magische Pharmazie. Es gibt nämlich tatsächlich Kapseln, die ihren Inhalt nach und nach in kleinen Dosen freigeben, und die man mit beliebigem Inhalt füllen kann. Ich habe bei Mannington & Burgess in der Winkelgasse, einem Laden für Apothekerbedarf, ein paar kleine Probeexemplare gekauft.“

Roy hob eine winzige Kapsel hoch, die aus noch winzigeren Einzelkügelchen bestand. Sie sah ein bisschen aus wie eine kleine Himbeere, nur farblos.

„Du vergrößerst die Kapsel, dadurch öffnen sich die Einzelkugeln, du versenkst die vergrößerte Kapsel in deinem Zaubertrank, dann füllen sie sich, dann verkleinerst du die Kapsel wieder auf 0,1 Milliliter pro Einzelkugel. Da die Kügelchen noch geöffnet sind, wird der überschüssige Trank beim Verkleinern herausgedrückt, dann musst du ungefähr fünfzehn Minuten warten, bis sich alle Öffnungen wieder geschlossen haben – fertig ist deine Kapsel. Nach der Einnahme platzt alle zehn Minuten eine Einzelkugel und gibt den Wirkstoff frei. Die Kapsel bleibt übrigens im Magen, wandert also nicht in den Darm weiter und wird deshalb auch nicht vorzeitig ausgeschieden. Ich habe nachgefragt, es gibt auch Kapseln mit bis zu 150 Einzelkügelchen, die reichen also für etwas mehr als einen Tag.“

Nun grinste auch Harry. „Genial“.

„Allerdings sind die großen nicht billig, sie kosten 10 Galleonen pro Stück. Wenn du also für zwei Monate ausgestattet sein willst, bist du 600 Galleonen los.“

„Kein Problem“, winkte Harry ab.

„Und es ist ein bisschen auffällig, wenn ein Einzelner, noch dazu Harry Potter, den praktisch Jeder kennt, so viel davon kauft. Vielleicht solltest du lieber in der Gestalt eines Anderen…“

„Roy, ich bin kein Anfänger, überlass solche Dinge getrost mir“, fiel Harry ihm ins Wort. „Es gibt ein anderes Problem: Ich brauche irgendetwas von Hermines Körper, normalerweise ein Haar, um den Vielsafttrank einsatzbereit zu machen.“

„War das nicht schon geklärt?“, fragte Roy stirnrunzelnd. „Du gehst unter dem Tarnumhang in Hermines Büro, schockst sie, nimmst ein Haar von ihr, lässt sie unter dem Tarnumhang verschwinden, versenkst das Haar im Trank, wartest einen Moment, trinkst einen Schluck Vielsaft auf normale Weise und hast dann eine Stunde Zeit, deine Kapseln vorzubereiten…“

„Wofür ich einen kleinen Kessel Vielsaft ins Ministerium mitnehmen muss – wohin damit, während ich nach oben gehe und vielleicht mit anderen Leuten im Aufzug stehe, die es nicht Plätschern hören dürfen?“, unterbrach ihn Harry. „Wenn ich dann in Hermines Büro bin, brauche ich zwei bis drei Minuten, um den Trank mit ihrem Haar fertigzumachen, weitere zwei Minuten, um Hermines Gestalt anzunehmen, und jeden Moment kann jemand hereinkommen oder sich wundern, warum auf sein Klopfen eine andere als Hermines Stimme antwortet. Danach vergeht mindestens eine Viertelstunde, in der die Kapseln präpariert werden und ein Kessel Vielsafttrank im Ministerbüro vor sich hin blubbert. Wenn Cesar das zufällig sieht, setzt er mich schneller außer Gefecht, als ich ‚Protego‘ sagen kann.“

„Ein gewisses Risiko lässt sich nicht vermeiden“, gab Roy zu, „aber du könntest…“

„Es gibt bei der Planung solcher Unternehmen eine einfache Regel“, fiel Harry ihm wieder ins Wort, „und die lautet: Alles, was schiefgehen kann, geht auch schief! In dieser Form enthält der Plan so viele Unsicherheitsfaktoren, dass mir geradezu zwangsläufig irgendeiner von ihnen zum Verhängnis werden muss. Nein, ich muss Hermines Gestalt schon angenommen und meine Kapseln vorbereitet haben, bevor ich mich auf den Weg ins Ministerium mache!“

„Ja, aber wo willst du Hermines Haare herbekommen?“, fragte Roy vorsichtig. „Du kommst doch gar nicht nahe genug an sie heran, und selbst wenn, würden deine Aurorenkollegen bestimmt nicht zusehen, wie du ihr eine Locke abschneidest. Oder willst du dich als ihr Friseur tarnen?“

Harry lachte. „Wenn ich Hermine frisiere, kann sie sich wochenlang nirgendwo mehr blicken lassen, das kann ich ihr nicht zumuten.“

„Nun ja“, flachste Roy, „wäre ja auch eine Art, sie aus dem Verkehr zu ziehen.“

Beide lachten.

„Nein, im Ernst“, sagte Harry, „einmal werde ich in diesem Jahr auf jeden Fall nahe genug an sie herankommen, und zwar ohne Auroren, nämlich an Weihnachten. Die Einladung unserer gemeinsamen Schwiegermutter abzulehnen wird sie nicht wagen, und wenn sie zehnmal unter einem Fluch steht!“

„Deswegen warst du dir neulich auch so sicher, dass es bei Januar bleibt?“, fragte Roy.

Harry nickte. „Deswegen und… nun ja, ich muss mich auch seelisch darauf vorbereiten. Ich glaube, im Moment könnte ich es gar nicht.“

„Wieso nicht?“, fragte Roy verwundert.

„Weißt du“, meinte Harry, „es sagt sich so leicht: Man schockt sie, entführt sie, dringt in ihre Gedanken ein und so weiter. Das alles wirklich zu tun, ist etwas völlig Anderes!“

„Ja, aber du bist doch Auror, du kannst es doch, du bist doch dafür ausgebildet.“

„Als Auror habe ich es mit Menschen zu tun, die mir nichts bedeuten“, antwortete Harry. „Da habe ich die nötige professionelle Distanz – ich kann gewissermaßen davon absehen, dass sie überhaupt Menschen sind, so brutal das jetzt klingt. Ich muss auch davon absehen, gerade wenn ich in Gedanken und Gefühle eindringe und dem Betroffenen dadurch seine Würde nehme. Das darf ich an mich nicht heranlassen, sonst kann ich es nicht tun, und deshalb darf ich im Grunde nicht den Menschen in ihm sehen, sondern nur den aufzuklärenden Sachverhalt. Diese Distanz habe ich bei Hermine aber nicht. Sie ist meine älteste und beste Freundin, aber was ich mit ihr machen muss, ist so, als würde ich sie…“ Er schluckte. „Dazu muss man sich erst einmal kriegen, verstehst du?“

„Und du meinst, du schaffst das bis Januar?“

„Ich muss und ich werde es schaffen. Ich werde mich an dem Gedanken festhalten, dass ich sie nicht anders retten kann.“

Beide schwiegen.

„Eine Frage noch“, hob Roy schließlich an. „Solltest du verhaftet werden, müssen wir weitermachen können, allein schon, um dich rauszuholen, aber auch, um weiter gegen das Ministerium zu arbeiten. Dann bräuchten auch wir möglicherweise Dauer-Vielsafttrank. Kannst du auch uns vorsorglich solche Kapseln besorgen? Ich weiß, es ist furchtbar teuer und eigentlich eine Zumutung, aber…“

„Ihr bekommt sie“, unterbrach ihn Harry.

Plötzlich sprang die Tür auf. Harry und Roy zückten sofort ihre Zauberstäbe, aber es war nur Albus, der hereinstürmte, die anderen Unbestechlichen im Schlepptau.

„Papa, wir haben die Lösung!“, rief er stolz.

„Was für eine Lösung?“, fragte Harry verdutzt.

„Wo wir die Erinnerungen aufbewahren!“

„Ach, und wo?“

„In der Schlange!“

„Du sprichst in Rätseln, mein Sohn“, antwortete Harry und sah nicht besonders klug dabei aus.

„Die verzauberte Schlange, die den Slytherin-Gemeinschaftsraum schützt“, sprudelte es aus Albus heraus. „Sie ist bereit, unsere Erinnerungen aufzubewahren!“

„Moment mal“, unterbrach Roy. „Die Schlange ist bereit…? Kannst du Parsel?“

„Ja!“, bestätigte Albus.

„Wie soll das genau gehen?“, fragte Harry interessiert.

„Die Schlange erkennt Jeden, der die Hand auf sie legt. Sie sagt, wenn man ihr gleichzeitig Erinnerungen anbietet, saugt sie sie ein und weiß, wem sie gehören. Sooft einer von uns die Hand auf sie legt, gibt sie ihm seine Erinnerungen zurück, und zwar immer wieder!“

„Ich verstehe…“ Harry blickte gedankenverloren zur Decke. „Solange man die Erinnerungen noch hat, schadet es nicht, wenn man sie trotzdem zurückbekommt. Sind sie aber gelöscht worden, bekommt ihr sie automatisch zurück, ohne nach ihnen zu suchen, weil ihr gar nicht vermeiden könnt, den Slytherin-Raum zu betreten.“

Albus nickte aufgeregt. Harry lächelte. „Ich glaube, ich bin hier nur von Genies umgeben! Auf so etwas wäre ich im Leben nicht gekommen!“

„Du meinst auch, es geht?“, fragte Ares hoffnungsvoll.

„Klar geht das, wenn die Schlange mitspielt“, sagt Harry.

„Wieso ist der Geheimraum eigentlich plötzlich so groß?“ Albus lugte neugierig auf Roys Labor. „Und was ist das für ein Gerümpel da hinten?“

„Ich muss doch sehr bitten, Mister Potter!“, rief Roy scherzhaft, indem er McGonagalls Stimme imitierte. „Dieses Labor ist Schauplatz bahnbrechender Entdeckungen und Erfindungen!“

„Flugbesen gibt es aber schon“, sagte Albus und deutete auf die herumliegenden Besenteile.

Roy schüttelte den Kopf. „Der, den ich hier baue, den gibt es noch nicht!“

„Was für einer ist das?“

„Erfährst du noch früh genug.“

Albus wollte nachhaken, aber nun ergriff Harry das Wort: „Da wir jetzt wissen, wie wir die Erinnerungen schützen, macht jeder Einzelne von uns unabhängig von den anderen eine Liste aller Erinnerungen, aller Gespräche und Ereignisse, die zur Löschung markiert werden und der Schlange übergeben werden sollen. Übermorgen Abend sammeln wir die Erinnerungen und markieren sie. Ich werde dann bis nachts in Hogwarts bleiben. Wenn Alle schlafen, geben wir der Schlange die Sicherungskopien.“

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