30 – Ermittlungen

 

Der Tagesprophet reagierte schneller, als man hätte für möglich halten können. Als die Hogwarts-Schüler am nächsten Morgen beim Frühstück in der Großen Halle saßen und die Posteulen hereinrauschten, sahen sich die Abonnenten der Zeitung wieder einmal von neugierigen Mitschülern umringt:

„TERROR IN HOGWARTS!

Vier Angriffe auf Schüler mit nichtmagischem Hintergrund innerhalb weniger Tage. Ein Opfer nach Schockzauber in Behandlung.

Wie erst jetzt bekannt geworden ist, ist es in Hogwarts in den letzten Tagen zu einer Serie von Anschlägen gekommen, die bis jetzt vor der Öffentlichkeit geheimgehalten wurden. Alle Opfer sind Schüler aus nichtmagischen Familien. Zuletzt wurde am gestrigen Abend ein Schüler von einem Schockzauber aus dem Hinterhalt getroffen und verletzt.

Als Hauptverdächtige gelten mehrere Slytherin-Schüler, denen die Ausübung eines Schockzaubers nachgewiesen werden konnte. Unter den Verdächtigen sind unter anderem die als Neo-Todesser geltenden Roy MacAllister, Julian Lestrange und Ares Macnair sowie Albus Potter, der Sohn des vor Kurzem seines Postens enthobenen Aurorenchefs Harry Potter. Weitere Informationen lagen bei Drucklegung dieser Ausgabe noch nicht vor.“

Roy sah sich um und stellte beruhigt fest, dass die Schüler der anderen Häuser, sogar die Gryffindors, ungläubig bis belustigt die Köpfe schüttelten. Hatte der Tagesprophet mit seiner Berichterstattung vor einem Monat noch einen Hassorkan entfesselt, so hatte sich diesmal sofort herumgesprochen, dass Barclay, ein Auror und Gryffindor, die Unbestechlichen für unschuldig hielt. Außerdem hatte niemand die Geschichte mit Bernie vergessen.

Roy sah, dass Albus immer noch fassungslos auf den Artikel starrte, ging zu ihm hinüber und meinte: „Denk dir nichts. Wer in diesem Blatt nicht verleumdet wird, lebt ohnehin verkehrt!“

Albus hob den Blick. „Danke. Was mich aber am meisten beunruhigt, ist, dass sie meinen Vater hineinziehen.“

„Ja“, sinnierte Roy, „das ist allerdings interessant…“

Er kam nicht dazu, den Gedanken fortzuspinnen, denn jemand tippte ihm von hinten auf die Schulter. Es war sein Gryffindor-Kollege Ethelbert.

„Na, du Neo-Todesser?“, flachste er. Beide lachten. Roy sah, dass auch Victoire hinzugetreten war und die Vertrauensschüler der übrigen Häuser sich näherten.

„Ich wollte nur sagen“, sagte Victoire hastig, „dass James es nicht war, ich auch nicht, und ich glaube auch nicht, dass es ein anderer aus unserem Haus war.“

Roy verbiss sich ein Grinsen. Dass die Gryffindors inzwischen im Zweifel verdächtiger waren als die Slytherins, war eine Absurdität, die James seinem Haus eingebrockt hatte.

„Hat auch niemand unterstellt, Weasley“, sagte er leicht gönnerhaft, „wir haben aber, da die Täter nicht gefasst wurden, ein anderes Problem, nämlich…“

„…die Muggelstämmigen zu schützen“, ergänzte Victoire prompt.

Die übrigen Vertrauensschüler, die nun vollzählig waren, nickten.

„Wir können nicht viel mehr tun“, sagte Roy, „als dafür zu sorgen, dass jeder muggelstämmige Schüler jederzeit von zwei oder drei Mitschülern begleitet wird, die ruhig auch einmal hinter sich sehen sollten. Ich nehme an, dass die Schulleitung es ohnehin im Lauf des Tages anordnen wird. Ansonsten“, er zuckte die Achseln, „können wir nur die Augen offenhalten und abwarten, ob Barclay irgendetwas herausfindet.“

Die Traube der Vertrauensschüler löste sich auf. „Albus?“, fragte Roy.

„Ich habe mitgehört, wir lassen Bernie nicht mehr allein, versprochen!“

Roy beugte sich zu ihm herunter und sagte leise, sodass kein Anderer es hören konnte: „Vor allem du musst auf ihn aufpassen. Von allen Erstklässlern bist du jetzt dank DA der bestausgebildete.“

Albus lächelte geschmeichelt. „Geht klar!“

Als Roy zu seinem Platz zurückkehrte, wartete schon Patricia auf ihn, die Arabellas argwöhnische Blicke ignorierte.

„Gibt‘s noch was?“, fragte Roy geschäftsmäßig.

„Und wer passt auf dich auf?“, fragte Patricia. „Du bist auch muggelstämmig.“

„Mir werden die Täter nichts tun, der Tagesprophet braucht mich noch als Neo-Todesser und Oberteufel.“

„Lass die blöden Witze“, sagte Patricia leise und traurig, „ich mache mir Sorgen um dich.“

Roy wurde etwas verlegen. Seit ihrem letzten Gespräch waren sie einander möglichst aus dem Weg gegangen und hatten nur über schulische Dinge gesprochen, und auch das nur, wenn sie es nicht vermeiden konnten. So klug er sonst war, in Gefühlsdingen war er wirklich der Hornochse, den Julian in ihm sah. Daher brauchte er einen Moment, um zu begreifen, dass Patricia ihm eben zu verstehen gegeben hatte, dass sie immer noch und trotz allem Freunde waren. Als der Groschen endlich gefallen war, lächelte er ihr zu und meinte:

„Du hast recht, danke. Ich werde dafür sorgen.“ Sie nickten einander zu, und Roy setzte sich. „Also, ihr habt es vielleicht gehört…“

„So leise, wie ihr geredet habt? Ich belausche doch kein Tête-à-Tête“, warf Arabella sarkastisch ein, während sie Patricia grimmig nachsah.

Roy wartete, bis sie sich ihm wieder zugewandt hatte, und sah ihr einen Moment länger als nötig in die Augen. „Ich bin muggelstämmig und brauche daher einen Babysitter. Übernimmst du das, Arrie?“

Arabella lief rosa an, legte dann aber den Kopf leicht zurück und meinte betont kühl und von oben herab: „Ich weiß ja nicht, ob du es verdient hast, aber bitte, wenn du darauf bestehst…“

Die gespielte Coolness bewahrte sie nicht davor, noch tiefer zu erröten, als Roy ihr – und dies zum ersten Mal – die Sorte Blick zuwarf, die er bisher nur für Patricia übriggehabt hatte.

 

Albus wollte gerade zusammen mit Scorpius und Bernie an ihnen vorbeigehen, als Roy ihn am Umhang zupfte: „Heute Abend um sieben wieder in unserem Raum“, sagte er so leise, dass Bernie und Scorpius es nicht hören konnten. „Schick deinem Vater bitte eine Eule, dass er kommen möchte, wenn möglich. Ansonsten Procedere wie immer, und ganz besonders sorgfältig darauf achten, dass die Luft rein ist.“

„Meinen Eltern schicke ich sowieso eine“, raunte Albus zurück, „sonst denken sie womöglich noch, ich sei verhaftet worden.“ Er ging mit den beiden anderen weiter.

„Gehörst du jetzt eigentlich auch zu den Unbestechlichen?“, fragte Scorpius.

Albus seufzte. „Eigentlich soll es nicht an die große Glocke gehängt werden, aber dank des Tagespropheten hängt es jetzt ohnehin schon dort, also ja.“

„Cool! Und ihr übt wirklich Schockzauber?“

„Unter anderem. Wir üben praktisch alles, was irgendwie mit Selbstverteidigung zu tun hat. Aber bitte sprecht mit niemandem darüber.“

„Natürlich nicht“, sagten Scorpius und Bernard wie aus einem Mund.

„Aber mitmachen würde ich gerne“, fügte Scorpius hinzu.

Albus zögerte. Roy hatte schon einmal erwähnt, dass die Gruppe Nachwuchs brauchte, denn außer Orpheus waren sie alle in ihrem vorletzten Hogwarts-Jahr, Ares sogar im letzten. An sich war Scorpius ein erstklassiger Kandidat: Er war klug, verschwiegen, ein verlässlicher Freund und konnte – bei Hermines Politik musste man ja leider an so etwas denken – über seine Familie ausgezeichnete Beziehungen zu wichtigen Leuten knüpfen. Aber in Roys und Harrys Staatsstreichpläne konnte und wollte er ihn nicht hineinziehen, abgesehen davon, dass die Anderen es auch nicht zugelassen hätten.

„Ich hätte dich gern dabei“, sagte er wahrheitsgemäß, „und die Anderen bestimmt auch, aber dieses Jahr wird es noch nichts, ich selber bin mehr zufällig drin. Nächstes Jahr sieht es anders aus.“ Wenn alles gutgeht, dachte er.

„Wieso erst nächstes Jahr?“, murrte Scorpius.

Albus blieb stehen. „Wirklich, es geht nicht“, sagte er leise. „Vertrau mir bitte und bohr nicht weiter nach.“

Scorpius sah ihn lange und nachdenklich an.

„Okay“, sagte er schließlich.

 

An diesem Abend apparierte Harry mit Ginny, die ihren Besen mitgebracht hatte, zusammen im Geheimraum, da Ginny gemeinsam mit Albus das Versteck für Hermine weiter einrichten wollte. Die beiden umarmten kurz ihren Sohn, dann ließen sie sich in allen Einzelheiten die Ereignisse des Vorabends schildern.

„Die Reaktion des Tagespropheten ist reichlich seltsam“, meinte Ginny schließlich. „Es fängt schon damit an, dass er in seiner Morgenausgabe Informationen über den Verdacht gegen euch brachte, obwohl es diesen Verdacht vor zehn Uhr abends noch gar nicht gab. Um noch ins Blatt zu kommen, musste die Nachricht spätestens um Mitternacht, eigentlich aber früher, in der Redaktion ankommen. Sie kann unmöglich mit einer Eule übermittelt worden sein.“

„Es müsste also“, nahm Harry den Gedanken auf, „jemand direkt dort appariert sein oder einen Patronus oder einen Zauberspiegel verwendet haben. Einen Patronus schaffen nur wenige, Zauberspiegel sind sehr selten, bliebe also direktes Apparieren… Wer wusste von dem Verdacht gegen euch?“

„Alle Slytherins und alle Lehrer, sonst niemand“, antwortete Arabella für die Anderen.

„Es ist ja schon einmal beruhigend“, meinte Ginny süßsauer, „dass diesmal kein Gryffindor die Hand im Spiel hat. Die Slytherins können es auch nicht gewesen sein. Bliebe also einer der Lehrer…“

„Wer immer es war“, sagte Roy, „er muss ein Interesse daran haben, Hermines Kampagne gegen Hogwarts, McGonagall und uns zu unterstützen, also einer ihrer glühenden Anhänger oder jemand, den sie entsandt hat. Mir fallen unter den Lehrern drei ein: Barclay und Richardson, weil sie vom Ministerium nach Hogwarts geschickt wurden, und Longbottom, weil er Hermine unterstützt. Longbottom würde ich ausschließen, weil er die ganze Zeit anwesend war, also nicht disappariert sein kann, und ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass er einen Patronus zustande bringt…“

„Unterschätz Neville nicht“, warf Harry ein, „er kann weitaus mehr, als man ihm zutraut. Trotzdem war er es nicht. Er würde die Presse nicht mit Hogwarts-Interna füttern, schon gar nicht, um Schüler in die Pfanne zu hauen.“

Alle nickten. Longbottoms Fairness und Anständigkeit, auch den Slytherins gegenüber, waren in der Tat über jeden Zweifel erhaben.

„Und Barclay?“, fuhr Harry zweifelnd fort. „Wenn er euch als Schuldige hätte präsentieren wollen, dann hätte er es tun können. Eure Alibis sind weiche Alibis, die ihr euch gegenseitig gegeben habt. Er hat euch geglaubt, weil es plausibel war und er den Instinkt eines erfahrenen Ermittlers hat. Aber die reine Indizienlage hätte für eine Festnahme allemal ausgereicht. Wenn er euch hätte schaden wollen, wärt ihr jetzt schon in Askaban.“

„Bliebe also Richardson“, sagte Roy. „Und da ist interessant, dass sie irgendwann im Lauf des Abends verschwunden ist. Ich habe nicht darauf geachtet, aber es muss gewesen sein, nachdem alle Zauberstäbe geprüft waren, also gegen elf. Zurückgekommen ist sie erst gegen Mitternacht. Angeblich war sie spazieren. Sie hatte also die Möglichkeit, und sie hatte gleich mehrere Motive: Sie ist eine Abgesandte des Ministeriums, verehrt Hermine und kann uns nicht leiden…“

„Mich schon“, fiel Albus ihm ins Wort.

„Richtig“, sagte Roy. „Und deshalb ist es so seltsam, dass sie den Zeitungsschmierern auch deinen Namen genannt haben muss. Sie hätte ihn auch verschweigen können.“

„Aber mal ehrlich, Roy…“ Albus schüttelte den Kopf. „Diese nette, weichherzige Frau soll heimlich eine so schmutzige Intrigantin sein?“

„Vor allem“, gab Orpheus zu bedenken, „wo es doch immerhin naheliegt, dass die Person, die die Presse informiert hat, dieselbe ist, die auch den Schockzauber ausgeführt hat. Und das traue ich Richardson beim besten Willen nicht zu. Die ist überhaupt nicht gewalttätig und außerdem so muggelfreundlich, wie ich noch niemanden erlebt habe.“

„Der Informant und der Attentäter können, müssen aber nicht identisch sein“, wandte Roy ein. „Als Informantin ist Richardson die Hauptverdächtige, und wenn ich darüber nachdenke, ist es gar nicht so merkwürdig, dass sie Albus‘ Namen preisgegeben hat. Damit schadet sie ja nicht dir, Albus, sondern Harry, und das dürfte durchaus im Sinne der Ministerin sein, sonst hätte der Tagesprophet die Information unter den Tisch fallen lassen.“

„Der Witz ist“, bemerkte nun Harry, „dass Hermine mit ihrer Paranoia sogar richtigliegt. Sie kann unmöglich wissen, dass ich etwas gegen sie im Schilde führe, aber sie geht trotzdem davon aus und benutzt die erste Gelegenheit, mir zu schaden. Der Tagesprophet hätte sich nicht getraut, meinen Namen ins Spiel zu bringen, wenn Northwood nicht wüsste, dass er dafür ihre Rückendeckung hat. Außerdem hat es in den letzten Tagen mehrere Versuche gegeben, die Schutzzauber zu durchbrechen, die wir auf unser Haus gelegt haben, und diese Versuche waren ziemlich raffiniert. Ich nehme an, dass Cesar, und das heißt Hermine, dahintersteckt.“

„Und nun, wo bekannt ist, dass dein Sohn einer von uns ist, wird sie den Verdacht hegen, dass zwischen dir und uns eine Verbindung besteht, und wieder liegt sie mit ihrer Paranoia richtig“, sagte Ares. „Sie wird sich wahrscheinlich etwas einfallen lassen, um möglichst uns Alle aus dem Verkehr zu ziehen. Wir sollten mit unseren Plänen nicht mehr lange warten. Ich weiß, Jeder soll nur so viel wissen, wie er wissen muss, trotzdem: Roy, bleibt es bei Januar?“

Roy nickte. „Was mich angeht, ja. Es gibt noch ein paar Probleme zu lösen, aber der Zeitplan dürfte dadurch kaum durcheinanderkommen. Beschleunigen kann ich ihn allerdings wahrscheinlich auch nicht.“

„Auch von meiner Seite bleibt es bei Januar“, bestätigte Harry.

„Also noch gut zwei Monate. Verdammt lang, wenn das Ministerium einen vor der Flinte hat“, sagte Ares düster. „Zumal wir bedenken müssen, dass sie einen, wahrscheinlich aber zwei Agenten in Hogwarts hat: Richardson und den, der Bancroft geschockt hat.“

„Vermutlich ein Amasi-Agent“, sagte Harry, „der fähig ist, unbemerkt in Hogwarts ein- und auszugehen.“

„Was könnte ihr nächster Schritt sein“, überlegte Roy, „wenn wir davon ausgehen, dass sie uns Alle ausschalten will?“

„Vermutlich ein neuer, noch heftigerer Anschlag“, meinte Harry, „der ihr die Handhabe gibt, McGonagall abzulösen, und den sie nach Möglichkeit euch in die Schuhe schieben wird. Da wir ihr mit unserem Plan nicht zuvorkommen können, müssen wir ihren vereiteln.“

Harry sah auf die Uhr. „McGonagall hat mich zu einem Gespräch mit Barclay gebeten, vielleicht sehen wir dann klarer, was zu tun ist. Wir sehen uns wie gewohnt morgen Abend zur DA-Stunde.“

 

McGonagall und Barclay saßen schon beisammen, als Harry das Büro der Schulleiterin betrat.

„Entschuldigen Sie bitte, ich wurde aufgehalten“, sagte er, drückte beiden die Hand und nickte dem Portrait Dumbledores zu, der freundlich zurücknickte.

„Kein Problem, Sie haben noch nichts versäumt“, erwiderte McGonagall gnädig. „Und da wir nun zwei geschulte Auroren hier haben, bitte ich Sie um Vorschläge, wie wir den Täter überführen, und zwar bevor er den nächsten Anschlag begeht.“

„Eigentlich soll ich gar nicht ermitteln“, sagte Barclay. „Susan Bones hat mir heute eine bitterböse Eule geschickt und mich angewiesen, in Zukunft bei Vorkommnissen dieser Art nichts zu unternehmen und sofort die Auroren zu alarmieren. Wahrscheinlich will sie dann mit einer Hundertschaft hier einfallen.“

Susan hat Ihnen keine Anweisungen zu geben“, erwiderte McGonagall, „solange Sie vom Aurorendienst freigestellt sind. Da Sie Lehrer in Hogwarts sind, gibt es nur eine Person, die Ihnen gegenüber weisungsbefugt ist, und das bin ich.“

„Ich weiß“, stimmte Barclay zu, „und ich fühle mich auch nicht daran gebunden. Ich wollte nur darauf hinweisen, wie erpicht das Ministerium offenbar darauf ist, in Hogwarts den Fuß in die Tür zu bekommen.“

Harry horchte auf. Barclay war normalerweise der Inbegriff eines loyalen Beamten. Dass er so kritisch über das Ministerium sprach, war neu und zeigte, wie sehr Hermine bereits ihre besten Leute gegen sich aufgebracht hatte. Er beschloss, auf den Busch zu klopfen:

„Gracchus, halten Sie es für möglich“, fragte er vorsichtig, „dass der Täter im Auftrag des Ministeriums handeln könnte?“

„Im Auftrag Hermines, Susans oder Cesars?“, fragte Barclay und zog die Augenbrauen hoch. „Noch vor einem halben Jahr hätten wir beide uns bei der bloßen Vorstellung totgelacht. Inzwischen aber… nun ja, möglich wäre es.“

Einen Moment herrschte Stille, dann fuhr Barclay fort:

„Zumindest die Person, die den Tagespropheten unterrichtet hat, handelt mit ziemlicher Sicherheit im Auftrag des Ministeriums.“

„Und diese Person ist?“, fragte Harry, der nicht verraten wollte, wie viel er bereits wusste.

„Richardson“, sagte Barclay ruhig und nannte genau die Indizien, die Harry schon mit den Unbestechlichen besprochen hatte.

„Die Frage ist aber“, sagte Harry, „ob sie auch die Attentäterin ist. Eigentlich glaubt wohl niemand, dass sie dazu fähig ist, es sei denn…“ Harry machte eine Kunstpause, um Barclay Gelegenheit zu geben, den Gedanken zu ergänzen:

„Es sei denn“, nahm dieser den Ball auf, „sie stünde unter dem Imperiusfluch.“

„Das müsste sich aber doch herausfinden lassen“, warf McGonagall ein.

„Gewiss“, bestätigte Harry, „aber nicht, ohne dass der Betroffene es merkt, und die nötigen Zauber dürfen nur von Auroren im Dienst – also nicht von Gracchus oder mir – eingesetzt werden. Dabei benötigen auch die aktiven Auroren die ausdrückliche Genehmigung der Abteilungsleiterin. Wer es unbefugt tut, handelt sich mehrere Jahre Askaban ein, ebenso wie der, der unbefugt Veritaserum einsetzt. Natürlich könnte man es trotzdem tun und anschließend Richardsons Gedächtnis löschen…“

Barclay räusperte sich vernehmlich. „Ich gehe davon aus, Harry, dass dies rein theoretische Überlegungen sind“, sagte er mit Nachdruck. So kritisch er dem Ministerium gegenüberstand, er war nun einmal ein korrekter Beamter. Er würde jeden verhaften, der gegen das Gesetz verstieß, notfalls auch die Ministerin, aber selbst würde er niemals etwas Verbotenes tun.

„Selbstverständlich“, erwiderte Harry. „Ich wollte nur Professor McGonagall auf unseren Wissensstand bringen.“

„Natürlich, Harry, das sollte auch kein Misstrauen sein, ich weiß, was für ein korrekter Mensch Sie sind.“

Harry grinste in sich hinein: In demselben Moment, in dem Gracchus seine Korrektheit lobte, waren seine Frau und sein Sohn damit beschäftigt, im selben Gebäude das Versteck für die Entführung der Zaubereiministerin vorzubereiten.

„Das mit dem Imperius halte ich für plausibel“, sagte Barclay. „Ich stelle schon seit einiger Zeit fest, dass sie so merkwürdig beschwingt wirkt. Das kann natürlich verschiedene Ursachen haben – sie könnte verliebt sein oder irgendwelche Zaubertränke nehmen. Es könnte aber auch ein Hinweis auf den Imperius sein, und das scheint mir im Licht der neuesten Ereignisse das Wahrscheinlichste.“

„Was schlagen Sie also vor?“, fragte McGonagall.

„Erstens Richardson im Auge behalten“, antwortete Harry, „zweitens die Schutzzauber um Hogwarts verstärken, damit ein Unbefugter auch dann nicht eindringen kann, wenn er zufällig Auror ist…“

„Da gibt es allerdings noch einige Sicherheitslücken“, bestätigte Barclay.

„Die Sie schließen werden.“ Harry hatte einen Moment vergessen, dass er nicht mehr Barclays Vorgesetzter war. „Drittens im Unterricht verstärkt Selbstverteidigungszauber behandeln, auch in den unteren Klassen, selbst wenn es nicht im Lehrplan steht“, fuhr Harry fort, und Barclay nickte.

„Viertens dafür sorgen, dass muggelstämmige Schüler immer in Begleitung sind, und fünftens einen Streifendienst aus verlässlichen Schülern einrichten.“

„Ob das viel bringt?“, meinte Barclay zweifelnd. „Der Täter dürfte sich unter dem Schutz eines Unsichtbarkeitszaubers bewegen, und es wird nicht viel bringen, aufs Geratewohl Disinvisibilis-Zauber durch die Gegend zu feuern.“

„Das ist richtig“, meinte Harry, „aber lassen Sie sich einmal von MacAllister dessen Calorate-Zauber zeigen, der macht automatisch Jeden sichtbar, sogar wenn er einen Tarnumhang trägt. Zu dem wenigen, was wir über unseren Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen können, gehört eben, dass er sich unsichtbar macht, sodass Jeder, der dabei erwischt wird, automatisch verdächtig ist. Was den Kreis der Verdächtigen erheblich einschränken dürfte. Ich würde auch nur die Streifengänger selbst einweihen, unser Täter braucht nicht davor gewarnt zu werden, dass er für sie sichtbar ist.“

„Professor McGonagall?“ Barclay warf der Schulleiterin einen fragenden Blick zu.

„Gracchus, ich beauftrage Sie, die nötigen Maßnahmen einzuleiten. Machen Sie es genau so, wie Harry gesagt hat – es sei denn, Sie haben Einwände oder zusätzliche Vorschläge.“

„Keine Einwände, keine Vorschläge“, erwiderte Barclay.

„Gut“, sagte McGonagall und erhob sich. Die beiden Männer taten dasselbe. „Dann bleibt mit nur, Ihnen noch einen schönen Abend zu wünschen. Und, Harry, grüßen Sie Ginny von mir.“

 

Nachdem sie das Büro verlassen hatten, blieben sie noch kurz stehen.

„Ihr Jüngster macht sich, Harry. Er hat mich gestern beeindruckt.“

„Ja?“ Harry strahlte.

„O ja. Sogar für einen Erwachsenen, auch und gerade wenn er unschuldig ist, ist es unangenehm, als Verdächtiger einem Auror beim Verhör gegenüberzusitzen, erst recht für einen gerade einmal Elfjährigen. Albus hat die Situation ausgesprochen souverän gemeistert – höflich, sachlich, selbstbewusst, intelligent. Und bei den Zaubern, die er jetzt schon beherrscht, sollten Sie ihn schon einmal für die Aurorenabteilung vormerken.“

„Würde ich gerne“, sagte Harry, „ich glaube, die meisten Väter freuen sich, wenn ein Sohn in ihre Fußstapfen tritt. Aber unter Hermine könnte ich ihm das nicht empfehlen.“

„Nun ja“, versuchte Barclay zu abzuwiegeln, „Hermine wird ja nicht ewig an der Macht bleiben.“

„Ich fürchte, sie wird nicht ewig brauchen, Gracchus. Ein paar Jahre noch, wenn überhaupt, dann brauchen wir uns über eine Aurorenkarriere für Albus schon deshalb keine Gedanken mehr zu machen, weil es dann keinen Magischen Staat mehr geben wird.“

Barclay sah ihn betroffen an. „So schlimm wird es schon nicht kommen. Sie sollten sich Ihre Suspendierung nicht so zu Herzen nehmen, es kommen auch wieder bessere Tage.“

„Vielleicht haben Sie recht“, lenkte Harry ein. Er wollte Barclay nicht mit der Nase darauf stoßen, dass sein ehemaliger Vorgesetzter heute zu den erbittertsten Gegnern von Hermines Politik gehörte. „Na, dann mache ich mich mal auf den Heimweg.“

„Ich vermute, Sie finden selber hinaus?“, meinte Barclay grinsend.

„In Hogwarts kenne ich mich besser aus als im Ministerium“, erwiderte Harry ebenfalls grinsend.

Sie gingen in verschiedene Richtungen davon. Als Harry Barclays Schritte verklingen hörte, blieb er stehen und dachte nach.

Es gibt ein paar einfache Grundregeln, rief Harry sich seine lang zurückliegende Ausbildung unter Cesar und dessen Stimme ins Gedächtnis. Stets die Kontrolle und die Initiative behalten. Dem Gegner immer eine Nasenlänge voraus sein. Sich nicht überraschen lassen. Gefahrenherde ausschalten.

Harry grinste grimmig. Tja, Cesar, dann wenden wir deine Prinzipien jetzt gegen dich. Du wirst dich wundern, was ich bei dir alles gelernt habe.

Er grübelte noch einige Minuten, dann machte er sich unsichtbar und lenkte seine Schritte zügig in den zweiten Stock. Er wusste jetzt, was er zu tun hatte.

 

Unterdessen waren Ginny und Albus mit Feuereifer dabei, die ehemalige Kammer des Schreckens in eine Fünf-Sterne-Luxusunterkunft zu verwandeln. Ginny hatte alles, was sie brauchten, im Miniaturformat mitgebracht. Zunächst richteten sie das Schlafzimmer ein.

Albus staunte nicht schlecht, als seine Mutter das für Hermine vorgesehene Bett vergrößerte. „Mama, das ist ja ein Wolkenbett!“

In der Tat hatte die Matratze die Gestalt einer prachtvollen Wolke, und genauso fühlte sie sich auch an, als Albus sich mit Schwung darauf warf und einen Moment mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegenblieb, um das selige Gefühl des Schwebens zu genießen. Dann richtete er sich auf:

„Hast du das selbst gezaubert?“

Ginny lachte. „So etwas kann man nicht einfach zaubern, man muss es schon kaufen.“

„Boaaah, das muss ja ein kleines Vermögen gekostet haben!“

„Hat es auch, aber wir sind glücklicherweise nicht arm. Hermine ist es uns wert.“

„Meine Güte, von uns möchte ich auch einmal entführt werden!“

Dann vergrößerte Ginny den Schmink- und Toilettentisch im Rokokostil und bestückte ihn mit allem, was man als Frau so braucht, unter anderem mit Hermines Lieblingsparfums, die sie als ihre beste Freundin genau kannte.

Als Nächstes kamen Bilder an die Reihe. Es dauerte eine ganze Weile, bis Ginny und Albus all die vielen Bilder vergrößert und, geschützt durch einen Unzerstörbarkeits- und Dauerklebezauber, an der Wand befestigt hatten, die Hermine an glückliche Tage erinnern sollten: Bilder aus ihrer Hogwarts-Zeit, Bilder von ihrer Hochzeit mit Ron, Bilder von Familienfesten und Weihnachtsfeiern…

„Du weißt, warum wir das machen?“, fragte sie zwischendurch ihren Sohn.

„Um ihrer Seele Kraft zu geben, dem Eindringling zu widerstehen. Papa sagt, sie soll spüren, dass sie geliebt wird.“

Ginny nickte, und in ihren Augen glitzerte es verdächtig, als ihr Blick an einem Bild von ihr und Hermine hängenblieb, das am Tag von Bills Hochzeit aufgenommen worden war. Harry hatte sich kurz zuvor von ihr getrennt, um Voldemort zu jagen, und Hermine war diejenige gewesen, die ihr Mut und Trost zugesprochen hatte. Wie lang das alles schon her war…

„Mama“, riss Albus sie aus ihren Gedanken.

„Ja?“

„Warum stellt ihr Hermine nicht gleich ein Denkarium hin? Das wäre noch wirkungsvoller als Bilder. Wir könnten alle unsere schönen Erinnerungen, die wir mit ihr geteilt haben, darin versenken. Ich glaube nicht, dass sie der Versuchung widerstehen kann, darin einzutauchen.“

Ginny nahm ihren Sohn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Da niemand zusah, ließ er es sich gern gefallen. „Das ist eine hervorragende Idee, das machen wir!“

Das Badezimmer wurde unter Ginnys Zauberhänden zu einem Traum aus Gold und Marmor. Die Küche war klein, Hermine kochte nicht gerne, daher hatten sie beschlossen, sie mit fertig zubereiteten Mahlzeiten zu versorgen, die mit einem Frischhaltezauber konserviert waren. Zum Schluss kam das Wohnzimmer an die Reihe.

Wenn es etwas gab, was Hermine unbedingt brauchte, um sich wohlzufühlen, so waren es Bücher, und zwar viele. Obwohl sie nur Puppenhausformat hatten, türmten sich die Bücher, die Ginny aus ihrer Endlostasche auf den Boden schüttete, zu einem beachtlichen Hügel, und es dauerte wieder eine ganze Weile, all die Bücher zu vergrößern und ins Regal zu zaubern. Als sie fast damit fertig waren, hörten sie Schritte. Sie zückten vorsorglich ihre Zauberstäbe.

„Ich bin’s nur“, rief Harry, bevor er wie angewurzelt stehenblieb. „Wow! Eine Königin könnte nicht schöner wohnen!“

„Hast du etwa etwas Anderes erwartet?“, fragte Ginny scherzhaft gekränkt und führte ihn ganz im Stil einer stolzen Schlossherrin durch die Räume.

„Übrigens hat dein Sohn eine phantastische Idee!“ Sie erläuterte ihm Albus‘ Einfall mit dem Denkarium. Auch Harry war sofort begeistert.

„Denkarien sind zwar schwer zu bekommen, aber ich habe ganz gute Beziehungen. Jetzt aber etwas Anderes: Albus, ich bin hier heruntergekommen, weil ich dich noch erwischen wollte, bevor du schlafengehst. Ich brauche heute den Tarnumhang und die Karte des Rumtreibers. Ich werde beide nachher im Geheimraum zurücklassen, bevor wir disapparieren.“

„Kein Problem“, sagte Albus, „um zum Slytherin-Gemeinschaftsraum zurückzukehren, genügt mir ein Unsichtbarkeitszauber.“

„Wozu brauchst du den Tarnumhang?“, wollte Ginny wissen. „Reicht für dich nicht auch ein Unsichtbarkeitszauber?“

„In diesem Fall nicht. Ich möchte ausschließen, dass man mich mit Disinvisibilis sichtbar machen kann.“

Ginny zog fragend die Brauen hoch.

„Ich erkläre es dir später“, sagte Harry. „Wenn du willst, kannst du schon einmal disapparieren.“

„Will ich aber nicht. Ich warte im Geheimraum auf dich.“

Sie vergewisserten sich anhand der Karte des Rumtreibers, dass oben die Luft rein war und flogen mit Ginnys und Albus‘ Besen nach oben, wobei Albus hinter seiner Mutter Platz nahm und seinem Vater seinen Besen überließ. Während Ginny zum Geheimraum ging und Albus spaßeshalber auf dem Besen zu den Slytherin-Räumen flog, machte sich Harry unter dem Tarnumhang auf den Weg zur Dienstwohnung der Muggelkundelehrerin.

Es war kurz vor elf, als er an die Tür klopfte. Er wartete.

„Wer ist da?“, rief schließlich eine weibliche Stimme von drinnen.

„Ich bin’s, Gracchus.“ rief Harry. Seine Stimmlage ähnelte der von Barclay. Durch eine geschlossene Tür konnte man den Unterschied nicht wahrnehmen. „Entschuldigen Sie die späte Störung, aber es ist wichtig.“

Einen Moment später stand Richardson ihm im Morgenmantel mit dem Zauberstab in der Hand gegenüber. „Hallo?“, fragte sie verwirrt, da sie niemanden sah.

Expelliarmus!“, flüsterte Harry unter seinem Umhang. Meredith wurde von den Füßen gerissen, ihr Zauberstab flog durch die Luft und kullerte über den Boden.

Silencio!“, sagte er, bevor sie schreien konnte, und „Impedimenta!“, machte sie bewegungsunfähig. Harry schleppte die Lehrerin in deren Wohnung, schloss die Tür hinter sich und legte sie aufs Sofa.

Zunächst hob er den Lähmzauber wieder auf und befahl gleich darauf: „Imperio!“

Harry hasste den Imperiusfluch. Der Imperius gehörte bereits zur Schwarzen Magie, einer Art von Magie, die an der Seele dessen frisst, der sie anwendet. Das berauschende Gefühl von Macht, das damit verbunden ist, kann süchtig machen wie eine Droge. Wer ihr verfällt, verliert seine Seele Schritt für Schritt an das Böse. Das war der Grund, warum Harry sich geweigert hatte, den Unbestechlichen den Imperius beizubringen. Als Auror hatte er ihn bisweilen anwenden oder seine Anwendung anordnen müssen, aber die Auroren waren intensiv darin geschult worden, ihre Seele gegen das Rauschgefühl zu verschließen. Dennoch hatte Harry stets darauf geachtet, nicht zweimal hintereinander denselben Auror damit zu beauftragen. Heute hatte er allerdings keine Wahl. Er musste zunächst herausfinden, ob Richardson im Bann des Fluchs stand.

Wird dieselbe Person mit zwei Imperiusflüchen belegt, so bleibt der zeitlich erste bestehen, während der zweite wirkungslos verpufft. Das Verfahren, mit dem Auroren herausfinden, ob jemand unter dem Imperius steht, ist daher, ihn zunächst mit einem zweiten Imperius zu belegen. Misslingt es, so steht der Betreffende mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits unter dem Fluch.

„Wer sind Sie? Wo sind Sie? Was fällt Ihnen ein?“, empörte sich Richardson, während sie sich aufrappelte.

„Machen Sie zehn Kniebeugen!“, befahl Harry.

„Ich denke ja gar nicht dran!“, schrie Richardson und sah sich nach ihrem Zauberstab um.

Impedimenta!“, kommandierte Harry, und die Lehrerin kippte gelähmt wieder hinterrücks aufs Sofa.

Das Wichtigste wusste er nun: dass Richardson tatsächlich unter dem Imperiusfluch stand. Die beiden anderen Fragen lauteten, wer sie verhext hatte, und ob sie die Urheberin der Angriffe auf die muggelstämmigen Schüler war.

Er beugte sich über die steif daliegende Lehrerin und sah ihr fest in die Augen, um in ihre Gedanken und Erinnerungen einzudringen. Legilimentik, eine für das Opfer besonders entwürdigende Methode, gehörte zu den Disziplinen, gegen die er immer einen gesunden Widerwillen gehabt hatte. Im Ministerium galt er als – wenn auch erfolgreicher – Softie, weil er immer versuchte, mit den mildesten Mitteln zum Ziel zu kommen. Wenn es aber nötig war – so wie heute – konnte auch Harry brutal vorgehen. Besonders gut war er nicht in Legilimentik, aber für Richardson, die nie in Okklumentik ausgebildet worden war, würde es reichen.

Er ließ ihre Erinnerungen der letzten Monate wie einen schnell vorlaufenden Film an sich vorbeiziehen: ihre Ankunft in Hogwarts, das Festessen, die Unterrichtsstunden, den Ärger über Roy, die immer wiederkehrenden Tagesabläufe… Plötzlich stoppte er, ging einen Moment zurück. Richardson sitzt beim Frühstück, die Eulen bringen die Post, plötzlich werden die Erinnerungen unscharf, dann wieder ganz klar. Dieser Moment war durch einen Gedächtniszauber gelöscht worden. Harry ließ den Erinnerungsfilm etwas langsamer weiterlaufen: Um die Mittagszeit verlässt Richardson das Schulgelände – und wieder ein Filmriss. Ungefähr eine Stunde ihrer Erinnerungen fehlt. Dann steht sie wieder vor dem Hogwarts-Portal und geht hinein.

Harry verfolgte die Erinnerungen Tag für Tag. Da! Richardson macht sich unsichtbar, streift durch die Gänge, ein Schüler taucht auf, Harry hört sie sagen „Petrificus totalus!“, und als der Schüler umfällt, geht sie zurück in ihre Dienstwohnung und macht sich wieder sichtbar. Das Gleiche geschieht im Abstand von jeweils wenigen Tagen noch zwei Mal. Wieder ein paar Tage später, es muss Abend sein: Wieder ist Richardson unsichtbar, ein Schüler geht durch einen der Hogwarts-Gänge, Harry sieht einen ein roten Blitz von Richardson ausgehen – das ist der Schockzauber. Harry sieht die Lehrerin mit ihren Kollegen zusammen Zauberstäbe prüfen. Als sie fertig ist, steht sie auf, verlässt das Schulgelände, und appariert in der Redaktion des Tagespropheten…

Harry hatte genug gesehen. Der einstündige Filmriss musste die gelöschte Erinnerung an den Imperiusfluch enthalten. Und dieser Fluch konnte nicht von Cesar Anderson stammen. Ein Profi wie Cesar hätte nicht nur den Moment des Imperiusfluchs mit einem Gedächtniszauber gelöscht, sondern ihn durch eine alternative Erinnerung ersetzt und auch dafür gesorgt, dass alle Erinnerungen an die unter dem Imperius begangenen Taten beim Versuch des Eindringens sofort gelöscht worden wären. Hermine – nur sie konnte es praktisch gewesen sein – hatte den Imperiusfluch und den Gedächtniszauber zwar so virtuos gehandhabt, dass man ihr nichts nachweisen konnte, aber den Kniff mit der konditionierten Gedächtnislöschung konnte sie nicht kennen, er gehörte zur Trickkiste der Auroren und ihrer fähigsten Widersacher. Interessant, dass sie nicht Cesar beauftragt hatte. Nicht einmal er genoss ihr uneingeschränktes Vertrauen…

Antimperi!“, sprach er nun die Anti-Imperius-Formel, mit der er Hermines Imperiusfluch aufhob, und gleich darauf wieder:

Imperio! Sie werden sich jetzt ruhig verhalten, wenn ich den Lähmzauber aufhebe.“

Er schwang seinen Zauberstab, Richardson setzte sich auf.

„Dieser Imperiusfluch gilt, von jetzt an gerechnet, für sechs Monate, dann endet er automatisch. Falls Sie ins Ministerium zitiert werden, gehen Sie hin. Sollte die Zaubereiministerin oder Cesar Anderson Ihnen neue Befehle geben, ohne einen neuen Imperiusfluch auszusprechen, so werden Sie in ihrer Gegenwart so tun, als würden Sie ihnen gehorchen, aber sonst die Befehle ignorieren. Sie werden Roy MacAllister berichten, was ihnen befohlen wurde und wer es befohlen hat. Anschließend vergessen Sie, dass und wem Sie es berichtet haben. Sollten die Ministerin oder Anderson versuchen, Sie mit einem neuen Imperiusfluch zu belegen, werden sie ihnen nicht gehorchen und auch nicht so tun. Haben Sie mich verstanden?“ Richardson nickte. „Haben Sie schon im Bett gelegen, als ich an Ihre Tür geklopft habe?“

„Ja“, sagte Richardson.

„Gut“, sagte Harry. „Mit dem folgenden Amnesia-Zauber verschwindet alles aus Ihrem Gedächtnis, was geschehen ist, von dem Moment an, wo Sie sich vorhin schlafengelegt haben, bis zum Aufwachen morgen früh. Wenn ich diesen Zauber gesprochen haben, legen Sie sich wieder schlafen.“

Richardson nickte, noch immer benommen.

Amnesia!“

Wie in Trance stand Richardson auf und ging in ihr Schlafzimmer. Harry hörte ihr Bett knarren, als sie sich hinlegte. Er warf einen prüfenden Blick auf die Karte des Rumtreibers und verließ, immer noch unter dem Tarnumhang, die Lehrerwohnung.

Während er zum Geheimraum der Unbestechlichen ging, um mit Ginny zu disapparieren, atmete er auf. Morgen würde er den Unbestechlichen sagen, dass von Richardson keine Gefahr mehr ausging, ihnen aber trotzdem empfehlen, Barclays Sicherheitsmaßnehmen zu unterstützen, für den Fall, dass doch noch ein weiterer Ministeriumsagent sein Unwesen trieb.

Alles hatte wie am Schnürchen geklappt. Barclay würde keine Verhaltensänderung an Meredith Richardson bemerken, ihn also auch nicht verdächtigen, genau das getan zu haben, was er noch vor einer Stunde als bloß theoretische Möglichkeit abgetan hatte. Hermine würde nicht feststellen können, dass der Imperiusfluch, unter dem Richardson nun stand, nicht mehr ihr eigener war. Falls sie neue Befehle erteilte, würde sie nicht sofort mitbekommen, dass sie nicht ausgeführt wurden. Um zu bemerken, dass ihre Marionette nicht mehr funktionierte, würde sie eine Weile brauchen, mindestens zwei Monate…

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