28 – Ein seltsamer Termin

 

Am ersten Dienstag im Oktober ging Meredith Richardson beschwingt in ihre letzte Doppelstunde Muggelkunde vor der Mittagspause. Sie hatte ihre Lieblingsklasse, die Erstklässler der Ravenclaws und Slytherins. Die Kinder in dieser Klasse – aufgeweckt, interessiert und wohlerzogen – waren der Traum jeder Lehrerin, und zu ihrer eigenen Überraschung stellte Richardson, eine Gryffindor, fest, dass sie gerade die Slytherins unter den Erstklässlern besonders gern hatte. Nicht nur Bernard Wildfellow, der einzige echte Muggel in Hogwarts, auch seine Freunde hatten es ihr angetan.

Bernard glänzte in jedem Fach, in dem er ohne Zauberei auskam, natürlich auch und gerade in Muggelkunde, und sie tat so, als bemerke sie nicht, dass er manchmal seinen Mitschülern Antworten einflüsterte oder sie abschreiben ließ, denn sie wusste von ihren Kollegen Flitwick und Macmillan, dass Potter und Malfoy – auch sie zwei ganz reizende Jungs, fand sie – sich in Zauberkunst und Verwandlung revanchierten, indem sie seinen Zauberversuchen mit ihren Zauberstäben unter der Bank ein wenig nachhalfen, was Flitwick und Macmillan ihrerseits geflissentlich ignorierten.

Richardson hätte in den neunziger Jahren gerne in Oxford studiert, um sich mit der Muggelwelt, für die sie sich seit jeher leidenschaftlich interessierte, wirklich gründlich vertraut zu machen. Leider hatte das Ministerium ihren Antrag damals abgelehnt. So war sie darauf angewiesen, sich aus der Muggelpresse, aus Büchern und bei gelegentlichen Kurzbesuchen auf dem Laufenden zu halten. Gewiss wusste sie über die Muggelwelt mehr als die meisten Hexen und Zauberer, aber Bernards Wissen war viel aktueller, und es war nicht angelesen wie ihres, sondern stammte aus dem richtigen Leben. Andere Lehrer hätten vielleicht um ihre Autorität gefürchtet und ihm verübelt, dass er seine Lehrerin bisweilen höflich korrigierte. Richardson war souverän genug, ihn gewähren zu lassen und ermutigte ihn sogar, von seinem Leben in der Muggelwelt zu erzählen.

Heute waren Telefone dran. Meredith hatte sich eigens von ihrem Ministeriumskollegen Arthur Weasley, der ihre Begeisterung für die Muggeltechnik teilte, dessen Sammlung von fünf historischen Telefonen ausgeliehen. Das älteste stammte noch aus dem neunzehnten Jahrhundert, eines aus dem frühen zwanzigsten, eines aus den dreißiger Jahren, eines aus den Achtzigern. Ihr ganzer Stolz war ein Handy, das sie gerade als neueste Errungenschaft präsentierte, als sie Wildfellow ein Grinsen unterdrücken sah.

„Bernard?“, fragte sie aufmunternd, „stimmt irgendetwas nicht?“

„Äh, ich fürchte“, meinte Bernard, „so richtig aktuell ist das Ding nicht mehr. Dem Design nach würde ich schätzen, dass es mindestens zwanzig Jahre alt ist. Heute macht man mit Handys noch ganz andere Sachen als nur zu telefonieren.“

„Ja? Erzähl doch, was machst du damit?“

Und Bernie erzählte. Das Gespräch ging von Smartphones zu Computern und schließlich zum Internet über.

„Man kann alles Mögliche machen“, sprudelte es aus Bernie heraus, „auch ganz abgefahrene Sachen. Ich zum Beispiel habe mir im Sommer lauter Tonaufzeichnungen rückwärts angehört.“

„Wozu das denn?“, fragte seine Lehrerin verblüfft.

„Nun ja, manche behaupten, man könne auf diese Weise Botschaften verstehen, die dem Sprecher unbewusst sind, also direkt aus seinem Unterbewusstsein stammen.“

Meredith staunte. Bernard war wirklich ein ungewöhnlich wissbegieriger Junge. Welcher andere Elfjährige würde auf eine solche Idee kommen?

„Und?“, fragte sie neugierig. „Hast du solche Botschaften gehört?“

„Na ja“, meinte Bernie, „das meiste ist natürlich Kauderwelsch. Aber einmal hatte ich einen richtigen Volltreffer: ein Video, in dem eine Frau ganz begeistert irgendeinen Lippenstift anpries. Als ich es mir rückwärts anhörte, hörte man ganz deutlich: ‚Kauft – bloß – nicht – diesen – Scheiß!‘“

Alle lachten.

Solche Stunden liebte Meredith, und es störte sie nicht im Mindesten, dass sie oft weit vom Thema abschweiften. Es kam ihr ja nicht unbedingt darauf an, ihren Schülern technische Einzelheiten über Telefone beizubringen – wie man telefonierte oder im Internet surfte, würden sie noch früh genug lernen –, sondern ihnen die Angst vor der fremden Muggelwelt zu nehmen, und Bernie war sozusagen deren Botschafter und lebender Repräsentant. Dass er bei den Slytherins gelandet war, bei denen die Vorbehalte am größten waren, erschien ihr als unglaublicher Glücksfall; dass ausgerechnet MacAllister dafür gesorgt hatte, als Wunder.

Waren nämlich die Slytherin-Erstklässler ihre heimlichen Lieblingsschüler, so waren die Sechstklässler desselben Hauses ihr Alptraum, und MacAllister war der Schlimmste von allen. Seit Anfang des Schuljahres behandelten sie im Unterricht das politische System Muggel-Großbritanniens. Richardsons Bemühungen, ihren Sechstklässlern die Vorzüge der britischen Demokratie nahezubringen, zerschellten regelmäßig an MacAllisters bissigem Sarkasmus.

Als sie die Funktionsweise demokratischer Parteien erläuterte, zitierte MacAllister das „eherne Gesetz der Oligarchie“ eines deutschen Soziologen, von dem Meredith noch nie gehört hatte:

„Kurz gesagt,“ erläuterte MacAllister, „wer es nach oben schafft, bestimmen die, die es schon geschafft haben.“

Pressefreiheit definierte er als „die Freiheit von zwei Dutzend Leuten, zu bestimmen, was der Rest der Gesellschaft glauben soll.“

Jeder kann frei seine Meinung sagen? „Es sei denn, er hat eine. Vor allem eine andere als die zwei Dutzend Leute.“

Aber im Internet kann er es doch? „Wenn Facebook es zulässt.“

Menschenrechte… „kommen immer in Mode, wenn die Regierung einen Krieg gegen einen Diktator anzetteln will, während befreundete Diktatoren selbstredend nie die Menschenrechte verletzen.“

Marktwirtschaft? „Versuchen Sie sich mal im freien Wettbewerb mit Google.“

„Sagen Sie mal, Sie Schlaumeier“, fragte Richardson gereizt, „welches System würden Sie denn so viel besser finden?“

„Das ist nicht mein Problem“, erwiderte MacAllister ungerührt, „sondern das der Muggel. Ich will nur verhindern, dass Ihr Ministerium es zu meinem Problem macht.“

Es war hoffnungslos. Selbstverständlich hielt sie tapfer dagegen, hatte damit aber nur den Erfolg, dass MacAllister jede seiner Thesen mit einem ganzen Katarakt von Argumenten begründete. Auf diese Weise lernten die Schüler zwar allerhand über die Muggelwelt, aber gerade nicht das, was sie lernen sollten.

Am Schlimmsten war aber, dass MacAllister sein umfangreiches Wissen über die Muggelwelt nicht, wie Bernie, höflich und bescheiden zum Besten gab, sondern durchblicken ließ, dass er seine Lehrerin nicht ernstnahm, und damit bewirkte, dass seine Mitschüler es ebenfalls nicht taten. Nicht nur die Slytherins, sondern durchaus auch die Ravenclaws hatten ihren Spaß daran, wie MacAllister sie immer wieder in die Enge trieb und manchmal geradezu lächerlich machte.

Im Oktober würden sie die multikulturelle Gesellschaft durchnehmen, und Meredith litt schon seit Tagen unter Alpträumen, in denen MacAllister die Hauptrolle spielte…

Die schöne Doppelstunde mit den Erstklässlern verging wie im Fluge. Nachdem sie ihre Schüler freundlich in die Mittagspause verabschiedet hatte, packte Meredith ihre Umhängetasche und machte sich auf den Weg zum Schlossportal. Sie hatte nämlich noch einen Termin. Einen seltsamen Termin.

Heute Morgen war eine Ministeriumseule vor ihr auf dem Lehrertisch gelandet. Sie überbrachte ein Schreiben mit dem offiziellen Briefkopf des Ministeriums:

Sehr geehrte Mrs. Richardson,

bitte apparieren Sie heute Mittag um 12.15 Uhr in der Eingangshalle des Ministeriums. Ich werde Sie abholen und zu einer äußerst wichtigen und streng vertraulichen Besprechung führen.

Erwähnen Sie niemandem gegenüber, dass Sie Hogwarts verlassen und sich nach London ins Ministerium begeben. Um zu disapparieren, müssen Sie das Schlossgelände verlassen. Vergewissern Sie sich, dass niemand Ihnen folgt und niemand Sie beim Disapparieren beobachtet.

Sie werden rechtzeitig zum Nachmittagsunterricht zurück sein.

Dieses Schreiben wird sich in wenigen Sekunden selbsttätig vernichten.

Mit freundlichen Grüßen

Cesar Anderson

Amt für Magische Sicherheit

 

Kaum hatte sie den Brief gelesen, da schrumpfte er auch schon zusammen und verschwand. Nur eine winzige Staubwolke blieb zurück, die sich rasch auflöste.

Ein wenig Herzklopfen spürte sie schon, als sie zehn Minuten nach zwölf das Schlossgelände verließ. Der Brief kam schließlich nicht aus ihrer angestammten Abteilung, sondern von Anderson, den sie als Chef des Personenschutzes kannte – von einem Amt für Magische Sicherheit hatte sie noch nie gehört –, der sie selbst abholen wollte! Das konnte nur heißen, dass er sie zur Ministerin persönlich bringen wollte. Einerseits war das schmeichelhaft, doch andererseits zerbrach sie sich vergeblich den Kopf darüber, wozu die Geheimniskrämerei gut sein sollte.

Als sie in der Eingangshalle apparierte, sah sie Andersons markante Erscheinung schon neben einem der Empfangsschalter. Anderson begrüßte sie mit einem knappen Kopfnicken und ging ihr dann voraus zum Ministeraufzug, den normalerweise nur die Ministerin selbst benutzen durfte. Als sie schweigend im Aufzug standen, wagte Meredith nicht zu fragen, was es mit der Unterredung auf sich hatte, aber sie war sehr, sehr aufgeregt – nicht nur wegen der konspirativen Umstände, sondern auch, weil sie Hermine glühend verehrte und hoffte, nichts getan zu haben, was das Missfallen der Ministerin erregt haben könnte.

Cesar führte sie geradewegs bis zur Tür des Ministerbüros und blieb zurück, während sie eintrat. Meredith hörte, wie er die Tür hinter ihr von außen schloss, und sah, dass sie mit Hermine allein war.

Die Ministerin forderte sie nun mit einem Wink ihres Zauberstabs auf, Platz zu nehmen. Merediths Herz schlug bis zum Halse. Wie zufällig war Hermines Zauberstab immer noch auf sie gerichtet. Die Ministerin sah sie lange und durchdringend an. Dann sagte sie:

Imperio.“

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