26 – Das Versteck

 

Am Mittwoch disapparierte Harry nicht gleich nach der DA-Stunde, sondern blieb mit seinem Sohn im Geheimraum zurück.

„So“, sagte er, nachdem Julian als letzter die Tür hinter sich geschlossen hatte, „nun zeige ich dir das Versteck für Hermine.“

„Warum ist Mama nicht mitgekommen?“, fragte Albus, der sich auf seine Mutter gefreut hatte. „Ich soll das Versteck doch mit ihr zusammen einrichten!“

„Beim nächsten Mal wird sie dabei sein“, tröstete ihn sein Vater. „Aber ich musste ihr versprechen, das Versteck so zu verändern, dass sie es nicht wiedererkennt.“

„Sie war schon einmal dort?“ Albus war überrascht.

„O ja“, meinte sein Vater, „und sie erinnert sich nicht gern daran. Wir werden Hermine in der Kammer des Schreckens unterbringen.“

Albus erschauerte. In der Kammer des Schreckens wären seine Eltern schon als Kinder beinahe von Voldemort und Salazar Slytherins Basilisken ermordet worden. Er hatte sich die Geschichte oft erzählen lassen, man bekam so eine schöne Gänsehaut dabei. Aber es war eine Sache, sich im heimischen Wohnzimmer wohlig zu gruseln, eine völlig andere, die Kammer selbst zu betreten. Ein bisschen weich wurden seine Knie jetzt schon, aber das hätte er seinem Vater gegenüber nicht zugegeben.

„Können wir?“, fragte Harry.

„Klaro!“, antwortete Albus und versuchte, seine Stimme so tief, mannhaft und entschlossen wie nur möglich klingen zu lassen.

Sie vergewisserten sich anhand der Karte des Rumtreibers, dass niemand in der Nähe war, schlüpften mitsamt ihren Besen unter den Tarnumhang und verließen den Geheimraum.

„Wir müssen in die kaputte Mädchentoilette im zweiten Stock.“ Harry sprach im Flüsterton, obwohl es angesichts der menschenleeren Gänge nicht erforderlich war. „Hoffentlich ist die Maulende Myrte nicht da, die kann ich jetzt gar nicht brauchen.“

„Kann sie uns denn sehen?“, fragte Albus.

„Nein, unter dem Tarnumhang können nicht einmal Geister wie Myrte uns sehen. Aber ich muss dir zeigen, wie man hinein- und herauskommt. Dazu müssen wir sprechen, und hören kann sie uns.“

„Wäre das denn schlimm? Ich meine, würde sie uns verpfeifen?“

Harry grinste. „Nicht, wenn du ein bisschen nett zu ihr bist. Das Problem ist nur: Wenn sie sich erst einmal in dich verknallt hat, und das geht bei ihr schnell, hast du sie ewig auf dem Hals. Wenn sie mich sehen würde, würde sie mir bestimmt eine lautstarke Szene machen, weil ich sie über zwanzig Jahre lang nicht besucht habe. Und sie wird ziemlich beleidigt sein, wenn sie meinen Ehering sieht. Andererseits bin ich ihr inzwischen bestimmt schon zu alt. Du wärst schon viel eher ihre Kragenweite…“

„Ich glaube auch, dass es besser ist, wenn sie uns nicht bemerkt“, meinte Albus, wenig erbaut von der Aussicht, die nächsten sieben Jahre lang von einem verliebten Geistermädchen verfolgt zu werden.

Da es auf neun Uhr zuging, waren die meisten Schüler schon in ihren Gemeinschaftsräumen. Die der Slytherins und Hufflepuffs lagen in den Untergeschossen, die Gryffindors und Ravenclaws hatten ihre Türme. Harry und Albus waren daher die einzigen, die sich im zweiten Stock herumtrieben. Auch Myrte geisterte gottlob irgendwo anders umher.

Die alte Mädchentoilette, die seit über siebzig Jahren, nämlich seit Myrte dort spukte, nicht mehr instandgesetzt worden war, sah in der Dunkelheit noch trostloser aus, als Harry sie in Erinnerung hatte. Sie nahmen den Tarnumhang ab und ließen die Zauberstäbe aufflammen. Der Wasserhahn mit der eingearbeiteten Schlangenkopfskulptur sah tückisch und bedrohlich aus.

„Öffne den Eingang“, sagte Harry in Parsel. Das Waschbecken glitt zur Seite und gab den Schacht frei, der, wie auch Albus wusste, hinab zur Kammer des Schreckens führte.

„Ich habe dieses Versteck ausgesucht, weil es normalerweise nur von einem Parselsprecher geöffnet werden kann“, sagte Harry, „im Moment also nur von dir oder mir. Zuerst probieren wir es aus. Befiehl der Schlange, den Eingang zu schließen.“

„Schließe den Eingang“, befahl Albus der Schlange. Die Öffnung glitt lautlos wieder zu.

„Wir haben jetzt das Problem, dass zumindest Ron weiß, wie man hineinkommt. Er kann zwar kein Parsel, aber er kann Parsel imitieren, und er hat es schon einmal geschafft, hier hereinzukommen. Wenn alles gut geht, wird er gar nicht auf die Idee kommen, aber ich möchte jedes Risiko ausschließen.“

Er wandte sich dem Schlangenkopf zu. „Kannst du mir antworten?“

„Ja“, zischte die Schlange.

„Wenn ich dir befehlen würde, den Zugang in Zukunft nur noch auf ein Kennwort hin zu öffnen, würdest du es tun?“

„Damit würdest du den Zauber verändern, der auf mir ruht“, antwortete die Schlange. „Hast du das Recht dazu?“

Die Frage verblüffte Harry. „Ich weiß nicht…“

„Du bist ein Slytherin…“ begann die Schlange.

„…nein, ein Gryffindor!“, unterbrach Harry sie.

„Der Sprechende Hut“, sagte die Schlange, und selbst durch die Monotonie ihres Parselzischens hindurch klang sie ungehalten, „würde niemals einen Parselmund nach Gryffindor schicken!“

„Er wollte es auch nicht, ich hatte ihn darum gebeten.“

„Das war dumm von dir.“

Ich bin ein Slytherin!“, rief Albus dazwischen.

„Dann verrate mir: Wie heißt die Schlange, die den Eingang zu euren Räumen schützt?“

„Cassiopeia“, antwortete Albus, ohne zu zögern.

Einen Moment lang blieb die Schlange stumm. Dann sagte sie: „Ich erwarte Eure Befehle, Meister!“

Vater und Sohn sahen einander überrascht an.

„Was soll ich jetzt machen?“ Albus wirkte verunsichert.

„Gib ihr ein Kennwort.“

Albus überlegte, dann fragte er die Schlange: „Wie heißt du?“

„Pollux.“

„Kennt außer uns noch jemand diesen Namen?“

„Kein Mensch.“

„Dann öffnest und schließt du den Eingang in Zukunft nur noch dann, wenn der, der es dir befiehlt, dich zugleich beim Namen nennt.“

„So wird es geschehen, Meister.“

„Eine Frage noch“, schaltete Harry sich wieder ein. „Wenn wir dich bitten, den Eingang hinter uns zu schließen, und dann wieder hochkommen und dir von innen befehlen, ihn wieder zu öffnen, kannst du uns dann hören?“

„Ja, und ich werde eurem Befehl auch dann Folge leisten.“

„Sehr gut“, sagte Harry nun zu Albus, „ich hatte mich nicht getraut, die Kammer zu schließen, als ich drin war. Für unsere jetzigen Zwecke wäre ein offener Eingang aber verräterisch. Jetzt öffne die Kammer – Meister!“ Beide grinsten.

„Pollux“, sagte Albus, „öffne den Eingang, und wenn wir beide drin sind, schließt du ihn wieder.“ Das Waschbecken glitt wieder zur Seite. Albus starrte in den endlosen schwarzen Schlund des Schachts. „Und du bist sicher, dass man dort hinunterspringen kann, Papa?“

„Wir könnten auch mit unseren Besen hinunterfliegen, aber springen macht mehr Spaß“, antwortete Harry vergnügt. „Ich springe voraus, dann kommst du nach. Halte deinen Besen gut fest, wir brauchen ihn noch, um wieder herauszukommen.“ Sprach’s und sprang in den Schacht. Albus nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprang hinterher. Er hörte nicht mehr, wie der Eingang sich über ihm schloss. In rasendem Tempo schoss er durch das schier endlose Rohr, immer tiefer hinein in die Eingeweide des Schlosses.

Er brauchte einen Moment, sich wieder aufzurappeln, nachdem er am Ende des Rohres über feuchten Steinboden geglitten war.

„Na?“, fragte sein Vater, der mit erleuchtetem Zauberstab auf ihn gewartet hatte.

„Könnt‘ mich dran gewöhnen“, meinte Albus, obwohl ihm gar nicht so cool zumute war, wie er sich gab.

Harry führte seinen Sohn in einen langgestreckten Saal, der von unheimlichen mannshohen Schlangenkopfskulpturen gesäumt war. Als wäre dies noch nicht gruselig genug, stach Albus der schaurige Anblick des Skeletts jenes Basilisken ins Auge, den Harry vor einem Vierteljahrhundert dort getötet hatte. Mit ihren über zwanzig Metern Länge wirkten sogar die sterblichen Überreste des Basilisken noch beeindruckend.

Den hast du erlegt?“, flüsterte er ehrfürchtig.

„Ja“, antwortete Harry, „mit dem Schwert Gryffindors, der einzigen Waffe, die diesem Monstrum gewachsen war. Du hast es in McGonagalls Arbeitszimmer gesehen.“

„Ich erinnere mich. Ich könnte es aber nicht benutzen, stimmt’s?“

„Nein, es dient nur Gryffindors, und auch denen nur in höchster Gefahr. Sei froh, wenn du nie in eine so verzweifelte Lage kommst, dass du es brauchen könntest.“

„Ja, aber wenn doch? Du sagst doch selber, dass das, was wir tun, gefährlich ist. Gibt es eine Waffe dieser Art auch für Slytherins?“

„Nicht dass ich wüsste“, erwiderte Harry. „Das einzige, was ihr gleichkam, war dieser Basilisk.“

Schaudernd sah Albus sich um. Der Raum schien immer gruseliger zu werden, je länger man ihn betrachtete.

Hier willst du Hermine unterbringen?“, fragte er seinen Vater ungläubig. „Sagtest du nicht, sie soll es schön haben?“

„Sie wird es schön haben. Zuerst räumen wir das hier aus dem Weg.“ Harry richtete seinen Zauberstab auf das Skelett des Basilisken. „Reductio!“, rief er.

Das Skelett löste sich vor ihren Augen in nichts auf. Etliche messerlange Giftzähne allerdings blieben übrig.

„Daran hatte ich nicht gedacht“, murmelte Harry. „Diese Giftzähne, musst du wissen, sind mächtige magische Waffen, die sogar Horkruxe zerstören können. Ron und Hermine haben während der großen Schlacht einige davon geholt, aber nicht alle. Ich hätte wissen müssen, dass man sie nicht einfach wegzaubern kann. Wir werden sie wegschaffen müssen, damit Hermine sich nicht damit bewaffnet. Wir werden uns ein Versteck für sie überlegen müssen, aber dazu bleibt noch Zeit.“

Harry zeichnete mit seinem Zauberstab einen quadratischen Umriss in die Luft, und aus dem Nichts erschien eine große Tasche aus solidem Leder. Dann sammelte er die Giftzähne mit einem Schlenker seines Zauberstabs ein und ließ sie in der Tasche verschwinden.

Albus sah nun, wie sein Vater mit einer Reihe komplizierter Bewegungen des Stabes und gemurmelter Sprüche den ganzen Saal verwandelte: Zuerst verschwanden die Schlangenkopfskulpturen, dann wurden die feuchten grauen Wände weiß und trocken. In etwa vier Metern Höhe zog Harry eine weiße Decke ein, dann spendierte er dem Raum einen Parkettfußboden. Nach den Maßstäben der Zaubererwelt war all dies noch nicht besonders spektakulär. Was aber selbst Albus verblüffte, der mit Zauberei großgeworden war, waren die Fenster, die sein Vater aus dem Nichts beschwor, und durch die der Raum mit freundlichem hellem Sonnenlicht durchflutet wurde. Sogar wärmer wurde es.

„Wow!“, rief Albus und trat an eines der Fenster, das den Blick auf einen herrlichen Park freigab. „Kann man die öffnen?“

Harry lachte. „Du wärst ziemlich enttäuscht, wir sind immer noch in der Kammer des Schreckens. Nein, man kann sie nicht öffnen, und die schöne Aussicht ist nicht mehr als eine Illusion. Ich weiß, dass Hermine eine Vorliebe für französische Schlösser hat, deswegen habe ich den Raum nach diesem Vorbild gestaltet. Die Inneneinrichtung übernimmt deine Mutter gemeinsam mit dir. Jetzt, wo nichts mehr an die alte Kammer erinnert, kann sie kommen.“

„Machst du es Hermine eigentlich nur aus Freundschaft so schön“, wollte Albus wissen, „oder versprichst du dir davon auch, dass es dir hilft, sie von ihrem Fluch zu befreien?“

„Genau das. Du hast Sulphangels Text gehört. Ihre Seele ist in ihrem eigenen Kopf wie eingemauert und verliert täglich an Lebenskraft. Solange ich den Eindringling nicht entfernt habe, müssen wir wenigstens alles tun, um ihre Seele zu stärken. Sie soll spüren, dass sie geliebt wird.“

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