25 – Unternehmen Odysseus

 

Harry brauchte einen Moment, um seine Fassung wiederzuerlangen. Er starrte einen imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand an und schüttelte langsam den Kopf.

„Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum das Wappentier von Slytherin eine Schlange ist… Dieser Plan“, grübelte er, „ja, mit ein paar Abwandlungen könnte er funktionieren.“ Er starrte immer noch ins Leere, begann aber dabei zu lächeln. „Das ist genial!“

Er stellte sich vor, was sein Vater wohl dazu sagen würde. Oder Sirius. Er sah das leicht dreckige Grinsen der beiden geradezu vor sich. Die Zaubereiministerin am helllichten Tag aus ihrem eigenen Ministerium zu entführen und sich obendrein an ihre Stelle zu setzen – ja, eine derartige Kaltschnäuzigkeit wäre nach ihrem Geschmack gewesen. Und war nach seinem.

„Seid ihr denn damit einverstanden?“, fragte er in die Runde. Die Frage erübrigte sich, so erwartungsvoll, wie die Unbestechlichen ihn ansahen.

„Natürlich“, antwortete ihm ein sechsstimmiger Chor.

„Ich müsste den Tarnumhang nehmen“, überlegte er, „Unsichtbarkeitszauber funktionieren in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht. Wir müssen ein Versteck für sie finden, möglichst in Hogwarts, und ich glaube, ich weiß auch eines.“ Er sah Albus an.

„Welches denn?“, wollte Albus wissen.

„Später, ich muss es mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wir müssen damit rechnen, dass wir sie eine ganze Weile festhalten müssen, weil ich nicht weiß, wie schnell ich den Fluch knacken kann. Außerdem kann ich mich nicht nur auf sie konzentrieren, weil ich ja tagsüber viel im Ministerium bin. Und abends muss ich nach Hause, damit Ron nichts merkt.“

„Papa“, fragte Albus, „wäre es nicht besser, Onkel Ron einzuweihen? Er will doch bestimmt auch nicht, dass sie unter einem Fluch steht.“

Harry schüttelte den Kopf. „Natürlich will er das nicht, aber ich muss ihn trotzdem aus der Sache heraushalten.“

„Wieso?“

Harry seufzte. „Wie erkläre ich das? Sieh mal, wenn Ron sich an so einer Aktion beteiligen würde oder auch nur Mitwisser wäre, müsste er ihr Vertrauen missbrauchen. Auch wenn es zu ihrem eigenen Besten wäre und sie das am Ende einsähe, glaube ich nicht, dass sie ihm das je verzeihen würde. Wie immer die Sache ausginge, die Ehe der beiden wäre am Ende. Wenn ich ihn also einweihen würde, würde ich meinen besten Freund vor die Wahl stellen, mich zu verraten oder seine Ehe zu ruinieren. Dazu habe ich kein Recht. Mir dagegen hat sie die Freundschaft gekündigt, zu mir hat sie kein Vertrauen mehr, also kann ich es auch nicht missbrauchen.“

„Hm“, brummte Albus. Erwachsensein war echt kompliziert.

„Ach du lieber Himmel!“, entfuhr es nun Harry. „Wenn ich als Hermine zu ihm nach Hause komme, hält Ron mich doch für seine Ehefrau! Was sage ich ihm denn“, fragte er leicht verzweifelt, „wenn er mir an die Wäsche will?“

Prustendes Gelächter antwortete ihm.

„Fürs Vaterland muss man schon mal Opfer bringen“, japste Ares zwischen zwei Lachern.

„Pack dir schon einmal Vielsafttrank für neun Monate ein!“, schlug Orpheus vor und erntete einen neuen Lachorkan. Nachdem dieser zu einem allgemeinen Gegluckse abgeebbt war, meinte Julian:

„Ist doch ganz einfach, dann hast du eben Migräne. Macht meine Mutter auch immer so.“

Als er die verdutzten Blicke der anderen sah, fügte er leicht verlegen hinzu:

„Äh, na ja, die Wände bei uns zu Hause sind etwas dünn…“ Was wiederum mit einem Lacher quittiert wurde.

Als alle sich wieder beruhigt hatten, fuhr Harry fort: „Migräne ist eine gute Idee, so werde ich es machen. Trotzdem haben wir ein Problem: Vielsafttrank wirkt nur eine Stunde lang, und ich kann doch nicht nachts jede Stunde aufstehen und nachtanken. Und im Ministerium sieht es auch komisch aus, wenn ich regelmäßig zum Flachmann greife – Hermine ist doch keine Schnapsdrossel.“

„Die Muggel“, sagte Roy, „haben Medikamente, die nur nach und nach freigesetzt werden. Wenn man so etwas mit magischen Mitteln nachbauen könnte…“ Man sah, dass er im Geiste schon anfing, eine Lösung zu konstruieren.

„Aber Roy“, unterbrach Harry Roys Grübeln, „ich brauche rund zwanzig Milliliter pro Stunde, macht fast einen halben Liter am Tag! Eine solche Riesenkapsel kann ich unmöglich schlucken!“

„Sicher“, meinte Roy langsam und gedankenverloren, „dann müsste man eben ein Konzentrat herstellen…“

Alle sahen ihn gespannt an und warteten.

„Ich glaube, es geht“, sagte Roy schließlich. „Ich müsste natürlich ein wenig experimentieren, und McGonagalls Kessel, den sie uns versprochen hat, ist erst in drei Wochen fertig. Aber wenn ich mich ranhalte, glaube ich bis Januar etwas Brauchbares liefern zu können.“

„Gut“, sagte Harry, „früher brauche ich es sowieso nicht, weil die anderen Vorbereitungen mindestens ebenso lange dauern werden: Ich muss den Plan noch im Einzelnen ausarbeiten, dazu einige Pläne B, C und D, falls Plan A schiefgeht. Ich muss meine Rolle als Hermine üben. Sicher, ich kenne sie sehr gut, aber die Auroren sind darauf geschult, auch kleinste Merkwürdigkeiten wahrzunehmen. Am besten übe ich mit Ginny, sie ist ihre beste Freundin. Außerdem müssen wir ein Versteck für Hermine einrichten, und ich möchte, dass sie es dort schön hat. Das übernimmst du“, wandte er sich unvermittelt an Albus, „und zwar zusammen mit deiner Mutter.“

„Ja gerne“, freute sich Albus, „aber wieso gerade ich?“

„Das erfährst du noch früh genug. Überhaupt: Nachdem Alle im Prinzip mit dem Plan einverstanden sind, sollte ab jetzt Jeder nur noch das erfahren, was er zur Erfüllung seiner Aufgabe wissen muss. Einfaches konspiratives Prinzip. Den Gesamtüberblick sollte nur einer haben – nein, in unserem Fall zwei. Seid ihr einverstanden, wenn Roy und ich das übernehmen?“

Die Runde nickte.

„Gut. Es ist schon viertel nach acht, für heute ist es zu spät für unsere DA-Stunde…“

„Ist es denn überhaupt sinnvoll, dass wir damit weitermachen?“, fragte Arabella. „Ich meine… jetzt, wo wir einen Plan haben, bei dem die meisten von uns nicht viel mehr tun können als abzuwarten.“

„Es ist trotzdem sinnvoll“, entschied Harry. „Bis Januar kann noch viel passieren. Vielleicht kommen wir gar nicht zur Ausführung des Plans. Vielleicht geht er schief. Vielleicht müssen wir ihn ändern und ich brauche ich euch doch dazu. Es sind noch zu viele Unbekannte in der Rechnung, als dass wir eure Ausbildung jetzt schon abbrechen könnten. Schlimmstenfalls lernt ihr etwas, was ihr für unser Vorhaben nicht braucht, dann könnt ihr wenigstens in euren UTZ-Prüfungen damit glänzen – also für die Katz ist es auf keinen Fall!“

Er stand auf. „Roy, du überlegst dir, wie du den Vielsaft in eine brauchbare Form bringst. Vielleicht fängst du mit dem kleinen Vorrat, den du hast, schon einmal an zu experimentieren.“ Roy nickte.

„Und wann erzählst du mir, wo du Hermine verstecken willst?“, wollte Albus wissen.

„Übermorgen, und zwar nach der DA-Stunde“, erwiderte sein Vater. „Bring deinen Besen, die Karte und den Umhang mit.“

„Den Besen?“, fragte Albus verdutzt. „Okay, mache ich. Den Umhang benutze ich sowieso immer, damit keiner mich sieht, und mit der Karte passe ich immer auf, dass keiner in der Nähe ist, wenn wir kommen und gehen.“

„Sehr gute Idee.“

„Es war die Idee deines Sohnes“, meinte Ares, da Albus keine Anstalten machte, es selbst zu erwähnen. Er warf Albus einen anerkennenden Blick zu. „Und damit hast du eine Riesen-Sicherheitslücke geschlossen. Cleveres Kerlchen! Ich bin froh, dass wir dich dabeihaben.“

Albus strahlte. Ares hatte von allen Alt-Unbestechlichen die größten Vorbehalte dagegen gehabt, einen Elfjährigen in die Gruppe aufzunehmen, und irgendwo konnte Albus es auch verstehen – für Ares mit seinen siebzehn war ein Elfjähriger ungefähr das, was für ihn selbst ein Sechs- oder Siebenjähriger gewesen wäre. Ihnen allen, vor allem aber Ares, wollte er beweisen, dass er nicht der nervige Kleine war, der sich mit unausgegorenen Ideen wichtig machte. Daher beteiligte er sich selten an Diskussionen und sagte nur dann etwas, wenn er ganz sicher war, dass es etwas Wichtiges und Richtiges war – wie eben bei der Idee, unter dem Tarnumhang mit der Karte des Rumtreibers Schmiere zu stehen, damit ihr Versteck nicht durch einen dummen Zufall aufflog.

„Gut“, sagte Harry, der nicht ganz verbergen konnte und wollte, wie stolz er auf seinen Sohn war. „Ach, mir fällt ein, dass wir für unser Unternehmen noch einen Decknamen brauchen. Hat jemand eine Idee?“

„Für einen derart durchtriebenen Plan“, meinte Orpheus, der von seinem Vater die Liebe zur griechischen Sagenwelt geerbt und gelernt hatte, „kann es nur einen Decknamen geben: ‚Odysseus‘.“

„Gefällt mir“, meinte Harry. „Wenn also allseitiges Einverständnis besteht“ – Alle nickten – „dann läuft unser Projekt ab jetzt unter dem Codenamen ‚Odysseus‘. – Wir sehen uns übermorgen!“ Er drückte Albus kurz an sich, winkte den Anderen zu und disapparierte.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.