24 – Roys Plan

 

Harry erschien am nächsten Tag als letzter zur DA-Stunde im Geheimraum, in dem er direkt apparierte.

„Na“, fragte er Ares in dem lockeren Tonfall, den sie alle sich angewöhnt hatten, nachdem die anfängliche leichte Befangenheit zwischen Harry und den Unbestechlichen einer gewissen Kameraderie gewichen war, „habt ihr bei deinem Vater etwas herausgefunden?“

„Einiges“, erwiderte Ares, „aber leider nichts, was uns wirklich weiterhilft. Die wichtigste Info ist, dass Julians Großvater tatsächlich in der Schlacht um Hogwarts gefallen ist.“

Harry nickte bekümmert. „Ich habe am Wochenende einen pensionierten Kollegen besucht, der damals an den Ermittlungen nach der Schlacht beteiligt war. Er hat es mir auch bestätigt“, sagte er zu Julian. „Es tut mir sehr, sehr leid für dich.“

Harry zog einen Zettel aus seinem Umhang. „Mein Kollege wusste auch noch, wo man die gefallenen Todesser beerdigt hat.“

„Oder verscharrt“, knurrte Ares.

„Nein, beerdigt!“, gab Harry scharf zurück. „Sie liegen auf dem kommunalen Friedhof von Kinkirk, rund fünfzig Meilen von Hogwarts entfernt. Näher ging es nicht, weil man einen Friedhof finden musste, dessen Wärter ein Squib ist. Sie liegen auf einem Teil des Friedhofs, der durch einen Verwirrungszauber vor Muggelblicken geschützt ist, von Zauberern und Squibs aber ohne Weiteres betreten werden kann. Die Muggel haben am Rande ihres Friedhofs eine Gedenktafel für ihre Kriegstoten aufgestellt. Durch diese Tafel geht man hindurch wie durch die Absperrung am Gleis Neundreiviertel und ist auf dem Zaubererfriedhof. Man hat keine Grabsteine gesetzt, aber jedes Grab mit witterungsfesten Schildern gekennzeichnet, damit die Angehörigen es finden können. Einige Familien haben inzwischen Grabsteine aufgestellt oder die Toten in ihre Familiengrüfte überführt.“

„Das dürfte meinen Großeltern kaum widerfahren sein“, sagte Julian bitter, warf einen kurzen Blick auf den Zettel, den Harry ihm reichte und steckte ihn ein. „Vielen Dank“. Und nach einem Moment, in dem niemand so recht wusste, was er sagen sollte: „Schon gut, ich bin ja sechzehn Jahre lang davon ausgegangen, dass sie tot sind. Wollen wir dann anfangen?“

Sie hatten in der vergangenen Woche alle erfolgreich Apparieren gelernt. Albus hinkte noch ein wenig hinterher, aber kurze Strecken schaffte er schon, und Ares hatte ihm versprochen, mit ihm außerhalb der DA-Stunden so lange wie nötig zu üben. In dieser Woche würden Entwaffnungs-, Schock-, Lähmzauber und dergleichen auf dem Programm stehen. Die Älteren kannten vieles davon zwar schon, aber Harry wollte sicher sein, dass sie alles sicher beherrschten. Trotzdem sagte er jetzt:

„Noch nicht. Wir sollten uns zunächst Gedanken über unser weiteres Vorgehen machen. Julians Großvater ist leider tot und kann uns daher auch nicht erzählen, was es mit diesem speziellen Kontrollzauber auf sich hat, den er beschreibt…“

„Entschuldigung“, unterbrach ihn Orpheus, „aber ich komme immer noch nicht ganz darüber hinweg, dass der Autor sich ein Pseudonym zugelegt hat, das ein Anagramm von ‚Rodolphus Lestrange‘ ist. Ich meine, wie wahrscheinlich ist es denn, dass das Zufall ist?“

„Ziemlich unwahrscheinlich“, gab Harry zu, „aber da der Autor selbst im Untergrund lebt, könnte es sein, dass er die Auroren, die möglicherweise auf seine Schrift stoßen, auf eine falsche Fährte führen und nach einem Toten fahnden lassen wollte.“

Das Argument erschien einleuchtend. Niemand widersprach.

„Jedenfalls“, fuhr Harry fort, „habe ich mir Sulphangels Text noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Im Grunde besteht das Neue an der darin beschriebenen Methode ja nicht in der Art und Weise des Eindringens, sondern in dem Ziel, das der eindringende Zauberer sich setzt: also nicht direkt den Willen des Betroffenen zu steuern, sondern sich zuerst in seinem Gewissen festzusetzen, um dann von dort aus nach und nach die Kontrolle über die gesamte Persönlichkeit zu übernehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass die eigentliche Methode des Eindringens gar nicht so furchtbar originell ist und in etwa dem entspricht, was Voldemort auch sonst praktiziert hat.“

Harry sah einen Moment lang in die Gesichter der sechs Unbestechlichen, die gebannt an seinen Lippen hingen, und fuhr fort:

Voldemort benutzte drei Methoden: Erstens das direkte Eindringen über persönliche Nähe und Augenkontakt, zweitens Male, die auf der Haut der Betroffenen sichtbar waren, vor allem das Todessermal, und in meinem Fall die Narbe, die er mir bei dem Versuch verpasst hatte, mich schon als Baby umzubringen.“ Er fasste unwillkürlich nach seiner Narbe. „Drittens Horkruxe. Voldemort beging Morde unter anderem, um seine Seele aufspalten und auf unverdächtige Gegenstände verteilen zu können. Wer intensiven Kontakt mit diesen Gegenständen hatte, konnte von ihm kontrolliert werden.“

„Und da unser Unbekannter vermutlich von den Methoden Voldemorts gelernt hat“, ergänzte nun Julian, „müssen wir uns zunächst fragen, welches dieser Einfallstore er benutzt haben könnte, um Hermines Seele zu kontrollieren – verstehe ich dich da richtig?“

„Genau.“

Julian räusperte sich. „Nun, dann fangen wir doch mit dem Einfachsten an: einem Mal, das auf der Haut sichtbar ist. Ich möchte ja nicht indiskret sein, Harry“, sagte er unter süffisantem Grinsen, „aber wie viel von Hermines nackter Haut kennst du?“

„Für unsere Zwecke vermutlich nicht genug“, – Harry grinste ebenfalls –, „ich habe sie schon im Bikini gesehen und kein Mal festgestellt. Es gibt aber gewisse Stellen ihres Körpers, die ich natürlich nicht kenne…“

„… die interessantesten…“ warf Julian ein, während Roy, Orpheus und Ares glucksten.

„Könnt ihr eure Herrenwitze nicht in Abwesenheit von Frauen und Kindern reißen?“, rief Arabella, halb ernst, halb belustigt, dazwischen, und rief damit allgemeines Gelächter hervor.

„Ich müsste Ron fragen, der weiß es aus erster Hand“, flachste Harry, „aber ganz im Ernst: Hermine hat viel für die Muggelwelt übrig, aber diese Tattoo-Mode mag sie überhaupt nicht, und warum sollte sie sich sonst irgendein Mal auf die Haut zaubern lassen? Ich glaube, die Möglichkeit des Eindringens über irgendeine Art von Mal oder magischer Tätowierung können wir ausschließen. Bleiben also das direkte Eindringen durch den Willen einer lebenden Person und das Eindringen über einen Horkrux. Allgemeiner gesagt: Es müsste entweder eine Person oder ein Gegenstand sein, mit dem Hermine persönlich ständigen Kontakt hat.“

„Darüber müsstest du besser Bescheid wissen als wir alle hier“, sagte Arabella zu Harry. „Gibt es irgendeinen Gegenstand, den sie ständig bei sich trägt, vielleicht ein Schmuckstück?“

Harry schüttelte den Kopf. „Ihren Zauberstab hat sie ständig bei sich. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass irgendjemand jemals Gelegenheit gehabt haben soll, ihren Zauberstab zu verhexen. Ansonsten trägt sie natürlich Schmuck – dezent, wie es ihr Stil ist –, aber nicht immer denselben… abgesehen natürlich von ihrem Ehering…“

„Könnte es sein“, wollte Roy nun wissen, „dass ihr Ehering verhext ist – dass unser Unbekannter also seine Seele irgendwie in ihren Ehering gepackt hat?“

Harry dachte nach. „Dazu müsste er zuerst ihren Ehering entwendet, dann einen Mord begangen, dadurch seine Seele aufgespalten und einen Teil davon im Ehering untergebracht und diesen Ring dann zurückgeschmuggelt haben, und das alles, ohne dass sie es merkt. Ganz ehrlich“, meinte er, „Romanautoren können so etwas erfinden, aber mir klingt das alles zu kompliziert und birgt viel zu viele Unwägbarkeiten! Man sollte die Möglichkeit nicht ganz aus dem Auge lassen, aber ich würde erst einmal nach etwas Näherliegendem suchen.“

Alle dachten nach.

„Heißt also“, fragte Arabella wieder, „unser Unbekannter müsste in ständigem persönlichem Kontakt mit Hermine stehen. Harry, wer kommt dafür in Frage?“

„Es gibt nur drei“, sagte Harry. „Der eine ist ihr Ehemann Ron Weasley, aber für den lege ich beide Hände ins Feuer. Er würde Hermine niemals durch einen Fluch manipulieren, nie, nie, nie! Der zweite ist ihr persönlicher Referent, unser gemeinsamer unvermeidlicher Schwager Percy Weasley. Der kann es einfach nicht sein!“ Harry musste lachen. „Percy ist ungefähr so dämonisch wie eine Büroklammer.“

„Und der dritte?“, fragte Roy.

„Ist Cesar Anderson, der Chef der Personenschutzgruppe.“

„Cesar Anderson, sagst du?“, rief Roy aufgeregt.

„Ja“, antwortete Harry überrascht. „Was ist daran so erstaunlich? Anderson ist ihr oberster Leibwächter.“

„Ich habe heute Morgen das neue Wochenbulletin des Ministeriums bekommen“, sagte Roy, zog einen Bogen Pergament aus seinem Umhang und las vor:

Mit Wirkung zum 1. Oktober hat das Zaubereiministerium das Amt für Magische Sicherheit (AMaSi) geschaffen. Es ist direkt bei der Ministerin angesiedelt, übernimmt neben den Aufgaben der bisherigen Personenschutzgruppe auch die Bekämpfung des Todessertums sowie staatsgefährdender Umtriebe aller Art und ist zu diesem Zweck von der Ministerin mit besonderen Vollmachten ausgestattet worden.“

Besondere Vollmachten?“, flüsterte Harry entsetzt. „Steht irgendetwas Näheres über die Art dieser Vollmachten im Bulletin?“

Roy schüttelte den Kopf.

„Die bisherigen Vollmachten der Aurorenabteilung sind schon nicht von schlechten Eltern, das kann ich euch versichern!“, sagte Harry. „Und dass sie nichts Näheres preisgeben, muss Gründe haben… ‚Besondere Vollmachten‘ klingt für mich nach: Willkürliche Verhaftungen, heimliche Durchsuchungen, womöglich Ermächtigung zur Anwendung der Unverzeihlichen… Hermine hat eine Geheimpolizei gegründet!“

„Und jetzt kommt der Clou!“, rief Roy, der immer noch das Bulletin in der Hand hielt. „Ich war nämlich noch nicht fertig: Leiter dieses Amtes ist der bisherige Chef der Personenschutzgruppe Cesar Anderson.“

„Cesar…“ murmelte Harry. „Man möchte es sich nicht vorstellen, aber es würde vieles erklären…“

„Ja“, meinte Roy, „der Chef des Geheimdienstes oder der Geheimpolizei ist in vielen Staaten der eigentliche heimliche Staatschef. Die Ministerin zu manipulieren, um sich selbst eine unangreifbare Machtposition zu verschaffen, dabei aber immer im Hintergrund und im Dunkeln agieren zu können, wäre das ideale Mittel, sich zum unumschränkten De-facto-Diktator aufzuschwingen.“

Harry nickte nachdenklich. „Das passt zu dem, was ich bei dem Gespräch mit meinem Kollegen außerdem noch erfahren habe. Die Auroren haben damals gefangene Todesser intensiv befragt, um etwas über Voldemorts Methoden herauszufinden. Natürlich konnten das nicht irgendwelche Auroren machen, nur solche, die in Schwarzer Magie besonders bewandert waren. Von den Beamten der damaligen Ermittlungsgruppe ist heute nur noch einer im aktiven Dienst. Und nun ratet mal, wer!“

Niemand brauchte es auszusprechen. Alle sieben sahen einander an.

„Was mich wundert ist nur… Cesar ist gar nicht der Typ für so etwas“, meinte Harry. „Ich kenne ihn gut, ich selbst habe ihn zum Leiter der Personenschutzgruppe ernannt. Ich hätte geschworen, dass er nicht nur ein As in seinem Beruf, sondern auch hundertprozentig loyal ist! Ein nüchterner Offizierstyp, eher Soldat als Polizist, keiner, dem man zutrauen würde, in Machtträumen zu schwelgen. Andererseits hat er mir auch oft Informationen verschwiegen, angeblich auf Hermines Weisung…“ murmelte Harry gedankenverloren, sah dann aber auf und sagte wieder mit fester Stimme:

„Wie auch immer: Eine Karriere wie seine macht man nur, wenn man sein Herz nicht auf der Zunge trägt. Er ist schweigsam und eher verschlossen, wer weiß, was hinter seiner Stirn vorgeht. Wenn wir uns an die objektiven Indizien halten, ist er derjenige, den wir suchen.“

„Dann scheint unsere Aufgabe zwar immer noch nicht leicht, aber doch einfacher zu sein, als wir bisher dachten“, sagte Orpheus. „Wenn das stimmt, was wir vermuten, müssten wir nur den direkten Kontakt zwischen ihm und Hermine kappen, um sie seinem Einfluss zu entziehen.“

„Hätte ich das geahnt!“, ärgerte sich Harry. „Noch vor einer guten Woche hätte ich ihn nur zu versetzen brauchen. Jetzt müsste man ihn schon…“

Er hielt inne und sah grübelnd zur Decke.

„…entführen! Das wird aber verdammt schwer, er ist der beste Sicherheitsmann des Ministeriums. Selbst ich würde mir nicht ohne Weiteres zutrauen, es mit ihm aufzunehmen.“

„Es wäre auch, mit Verlaub, nicht besonders zielführend“, wandte Roy ein. „Schön, nehmen wir an, wir könnten ihn entführen, meinetwegen auch töten. Ich meine das rein theoretisch“, fügte er ungeduldig hinzu, als er Harrys irritierten Blick sah. „Hermine wäre dann von diesem Fluch oder Kontrollzauber befreit. Gut, sie würde wahrscheinlich ihre Methoden wieder mäßigen, vielleicht die Geheimpolizei auflösen, ihren Tabuzauber aufheben – und ihre besten Freunde nicht mehr wie Dreck behandeln“, sagte er mit einem Blick zu Albus. „Dann hättest du zwar dein Ziel erreicht, Harry, aber wir unseres nicht. Denn wir bekämpfen nicht nur ihre Methoden, sondern auch und vor allem ihre Ziele. Dir geht es darum, Hermine zu retten, uns darum, die magische Welt zu retten.“

„Ja, glaubst du denn, mir ist das Schicksal dieser Welt egal?“, fuhr Harry ihm aufgebracht ins Wort.

„Das unterstellt niemand, Harry“, sagte Arabella begütigend. „Aber sei bitte nicht eingeschnappt, wenn wir unseren Standpunkt darlegen.“

„Wir haben das Problem“, erläuterte Roy, „dass Hermine eine Utopie verfolgt, von der sie völlig überzeugt ist. Sie klingt ja auch so attraktiv: Wir und die Muggel gehen zum beiderseitigen Vorteil Hand in Hand, lernen voneinander, alle Menschen werden Brüder! Wenn sie auf diesem Weg wirklich weitergeht, wird sie am Ende wieder bei denselben diktatorischen Methoden ankommen, die sie jetzt auch schon anwendet, und zwar ganz ohne Fluch – ganz einfach, weil die Utopie nicht funktioniert. Dann hat sie vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber davon haben wir nichts, sie macht es trotzdem.“

„Wenn der Fluch aber nicht mehr wirkt, wird man mit ihr darüber reden und sie durch Argumente überzeugen können“, wandte Harry ein.

„Meinst du?“, fragte Roy zweifelnd. „Warum sollte Hermine besser sein als zahllose Muggelpolitiker, die alle nicht unter einem Fluch stehen, aber trotzdem für Argumente vollkommen unzugänglich sind, wenn es um die Verfolgung ihrer utopischen Lieblingsprojekte geht?“

Hermine ist von Natur aus weder dumm noch bösartig“, ereiferte sich Harry, und Roy musste lächeln, als er Albus‘ energisches Bestätigungsnicken sah. „Ganz im Gegenteil, auf gute Argumente lässt sie sich immer ein… naja, also fast immer“, schränkte Harry ein, da ihm nun doch einige Gegenbeispiele einfielen.

„Wir sprechen hier aber von Prognosen“, entgegnete Roy. „Sie sagt, ihre Utopie wird funktionieren, wir sagen, sie wird nicht funktionieren. Das einzige Argument, das eine Prognose widerlegen kann, ist die Wirklichkeit. Wenn die Grenzen zwischen der magischen Welt und der Muggelwelt erst einmal niedergerissen sind und sich dann zeigt, dass es nicht funktioniert, ist es nicht mehr rückgängig zu machen, weil die Muggel dann um die Existenz unserer Welt wissen und man dieses Wissen nicht mehr zurückholen kann. Einzelne Muggel können wir mit einem Vergessenszauber belegen, aber nicht sieben Milliarden.“

Eine lange Pause trat ein.

„Abgesehen davon“, führte Roy seinen Gedankengang schließlich weiter, „beruht die Idee, Anderson zu entführen, auf der Hypothese, dass er derjenige ist, der sie verhext. Was, wenn er es nicht ist – und du selbst hast doch Zweifel daran, Harry? Dann macht sie einfach weiter, und wir haben weder sie noch die Zaubererwelt gerettet, haben aber obendrein das Problem am Hals, wie wir Anderson wieder freilassen können.“

„Wieso“, fragte Harry mit lauernder Miene, „habe ich das Gefühl, dass du längst einen Gegenvorschlag im Ärmel hast?“

„Ganz einfach“, grinste Roy, „weil es so ist.“

„Dann lass hören!“

„Wenn wir beides erreichen wollen“, antwortete Roy, „also Hermine von dem Fluch befreien und unsere Welt vor ihr schützen, dann müssen wir in der Tat jemanden entführen, aber nicht ihren Geheimdienstboss, sondern sie selbst.“

Alle starrten ihn an.

„Und was wäre der konkrete Vorteil?“, wollte Harry wissen.

„Wenn sie unter einem Fluch Andersons steht, der nur durch persönlichen Kontakt funktioniert, wird sie diesem Fluch entzogen. Steht sie unter dem Fluch eines Anderen, wirst du als Auror doch die Mittel haben, das herauszufinden, sobald sie in deiner Gewalt ist, oder nicht?“

„Sicher“, meinte Harry bedächtig, „wir sind in Legilimentik ausgebildet, um notfalls in die Gedanken eines Verdächtigen eindringen zu können, sofern der nicht seinerseits gut in Okklumentik ist. Sollte Hermine also besessen sein, müsste ich es feststellen, sobald sie mir nicht ausweichen kann. Damit weiß ich aber immer noch nicht, wie ich denjenigen hinauswerfe…“

„Aber das könntest du herausfinden“, fragte Julian, „sobald du in ihre Gedanken eindringen kannst und weißt, womit du es genau zu tun hast?“

„Möglich“, gab Harry zögernd zu.

„Wie wäre es mit dem Anti-Imperius?“, warf Orpheus ein. Auf die verwunderten Blicke der anderen hin fuhr er fort: „Eigentlich ist die Bezeichnung ‚Anti-Imperius‘ irreführend. Er wirkt doch nicht nur gegen den Imperiusfluch, sondern seiner Logik nach gegen jeden Kontrollzauber! Damit würdest du unseren Unbekannten gezielt aus ihrer Seele herausschießen!“

„Das wäre aber wirklich das allerletzte Mittel“, sagte Harry, „wenn gar nichts anderes geht. Der Anti-Imperius ist kaum erforscht, ich würde damit riskieren, Hermines Ich mit auszulöschen.“

„Du stimmst aber zu“, wollte Roy nun wissen, „dass du den Fluch nicht aufheben kannst, ohne ihrer Person habhaft zu sein?“

Harry schwieg einen Augenblick. Dann lehnte er sich zurück und sagte:

„Ja.“

„Entschuldige, Roy“, meldete sich nun Ares zu Wort. „Ich verstehe immer noch nicht ganz, wie du durch eine Entführung ihre Politik unterbinden willst. Wenn du sie nicht ewig festhalten willst, musst du sie irgendwann freilassen, dann kehrt sie auf ihren Ministersessel zurück und macht genauso weiter wie vorher, vielleicht mit etwas mehr schlechtem Gewissen, vielleicht nicht einmal damit. Das haben wir doch alles schon durchgekaut!“

„Oder soll Harry sie mit dem Imperiusfluch belegen, bevor sie ins Amt zurückkehrt?“, fragte Orpheus. „Das wäre natürlich…“

„…völlig aussichtslos!“, unterbrach ihn Harry. „Wenn sie von Entführern freigelassen wird, wird sie zu allererst auf den Imperiusfluch untersucht, und den aufzuspüren und aufzuheben, dauert normalerweise nur wenige Minuten! Außerdem sind die Auroren darauf geschult, an subtilen Anzeichen zu erkennen, dass jemand unter dem Imperius stehen könnte, das heißt, selbst wenn ich sie nicht entführe, sondern irgendwie in ihre Nähe komme, um sie zu verhexen, werden Cesars Leute es merken.“

„Das dachte ich mir schon“, sagte Roy, „deshalb ist meine Idee auch etwas komplizierter.“ Er grinste selbstzufrieden.

„Nun spann uns nicht so auf die Folter!“, rief Julian.

Du müsstest es machen“, sagte Roy nun zu Harry. „Du dringst unsichtbar ins Ministerium ein, gehst in Hermines Büro, schockst sie oder setzt sie jedenfalls außer Gefecht, nimmst ein Haar von ihr, tauchst es in den Vielsafttrank, nimmst ihre Gestalt an, machst die wirkliche Hermine unsichtbar und nimmst sie bei Dienstschluss mit in ein Versteck. An den folgenden Tagen gehst du wieder als Hermine ins Ministerium und amtierst an ihrer Stelle. Du hebst ihre diktatorischen Maßnahmen auf und schickst Anderson auf eine lange Auslandsreise. Sobald du die Voraussetzungen geschaffen hast, die wirkliche Hermine wieder freizulassen, das heißt, wenn du den Fluch gebrochen hast, trittst du in deiner Gestalt als Hermine vom Amt der Zaubereiministerin zurück und belegst die wirkliche Hermine mit einem Gedächtniszauber, aufgrund dessen sie glaubt, selber zurückgetreten zu sein. Wenn dann ein neuer Minister gesucht wird, bewirbst du dich in deiner wirklichen Identität als Harry Potter um das Amt. Ich glaube, man würde dich gerne nehmen.“

Die Unbestechlichen und Harry starrten ihn mit offenen Mündern an.

„Was du da vorschlägst, Roy“, sagte Harry langsam, „ist nicht mehr und nicht weniger als…“

„…ein Staatsstreich.“

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