21 – Tötet die Schlammblüter

 

Am nächsten Morgen wurde Albus, der ohnehin nur wenig und schlecht geschlafen hatte, schon sehr früh und unsanft durch Roys laute Rufe geweckt.

„Alles sofort aufstehen und in den Gemeinschaftsraum! Beeilung!“

Die Erstklässler blinzelten einander schlaftrunken an, dann zogen sie sich das Erstbeste über, was sie finden konnten, und schlurften in den Gemeinschaftsraum, wo ihr Hauslehrer Professor Charles Whiteman mit unheilkündender Miene auf sie wartete. Dass ein Hauslehrer den Gemeinschaftsraum aufsuchte, war äußerst ungewöhnlich, da musste etwas Schlimmes passiert sein.

An Whiteman war alles – vom Scheitel bis zur Dienstauffassung – vor allem eines: korrekt. Er war von allen Bewohnern Hogwarts‘ der erste, der morgens aufstand, weil er fand, ein Lehrer, und vor allem ein Hauslehrer, müsse seinen Schülern in jeder Hinsicht ein Vorbild sein, und er war jeden Abend der letzte Lehrer, in dessen Büro das Licht erlosch. So wünschte er sich auch seine Schüler: pflichtbewusst, diszipliniert, loyal.

Als alle im Gemeinschaftsraum standen – manche im Bademantel, manche mit hastig über den Pyjama gezogenem Umhang, alle mit zerzausten Haaren und kleinen Augen –, legte er los:

„Heute Nacht“, donnerte er und ließ eine drohende Kunstpause folgen, „wurde in dem Gang, der zu diesem Gemeinschaftsraum führt, die Parole ‚Tötet die Schlammblüter!‘ an die Wand gezaubert, und dazu – ich wage es kaum auszusprechen! – das Dunkle Mal, das Emblem der Todesser! Wer von Ihnen hat dazu etwas zu sagen?“

Niemand hatte etwas zu sagen. Die Schüler sahen einander bestürzt an. Nur Albus blickte zu Boden.

„Nun?“, rief Whiteman.

„Verzeihung, Herr Professor“, antwortete Roy. „Wie kommen Sie darauf, dass einer von uns etwas damit zu tun haben soll?“

„Liegt das nicht auf der Hand, MacAllister?“

„Keineswegs“, meinte Roy, „ich halte es im Gegenteil für völlig abwegig, dass irgendjemand in diesem Raum bescheuert genug sein soll, der Hetze des Ministeriums und seiner Presse eine solche Steilvorlage zu liefern! Wer immer das war, wollte der Propaganda des Ministeriums nützen und Slytherin schaden. Ich würde den Täter am ehesten unter den Gryffindors suchen.“

Whiteman sah ihn indigniert an. Roy MacAllister war einer der besten Schüler, die er je gehabt hatte, und Whiteman war fair – er würde sagen: korrekt – genug, seine Leistungen anzuerkennen. Im Übrigen aber verkörperte er alles, was Whiteman hasste: Er war aufsässig, querköpfig und schlecht erzogen. Ein Prolet. Ein Rebell.

„Wenn Sie und Ihre Freunde beim Ministerium und bei der Presse schlecht angeschrieben sind, MacAllister, dann hat das wohl vor allem etwas mit Ihnen selbst zu tun!“

„Bestimmt“, entgegnete Roy. „Es wäre mir geradezu peinlich, wenn es nichts mit mir zu tun hätte.“

Durch die Schülerschar lief ein Glucksen, das Whiteman noch mehr erboste. „Nur ändert das nichts an dem Sachverhalt, dass niemand von uns ein Interesse daran hat, Slytherin durch idiotische Parolen zu kompromittieren, Andere dieses Interesse aber sehr wohl haben.“

„Ich muss MacAllister recht geben“, meldete sich nun Patricia zu Wort. „Mit Verlaub, Herr Professor, aber es ist meines Erachtens ganz unwahrscheinlich, dass es ein Slytherin gewesen sein soll. Und solange es keinen Beweis gibt, müssen wir uns derartige Anschuldigungen in aller Form verbitten. Ich bitte Sie als unseren Hauslehrer, uns dagegen in Schutz zu nehmen.“

Whitemans Miene wurde noch missbilligender – vor allem, als er sah, dass MacAllister sie fast zärtlich anlächelte und Patricia ihre schönen Augen einen Moment zurückstrahlen ließ. Patricia Higrave war immer seine Lieblingsschülerin gewesen – ehrgeizig, fleißig, loyal und aus gutem Hause. Schon ihr Auftritt beim Unterrichtsboykott hatte ihn schockiert. Und nun widersprach sie schon wieder ihrem Hauslehrer! Sie stand entschieden unter schlechtem Einfluss. Higrave und MacAllister – was für eine Mésalliance!

Andererseits musste er zugeben, dass Sie nicht Unrecht hatte.

„Sie können sicher sein, Miss Higrave, dass ich mir meiner Verpflichtungen dem Haus gegenüber bewusst bin. Sollte einer meiner Kollegen Slytherin beschuldigen, so werde ich genau das verlangen, was Sie eben verlangt haben, nämlich einen Beweis. Das gilt nach außen. Es setzt aber voraus, dass ich meine Pflicht getan und intern alles unternommen habe, um einen eventuellen Täter aus Ihren Reihen zu überführen. Sollte es einer von Ihnen gewesen sein“, rief er mit noch energischerer Stimme, „so hat er jetzt die letzte Chance, sich zu offenbaren. Wenn er es jetzt tut – aber nur dann! – werde ich mich dafür einsetzen, dass er trotz seiner Tat nicht der Schule verwiesen wird. – Nun?“

Niemand rührte sich.

„Gut“, sagte Whiteman, „gehen wir also bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass der Täter außerhalb von Slytherin zu suchen ist. Ich wünsche Ihnen allen einen guten Tag.“ Sprach’s, machte kehrt und verschwand durch den Ausgang des Gemeinschaftsraums.

Während sie zum Frühstück gingen, raunte Scorpius Albus zu: „Du könntest eigentlich beweisen, dass es keiner von uns war.“

„Wie denn?“

„Du kannst doch die Schlange fragen, sie muss doch wissen, wer gestern Nacht rein- und rausgegangen ist!“ Scorpius schien ganz begeistert von seiner Idee, er redete so laut, dass Albus ihn mit einem „Psssst!“, daran erinnern musste, dass seine Parselkenntnisse ein Geheimnis waren.

„Damit würde ich gar nichts beweisen, denn da außer mir keiner Parsel spricht, kann niemand meine Übersetzung überprüfen, aber ich hätte verraten, dass ich Parsel kann.“

Unterwegs stellten sie fest, dass nicht nur in ihrem Gang, sondern auf dem ganzen Weg bis zur Eingangshalle Todesserparolen und Dunkle Male an die Wand geschmiert worden waren.

Die Große Halle summte nur so vor aufgeregten Diskussionen.

Während Gryffindors und Slytherins, fest davon überzeugt, der Schmierer stamme aus dem jeweils anderen Haus, sich am Eingang hitzige Redeschlachten lieferten, um sich dann auf ihre Haustische zu verteilen, hatte bei den Ravenclaws und Hufflepuffs die britische Wettleidenschaft Hochkonjunktur: „Eine Galleone, dass es ein Slytherin war!“, – „Ich halte dagegen!“

Als Albus die Halle betrat, warf er seinem Bruder, der schon am Gryffindor-Tisch Platz genommen hatte, einen scharfen Blick zu, den dieser aber ignorierte. Dafür stieß Albus mit Rose zusammen.

„Na?“, meinte sie anzüglich. „Meinst du immer noch, dass du im richtigen Haus bist?“

„Mehr denn je“, knurrte er. Rose schüttelte den Kopf und ließ ihn stehen.

„Ich glaube nicht, dass es ein Slytherin war“, hörte er einen Ravenclaw sich ereifern. „Von den Slytherins, die für so etwas in Frage kommen, traut sich das doch keiner, wenn die Unbestechlichen dagegen sind.“ – „Eben“, versetzte ein anderer, „wahrscheinlich war es genau einer von denen.“ – „Ich bitte dich, das ist doch überhaupt nicht MacAllisters Art.“ – „Wirst schon sehen!“

Albus setzte sich, aber das Frühstück wollte ihm nicht schmecken.

 

Am Abend fand die erste Ausbildungsstunde mit seinem Vater statt, die von den Unbestechlichen schon ganz selbstverständlich „DA-Stunde“ genannt wurde. Da McGonagall die Schutzzauber gegen das Apparieren für ihren Spezialraum aufgehoben hatte, übten sie unter Harrys und Ares‘ Anleitung eineinhalb Stunden lang. Gegen Ende schafften es fast alle, wenn auch nur auf einen Meter Distanz. Alle – bis auf Albus.

„Macht nichts.“ Ares, dem seine Rolle als Hilfsausbilder gefiel, klopfte ihm auf die Schulter. „Das kommt ganz von allein, du bist unser Jüngster, normalerweise lernt niemand in deinem Alter Apparieren, also denk dir nichts dabei.“ Und er wandte sich wieder Arabella zu, die am schnellsten gelernt hatte und gerade auf zwei Meter zu apparieren versuchte.

Nun nahm Harry seinen Sohn beiseite.

„Tut mir leid, Papa!“, sagte Albus.

„Unsinn, dir braucht nichts leid zu tun, Ares hat ganz recht. Ich habe nur das Gefühl, dass dich irgendetwas bedrückt und du deshalb unkonzentriert bist.“

Albus nickte traurig.

„Möchtest du mir sagen, was es ist?“

„Na ja, wegen Hermine – und…“ Albus stockte.

„Und?“

„Nichts weiter. Nur Hermine.“

Nun ergriff Harry beide Hände seines Sohnes, sah ihm fest ins Gesicht und sagte: „Wir holen uns unsere Hermine zurück, das verspreche ich dir! Deswegen sind wir ja hier.“

Albus nickte.

„Und im Übrigen“, setzte Harry eindringlich fort, „gibt es nichts, worüber du mit mir nicht reden kannst. Das weißt du?“

Natürlich wusste er es, aber es tat ihm gut, es noch einmal zu hören. Er lächelte. „Ich weiß es. Mach dir keine Sorgen!“

 

Der Dienstag begann fast wie der Montag. Nachdem Flitwick am Tag zuvor alle Schmierereien entfernt hatte, waren über Nacht neue aufgetaucht, und in der Großen Halle tobten erneut die Diskussionen, diesmal aber angeheizt vom Tagespropheten, der – man wusste nicht von wem – über die Vorfälle vom Vortag informiert worden war und hemmungslos vom Leder zog: gegen Slytherin, gegen McGonagall, gegen die angeblich zu lasche Haltung im Kampf gegen das Todessertum. Prantice forderte in einem wutschäumenden Kommentar offen ein Eingreifen des Ministeriums und die Ablösung der Schulleiterin.

Roy redete sich am Frühstückstisch gerade in Rage, als ihm plötzlich jemand von hinten auf die Schulter tippte. Es war Albus.

„Kann ich dich mal unter vier Augen sprechen?“

Roy, der nicht gerne unterbrochen wurde, brummte verdrossen: „Muss das jetzt gleich sein?“

„Ja, es ist wirklich wichtig, und es muss jetzt sein.“

Roy seufzte, ließ aber sein Frühstück stehen und stand auf. Beide verließen die Große Halle und suchten sich eine Ecke, in der sie ungestört und unbelauscht reden konnten.

„Was gibt’s denn?“

„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, hob Albus an, „ich konnte vorgestern Abend nicht einschlafen, du weißt, die ganze Sache mit Hermine und so. Na ja, jedenfalls habe ich dann irgendwann – das muss so gegen Mitternacht gewesen sein – die Karte des Rumtreibers herausgezogen, um mich abzulenken. Wollte nur aus Spaß mal sehen, wo die Vertrauensschüler und der Hausmeister nachts so herumgeistern. Da habe ich gesehen, wer es war. Er muss es gewesen sein, weil er immer dort anhielt, wo gestern diese Schmierereien zu sehen waren.“

„Und das sagst du erst jetzt?“, fragte Roy fassungslos. „Wer war es?“

„Das ist ja mein Problem. Ich habe Angst, dass derjenige von der Schule fliegt, wenn ich ihn verpetze.“

Roy runzelte zuerst die Stirn, dann warf er ihm einen langen, mitleidigen Blick zu. „James?“

Albus nickte. „Meinst du, er fliegt, wenn das herauskommt? Du hast neulich gesagt, in Hogwarts wird nichts so heiß gegessen wie gekocht…“

„Normalerweise ja, aber in diesem Fall… Er hat ja nicht nur diese Parolen geschmiert, sondern auch versucht, das Ganze Unschuldigen in die Schuhe zu schieben, und bei so etwas kann McGonagall zur Furie werden… Warum hast du deinem Vater nichts davon gesagt?“

„Unsere Eltern machen ihm die Hölle heiß, wenn das herauskommt, und ich bin dann für ihn wieder der lästige kleine Bruder, der ihn verpetzt hat. Ich hatte gehofft, er würde es bei dem einen Mal belassen und dann damit aufhören, sodass ich ihn nicht verpfeifen muss. Zu McGonagall kann ich auch nicht, ich will doch nicht daran schuld sein, dass mein eigener Bruder von der Schule geworfen wird! Ich habe auch überlegt, ihm zu sagen, dass ich es weiß, damit er aufhört. Dann müsste ich aber zugeben, dass ich die Karte des Rumtreibers habe, und das soll ich doch nicht. Was mache ich denn jetzt?“ Albus war wirklich verzweifelt.

„Zunächst schalten wir beide unseren kühlen Kopf ein“, sagte Roy und dachte nach. „Also: Herauskommen muss es! Es muss bekannt werden, dass es ein Gryffindor war, daran führt kein Weg vorbei! Wir müssen es nur so machen, dass du nicht in Erscheinung trittst und er nicht von der Schule fliegt. Das ist doch ungefähr das, was dir vorschwebt, oder?“

„Kriegst du das hin?“, fragte Albus hoffnungsvoll.

Roy grinste. „Vertrau mir.“

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