20 – Ein Bündnis wird geschmiedet

 

Minutenlang sprach niemand ein Wort. Dann rannte Albus hinaus und stürmte die Treppe hinauf. Unten konnte man hören, wie er die Tür seines Zimmers hinter sich zuschlug. Ginny stand auf und folgte ihm.

„Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut“, unterbrach Roy schließlich das folgende Schweigen. „Vielleicht wären wir doch besser gleich abgehauen.“

„Das hätte nichts geändert, höchstens verzögert“, sagte Harry. „Irgendwann hätte ich ihr erzählt, dass wir Kontakt haben, und dann wäre die Reaktion dieselbe gewesen.“

„Es hätte wenigstens Albus diese Szene erspart.“

Harry nickte. „Ja.“ Dann schüttelte er den Kopf und sagte er mehr zu sich selbst als zu seinen Gästen: „Das war sie nicht. Im Leben glaube ich nicht, dass das Hermine war.“

„Falls Sie jetzt lieber mit Ihrer Familie allein sein möchten…“, begann Julian.

„Was ich möchte, steht jetzt nicht zur Debatte“, unterbrach ihn Harry. „Es gibt mehr zu bereden denn je. Sie bleiben hier! Warten Sie bitte.“

Er stand auf und ging die Treppe hinauf in Albus‚ Zimmer.

„Die Liste der Frauen, die auf deinen Charme nicht anspringen, verlängert sich auf drei“, meinte Roy trocken, als er und Julian allein waren.

„In der Tat, ein beunruhigendes Phänomen. Wahrscheinlich werde ich alt“, witzelte Julian, ohne eine Miene zu verziehen. Beiden war nicht zum Lachen zumute.

„Was für ein Monstrum! Allein für das, was sie heute ihrem Neffen angetan hat, müsste man sie hassen.“ Roy stand auf. Die Potters würden Zeit brauchen, sich zu beruhigen.

Nach einer Weile kamen sie zurück. Ginny hatte den Arm um ihren Sohn geschlungen, der sich mit rotverweinten Augen an sie kuschelte, als sie sich setzten.

Harry kam zu Sache:

„Als ich Sie vorhin gefragt habe, ob Sie einen Hinweis auf den Fluch gefunden haben, unter dem Hermine steht, haben Sie mir nicht die Wahrheit gesagt, stimmt’s?“

Roy seufzte. „Es gibt ein Problem.“ Er zögerte. „Wir glauben in der Tat, den Fluch identifiziert zu haben. Der Hinweis findet sich in der Schrift eines untergetauchten ehemaligen Todessers, der die Methoden Voldemorts beschreibt. Um Näheres zu erfahren, vor allem, wie der Fluch genau funktioniert, müssten wir diesen Mann ausfindig machen und befragen. Wenn wir ihn fänden, müssten Sie ihn verhaften. Wir aber wollen ihn nicht ans Messer liefern.“

„Nun“, meinte Harry, „wenn das euer Problem ist, so hat Hermine es gegenstandslos gemacht. Sie hat mich soeben gefeuert. Ich kann ihn gar nicht verhaften.“

„Und wenn sie es sich wieder anders überlegt?“, wandte Julian ein. „Wenn sie Sie wieder einsetzt? Dann haben Sie Informationen, die Ihnen gar keine andere Wahl lassen. Sie können ja nicht so tun, als wüssten Sie nicht, was Sie wissen. Das wäre vermutlich gegen alle Vorschriften.“

„Zur Hölle mit den Vorschriften!“, fuhr Harry auf. Er atmete tief durch und fuhr dann leise fort: „Sie machen sich keine Vorstellung davon, was Hermine mir und uns allen hier bedeutet. Für mich ist sie wie eine Schwester! Ich würde Alles tun, um sie zu retten, Alles! Ich würde auch jedes Gesetz übertreten! Ich verspreche Ihnen… ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich Ihren Informanten, wer immer es sein mag, unbehelligt lasse, aber um Gottes willen, reden Sie!“

Roy und Julian tauschten einen langen Blick. Ihr stummes Zwiegespräch endete damit, dass Julian nickte.

Daraufhin zog Roy ein Büchlein im Puppenhausformat und seinen Zauberstab aus seinem Umhang.

Engorgio.“ Auf dem Tisch lag Sulphangels Buch. Roy schlug es auf und las es von der ersten bis zur letzten Zeile vor.

„Das muss es sein“, sagte Harry, als er geendet hatte. „Es passt alles! Nur eine Frage: Woher wollen Sie wissen, wie der Autor wirklich heißt?“

„Der Name ist ein Anagramm von ‚Rodolphus Lestrange‘.“

Harry prüfte es nach. Dann schüttelte langsam den Kopf. „Roy, Sie haben in nicht einmal einer Woche mehr herausgefunden als meine Unterabteilung für Schwarze Magie.“

„Das Anagramm hat Orpheus Malagan entschlüsselt, nicht ich.“ Es war nicht Roys Art, sich mit fremden Federn zu schmücken.

„Egal!“, rief Harry. „Einmal in der Bibliothek gewesen und schwupp – haben Sie das richtige Buch in der Hand. Wissen Sie eigentlich, an wen Sie mich erinnern?“

„Sprechen Sie es bitte nicht aus“, wehrte Roy ab. „McGonagall hat mir neulich dasselbe gesagt, und ich kann es beim besten Willen nicht als Kompliment auffassen.“

„Sollten Sie aber! Hermine ist genial in solchen Sachen. Einmal hat sie…“ Seine Erzählung blieb ihm jäh im Hals stecken, seine Augen wurden feucht. „Lassen wir das. Aber sollte ich meinen Job jemals wiederbekommen, sollten Sie Auror werden! Im Grunde sind Sie ja jetzt schon so etwas Ähnliches.“

„Wie meinen Sie das?“

„Was uns jetzt bevorsteht, und selbstverständlich zähle ich auf Ihre Hilfe, ist reine Detektivarbeit.“ Der Auror in ihm erwachte. „Wir kennen jetzt den grundlegenden Mechanismus. Jetzt müssen wir drei Dinge herausfinden: Erstens, wer ist es? Zweitens, wie hat er es genau angestellt? Drittens, wie werfen wir ihn aus Hermine wieder hinaus?“

„Wer? Hm“, grübelte Roy. „Eines ist merkwürdig. Ich meine, es handelt sich doch um eine Technik, die Voldemort entwickelt hat, und die außerhalb des Kreises seiner Todesser kaum jemandem bekannt sein dürfte. Nehmen wir an, einer von ihnen hätte nach Voldemorts Tod beschlossen, Hermine zu verhexen, dann würde er sie doch zum genauen Gegenteil dessen veranlassen, was sie tut. Platt gesagt: Die Todesser wollten, dass die Zauberer die Muggel beherrschen, Hermines Politik läuft aber auf das Gegenteil hinaus.“

„Vielleicht die Rache eines Todessers an der magischen Welt“, meinte Harry, „die ihn und seine Ideen abgelehnt hat. Nach dem Motto: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Ich weiß, es klingt absurd, aber als Auror habe ich oft genug erlebt, dass die menschliche Seele zu den absurdesten Dingen fähig ist.“

„Gibt es nicht näherliegende Möglichkeiten?“, wandte Julian ein. „Vielleicht haben die Todesser den Auroren, die sie nach dem Tod des Dunklen Lords verhörten, das Geheimnis verraten, und nun wendet einer von denen diese Technik an.“

Harry war empört: „Einer meiner Auroren soll…?“, begann er, dann stutzte er. „Sie haben recht, man soll nie vorschnell eine Möglichkeit ausschließen. Es wäre immerhin möglich…“ sinnierte er.

Harry starrte einen Moment lang gedankenverloren vor sich hin, dann wandte er den beiden wieder seine Aufmerksamkeit zu. „Wir müssen eine Grundsatzfrage klären: Ist es unser gemeinsames Ziel, Hermine von diesem Fluch zu befreien? Und arbeiten wir dabei zusammen?“

„Natürlich“, antwortete Roy, ohne zu zögern, „vorausgesetzt, Sie können damit leben, dass es für uns nicht um Hermine geht, sondern darum, die magische Welt vor ihrem Wahnsinn zu schützen. Und Sie müssten akzeptieren, dass Orpheus, Arabella und Ares eingeweiht werden und dabei sind. Wir fünf haben grundsätzlich keine Geheimnisse voreinander und treffen wichtige Entscheidungen schon seit Jahren aus Prinzip gemeinsam.“

Harry zögerte. Den phantasievollen Orpheus dabeizuhaben, war bestimmt eine gute Idee, und gegen Arabella war nichts einzuwenden, aber Macnair? Harry hatte sich in den Tagen zuvor schon gefragt, wer die Idee mit dem Attentat gehabt haben konnte…

„Gut“, sagte er schließlich, „wenn Sie als Gruppe handeln wollen, dann akzeptiere ich das. Es hat auch sein Gutes: Wir werden unter den ehemaligen Todessern ermitteln müssen. Einmal, um Rodolphus‚ Spur zu finden, zum anderen, weil der Unbekannte, den wir suchen, möglicherweise in diesen Kreisen verkehrt. Mir würden diese Leute kein Wort sagen, euch Slytherins vielleicht schon, vor allem wenn ihr Lestrange oder Macnair heißt. Ich stelle aber eine Bedingung.“

„Die da lautet?“, fragte Julian.

„Ihr müsst Albus in eure Gruppe aufnehmen und an allen Entscheidungen beteiligen.“

Harry!“, rief Ginny empört dazwischen. „Ihr habt wahrscheinlich einen hochgefährlichen Schwarzmagier gegen euch, der über Hermine das ganze Ministerium kontrolliert! Und unser Junge ist gerade einmal elf!“

„Ich selbst war auch nicht älter, als ich Voldemort daran hindern musste, sich des Steins der Weisen zu bemächtigen“, erwiderte Harry.

„Du musstest, er muss nicht!“, beharrte Ginny.

„Mama, ich würde aber gerne dabei sein“, wandte Albus schüchtern ein.

„Doch“, sagte Harry, „er muss. Ginny, ich weiß, dass es gefährlich werden kann – nicht muss, aber kann –, aber ich muss diese Bedingung stellen. Wenn ich mit den Unbestechlichen zusammenarbeite, muss ich sicher sein, dass es unter ihnen wenigstens einen gibt, der Hermine liebt!“

Ginnys Augen sah ihn traurig an. „Schon wieder einer dieser verdammten Kämpfe… Ich habe meinen Bruder verloren… bitte, bitte nicht meinen Sohn!“

Die Eheleute blickten einander schweigend in die Augen.

„Gut“, seufzte Ginny schließlich. „Für Hermine!“

Sie wandte sich an Roy:

„Sie passen auf ihn auf?“

„Natürlich“, sagte Roy mit einer Selbstverständlichkeit, die Ginny allzu leichtfertig vorkam. Sie trat nahe an ihn heran und flüsterte eindringlich:

„Sie haben verstanden, dass ich Ihnen meinen Sohn anvertraut habe?“

„Ich werde ihn keiner vermeidbaren Gefahr aussetzen“, flüsterte Roy zurück, „sollte er trotzdem in Gefahr geraten, schütze ich ihn mit meinem Leben. Genügt das?“

Ginny nickte. Jetzt lächelte sie auch ein wenig.

„Also Albus“, sagte Roy, „da ich davon ausgehe, dass die Anderen damit einverstanden sind: Willkommen im Kreis der Unbestechlichen!“

Albus strahlte vor Stolz. Für ihn waren die Unbestechlichen die coolste Gruppe, die es in Hogwarts gab. Und dass sein Vater ihm solches Vertrauen schenkte… Er schwor sich im Stillen, dieses Vertrauen unter keinen Umständen zu enttäuschen.

„Wir werden McGonagall einweihen müssen“, sagte Harry nun, „allein schon, damit ihr Hogwarts für eure Ermittlungen problemlos verlassen könnt. Außerdem hat sie mehr Erfahrung als wir alle zusammen.“

 

Professor McGonagall staunte nicht schlecht, als nicht nur Albus, Roy und Julian, sondern auch Harry und Ginny aus dem Kamin ihres Büros stiegen. Während Albus losgeschickt wurde, um Orpheus, Arabella und Ares zu holen, erläuterte Harry ihr in groben Zügen die Lage. Die alte Professorin war erschüttert zu hören, dass Harry soeben von seiner besten Freundin gefeuert worden war, und hörte aufmerksam zu, als er ihr von Sulphangels Buch erzählte und ihr erklärte, was er vorhatte.

Seine Erläuterungen wurden nur kurz unterbrochen, als Albus mit den anderen drei eintraf. Als Roy ihnen eröffnete, dass Albus ab jetzt zur Gruppe gehören würde, waren sie verblüfft, erhoben aber keine Einwände. Selbst Ares, der augenscheinlich wenig erbaut war, schwieg.

„Sie wissen, was Sie mir zumuten, Harry?“, fragte McGonagall, nachdem Harry geendet hatte. „Ich soll sehenden Auges zulassen, dass Hogwarts-Schüler sich in Gefahr begeben?“

„Ich würde es nicht vorschlagen, wenn ich eine andere Möglichkeit sähe“, erwiderte Harry. „Die eine Spur, die zu den Auroren führt, kann und muss ich alleine verfolgen, aber Rodolphus Lestrange aufzutreiben oder einen Schwarzen Magier aus dem Kreis der ehemaligen Todesser zu identifizieren, ist eine Aufgabe, die nur Slytherins lösen können. Es wäre anders, wenn ich noch auf die Auroren zurückgreifen könnte, aber das hat sich erledigt.“

„Ich habe Ihr Argument schon verstanden, Harry. Aber Ihnen ist doch klar, dass dies eine gefährliche Mission ist?“

„Ich werde sie gründlich auf diese Mission vorbereiten.“

McGonagall betrachtete ihn nachdenklich, dann sagte sie:

„Also gut. Wenn Sie mir das zusichern, bin ich einverstanden. Es geht wohl nicht anders. Eine Bedingung muss ich als Schulleiterin aber stellen: Die Schulleistungen dürfen nicht darunter leiden. Sie alle“, wandte sie sich an die Schüler, „werden keine einzige Stunde versäumen, und Sie werden Ihre Hausaufgaben machen. Und nur vorsorglich weise ich darauf hin, dass ich mir vorbehalte, Ihnen die Erlaubnis zum Verlassen von Hogwarts im Einzelfall zu erteilen oder auch nicht, und dass ich gegebenenfalls wissen will, wohin Sie gehen. Wenn Sie ohne meine Erlaubnis Hogwarts verlassen, hat das ernste Konsequenzen für Sie. Dasselbe gilt, wenn Sie meine Erlaubnis, Ermittlungen anzustellen, dazu missbrauchen, in London oder sonstwo einen draufzumachen. Und glauben Sie mir, das finde ich heraus. Haben wir uns verstanden?“

„Jawohl, Frau Professor“, antworteten die sechs wie aus einem Mund. Einer McGonagall widersprach man nicht.

Albus räusperte sich: „Entschuldigung, wenn ich etwas Dummes frage, aber was ist eigentlich so gefährlich daran? Wir tun doch nichts Verbotenes?“

„Es gibt keine dummen Fragen“, antwortete sein Vater. „Gefährlich daran ist, dass es nahezu unmöglich ist, solche Ermittlungen anzustellen, ohne dass der Unbekannte, dem sie gelten, Wind davon bekommt. Vielleicht ist er selbst einer der Leute aus dem Todesser-Umfeld, die befragt werden müssen. Vielleicht verrät euch einer dieser Informanten ans Ministerium oder steckt mit der unbekannten Zielperson unter einer Decke. In jedem Fall aber gehen wir davon aus, dass dieser Unbekannte Hermine kontrolliert, und das heißt, er hat die ganze Macht des Ministeriums auf seiner Seite. Wir müssen ab jetzt damit rechnen, bespitzelt und überwacht zu werden. Dass Hermine die Leitung der Aurorenabteilung ausgerechnet Susan Bones übergeben will, ist ein ganz schlechtes Zeichen.“

„Sie haben sich aber doch immer gut mit ihr verstanden?“, wandte McGonagall ein.

„Persönlich mag ich sie“, räumte Harry ein. „Aber seit Hermine Ministerin und Susan Leiterin der Abteilung für magische Strafverfolgung ist, sind wir immer öfter aneinandergeraten, weil sie meinen Kurs zu lasch findet. Wenn es um die Jagd auf sogenannte oder auch Todesser geht, setzt sie sich noch bedenkenloser über Recht und Gesetz hinweg als Hermine. Und das will etwas heißen.“

„Sie fürchtet sich vor ihnen“, gab McGonagall zu bedenken. „Die Todesser haben praktisch ihre ganze Familie umgebracht.“

„Meine vielleicht nicht?“, fragte Harry leicht pikiert. „Aber gut, jeder Mensch ist anders und hat seine eigene Art, mit solchen Dingen umzugehen. – Jedenfalls“, nahm er den Faden wieder auf und wandte sich den Slytherins zu, „werden wir die Spur löschen, die das Ministerium auf euch gelegt hat, damit ihr auch außerhalb von Hogwarts zaubern, vor allem apparieren und disapparieren könnt, ohne dass das Ministerium es merkt. Wir müssen nämlich davon ausgehen, dass das Flohnetzwerk überwacht wird, sodass ihr nicht durch den Kamin reisen könnt. Apparieren ist das erste, was ihr lernen müsst.“

„Ich kann es schon“, sagte Ares, der schon siebzehn war und im Frühsommer seine Prüfung angelegt hatte. „Und zumindest einen ehemaligen Todesser, nämlich meinen Vater, können wir jetzt schon befragen. Er würde uns nie beim Ministerium verpfeifen, und er will auch mit politischen Dingen nichts mehr zu tun haben. Er ist froh, wenn das Ministerium ihn in Ruhe lässt“, sagte er, nicht ohne anzüglichen Unterton, zu Harry, „hat aber immer noch gute Kontakte zu seinen alten Kameraden, soweit sie noch leben und nicht in Askaban einsitzen. Wenn er selbst es nicht weiß, könnte er uns immerhin Tipps geben, wer es wissen könnte.“

„Gut“, sagte Harry und dachte im Stillen: Gut, dass ich den alten Drecksack nicht selber um einen Gefallen bitten muss. Allein dafür lohnt sich das Bündnis mit den Unbestechlichen schon. Laut fuhr er fort:

„Dann sollten Sie ihn am kommenden Wochenende aufsuchen, am besten mit Julian, schließlich geht es unter anderem auch um den Verbleib seines Großvaters. Sie können ja Seit-an-Seit apparieren. Sind Sie einverstanden, Professor McGonagall?“

„Natürlich“, erwiderte die Schulleiterin.

„Prima“, meinte Ares, „dann schicke ich ihm eine Eule.“

„Das werden Sie nicht tun! Erste Regel bei jeder konspirativen Arbeit: Niemals etwas Schriftliches hinterlassen. Sie schreiben keine Briefe, und wenn Sie sich etwas merken müssen, schreiben Sie es nicht auf, sondern prägen es sich ein.“

„Und wenn ich meinen Vater zu Hause nicht antreffe?“, fragte Ares.

„Dann versuchen Sie es so oft, bis Sie ihn antreffen. Teilen Sie nie jemandem vorab mit, dass Sie ihn aufsuchen, außer wenn es unbedingt nötig ist. Nun aber zum Ausbildungsprogramm: Zuerst also lernen Sie Apparieren…“

„Lerne ich das auch?“, fragte Albus ihn mit großen Augen.

„Du wirst alles lernen, was die Anderen auch lernen. Sei aber nicht enttäuscht, wenn du Manches in deinem Alter noch nicht kannst. Und nur damit wir uns richtig verstehen, mein Sohn: Auch wenn du apparieren kannst, wirst du Hogwarts nicht verlassen! Die Nachforschungen draußen überlässt du den Großen. Ist das klar?“

Die letzte Frage hatte Harry mit großem Nachdruck gestellt.

Albus schluckte. „Natürlich. Vollkommen klar.“

„Im Übrigen werdet ihr allerhand lernen müssen, was ihr im Unterricht noch nicht hattet und zum Teil auch nie durchnehmen werdet: Beschwörungszauber, Unsichtbarkeitszauber, Patronuszauber…“

„Die Unverzeihlichen auch?“, wollte Ares wissen.

Harry zögerte, dann sagte er: „Die Unverzeihlichen nicht. Folter- und Todesfluch kommen sowieso nicht in Frage, und der Imperius ist zwar manchmal ganz praktisch, aber auch er gehört zur Schwarzen Magie und schadet dem, der ihn anwendet, fast ebenso sehr wie dem, dem er gilt. Ihr werdet aber die Abwehr der Unverzeihlichen lernen.“

Er sah Ginny lächeln. „Was ist daran so lustig?“, fragte er.

„Es gibt also wieder DA-Stunden?“, fragte sie.

Nun grinste er auch. „Es gibt wieder DA-Stunden.“

„Dann möchte ich auch dabei sein, ich glaube, ich habe Einiges aufzufrischen.“

Harry wog den Kopf. „Wir stehen unter Zeitdruck und werden uns mindestens dreimal pro Woche abends hier treffen müssen. Ich möchte aber Lily nicht gerne alleinlassen. Nicht in dieser Situation. Ich möchte nicht eines Tages nach Hause kommen und…“ Er brach ab.

„Meine Eltern werden entzückt sein, sie dreimal die Woche bei sich zu haben“, meinte Ginny.

Hermine wird auch entzückt sein zu hören, dass wir dreimal die Woche einen Babysitter brauchen“, antwortete Harry trocken. „Sie wird sich fragen, wieso, und Susan beauftragen, es herauszufinden. Ohnehin könnte es sein, dass unser Haus beobachtet wird.“

Ginny schluckte. Es fiel ihr schwer, sich daran zu gewöhnen, dass Hermine jetzt ihre Gegnerin war.

„Du hast aber recht“, sagte Harry. „Du musst deine magischen Fähigkeiten auffrischen. Wir werden zu zweit zu Hause üben.“

„Wann treffen wir uns?“, wollte Julian wissen. „Ich muss die Quidditch-Trainingszeiten darauf abstimmen.“

„Geht montags, mittwochs und freitags jeweils um sieben Uhr abends in Ihrem Spezialraum?“

Alle nickten.

„Sie werden vorher zu Abend essen. Verlassen Sie die Große Halle nie alle zusammen, und vergewissern Sie sich, dass Ihnen niemand folgt. Gut. Dann habe ich jetzt noch etwas für dich, Albus“, wandte er sich seinem Sohn zu. Er zog die Karte des Rumtreibers aus seinem Umhang. „Die gehört jetzt dir. Ich fürchte, du wirst sie brauchen. Du weißt noch, wie sie funktioniert?“

„Klar“, sagte Albus. Er hatte oft genug mit der Karte gespielt.

„Und dann noch das hier.“ Er gab seinem Sohn den Tarnumhang.

Ein wenig ungläubig fragte Albus: „Aber Papa, brauchst du den nicht selbst?“

„Ich kann mir auch mit einem Unsichtbarkeitszauber behelfen. Ob du den jetzt schon lernen kannst, weiß ich nicht, deshalb nimm lieber den Umhang.“

Albus starrte ehrfürchtig auf die Karte und den Umhang. Er wusste, was seinem Vater diese Gegenstände bedeuteten. Sie waren Heiligtümer, denn sie verbanden ihn mit seinem Vater James. Und ihm, Albus, vertraute er sie an!

„Noch etwas“, sagte Harry. „Niemand darf wissen, dass du sie hast, weil ich niemandem erklären möchte, warum du sie hast.“

James soll es nicht wissen?“

„Vor allem soll Hermine es nicht wissen, und alles, was bei den Gryffindors landet, landet über kurz oder lang auch bei ihr. Deshalb darf niemand, ich wiederhole niemand, außerhalb dieses Kreises es wissen, auch nicht deine Freunde.“

„Geht klar“, sagte Albus. „Und wenn einer von den Großen hier den Umhang oder die Karte braucht, darf ich sie ihnen dann geben?“

„Die Entscheidung liegt dann bei dir. Ich habe kein Problem damit.“

Professor McGonagall war inzwischen an eine Vitrine getreten, entnahm ihr ein Fläschchen und reichte es nun Roy. „Das hier ist für Sie.“

„Was ist das?“, fragte Roy verdutzt.

Vielsaft“, antwortete McGonagall, als sei es eine Selbstverständlichkeit. „Sie wissen ja, dass Sie damit die Gestalt jedes anderen Menschen annehmen können. Ich verlasse mich darauf, dass Sie keinen Unsinn damit treiben. Ich werde noch einen ganzen Kessel brauen, aber das dauert ungefähr einen Monat.“

„Dann sind wir wohl für heute durch“, meinte Harry, nachdem niemand mehr etwas sagte. Sein Blick traf sich mit dem Ginnys.

„Wer hätte das für möglich gehalten“, sagte er zu ihr und lächelte traurig, „dass ich noch einmal gegen das Ministerium antreten muss? Und meine ganze Streitmacht besteht aus einem halben Dutzend Hogwarts-Schülern.“

Er seufzte. „Noch dazu Slytherins! … Nein, so war das nicht gemeint!“, rief er hastig, als er sich der entrüsteten Blicke der Unbestechlichen, einschließlich Albus, gewahr wurde. „Es ist einfach nur so ungewohnt, plötzlich mit lauter Slytherins in einem Boot zu sitzen!“

„Es bestätigt aber ein fundamentales Hogwarts-Gesetz“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm. Harry fuhr herum. Professor Dumbledore lächelte aus seinem Portrait gütig auf ihn herab.

„Welches Gesetz meinen Sie, Herr Professor?“

„Wie sehr wir uns auch gegen ihn sträuben mögen: Am Ende behält der Sprechende Hut immer Recht.“

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