16 – In der Aurorenabteilung

 

„Nehmen Sie Platz, Cesar“, sagte Harry zum Chef der Personenschutzgruppe, den er in sein Büro gebeten hatte. Cesar Anderson war ein Personenschützer wie aus dem Bilderbuch: Großgewachsen, athletisch, und obwohl das zunehmende Grau seines Stoppelhaars auf sein fortgeschrittenes Alter hinwies, waren seine Bewegungen immer noch geschmeidig wie die einer Katze. Wie Harry war er ein Gryffindor, aber zwölf Jahre älter als sein Chef, sodass sie sich in ihrer Schulzeit nie begegnet waren. Seinen verantwortungsvollen Posten verdankte er seiner Phantasie, mit der er nahezu jeden denkbaren Anschlag vorsorglich durchspielte, um niemals überrascht werden zu können, seiner analytischen Intelligenz und seinen sagenhaft schnellen Reflexen, die auch mit zunehmendem Alter nicht nachzulassen schienen.

Harry war erst gegen zehn Uhr im Ministerium erschienen, nachdem das Gespräch mit Ginny bis zum Morgengrauen gedauert hatte, und hatte sich eine Stunde lang in die Personenschutzrichtlinien vertieft.

„Ich bin unsere Standardverfahren noch einmal durchgegangen“, eröffnete er schnörkellos die Unterredung. „Was die Abwehr magischer Angriffe angeht, so habe ich Aurel gebeten, sie unter die Lupe zu nehmen. Er wird gleich zu uns stoßen. Sprechen wir zunächst über die Gefahren durch nichtmagische Angriffe. Mit ist nämlich Einiges unklar.“

„Und zwar?“, fragte Cesar.

„Hier steht, dass Sie sämtliche Sprengstoffe im Umkreis von 200 Metern um die Ministerin in Sand verwandeln“, sagte Harry. „Sind damit wirklich alle Sprengstoffe erfasst, einschließlich solcher, die auch bei den Muggeln geheim beziehungsweise nur Militär und Geheimdiensten bekannt sind?“

„Yep“, sagte Cesar, „wir haben die Liste erst vor einem Vierteljahr aktualisiert, die Kollegen vom MI-5 waren – ausgesprochen kooperativ.“

Er sagte es mit einem merkwürdigen Unterton. Harry blickte ihn misstrauisch an: „Womit haben wir uns für diese Freundlichkeit revanchiert?“

„Tut mir leid, Harry, das darf ich Ihnen ohne Hermines ausdrückliche Erlaubnis nicht sagen.“

Harry wirkte einen Moment lang verärgert, aber letztlich befolgte Cesar nur Hermines Anordnungen. Merkwürdige Anordnungen allerdings.

„Gut. Weiter: Außerdem legen Sie eine mitwandernde Schutzglocke von rund zehn Metern Radius rund um die Ministerin an. An dieser Glocke prallen nicht nur Flüche ab, sondern auch materielle Gegenstände, sofern sie sich mit einem Tempo von mehr als 100 Metern pro Sekunde bewegen.“

„Gegen Kugeln aus Schusswaffen, die aus mehr als 200 Meter Entfernung abgefeuert werden. Die Munition von Waffen im näheren Umkreis wird bereits durch den Sprengstoffzauber unwirksam gemacht.“

In diesem Moment klopfte es. Auf Harrys „Herein“ hin betrat Aurel Mercey das Büro des Abteilungsleiters.

Aurel, Leiter des Referats „Abwehr Schwarzer Magie“, unterschied sich von Cesar in nahezu jeder Hinsicht außer in Alter und Haarfarbe. Er war klein, dicklich und kurzsichtig. Sein Leben hatte er dem Studium der Schwarzen Magie gewidmet, die er doch selbst nie praktizierte. Er war ein wandelndes Lexikon, in dem alle bekannten Informationen über Schwarze Magie verzeichnet waren, aber ein Typ wie Snape, der mit seinen Experimenten tief in unbekannte Gefilde vorgedrungen war, war er nicht.

Harry bat ihn mit einer Geste, Platz zu nehmen. „Ich komme gleich zu Ihnen, Aurel. Was ist“, wandte er sich wieder an Cesar, „wenn jemand eine mechanische Distanzwaffe verwendet, eine Schleuder zum Beispiel, ein Blasrohr, eine Armbrust oder einen Bogen?“

„Hier könnte allerdings eine Lücke bestehen“, gab Cesar zu.

„Setzen Sie die Abwehrschwelle auf 10 Meter pro Sekunde herab“, ordnete Harry an, und Cesar notierte es sich. „Wird eine solche Waffe aber innerhalb des Radius von zehn Metern abgeschossen“, fuhr Harry fort, „dann wird das Geschoss nicht mehr aufgehalten, es sei denn, Sie werfen sich dazwischen und sterben den Heldentod“, sagte Harry lächelnd. „Sie werden daher in Zukunft eine zweite Schutzglocke mit einem Radius von einem Meter fünfzig anlegen. Nullpunkt ist das Herz der Ministerin.“ Wieder machte Cesar sich eine Notiz.

Harry fragte: „Was sagt das MI-5 eigentlich über die Abwehr von Angriffen mit radioaktiven Stoffen?“

„Das Mi-5“, antwortete Cesar, „war so freundlich, uns einen Geigerzähler zu leihen, mit dem wir Radioaktivitätsquellen in der Nähe der Ministerin ausfindig machen können.“

„Gift?“

„Die Ministerin trinkt jeden Morgen einen Cocktail, durch den sie jedes magische und nichtmagische Gift, einschließlich irgendwelcher manipulierender Zaubertränke, am Geschmack erkennen kann. Rechtzeitig, um sie wieder auszuspucken. Falls einer es ihr mit Gewalt zu verabreichen versucht, muss er erst einmal an uns vorbeikommen, aber auch dann haben wir immer noch einen Bezoar dabei.“

„Unwirksam gegen Schlangen-, Spinnen- und Insektengift“, meinte Harry.

„Zumindest was die Schlangen angeht, so tragen wir von Muggelforschern entwickelte Gegengifte mit uns. Wieder eine freundliche Gabe vom MI-5.“

„Sind Ihnen noch irgendwelche Sicherheitslücken aufgefallen?“, fragte Harry.

„Ich hätte Sie bereits behoben, wenn ich sie bemerkt hätte“, erwiderte Cesar. „Aber vielleicht hat Aurel ja noch etwas gefunden.“

„Danke für Ihre Geduld, Aurel“, sprach Harry jetzt seinen Spezialisten für Schwarze Magie an.

„Nicht doch, Harry“, wehrte Aurel ab.

„Sie haben den magischen Teil der Vorschriften abgeklopft?“,

„Ja. Die Schutzglocke wehrt fast jeden bekannten Zauber ab: Todesfluch, Cruciatus, Schockzauber, Erstarrungszauber, Bewegungszauber, Imperius…“

„Ich habe mich auf das Gespräch vorbereitet“, unterbrach ihn Harry sanft, „und die Vorschriften nochmals gelesen. Zählen Sie mir bitte nicht auf, was drinsteht, sondern was Ihrer Meinung nach fehlt.“

„Nun, das einzige, was fehlt, jedenfalls von den Zaubern, die direkt auf die Person zielen, ist der Anti-Imperius. Wenn er zweckentfremdet und auf eine nicht verfluchte Person gerichtet wird, ist eine Mordwaffe.“

„Gut“, sagte Harry, „dann wird der Anti-Imperius in die Liste der Zauber aufgenommen, die durch die Schutzglocke abgewehrt werden. Eines ist mir nicht ganz klar: Brauchen wir auch für die Fluchabwehr-Schutzglocke einen engeren Radius?“

„Das würde ich dringend empfehlen“, erwiderte Aurel. „Diese Flüche prallen ab, wenn sie von außen kommen, können aber innerhalb der Schutzglocke durchaus ausgeführt werden, wenigstens einige von ihnen.“

„Cesar…“ begann Harry.

„Schon notiert“, sagte dieser.

„Sehr gut“, meinte Harry befriedigt. „Bleibt die Frage nach der unbemerkten Annäherung unbefugter Personen. Ich lese, dass alle Arten von Unsichtbarkeitszaubern, Verwechslungszaubern und so weiter durch die Schutzglocke aufgehoben werden, das heißt jeder, der in die Schutzglocke eindringt, wird sichtbar beziehungsweise identifizierbar. Ich vermisse aber eine wirksame Abwehr gegen Personen, die durch Vielsaft oder als Animagi ihre Gestalt verändert haben. Außerdem sind Tarnumhänge nicht berücksichtigt.“

„Ich fürchte, dagegen gibt es keinen Schutz, jedenfalls keinen, der automatisch wirkt“, sagte Aurel. „Gewiss kann man sowohl Personen, die Vielsaft getrunken haben, als auch Animagi in ihre ursprüngliche Gestalt verwandeln, aber das muss man dann auch aktiv tun, indem man den Zauberstab auf sie richtet und die entsprechende Formel anwendet. In die Schutzglocke einarbeiten können wir diese Zauber aber nicht.“

„Was Vielsaft betrifft“, meldete sich nun Cesar zu Wort, „so testen wir Auroren uns vor jedem Einsatz gegenseitig, um sicher zu sein, dass wenigstens wir sauber sind. Im Übrigen müssen wir ohnehin jeden, der sich Hermine nähert, als verdächtig betrachten, mit oder ohne Vielsaft. Animagi? Nun, wir können als Standardverfahren in die Vorschriften aufnehmen, dass jedes Tier getestet wird, das in die Nähe der Ministerin kommt. So viele sind’s ja nicht. Und was Tarnumhänge betrifft: Seit sie nicht mehr hergestellt werden, werden alte Tarnumhänge nicht mehr ersetzt, und da sie nicht geflickt werden können, sind die wenigen verbliebenen allesamt arg ramponiert und taugen nur noch bedingt. Es gibt nur einen einzigen makellosen und alterungsfreien Tarnumhang in England, und den haben Sie.“

„Soweit wir wissen“, korrigierte ihn Harry. Er würde Roy nochmal fragen müssen, wie der Calorate-Zauber genau funktionierte. Absurd! dachte er. Der Chef der Auroren muss einen als Staatsgefährder verdächtigen Hogwarts-Schüler fragen, wie er seine Ministerin schützen kann, weil der einen Zauber beherrscht, von dem die Abteilung noch nie gehört hat.

„Gut. Cesar, sie legen mir noch heute Nachmittag den Entwurf der geänderten Personenschutzrichtlinie vor. Das wäre dann für heute alles zum Thema Personenschutz. Für den Rest der Unterredung brauche ich Aurel allein, vielen Dank, Cesar.“

Der Chef der Personenschutzgruppe verließ das Büro.

„Darf ich fragen, warum Sie sich so für den Personenschutz interessieren, Harry? Ist Hermine in Gefahr?“, fragte Aurel.

„Konkrete Erkenntnisse habe ich nicht“, erwiderte Harry, „aber Hermines Politik ist in Teilen der Öffentlichkeit hochkontrovers. Die jüngsten Ereignisse in Hogwarts könnten der Auftakt zu einer drastischen Verschärfung der innenpolitischen Lage sein. Abstrakt ist Hermine jetzt gefährdeter als noch vor ein paar Tagen. Daher wollte ich auf Nummer sicher gehen.“

„Ich verstehe.“

„Ein Aspekt ist noch unberücksichtigt. Was wäre, wenn ein Schwarzmagier einen Personenschutz-Auror unter seine Kontrolle bringen würde?“

Es war eine Tarngeschichte. Er wollte Mercey nicht darüber aufklären, dass er nicht etwa in seinen Auroren, sondern in Hermine selbst das mögliche Opfer eines solchen Angriffs sah.

„Das Mittel hierzu wäre klassischerweise der Imperiusfluch. Zu dessen Abwehr sind aber doch alle Auroren speziell ausgebildet, oder nicht?“

„Natürlich“, bestätigte Harry. „Und sie sind auch dazu ausgebildet, entsprechende Anzeichen an Anderen wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Der Imperius ist ein alter Hut. Ich wollte wissen, welche Mittel es noch gibt.“

„Dann ist da noch das Eindringen eines nichtkörperlichen Wesens, das den Willen und das Bewusstsein der betreffenden Person ausschaltet. Die Person tut dann Dinge, an die sie sich später nicht mehr erinnern kann.“

„Ja, meine Frau war als Kind einmal davon betroffen.“

„Ein solches Eindringen setzt aber eine intensive, längere physische und psychische Nähe zwischen dem Angreifer und dem Opfer und das Vertrauen des Opfers voraus. Einem Auror dürfte es eigentlich nicht passieren.“

„Gut. Was noch?“

„Eng damit verwandt ist das Eindringen über Blickkontakt. Bisher wurde es nur zum Ausspionieren der Gedanken des Betreffenden benutzt.“

„Aber theoretisch wäre es möglich…“

„…dass der Angreifer sich so festsetzt, dass er nicht nur Gedächtnisinhalte auslesen, sondern die Person auch steuern kann. Allerdings ist bisher kein derartiger Fall bekannt. Im Übrigen sind Auroren in Okklumentik ausgebildet. Ich glaube nicht, dass man sie auf diese Weise knacken kann. Außerdem kann nur ein nichtkörperliches Wesen eine Person dauerhaft kontrollieren. Menschen können eindringen, aber nie lange im Geist eines anderen bleiben.“

„Wenn die Auroren merken, dass ein anderer sie kontrollieren will“, sagte Harry, „können sie immer etwas dagegen unternehmen. Besteht die Möglichkeit, dass ein Schwarzmagier mit oder ohne Körper die Kontrolle über eine fremde Person übernimmt, ohne dass sie es merkt, also so, dass sie den Willen des Anderen für ihren eigenen hält?“

„Das halte ich für ausgeschlossen. Beim Imperius tut der Betreffende, was von ihm verlangt wird, weil sein Wille ausgeschaltet ist, aber er weiß, dass er den Willen eines Anderen ausführt. Es ist ihm nur egal. Auch bei Eindringzaubern der genannten Arten weiß er es oder merkt es spätestens im Nachhinein an seinen Gedächtnislücken. Das Wort ‚ausgeschlossen‘ ist in diesem Zusammenhang natürlich ein relativer Begriff. Ihnen muss klar sein, Harry, dass wir nur die Zauber kennen, die schon einmal angewendet wurden. Wir sind gewissermaßen darauf angewiesen, dass etwas passiert, bevor wir für die Zukunft etwas dagegen unternehmen können.“

„Gegen einen bisher unbekannten Zauber sind wir also…“ Harry sah Aurel fragend an.

„Machtlos.“

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