11 -Der Brief

 

AlbusEule war sehr schnell, aber sein Brief wurde auch sehr lang und war daher erst gegen Mittag fertig. Ob er noch rechtzeitig im Ministerium ankommen würde, war fraglich, daher beschloss er, ihn nach Hause zu schicken. Ihm kam es vor allem darauf an, die Lügen über MacAllister auszuräumen, den er in den Briefen an seine Eltern schon mehrfach seinen Freund genannt hatte. Was würden sie denken, wenn sie jetzt lasen, was der Tagesprophet über ihn schrieb? Sie mussten ja geradezu glauben, er sei in schlechte Gesellschaft geraten. Sie würden sich Sorgen machen. Einen langen Absatz widmete er auch dem Verhalten der anderen Häuser, vor allem der Gryffindors. Er tat sein Bestes, die Hasswelle zu beschreiben, die er empfunden hatte:

… und das Ganze ging von den Gryffindors aus, ich habe es genau gesehen! Die Hufflepuffs und Ravenclaws haben sich nur mitziehen lassen. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, es war plötzlich so, als ob sie überhaupt keine Menschen mehr wären, lauter Monstren, oder ein riesiges Monstrum. Unsere Mädchen aus der ersten Klasse haben vor Angst geweint, aber das war ihnen egal, sie haben immer weiter Todesser, Todesser geschrien, bis Professor McGonagall sie zum Schweigen gebracht hat. Ich glaube, noch fünf Minuten länger, und sie hätten uns umgebracht. Wir Slytherins passen jetzt gut aufeinander auf, und keiner geht mehr allein durchs Haus, nur noch in Gruppen mit Großen dabei. Da wird uns schon nichts passieren, aber Spaß macht es nicht. Und das nur wegen diesem Lügenpropheten! Dieser Prantice faselt von einem Krieg, und hier in Hogwarts hat er schon begonnen.

Egal was der Tagesprophet über Slytherin schreibt, glaubt ihm kein Wort! Für Slytherin lege meine Hand ins Feuer, und ganz besonders für Roy MacAllister! Ehrlich gesagt glaube ich aber, dass Tante Hermine damit einverstanden ist, dass die Zeitung so lügt und hetzt. Ich habe sogar den Verdacht, dass sie die Gryffindors aufgehetzt hat, jedenfalls hat sie sie gestern noch in ihrem Gemeinschaftsraum besucht. Es ist, als ob sie besessen wäre. Ich habe sie erlebt, sie ist nicht mehr so wie früher, und ich habe gehört, dass sie zu Mr. Higrave etwas ganz Schlimmes gesagt hat. Sie hat gesagt, Roy und seine Freunde seien eine „Pest“, die man „ausrotten“ müsse. Ich weiß, sie ist in Wirklichkeit nicht so, wie sie redet, aber ich habe Angst vor ihr. Papa, du bist doch der oberste Auror, kann es vielleicht sein, dass Tante Hermine unter einem Fluch oder einem Zauber steht? Bitte, bitte, nimm das ernst, ich rede nicht einfach so daher. Sie ist eure beste Freundin und meine auch. Kümmert euch bitte um sie!

Ich schreibe euch so bald wie möglich wieder.

Alles Liebe

Euer Albus

P.S.: Bernie Wildfellow ist jetzt ein Slytherin.

 

Es war gut, dass Albus seine eigene Eule hatte und nicht auf Eulen der Schule zurückgreifen musste, denn er kam als einer der letzten in der Eulerei an, in der nur noch einige Privateulen von Schülern auf ihren Stangen saßen. Die meisten waren ausgeflogen, weil die vielen Briefe der Slytherins praktisch gleichzeitig verschickt worden waren. Einige Schuleulen waren noch da, aber sie wirkten etwas altersschwach. Albus streichelte wie immer zuerst ausgiebig seine Athena, befestigte dann die dicke Pergamentrolle an ihren Fängen und beschwor sie:

„Flieg nach Hause, so schnell du kannst!“

Sie nickte, als ob sie es verstanden hätte, breitete die Schwingen aus und flog davon.

 

Wahrscheinlich hätte Albus weniger drastisch geschrieben, wenn ihm bewusst gewesen wäre, wie sein Brief auf seine Mutter wirken musste. Als Harry gegen halb sieben Uhr endlich zu Hause aus dem Kamin stieg und eine völlig aufgelöste Ginny – für sie ungewöhnlich – ihm hemmungslos weinend um den Hals fiel, wusste er sofort, dass ein Brief von Albus angekommen sein musste, denn am späten Nachmittag hatten schon einige seiner Ministeriumskollegen, die Kinder in Slytherin hatten, Eulen von ihnen bekommen. Draco war mit versteinerter Miene in Harrys Büro gekommen und hatte schweigend Scorpius‚ Brief auf seinen Schreibtisch gelegt. Scorpius hatte relativ knapp und nüchtern geschrieben, aber man konnte sehen, dass seine Hand beim Schreiben gezittert hatte. Draco und Harry würden wohl nie beste Freunde werden, aber hier kam ein besorgter Vater zum anderen, und beide hatten lange, ernst und leise miteinander gesprochen.

So war er schon auf einiges vorbereitet, als Ginny ihm zitternd Albus‚ Brief übergab, aber als er ihn las, wurde er zusehends bleicher. Dieser Brief war wesentlich ausführlicher und erschütternder als der von Scorpius. Als Harry fertig war, legte er ihn auf den Tisch, und beide starrten ihn an, er fassungslos und sprachlos, sie immer wieder schluchzend.

„Was macht Hermine da?“, fragte Ginny schließlich, und es gelang ihr nur mühsam, ihre Fassung wiederzufinden. „Neulich am Bahnhof sagte sie noch zu Ron, er solle die Kinder nicht gegeneinander aufhetzen, und nun macht sie es selber? Und dann gleich so, dass mein Sohn um sein Leben fürchten muss? Sie hetzt Kinder in einen Krieg gegeneinander!“

„Ich glaube nicht, dass sie es war, es war der Tagesprophet.“

Ginny fand langsam wieder zu ihrem normalen Wesen zurück und sah ihren Mann spöttisch an.

„Sag mal, mein Liebster, wie naiv darf man als Auror eigentlich sein? Ich weiß doch, wie es dort zugeht!“ Sie schrieb gelegentlich Sportberichte für den Tagespropheten und kannte die ganze Redaktion. „Northwood druckt nichts, was Hermine nicht billigt. Was in diesem Blatt steht, kannst du getrost als offizielle Stellungnahme des Ministeriums werten.“

Harry wusste, dass sie recht hatte.

Hermine findet mich auch sehr naiv“, sagte er. „Sie hat mich heute Morgen in ihr Büro zitiert und mir vorgeworfen, ich würde nicht genug gegen Todesser unternehmen. Als ich dann sagte, ich wüsste nichts von Todessern, und wenn es sie gäbe, müssten sie erst gegen Gesetze verstoßen, bevor die Auroren sich um sie kümmern könnten, hat sie mich zur Schnecke gemacht. Stell dir vor, einmal hat sie mich sogar ‚Potter‘ genannt. Sie hat mir Albus‚ Freundschaft mit diesem MacAllister hingerieben, als Beweis dafür, wie naiv ich sei.“

„Glaubst du… Glaubst du, es könnte etwas dran sein an dem, was Albus schreibt – dass sie unter einem Fluch stehen könnte?“

„Dafür habe ich keine konkreten Anhaltspunkte“, meinte er – und wollte sich auf die Zunge beißen.

„Anhaltspunkte!“, schrie Ginny. „Kannst du den Auror nicht einmal jetzt in deinem Büro lassen? Ich frage nicht nach deinen verdammten Anhaltspunkten, sondern nach deinem Gefühl!“

Harry schluckte.

„Nun ja, Albus hat schon recht, sie hat sich in letzter Zeit wirklich verändert. Sicher, sie war schockiert, wie stark der Widerstand der Slytherins gegen sie immer noch ist. Andererseits… ich kann das natürlich nur dir und ganz im Vertrauen sagen: Seit sie Ministerin ist, wird sie immer herrschsüchtiger, arroganter, intoleranter, paranoider und skrupelloser. Ob es wirklich ein Fluch im eigentlichen Sinne ist oder einfach nur der Fluch der Macht, wie er schon manchen Politiker getroffen hat – denk an Fudge – weiß ich nicht. Ganz ausschließen würde ich einen echten Fluch oder sonstigen Zauber allerdings auch nicht…“

Er zögerte. „Manchmal ist sie immer noch ganz die alte, aber die Situationen häufen sich, wo ich sie kaum wiedererkenne. Albus hat ein sehr feines Gespür, ich finde, er hat sowieso für sein Alter eine gute Menschenkenntnis. Sein Verstand reift schnell, ohne dass er die feinen Antennen verloren hätte, mit denen Kinder Schwingungen aufnehmen. Deswegen neige ich auch dazu, ihm zu vertrauen, wenn er für MacAllister, wie er schreibt, ‚die Hand ins Feuer legt‘. Hermine hält ihn für einen Todesser, der nur zu raffiniert ist, sich in die Karten sehen zu lassen, und der unseren Albus vereinnahmen will.“

„Einen Todesser?“, fragte Ginny entsetzt.

„Ich glaube, sie hält Jeden für einen Todesser, der ihre Ansichten nicht teilt.“

Ginny dachte nach. „Ein wenig merkwürdig ist diese Freundschaft aber schon, findest du nicht?“

„Doch, und deshalb werde ich in Hogwarts nach dem Rechten sehen. Mit Hermine bin ich nämlich so verblieben: Solange niemand gesetzwidrige Handlungen begeht, sind mir als Auror die Hände gebunden, daher werde ich mir erst einmal inoffiziell und sozusagen privat ein Bild von der Lage in Hogwarts machen. Ich reise noch heute Abend inkognito dorthin.“

„Inkognito?“, fragte Ginny entgeistert. „Du bist bekannt wie ein bunter Hund!“

„Wozu bin ich der stolze Besitzer eines Tarnumhangs?“, grinste Harry.

Ginny sah ihn halb nachsichtig, halb boshaft an: „Na klar, und wenn wir schon einmal dort sind, gehen wir unserem alten Hobby nach, nachts unter dem Tarnumhang in Hogwarts herumzugeistern, stimmt’s?“ Harrys Grinsen wurde breiter. „Kannst du nicht in Würde alt werden, du Kindskopf?“

Doch sie musste lachen.

Harry zog die Karte des Rumtreibers aus seinem Umhang, die er immer noch ständig mit sich führte, obwohl er sie in den letzten neunzehn Jahren nie wirklich gebraucht hatte, und warf einen schnellen, gezielten Blick darauf. „McGonagall ist noch in ihrem Büro. Mit ihr muss ich unbedingt sprechen.“

„Wie willst du reisen? Durch den Kamin direkt in ihr Büro?“

„So ein Überfall wäre nicht gerade höflich, außerdem müsste ich erst einmal die Schutzzauber aufheben. Als Aurorenchef darf ich das zwar, aber ich bin ja privat unterwegs. Nein, ich werde vor dem Schlossgelände apparieren und dann unter dem Umhang zu Fuß ins Schloss gehen. Zuerst rede ich mit James, bevor er zu Bett geht, dann gehe ich zu ihr. Wie ich sie kenne, wird sie noch mindestens bis zehn im Büro sein. Warte nicht auf mich, es kann spät werden.“

„Willst du nicht vorher etwas essen?“, fragte Ginny ihn besorgt.

„Danke, aber der Tag hat mich ziemlich mitgenommen. Ich würde jetzt wirklich nichts runterkriegen.“

Er steckte die Karte des Rumtreibers wieder ein und küsste seine Frau, die ihn kaum loslassen wollte.

„Liebling“, sagte er zärtlich, „es wird alles gut werden.“

Ginny nickte, als Harry bereits unter seinem Tarnumhang verschwand. Ein „Plopp“ verriet ihr, dass er disappariert war.

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